Unbesiegbar: „Avengers: Infinity War“ wirft riesige Schatten

Thanos kommt. Der übermächtige Despot aus dem All nähert sich nach blutigen Schlachten und grausamen Massakern auf anderen Welten der Erde. Bedrohlich, gnadenlos und unaufhaltsam. Das Ziel des wahnsinnigen Titanen (Josh Brolin) ist der Besitz der so genannten Infinity-Steine, die nahezu unbegrenzte Macht verleihen. Mit ihrer Hilfe will er die Bevölkerung der gesamten Galaxis um die Hälfte reduzieren – was natürlich ungezählte Tode zur Folge hätte. Die Avengers und ihre Freunde stellen sich ihm in den Weg, sind jedoch nicht in der allerbesten Verfassung: Nach den Ereignissen in „Civil War“ ist das Team gespalten, persönliche Krisen und interne Fehden zehren an den Helden. Und so ziehen Tony Stark alias Iron Man (Robert Downey jr.), Steve Rogers (Chris Evans), der einstige Captain America, der heimatlose Thor (Chris Hemsworth), aber auch Doctor Strange (Benedict Cumberbatch), Spider-Man (Tom Holland), Black Panther (Chadwick Boseman) und die Guardians Of The Galaxy in mehreren Gruppen in die Schlacht, die ihre letzte sein könnte.

Wow. Ich bin selten sprachlos, aber dieser Film hat das geschafft. Die schiere Wucht der Bilder, die Intensität der zahllosen Actionszenen, aber auch die unterschiedlichen Emotionen und die konsequent umgesetzte Geschichte haben mich in den Kinosessel gedrückt – mehr als zwei Stunden lang. Ein ganzes Jahrzehnt hat Marvel an seinem filmhistorisch einmaligen Mammutprojekt gearbeitet, hat das Marvel Cinematic Universe (MCU) langsam und Schritt für Schritt ausgebaut, um endlich alles in diesem Monster von einem Monumentalfilm zu einem gigantischen Epos zusammenzuführen. Und das ist nur der erste von zwei Teilen!

Aber der Reihe nach (und wie immer ohne Spoiler): Man kann nicht oft genug betonen, dass dies ein Marathon ist, kein Sprint. Anders als sämtliche Konkurrenten, die deshalb gnadenlos gescheitert sind, haben die Produzenten der Marvel Studios um Kevin Feige sich Zeit gelassen. Legenden entstehen nicht über Nacht. Und nun, zehn Jahre nach dem ersten „Iron Man“-Film, können sie auf ein buntes Portfolio etablierter Charaktere zurückgreifen. Die Geschichte, die sich in „Avengers: Infinity War“ zu einem Höhepunkt aufbäumt, begann damit, dass Nick Fury (Samuel L. Jackson) damals Tony Stark wissen ließ, dass dieser nicht der einzige Superheld sei: „Ich bin hier, um mit Ihnen über die Avengers-Initiative zu reden.“ In der Folge haben die Fans hundertfach mit ihren Helden gefiebert und gelacht und gelitten. Wir haben die tragische Geschichte um Bruce Banner und sein verhasstes Alter Ego erlebt. Wir waren dabei, als aus einer bunt zusammengewürfelten Truppe so etwas wie eine Familie wurde. Wir wurden Zeuge davon, wie der schüchterne Peter Parker sich in einen Helden verwandelt hat. Und wir mussten mitansehen, wie die Freundschaft von Steve und Tony zerbrach.

Kurz: Die Erwartungshaltung war nicht eben niedrig. Doch Feige und seine Leute wissen, was die weltweite Anhängerschaft erwartet – und versprochen, Freunde, ihr werdet nicht enttäuscht! Zum ersten Mal treffen sämtliche Protagonisten des hauseigenen Marvel-Universums aufeinander. (Mit Ausnahmen: Mit einem Auftritt der Fernseh-Figuren wie den „Agents Of S.H.I.E.L.D.“ oder den „Defenders“ hatte niemand gerechnet, aber auch zwei Kino-Charaktere werden vorläufig nicht gezeigt.) Das kracht erwartungsgemäß ordentlich und sehenswert, es beweist aber auch, dass es eben nicht genügt, ein paar Muskelmänner und Models in bunte Kostüme zu stecken. Hier spielen preisgekrönte Schauspieler mit oder zumindest solche, die an der Rolle ihres Lebens gewachsen sind. Zwischen atemloser Spannung und knackiger Action ist nämlich auch Zeit für Ruhepausen, in denen große Gefühle beschworen werden – und das funktioniert einwandfrei.

Wer wirklich jede Feinheit mitbekommen, jede Anspielung verstehen und jede Szene in ihrer Bedeutung erfassen will, sollte tatsächlich sämtliche 18 Vorgängerfilme gesehen (und in die TV-Serien zumindest mal reingeschaut) haben. Natürlich hat auch der durchschnittliche Kinogänger seinen Spaß an den Schauwerten und der packenden Handlung. Aber Marvel dreht sein Konstrukt konsequent weiter, dessen sollte man sich bewusst sein.

Natürlich ist das alles episch und beeindruckend, klar haben alle unsere Lieblinge ihre eigenen, ganz besonderen Momente, und fast selbstverständlich bricht „Infinity War“ sämtliche Rekorde, was Bewertungen und Einspielergebnisse angeht. Es gibt jedoch auch Gründe dafür, dass manche Szenen vom Kinopublikum mit Schweigen quittiert werden. Dieser Titan von einem Film ist unbesiegbar, und er wirft riesige Schatten voraus – von etwas, das sich jetzt noch nicht erfassen lässt. Das mit dem Begriff Twist zu beschreiben, wird der Sache fast nicht gerecht.

Der Blockbuster des Jahres. Der bislang wichtigste Film des MCU. Ein Meisterwerk. Und eine Folter für alle, die nun ein Jahr auf die Fortsetzung warten müssen. Excelsior!

Knalliger Abgang und starke Fortsetzung: Die lebenden Toten finden zur alten Form zurück

Aufruhr in Atlanta: Während um sie herum die untote Apokalypse tobt, haben sich die Überlebenden um Rick (Andrew Lincoln) nach langem Leiden und einigen gewalttätigen Auseinandersetzungen zusammengerauft, um den so genannten „Saviors“, aber vor allem deren Anführer Negan (Jeffrey Dean Morgan) in einer letzten Schlacht die Stirn zu bieten. Und so stehen sie zusammen, der verbitterte Ex-Sheriff, die Frau mit dem Schwert, der selbsternannte König, die zornige Witwe und all die anderen Gebeutelten, um sich der Übermacht der gewalttätigen Verbrecher zu stellen. Als der Kampf beginnt, wird schnell klar: Nichts ist, wie es scheint. Und auch Feiglinge können zu Helden werden.

Na also! Endlich findet „The Walking Dead“ zu alter Stärke zurück! Auf den letzten Metern beweisen die Produzenten, dass sie noch immer in der Lage sind, eine der besten Serien der Gegenwart am Laufen zu halten. Das Finale der achten Staffel hat Action, Spannung, aber vor allem Emotionen und jede Menge Überraschungen zu bieten. Hier gibt’s wie immer keine Spoiler, aber soviel sei verraten: „Wrath“ („Zorn“) macht Hoffnung für Staffel 9. Und hat mal wieder die Fans zum Leben erweckt, wobei einigen vor allem die vorletzte Szene so schwer im Magen liegt, dass der Titel der Folge eine weitere Bedeutung bekommt.

Wer während der quälend langen Geschichte um den Kampf gegen den verhassten und nahezu unbezwingbaren Negan vergessen hat, was einst so begeisternd an TWD war, wird hiermit daran erinnert. Das Ende der Welt hat eine Zukunft. Bleibt zu hoffen, dass die schlaffen Zuschauerzahlen dieser keinen Strich durch die Rechnung machen.

Zumal die Ablegerserie – ohnehin seit mindestens anderthalb Staffeln sehr originell und großartig – den Faden aufnimmt und das Serienuniversum sehenswert vergrößert. Der Trick ist dabei simpel: Morgan (Lennie James) marschiert einfach als einsamer Wanderer Richtung Mexiko und landet so mitten im Geschehen von „Fear The Walking Dead“. Dort trifft er auf neue Verbündete, was ihm gar nicht in den Kram passt. Denn der störrische Stockkämpfer wird noch immer von Visionen geplagt und hat daher der Gemeinschaft den Rücken gekehrt, um Ruhe zu finden. Sofern das unter lebenden Toten und in ständiger Gefahr für Leib und Leben überhaupt möglich ist.

Das Besondere an der ersten Folge der vierten Staffel, die Amazon Prime bereits zur Verfügung stellt: Niemand der FTWD-Darsteller ist zu sehen, keine der etablierten Figuren spielt mit. Erstaunlicherweise ist das eigentlich eine TWD-Folge, also ein fließender Übergang, der sich vermutlich erst mit Episode 2 tatsächlich abzeichnen wird. Und (wieder keine Spoiler) sie lässt sich am besten mit einer Anlehnung an Stephen King beschreiben: Der Mann in Schwarz floh durch die Wüste, und der Revolvermann folgte ihm. Glaubt es oder nicht – wenn ihr sie gesehen habt, werdet ihr das verstehen.

Die eine Serie zeigt sich in alter Form, die andere  bleibt gewohnt packend – so machen die Abenteuer in der Welt der wandelnden Leichen wieder Spaß. Blutigen Spaß, das ist klar.

„Ready Player One“: Perfekte Unterhaltung statt Game Over

Im Jahr 2045 sieht die Welt so aus, wie wir uns die nahe Zukunft heute vorstellen – also kaputt und trist. „Die anhaltende Energiekrise. Der katastrophale Klimawandel. Hungersnöte, Armut und Krankheit. Ein halbes Dutzend Kriege. Sie wissen schon: ‚Vierzig Jahre Dunkelheit, Erdbeben, Vulkanausbrüche. Die Toten erheben sich. Menschenopfer. Hunde und Katzen leben miteinander. Massenhysterie!'“ So beschreibt Autor Ernest Cline den Zustand der Erde in seinem Roman „Ready Player One“, und der gleichnamige Film deutet das zumindest an. Denn Hauptcharakter Wade (Tye Sheridan) lebt mit seiner Tante und deren wechselnden Liebhabern in einer im Wortsinn zusammengeschweißten Slum-Baracke in Ohio. So etwas wie Privatsphäre gibt es für die zusammengepferchten Bewohner des Unterschicht-Viertels nicht. Ihr Leben besteht aus Müll, Rost und Pizza per Drohne. Und aus der „Oasis“. Dabei handelt es sich um ein umfangreiches Multiplayer-Online-Game, eine virtuelle Realität, die jedem Spieler die Möglichkeit gibt, der tristen Realität zu entfliehen und zu sein, wer er sein will.

Wades Alter Ego ist der elfenartige Draufgänger Parzival, der mit seinem Sidekick, dem hünenhaften Mechaniker Aech, knallbunte Abenteuer auf fernen Planeten und bei einem rasanten Autorennen erlebt. Wie jedes Spiel hat auch die „Oasis“ ein Ziel: Ihr Schöpfer, der autistische Programmierer James Donovan Halliday (Mark Rylance), hat vor seinem Ableben die Aufgabe hinterlassen, drei versteckte Schlüssel – klassische Easter Eggs – zu finden, die die Kontrolle über die komplette Digitalwelt ermöglichen. Für Wade/Parzival und seine Kontrahenten ist diese Suche nach dem Heiligen Gral mehr als nur ein Spiel. Denn die Erlebnisse in der „Oasis“ haben durchaus Auswirkungen auf das echte Leben der Protagonisten: Eine virtuelle Währung, die tatsächliches Geld kostet beziehungsweise bringt, und immer perfektere werdende Virtual-Reality-Anzüge sorgen dafür. Während die meisten Spieler also auf der Jagd nach einer Fluchtmöglichkeit aus ihrem Dasein sind, spielt der sinistre Großkonzern Amaz…, äh: IOI mit gezinkten Karten. Dessen Chef Nolan Sorrento (Ben Mendelsohn) ist in der „Oasis“ nur unwesentlich finsterer als im wahren Leben und setzt alles daran, die Macht über das Erbe seines einstigen Bosses zu erlangen. Notfalls mit Gewalt, wie Wade schon bald zu spüren bekommt.

Als er eine „Oasis“-Spielerin mit dem Avatar-Namen Art3mis kennen lernt, ist es rasch vorbei mit seinem vergleichsweise ruhigen Leben im Container. Sie nimmt Parzival und somit dessen 18-jährigen Spieler selbst mit in die Schlacht zwischen Gut und Böse – die nicht nur virtuell ausgetragen wird, sondern Einfluss auf das gesamte Leben auf der Erde hat. Und so fliegen schon bald die Fetzen – als Computergrafik, aber auch in Columbus/Ohio.

Endlich! Steven Spielberg hat nach einer Reihe sicherlich guter und wichtiger, aber für die frühen Fans seines Schaffens zu ernster Filme zurückgefunden zu dem, was ihn in den 80ern zu einem der größten Regisseure der Traumfabrik machte. „Ready Player One“ atmet zu jeder Sekunde das, was Spielbergs Schaffen damals ausmachte: Abenteuer, Spannung, Action und Unterhaltung – und zwar (soviel vorab) für die ganze Familie. Dies ist ein Film für Zwölfjährige und solche Erwachsene, die sich nach der großäugigen Naivität zurücksehnen, mit der sie seinerzeit staunend im Kinosessel saßen. Wer erinnert sich noch daran, als er zum ersten Mal „Zurück in die Zukunft“ gesehen hat? So fühlt sich der neueste Streich des Meisters an – und das ist verdammt gut so.

Natürlich ist die Story vergleichsweise schlicht. Es gibt eine klare Einteilung in die gierigen Bösen mit ihrer Kaltschnäuzigkeit und unnachgiebigen Kontrollsucht einerseits und die charmanten, stets loyalen und mutigen Guten andererseits. Es ist die klassische Geschichte vom scheinbar unbesiegbaren Feind, dem eine bunt zusammengewürfelte Gruppe ihre Freundschaft und ihre Abenteuerlust entgegensetzt. Ebenso natürlich ist Clines Geschichte, die hier verfilmt wurde, nicht gerade übermäßig originell: „Tron“ trifft „Matrix“, dazu ein Hauch „Avatar“, ein Spritzer „Surrogates“ und eine Prise „The Last Starfighter“. Aber was hat Spielberg daraus gemacht! Selten, möglicherweise noch nie gab es in einem Film derart viel zu entdecken. In jeder Ecke wimmelt es vor Gastauftritten, Anspielungen und Details, die das Nerd-Herz höher schlagen lassen. Hier gibt es wie immer keine Spoiler, aber um das zu verdeutlichen zwei Beispiele: An erwähntem Autorennen nehmen unter anderem das Batmobil der 60er, der Van des A-Teams und Stephen Kings „Christine“ teil. Die Fahrer bekommen es auf der abenteuerlichen Rennstrecke mit dem T-Rex aus „Jurassic Park“ und King Kong zu tun. Und die zu erwartende große Schlacht zwischen Gut und Böse stellt später sogar vergleichbare Szenen in Mittelerde oder Narnia in den Schatten. Wer erkennt alle Teilnehmer auf beiden Seiten?

„Ready Player One“ liefert einfach perfekte, grandiose Unterhaltung in ganz großem Stil. Die 140 Minuten vergehen wie im Flug, es gibt kaum Zeit zum Luftholen, schon gar nicht für Langeweile. Und in Sachen Spezialeffekte stockt dem Zuschauer ebenfalls manches Mal der Atem – wobei die Produzenten das große Glück haben, ja ein Computerspiel darzustellen. Soll heißen: Die Figuren in der „Oasis“ müssen nicht perfekt sein wie etwa in den neuen Filmen vom „Planeten der Affen“, sondern lediglich den aktuellen, bereits relativ realistisch aussehenden Computer- und Videospielen etwas entgegensetzen. Und das tun sie mehr als souverän.

Ihr wollt mal wieder einen netten Abend im Kino verbringen? Ein paar Stunden der Realität entfliehen? Und ihr seid keine Fans von Marvel oder Star Wars? Dann ist das hier euer Blockbuster des Jahres. Aber denkt dran: „Der Vorteil der Realität ist, dass sie real ist“ (James Halliday)…

„The Orville“ hebt ab: Macht nicht mehr draus, als es ist!

Captain Ed Mercer (Seth MacFarlane) hat viel um die Ohren: Nicht genug, dass ihn seine erste Mission als Captain des Raumschiffs „Orville“ vollauf beschäftigt, kommt ihm auch noch sein Erster Offizier Kelly Grayson (Adrianne Palicki) in die Quere. Die Gute hat Haare auf den Zähnen und ist seine Ex-Frau. Im Vergleich zur Dauerdiskussion mit ihr kommt Ed die Zusammenarbeit mit seiner restlichen Crew fast entspannt vor. Dabei besteht diese aus ebenfalls durchaus verspannten Egozentrikern – unter ihnen die resolute Schiffsärztin Dr. Claire Finn (Penny Johnson Jerald), der notorisch grimmige Zweite Offizier Bortus (Peter Marton), ein Kling… äh: Moclaner, die unerfahrene Vulk… äh: Xelayanerin Alara Kitan (Halston Sage) und der kühle Androi… äh: Kaylon Isaac (Mark Jackson), seines Zeichens Wissenschaftsoffizier und auf Forschungsmission unter seinen biologischen Kameraden.

Viel war in den vergangenen Monaten zu lesen über MacFarlanes aktuelles Projekt. Der Mann, der mit der Trickserie „Family Guy“ oder Filmen wie „Ted“ nicht nur der Unterhaltungsindustrie, sondern der Gesellschaft vor allem in den Vereinigten Staaten den Spiegel vorhält, hatte sich vorgenommen, seiner Begeisterung für Star Trek nachzugehen. „The Orville“, das Ergebnis seiner Arbeit, sei sehr gelungen, hieß es von jenen, die die Serie bereits verfolgt hatten. Sie sei sogar besser als „Star Trek: Discovery“, also das offizielle neue Produkt des Franchise. Dabei balanciere es gekonnt zwischen Parodie und durchaus ernstzunehmender Hommage an das Original, namentlich der ersten Serie und „The Next Generation“. Sogar zwei Fronten kristallierten sich heraus: Wem die Abenteuer der „Discovery“ nicht klassisch genug erschienen, der hielt nun eisern zur Crew der „Orville“.

Wie so oft, wenn etwas mit viel Getöse diskutiert und all zu frenetisch gefeiert wird, ist eigentlich alles halb so wild. „The Orville“ – inzwischen auf ProSieben zu sehen – ist eine nett gemachte, überraschend kostengünstig produzierte Parodie auf TOS und TNG. Nicht weniger, aber auch mit gutem Willen auf keinen Fall mehr. Oder anders: Wer angesichts des einen oder anderen kreativen Plots tatsächlich glaubt, hier auch nur einen Hauch von ernsthafter SF-Serie wahrzunehmen, hält mit Sicherheit auch „Family Guy“ für harmlosen Zeichentrick aus dem Kinderprogramm.

Das Problem: So richtig lustig ist „The Orville“ leider nicht. Gemessen am Zynismus von MacFarlanes sonstigen Projekten kommen die Dialoge relativ harmlos daher. Und bedenkt man den Enthusiasmus und den Sinn für Perfektion, die er für gewöhnlich an den Tag legt, sieht das Ergebnis zudem wenig beeindruckend aus. Es mag allerdings Absicht sein, dass die Optik von „The Orville“ an bessere Fan-Filme erinnert. Die beiden zugrunde liegenden Serien waren technisch auch nicht direkt ihrer Zeit voraus. (Nicht vergessen: Visuell konnte Star Trek immer eher im Kino punkten.)

Bleibt unterm Strich eine vergleichsweise harmlos-humorvolle Parodie, die dem Anspruch, den ein allzu frenetisches Publikum ihr andichtet, gar nicht gerecht werden kann. Und dies sympathischerweise auch zu keinem Zeitpunkt versucht. Der Kaiser ist nackig, Freunde – er hat aber auch nichts anderes behauptet.

Hoffentlich hört er morgen damit auf: „Pastewka“ will zuviel

Bastian Pastewka (Bastian Pastewka) ist unzufrieden. Seine Rolle als Klischee-Schwuler in „Frier“, der Erfolgsserie seiner Kollegin Annette Frier (Annette Frier), ist für ihn eine einzige Qual. Sein Halbbruder Hagen (Matthias Matschke) und Erzfeindin Svenja Bruck (Bettina Lamprecht) heiraten und erwarten Nachwuchs. Und nur Nichte Kim (Cristina do Rego) hält zu ihm. Also schmeißt er die Brocken hin. Nach einem Streit mit seiner Freundin Anne (Sonsee Neu) verlässt er sie, zieht in das Wohnmobil, das ihm während der Dreharbeiten zur Verfügung gestellt wurde, und fortan mit selbigem durch die Lande. Wobei er streng genommen lediglich bis zu einem Parkplatz kommt. Basti in der Midlife-Crisis. Da helfen nur die Klassiker: sich nackig machen, wann immer es geht, und eine Affäre mit einer attraktiven Supermarktkassiererin (Pegah Ferydoni).

Ich bin war Fan. Von Pastewka, aber vor allem von „Pastewka“. Hier spielt der Mann tatsächlich die Rolle seines Lebens, das hat Schwung und Seele, ist voller Anspielungen und Metaebenen, extrem clever und vor allem saulustig. Ich habe vermutlich keine deutsche Fernsehserie so häufig gesehen, ich kann ganze Folgen mitsprechen, ich konnte das lange angekündigte Comeback kaum erwarten. Zumal die Produzenten bei Amazon Video sicher mehr Möglichkeiten haben als bei Sat.1. Herrlich.

Selten wurde ich so enttäuscht.

„Ich will langfristig von der Comedy weg“, sagt Pastewka in „Das Fitness-Studio“, der sechsten Folge der zweiten Staffel. Dass das nicht nur für sein Alter Ego gilt, sondern tatsächlich auch im realen Leben, war dem Schaffen des Komikers durchaus anzumerken. Nicht zuletzt der Mehrteiler „Morgen hör ich auf“ war keine Comedy, sondern pures Drama, und sogar sehr sehenswert, wenngleich etwas zerfasert. Der Mann kann was. Natürlich tut er das.

Ein kurzer Hinweis auf Facebook ließ mich ein wenig stutzig werden: Staffel 8 der nach ihm benannten Serie werde keine Sitcom, kündigte Pastewka an. Trotzdem blieb ich optimistisch: Die werden schon nichts ändern, das derart gut läuft und von so vielen Zuschauern sehnsüchtig erwartet wird. Außerdem lebt „Pastewka“, die Serie, nicht nur von Pastewka, dem genialen Komiker, sondern durchaus auch von Wiederholung, von running gags, von wiederkehrenden Elementen. Da weiß man, was man hat: der rote Saab. „Natürlich!“ Die saufende Regine. „Sooo!“ Bratkartoffeln für Papa Volker (Dietrich Hollinderbäumer). „Du Dödel!“

Das ist vorbei.

Ähnlich wie Episode 8 für „Star Wars“ stellt Staffel 8 für „Pastewka“ eine Zäsur dar, einen Weg, Altes abzuschütteln und Neues zu versuchen. Mit einem Unterschied: „Die letzten Jedi“ ist großartig. #Pastewka8 (so der Hashtag auf Twitter) ist leider grottenschlecht.

Aber der Reihe nach: Sämtliche Charaktere benehmen sich komplett anders als in den ersten sieben Staffeln. Entweder wirken sie wie Karikaturen der früheren Figuren – wie beispielsweise Annette und Michael Kessler, die nur noch böse und gemein sind und an Bond-Finsterlinge erinnern. Oder sie sind völlig out of character – wie etwa Kim, die in einer Neufassung der Burger-Szene aus der allerersten Folge „Der Unfall“ zu Bastians einziger Verbündeter mutiert. Außerdem werden Elemente derart unbeholfen aus dem Hut gezaubert, dass man die Drehbuchautoren gerne zum Praktikum bei Axel Stein (Episode 7, Staffel 2) schicken würde. Ein Beispiel dafür: Hagen hat heimlich Sperma eingelagert, was Svenjas Schwangerschaft ermöglicht. Sowas lässt man sich vielleicht bei GZSZ gefallen…

Allen voran Bastian benimmt sich derart untypisch, dass es wirkt, als hätten wir es mit einer zufälligen Namensgleichheit zu tun. Statt das Missverständnis mit Anne aufzuklären, trennt er sich und macht sich auf in eine Art Abenteuer. Er flirtet gekonnt mit einer Kassiererin und schläft mit ihr in seinem früheren Kinderzimmer. Er durchbricht mit einem geklauten Wohnmobil einen Metallzaun. Kurz: Wer sind diese Leute? Warum heißen sie wie die Figuren aus „Pastewka“ und werden von den gleichen Darstellern gespielt?

Die Handlung ist zudem kein bisschen lustig, sondern im Gegenteil eher brutal auf Drama angelegt. Wenn Bastian sich nicht gerade auszieht, lebt er stumpf in den Tag, verwahrlost zusehends, hat Begegnungen mit ähnlich gescheiterten Existenzen. Auch sein viel zu später Versuch, Anne zurückzugewinnen, hat nichts von der linkisch-sympathischen Verzweiflung in vergleichbaren Situationen (Episode 5, Staffel 4 oder Episode 10, Staffel 5). Bonjour, Tristesse!

Allem ist anzumerken, dass vor und hinter der Kamera durchaus große Ambitionen umgesetzt werden sollten. Allein: Das ist gescheitert. Weil es einfach nicht funktioniert. Das hier ist nicht mehr mein „Pastewka“, es ist nicht mehr der Pastewka. Und das ist verdammt schade.

So bleibt nur die Hoffnung, dass Basti in Staffel 9 aus der Dusche kommt (auf Nacktszenen steht er ja inzwischen) und alles nur ein Traum war. Oder dass Staffel 8 im Spiegeluniversum spielt wie „Star Trek: Discovery“. Oder dass es sich um die Fortsetzung von „Die Ohrfeige“ (Episode 8, Staffel 7) handelt und einfach ein gescheitertes Experiment ist.

Nachtrag: Wie geht der nette und lustige Herr Pastewka eigentlich mit Kritik um? Etwa so:

 

„This“ is it: „The X-Files“ schlägt neue, alte Seiten auf

Was tun FBI-Agenten eigentlich in ihrer Freizeit, wenn sie sich erholen wollen von der Jagd nach Aliens und der Lösung geheimnisvoller Rätsel? Klar – sie sitzen schlafend auf dem Sofa. Scully (Gillian Anderson) und Mulder (David Duchovny) machen also nichts anderes als ihre Fans vor der Glotze. Bis ihnen plötzlich die Kugeln um die Ohren fliegen und beide beweisen müssen, dass sie notfalls auch Gewalt anwenden können. Denn ein alter Freund braucht ihre Hilfe. Ein Freund, der bereits seit 16 Jahren tot ist.

Manchmal muss man einfach damit leben, dass die Dinge sind, wie sie sind. Wunschhof, Ponykonzert – nicht immer ist das Leben, wie man es gerne hätte. Das gilt auch für so etwas Banales, für so etwas unheimlich Wichtiges wie eine Fernsehserie, die einen mal eben durch das halbe Leben begleitet hat. Hier hat Kirsten aufgeschrieben, wie sie die erste Folge der elften Staffel von „The X-Files“ fand, und dem ist nichts hinzuzufügen.

Also ergab ich mich in mein Schicksal und in das meiner beiden Helden. Ihr Schöpfer Chris Carter hatte sie zu einem langsamen und unwürdigen Sterben verurteilt. Die zweite Season nach dem Comeback wird vermutlich die letzte sein, definitiv aber die letzte mit Anderson. Wer Mulder und Scully ein glückliches Ende gewünscht hatte (und wer hatte das nicht), hat nur noch wenige Episoden bis zur finalen Enttäuschung. Und plötzlich kommt Regisseur Glen Morgan und rettet den Tag. Besser: die dunkle Nacht.

Mehr Action gab es in „Akte X“ eigentlich nie. Da fliegen auch schon mal die Fäuste: Mulder, Fox Mulder, zeigt, dass nicht nur britische Agenten über Leichen gehen. Und auch wenn mancher Meilenstein dieser Schnitzeljagd nicht besonders subtil sein mag: Immerhin morst hier kein Gehirn um Hilfe. Stattdessen taucht einer der beliebtesten Nebencharaktere wieder auf. Zumindest fast. Oder teilweise. Oder ganz anders. Inszenierung und Setting erinnern an eine weitere Kultfigur aus dem Königreich, nämlich Doctor Who: Es gibt eine absurde Idee, die konsequent umgesetzt wird und deswegen zu packen weiß. Und mittendrin in dieser gewalttätigen Verschwörung um „neue“ Techniken stecken die beiden Protagonisten, die vermutlich am liebsten noch ihre Stabtaschenlampen (und ihre Schulterpolster) aus der guten alten Zeit hätten. Ihr Gegenspieler diesmal: ein Doppelgänger von Bob aus „Twin Peaks“…

Was nicht so gut gelungen ist: Skinner (Mitch Pileggi) bleibt out of character, nachdem er doch spätestens in der Comeback-Staffel zum klaren Unterstützer seiner Agenten geworden war. Warum er nun wieder die Rolle des lediglich widerwillig unterstützenden Bremsklotzes übernimmt, war mir schon in „My Struggle III“ nicht ganz klar. Vermutlich kommt Pileggi – anders als Anderson und Duchovny – nicht besonders souverän gegen Carters wirre Dialoge und Drehbücher an. Das weht bis in die zweite Folge herüber.

Was natürlich super gelungen ist: Mulder und Scully, vor allem ihre Darsteller, bleiben das Genre-Traumpaar schlechthin. Die können gar nicht anders als großartig. Da fliegen die Funken. Da kracht es, wo es krachen muss. Und da klickt ineinander, was zusammengehört.

Es fliegen also Kugeln, Fäuste und Funken – und das ist soviel mehr, als Carter mit dem Staffelauftakt hinbekommen hat. „This“ hat Herz und Hirn, erinnert an früher und schafft neue Spannung, macht verdammt viel richtig. Ihr habt vergessen, warum ihr die X-Akten liebt? Die zweite Folge der elften Staffel wird euch dran erinnern.

2017 – so war’s / 2018 – so wird’s

Rück-Sicht

2017 liegt in den letzten Zügen – es ist die beschauliche Zeit des Jahres, in der man einen Blick zurück wagt. Und einen nach vorn. Ähnlich wie sein Vorgänger war das ablaufende Jahr nicht besonders aufregend, was Film und Fernsehen angeht. Fast könnte man nörgeln: solide. Aber gehen wir ruhig mal ins Detail (die ausführlichen Rezensionen sind wie immer verlinkt)…

Ich habe diesmal relativ viele vorgebliche „Pflichtfilme“ ganz bewusst ausgelassen. Dazu gehörte selbstverständlich „Wonder Woman“, weil mir DC spätestens mit „Suicide Squad“ endgültig den Spaß an seinen hilflosen Versuchen, ein neues Kino-Universum zu etablieren, ausgetrieben hatte. Angeblich habe ich dadurch wirklich was verpasst. Aber mein wohlmeinender Besuch von „Justice League“ ließ mich daran zweifeln. Endgültiges Aus für die Unterhosen-Fraktion aus dem Hause „Detective Comics“ von meiner Seite (und wohl auch von offizieller).

Marvel-Fan fürs Leben – und stolz darauf: Vor allem „Logan“ machte mir das dieses Jahr sehr einfach. Der letzte Film mit Hugh Jackman in der Titelrolle zeigt Wolverine endlich als das, was er in den Comics seit Jahrzehnten ist: ein Einzelgänger, ein Antiheld und doch der letzte Aufrechte, wenn es hart auf hart kommt. „Deadpool“ sei Dank gehen Superheldenfilme eben auch mit etwas mehr Blut und Eingeweiden. Hoffen wir, dass sich daran nicht allzu viel ändert, wenn Marvel (alias Disney) von Fox übernimmt.

Denn das war auf den letzten Metern meine persönliche Nerd-Nachricht des Jahres: Dank dieser Übernahme werden die X-Men und die Fantastic Four endlich Teil des Marvel Cinematic Universe. Ohnehin MCU: „Guardians Of The Galaxy Vol. 2“ machte mich glücklich, „Spider-Man: Homecoming“ zumindest zufrieden, und dank „Thor: Tag der Entscheidung“ zog Ironie in die Welt der kaputten Helden ein. Alle drehten sie das Rad des größten Film-Projekts der Geschichte souverän weiter. Wer bin ich, mich darüber zu beklagen?

Grundsätzlich blieb Hollywood auch im vergehenden Jahr seinem Hang zu Fortsetzungen und Reboots treu. So erfuhr der Alien-Mythos nach dem vergurkten „Prometheus“ (2012) dank „Alien: Covenant“ einen erfreulichen Schubs zurück in Richtung Horrorfilm. „Kingsman: The Golden Circle“ setzte gut gelaunt dort an, wo der erste Teil wuchtige Spuren hinterlassen hatte. Und „Planet der Affen: Survival“ schloss (vorläufig) eine der besten Trilogien der vergangenen Kinojahre ab. Cleverer geht Science Fiction kaum.

Das wurde dem Zuschauer auch schmerzlich bewusst, wenn er sich „Valerian – Die Stadt der tausend Planeten“ ansah. Die titelgebende Weltraum-Metropole ist zwar unterhaltsam in Szene gesetzt, wegen der mediokren Hauptdarsteller und der eher flachen Story wurde aus dem angekündigten Meisterwerk allerdings eher Mittelmaß.

Als kleiner, aber sehr feiner SF-Film hingegen erwies sich „Passengers“. Sollte man gesehen haben, wenn man sich hinterher die Köpfe heiß diskutieren möchte. Denn dazu ist die Story bestens geeignet (und das ist ein Lob).

Zwei weitere Versuche, eine eigenes Film-Universum à la MCU auf den Weg zu bringen, endeten unterschiedlich. Während „Kong: Skull Island“ nach der relativ schwachbrüstigen „Godzilla“-Neuauflage von 2014 durchaus mit Action und Schauwerten zu punkten wusste, wurde der Neuaufguss von „Die Mumie“ auch und gerade wegen Tom Cruise zum Rohrkrepierer. Das Ergebnis lautet 1:0 für die Riesenmonster – aus der Reihe um die klassischen Universal-Ungeheuer wird vorerst nichts.

Die größte Fortsetzung des Jahres war selbstredend „Star Wars: Die letzten Jedi“ – wenngleich Teil zwo der dritten Trilogie die Fans spaltet. Mich ließ er nach anfänglicher Skepsis schlicht begeistert zurück, andere jedoch können mit der Neuausrichtung der Saga nichts anfangen. Mutig ist der Film allemal – und damit eigenständig in einer Flut von Streifen, die eher auf Nummer sicher gehen.

Zwei Kinofilme habe ich mir erst später über die einschlägigen Streaming-Dienste angeguckt: „John Wick: Kapitel 2“ ist gekonnte Arthouse-Action wie das erste Kapitel, „Life“ längst nicht so schlecht, wie er mitunter gemacht wird – stellt euch vor, „Das Ding aus einer anderen Welt“ trifft auf „Das Kondom des Grauens“…

Damit (mit den Streaming-Diensten, nicht mit dem Kondom) sind wir auch schon beim Fernsehen – das für mich nach wie vor nicht mehr linear stattfindet. Gefühlt habe ich die Hälfte des Jahres vor der Glotze verbracht und dabei ausgetestet, wo die Grenzen von Amazon Video und Netflix liegen. Was einige überraschen wird: Man erreicht sie erstaunlich schnell. Letztlich besteht das (Standard-)Angebot beider Dienstleister aus lange bekannten Filmen und den erfolgreichsten Serien. Soll heißen: Cineasten entdecken kaum Neues, wer jedoch gerne in Archiven wühlt, wird unter Umständen belohnt.

Übrigens gelingt es mir gedanklich kaum noch, die beiden Anbieter meiner Wahl zu unterscheiden. Anders als im Fall klassischer Fernsehsender ist dies für mich einfach „das“ neue Fernsehen. Mit kleinen Einschränkungen: Hin und wieder klicke ich mich durch die Mediatheken der Saurier, ich habe zwei günstige Zusatzkanäle bei Amazon gebucht, und die populären Eigenproduktionen habe ich auch (buchstäblich) auf dem Schirm.

In Sachen Bekanntheitsgrad vorne mit dabei: „You Are Wanted“. Wie erwartet hielt der Mehrteiler dem Hype nicht stand – Stangenware statt Ereignis. Auch zwei schrägere Serien enttäuschten mich, die eine mehr, die andere weniger: „American Gods“ habe ich nach wenigen Folgen aufgegeben – zu plump, pompös und langweilig kam die Geschichte daher. Die freudig erwartete Fortsetzung von „Preacher“ hingegen wollte ich so gut finden wie die erste Staffel. Das gelang mir leider nur teilweise: Es ist schlicht unverständlich, warum etwas, das so sehr für ein Road Movie prädestiniert ist, derart in Stagnation erstickt wird. Da wäre mehr drin.

Auch mit „Orange Is The New Black“ haderte ich, unter anderem wegen der ungewohnten Erzählart der aktuellen Staffel. Kirsten konnte das nicht recht glauben und hatte ihrerseits Probleme mit dem vieldiskutierten Drama „Tote Mädchen lügen nicht“ (auch mit dessen deutschem Titel) sowie den wandernden Toten. Und in der Tat: Staffel 7 von „The Walking Dead“ darf getrost als Tiefpunkt der Zombie-Serie angesehen werden, die sich allerdings mit der aktuellen Season 8 souverän erholt. Eventuell sollten die Macher hinter den Kulissen mal ein Praktikum bei den Verantwortlichen der Tochterserie machen: „Fear The Walking Dead“ nahm nämlich ordentlich Fahrt auf und bot einige der besten Folgen des gesamten Franchise.

Als quicklebendig erwies sich „Sherlock“, von allen geliebt, von mir jedoch mittlerweile leicht skeptisch beäugt. Doch das (derzeitige) Finale der Reihe erwies sich als komplexe und kluge Abenteuergeschichte voller raffinierter Wendungen und verschaffte den „Baker Street Boys“ den erhofften großen Abgang. Ebenfalls ein Liebling der Massen: die Retro-Mystery „Stranger Things“, die in der zweiten Staffel eisenhart die Geschichte der erfolgreichen ersten aufwärmte. Großartige Unterhaltung, klar – aber beim dritten Mal darf es gerne wieder etwas origineller werden.

Durchaus originell kommt „Star Trek: Discovery“ daher, mit dem nach zu vielen Jahren eine der erfolgreichsten Science-Fiction-Geschichten aller Zeiten auf den Bildschirm zurückkehrte. Unser Vier-Augen-Test fiel begeistert aus, bei näherem Hingucken tauchten jedoch erste Fragen auf – und davon viele. Trotzdem: Dranbleiben lohnt sich. Das wird schon.

Regelmäßige Leser und alle, die diesen Beitrag von Anfang an verfolgt haben, kennen meine unsterbliche Liebe zum MCU. Und tatsächlich hatte ich weder über „Iron Fist“ noch über „The Punisher“ viel zu meckern. Dass „The Defenders“ mich gleichfalls großteils begeisterten, überrascht da niemanden mehr.

Zwei kleine Geheimtipps: Im Film „David Brent: Life On The Road“ erzählt der große Ricky Gervais die Lebensgeschichte seiner titelgebenden Figur nach dem Ende der Serie „The Office“ (dem Original zu „Stromberg“) weiter. Aus dem Schreibtischtäter ist ein erfolgloser Vertreter geworden, der verzweifelt versucht, seinen Traum von einem Leben als Rockstar zu verwirklichen. Das Ganze ist saukomisch, tieftraurig und bricht sämtliche Rekorde im Fremdschämen.

Ähnliches gilt für „Wet Hot American Summer“, einen Film, der nicht ganz leicht zu beschreiben ist. Also: In dieser Parodie der amerikanischen Teenage-Klamotten der späten 70er und frühen 80er aus dem Jahr 2001 stellen erfolgreiche Schauspieler und Komiker wie Amy Poehler und Paul Rudd die kaum volljährigen Bewohner eines Feriencamps dar. Das Prequel „Wet Hot American Summer: First Day Of Camp“ wurde 14 Jahre später gedreht und behandelt als Serie (!) den ersten Tag (!) der Sommerferien. Und der im Folgejahr veröffentlichte Achtteiler „Wet Hot American Summer: Ten Years Later“ spielt – ganz genau – zehn Jahre später, also in den 90ern. Wer jetzt noch mitkommt, sollte sich das unbedingt anschauen – absurder und unterhaltsamer geht’s eigentlich nicht.

Vor-Sicht

Nachdem wir uns bei der Rückschau durch mein wirres Kleinhirn gearbeitet haben, gehen wir den Blick in die Zukunft mal etwas strukturierter an. Was bringt das neue Jahr?

Januar: Na endlich! Als alter Pastewka- und „Pastewka“-Fan halte ich es kaum noch aus bis zum 26. Januar. Dann nämlich hat Amazon Video alle zehn Folgen der brandneuen achten Staffel im Programm. Gut so, denn die Staffeln 1 bis 7 kann ich längst mitsprechen. (Wahre Fans haben nämlich das Mitspracherecht. ‚tschuldigung.) Ebenfalls mit Spannung erwartet (und das natürlich auch von Kirsten): die neuen Folgen von „The X-Files“. Hoffen wir, dass Chris Carter die Schwächen der vergangenen Season ausbügelt – bereits ab 3. Januar wissen wir mehr.

Februar: Ab ins Kino – das MCU wird am 15. Februar mit „Black Panther“ fortgesetzt. Da Hollywood nach wie vor erschreckend rassistisch ist, sind Thema und Cast eine durchaus mutige Wahl. Ich freu mich drauf und erwarte wie immer Großes. Nachdem man „Hellboy“ aus Guillermo del Toros verzweifelten Fingern gewunden hat, macht dieser einfach quasi seinen eigenen Ape-Sapien-Film: Der Trailer von „Shape Of Water“ sieht beeindruckend aus, die Story klingt interessant, der 15. Februar wird also noch einmal unterstrichen.

März: Am 15. März kehrt Lara Croft auf die Leinwand zurück. Nach den beiden relativ schwachen Verfilmungen mit Angelina Jolie erscheint alles, was man bislang vom neuen „Tomb Raider“ sehen konnte, ungleich besser. Am 29. März startet Steven Spielbergs „Ready Player One“, zu dem wir mal den Trailer sprechen lassen:

April: Die Geschichten um Marvels Mutanten sind ja seit jeher komplett verworren und unsortiert, was ihre Verfilmungen angeht. Ab 12. April läuft nun „X-Men: The New Mutants“, der drei Probleme mit sich bringt: Das Franchise dürfte nach der Übernahme durch Disney in den letzten Zügen liegen, kaum jemand außer uns Comic-Nerds kennt die Titelhelden, und das Ganze soll ungewöhnlicherweise ein Gruselfilm werden. Hatte ich eigentlich mal meine Begeisterung für das MCU erwähnt? Keine Frage, dass ich am 26. April im Kino sitze, wenn endlich „Avengers: Infinity War“ zu sehen ist, der erste große Höhepunkt der Saga! (Und ziemlich sicher der erfolgreichste Film des Jahres 2018.)

Mai: Da kann nicht mal „Solo: A Star Wars Story“ mithalten, der zweite „kleine“ Sternenkriegsfilm nach „Rogue One“. Am 24. Mai ist Starttermin für Han, Lando und den „Falken“. Nette Dreingabe: die Videospiel-Verfilmung „Rampage“ ab 10. Mai. Riesenaffe! Riesenechse! Riesenwolf! The Rock!

Juni: Apropos Videospiel: „Jurassic World: Das gefallene Königreich“ hat einen Trailer, der sehr an „Dinorun“ erinnert. Trotzdem werden wieder viele ab dem 21. Juni in die Lichtspielhäuser pilgern, um sich den mittlerweile fünften Teil der Saurierreihe anzugucken.

Juli: Am 5. Juli geht es schon weiter mit dem MCU, wenn „Ant-Man And The Wasp“ die Geschichte um Ameisenmann Scott Lang fortsetzt.

November: „X-Men: Dark Phoenix“, der zweite Film um Marvels Mutantentruppe in diesem Jahr, läuft am 1. November an und dürfte das Ende dieser Interpretation einläuten. Schade, aber schön.

Die Rückkehr der Gänsehaut: Warum „Die letzten Jedi“ die Rettung für „Star Wars“ ist

Die Erste Ordnung hat die Galaxis übernommen. Dem Widerstand ist es nicht gelungen, die Nachfolger des Imperiums aufzuhalten. Im All herrschen Unterdrückung und Dekadenz – es sind düstere Zeiten, Kriegszeiten, Zeiten der Verzweiflung. Auch auf Seiten der einstigen Allianz, die sich wieder in die Rolle der Rebellen gedrängt sieht. Die abenteuerlustige Waise Rey (Daisy Ridley) hat auf der Suche nach ihrer Bestimmung den letzten Jedi-Meister Luke Skywalker (Mark Hamill) aufgesucht, in der Hoffnung, Antworten auf die Frage nach ihrer Herkunft zu finden und den verbitterten Veteranen dazu zu bewegen, sich dem Widerstand unter der Führung seiner Schwester Leia (Carrie Fisher) anzuschließen. Der einstige Stormtrooper Finn (John Boyega) macht sich unterdessen – getrieben von seiner Sorge um Rey – auf einen Alleingang, wobei er auf die tapfere Mechanikerin Rose (Kelly Marie Tran) trifft. Und Pilotenass Poe (Oscar Isaac) stellt fest, dass es im Kampf gegen den übermächtigen Gegner nicht immer gut ist, auf seinen Hitzkopf zu hören. Alle drei Helden gehen ihren Weg, zunächst getrennt, später vereint – um zu erkennen, dass nicht alles so klar ist, wie sie hofften. Dass die Grenzen zwischen der dunklen und der hellen Seite der Macht verschwimmen. Und bis jeder endgültig versteht, wer auf wessen Seite ist, will manch bittere Lektion gelernt sein.

Willkommen zurück in der fernen Sternenwelt, in der vor langer Zeit ein ewiger Krieg den Weltraum erschütterte. Nachdem J.J. Abrams vor zwei Jahren erfolgreich alte und neue Anhänger vereint hat, indem er der Sternensaga ein Kapitel hinzufügte, das mehr als einmal an frühere Geschichten erinnerte, waren Fans in aller Welt durchaus angespannt. Wie würde die Story weitergehen? Wie lauten die Antworten auf die drängenden Fragen, mit denen uns die Cliffhanger von „Das Erwachen der Macht“ zurückließen? Und wird es Star Wars schaffen, uns noch einmal zu überraschen, oder verkommt das Epos gar zur wohligen Familienunterhaltung?

Ganz ehrlich: Ich war skeptisch, sehr skeptisch sogar. Nichts, aber auch wirklich gar nichts, was über die Handlung von Episode 8 bekannt wurde, war dazu angetan, mich zu begeistern. Nach dem letzten Trailer vor dem Kinostart hatte ich sogar die Sorge, eventuell enttäuscht zu werden. Das sah doch verdächtig nach „Das Imperium schlägt zurück“ aus. Wo blieb die Spannung zum Drama, das Abenteuer zum Bombast? Ich glaubte, zu wissen, was mich erwartet – und das wirkte langweilig.

Doch in Wahrheit wusste ich gar nichts.

Selten hat ein Trailer das potenzielle Publikum so sehr auf die falsche Fährte geführt. Noch nie hat es ein etabliertes Franchise geschafft, seine Anhänger derart zu überraschen. Und niemals zuvor wurde eine über mehrere Filme ausgedehnte Geschichte so konsequent weitergedreht, hat sich gleichzeitig auf links gezogen und erneuert, um sich dann doch selbst treu zu bleiben. Dieser Film hat mich daran erinnert, warum ich seit meinem vierten Lebensjahr Star-Wars-Fan bin. Und weshalb ich das immer bleiben werde.

Es ist schlicht nicht möglich, diese kryptisch skizzierte Euphorie in Worte zu fassen, ohne zuviel über die Handlung zu verraten. Deshalb nur soviel: Regisseur und Drehbuchautor Rian Johnson („Looper“) nimmt sich sämtliche Versatzstücke und Klischees der Saga vor, sogar den Hype, den sie im realen Leben verursacht, um sie entweder ironisch zu brechen oder mit lautem Krachen in ihre Bestandteile zu zerlegen. Weil er dabei die klassischen Definitionen von Gut und Böse deutlich in Frage stellt, modernisiert er den Sternenkrieg, ohne ihm dabei seinen Charme oder seine Atmosphäre zu nehmen. Der Mann ist selbst Fan – das merkt man jeder Minute dieses Meisterwerks an. (Und es sind einige Minuten. 152, um genau zu sein. Aber es sind epische, sehenswerte Minuten.) Was wir sehen, holt uns ab, um uns dann an Orte zu bringen, an denen wir noch nicht gewesen sind. Wir können die Verwirrung der drei (eigentlich vier) neuen Helden nachvollziehen, wir verstehen auch die Beweggründe für das Handeln ihrer alten Wegbereiter, selbst die Antagonisten bekommen neuen Schwung. Vor allem das letzte Drittel von „Die letzten Jedi“ ist ein Festival der Twists. Und alle funktionieren sie, passen perfekt zusammen, ergeben am Ende ein großes Ganzes. Wer bei der letzten Szene keine Gänsehaut bekommt, ist vermutlich klinisch tot.

Jeder der Protagonisten hat seinen heroischen Moment, seine ganz besondere Situation, die er auf jene Weise durchlebt, für die wir ihn lieben. Mein Favorit ist Finn, der „Fehler im System“, der unfreiwillige Held zwischen den Fronten. Er hat einen der besten Dialoge des gesamten Franchises. Fisher (in ihrer letzten Rolle) und Hamill sind die perfekten gealterten, vernarbten, weisen Schlachtrösser. Beide strahlen diese ganz besondere Würde aus, die das Produkt auch harter Zeiten ist, die überstanden werden mussten.

Schlachten zwischen den Planeten, Duelle mit dem Lichtschwert, bizarre Kreaturen, die Musik von John Williams… keine Sorge, das ist alles da. Aber dazu gibt es noch so viel mehr. Dies ist ein beeindruckendes Gesamtkunstwerk. Der beste Film des Jahres. Und (mir ist bewusst, was ich damit sage): „Die letzten Jedi“ ist der beste Star-Wars-Film seit „Eine neue Hoffnung“ (der für mich immer „Krieg der Sterne“ heißen wird).

Weil er mit Erwartungen bricht, wo der (historisch) erste Film der Reihe noch keine voraussetzte. Weil er seine Zuschauer in ein Abenteuer zieht, das der erste Film erfunden hat. Weil er sich der Tradition des ersten Films voll bewusst ist. Weil er Star Wars buchstäblich lebt und atmet und damit rettet, und weil das mehr ist, als wir erwarten durften.

Und weil das hier im Grunde noch immer eine Geschichte um Freundschaft und Zusammenhalt ist, in der das Böse übermächtig ist, aber das Gute niemals aufgibt.

Nach dem Regen: Die „Justice League“ reißt’s nicht raus

Superman (Henry Cavill) ist tot. Der Mann, der nach der Zerstörung einer halben Großstadt mit ungezählten Opfern zum Idol für die Welt wurde. Der Held, den alle verehrten, nachdem man ihm aus diffusen Gründen eine Schießerei in Afrika vorgeworfen hatte. Am meisten trauert natürlich Batman (Ben Affleck), schließlich hatte er versucht, den Mann aus Stahl zu töten, war aber in dessen letzten Lebensminuten dessen bester Freund geworden, weil ihre Mütter den gleichen Vornamen hatten. Auf der Heimatinsel von Wonder Woman (Gal Gadot) taucht derweil der Computerspiel-Level-Endgegner Steppenwolf (vermutlich Hesse- oder Maffay-Fan, auf jeden Fall aber born to be wild) auf und sucht drei MacGuffins, die aussehen wie der Tesserakt aus dem ersten „Avengers“-Film. Die Amazonen versuchen, einen davon zu retten, scheitern aber trotz aller Mühe. Kein Wunder: Im Rückblick sehen wir, dass der mittelmäßig animierte Grafikbösewicht vor einiger Zeit ein ganzes Heer aus Amazonen, Atlantern, Green Lanterns und Göttern (die sicher nicht grundlos aussehen wie Shazam) niedergemacht hat. Das ist allerdings tausend Jahre her.

Etwa genau so lange brütet der Fledermausmann über einem überschaubar cleveren Plan, den er nun endlich in die Tat umsetzt. Nachdem er und Prinzessin Diana in „Batman V Superman“ streng geheime Daten über andere übernatürlich begabte Zeitgenossen gestohlen haben und er sich zur Sicherheit das Ganze in „Suicide Squad“ nochmal in gedruckter Form besorgt hat, sammeln sie nun endlich ihre drei künftigen Heldenkollegen ein. Arthur Curry – „der“ Aquaman (Jason Momoa) – und Victor Stone (Ray Fisher), ein Cyborg, haben allerdings zunächst kein großes Interesse an einer Zusammenarbeit. Der leicht autistische Barry Allen (Ezra Miller), der sich mit Lichtgeschwindigkeit bewegen kann, ist begeistert, betont jedoch ständig seine Zweifel am Gelingen der Mission.

Natürlich raufen sich alle fünf Verbrecherjäger letztlich zusammen, erkennen aber, dass Steppenwolf ungeachtet seines debilen Namens und seines albernen Aussehens ein unbesiegbarer Gegner für sie ist. Also basteln sie irgendwas aus einem der MacGuffins, dem kryptonischen Raumschiff und einem Blitz, den Barry beim Start erzeugt, und erwecken – milder Spoiler – Superman zu neuem Leben. Unser strahlender Champion setzt nahtlos an, wo er aufgehört hat, und schrottet erstmal ein Polizeiauto, ehe er seine neuen Freunde vermöbelt. Erst sein trauerndes Liebchen Lois Lane (Amy Adams) schafft es, den verwirrten Alienkrieger zu beruhigen: Sie nennt ihn in Gegenwart eines Cops bei seinem irdischen Vornamen und küsst ihn. Goodbye, Geheimidentität! Welcome, finale Schlacht gegen die finsteren Heerscharen!

Ihr merkt es: Ich kann „Justice League“ nicht ernst nehmen. Zuviel wurde durch die gurkigen Vorgängerfilme kaputtgemacht – vor allem „Dawn Of Justice“ hat sich als einer der schlechtesten Filme aller Zeiten etabliert und endgültig dafür gesorgt, dass das Kino-Universum aus dem Hause DC nicht aus dem Quark kommt. Sowie nebenbei die beiden Hauptcharaktere irreparabel beschädigt. Das Interessante: Die Macher hinter den Kulissen wissen das. Offenbar haben sie jeden fiesen Verriss gelesen, jedes gemeine YouTube-Video gesehen – und dann versucht, daraus zu lernen. Dass Regisseur Zack Snyder wegen eines privaten Schicksalsschlags auf halber Strecke durch Marvel-Überläufer Joss Whedon ersetzt wurde, scheint dieser Idee in die Karten gespielt zu haben. Man sieht die Lötstellen überdeutlich: Whedon kann Humor und Pathos, beides braucht ein Superheldenfilm. Und sein mühevolles Engagement hat den ursprünglich mal wieder düster geplanten Streifen zumindest auf ein mediokres Hellgrau gehievt.

Da der Film schon eine Weile im Kino zu sehen ist, gibt’s hier ausnahmsweise ein paar Spoiler als Beispiele. Here we go: Batman wird endlich Batman genannt, nicht mehr „Bat of Gotham“. Seine Heimatstadt wird als eigenständiger Moloch präsentiert, nicht mehr als Anhängsel von Metropolis. Seine Geschichte wird zumindest ein wenig gelüftet: Er macht den Heldenjob seit 20 Jahren, die Polizei verlässt sich auf ihn, missbilligt aber mitunter seine Methoden. Wir sehen Superman, wie er die klassischen Superman-Dinge tut, also Menschen retten und dabei strahlend lächeln. Er spricht mit jungen Fans und hat so gar nichts vom arroganten Wüterich aus BvS. Seine Mutter Martha (Diane Lane) und Lois haben ein sichtbares und glaubhaftes Freundschaftsverhältnis. Lois‘ junger, gut gelaunter Kollege wird kurz gezeigt – augenscheinlich ein Ersatz für den freudlos dahingemetzelten Jimmy Olsen. Arthur, Victor und Barry haben auserzählte Hintergrundgeschichten – der Letztgenannte lebt in Central City, anders als in „Suicide Squad“ wird also nicht einfach ein Städtename aus den Comics verwendet, ohne ihm eine Funktion zu geben. Und Wonder Woman ist als Charakter ohnehin etabliert: Gal Gadot schafft es natürlich mühelos, in jeder Szene wunderschön zu sein, sie verleiht ihrer Figur aber zudem reichlich Charme und Substanz.

Ohnehin merkt man den Schauspielern an, dass sie alles geben, um den ersten (einzigen?) Auftritt der Gerechtigkeitsliga zu etwas Besonderem zu machen. Man schließt sie tatsächlich ein wenig Herz, den schlecht gelaunten, aber herzensguten Cyborg, den arroganten, aber mutigen Wassermann und Flash, den nerdy Blitz. Zudem funktionieren alle sechs Helden als Team tatsächlich gut – ähnlich wie seinerzeit die Avengers wächst hier zusammen, was in den Herzen der Fans zusammengehört. Also alles gut? Reißt „Justice League“ das Ruder rum? Kann DC zum ewigen Konkurrenten Marvel aufschließen?

Dreimal nein. Dazu ist die Story viel zu beliebig, sind die Dialoge teils schmerzhaft schlecht, ist der Widersacher zu austauschbar, sind die Spezialeffekte überraschend unterirdisch… Und es hakt wie immer an Kleinkram. Warum musste J.K. Simmons (J. Jonah Jameson in Sam Raimis „Spider-Man“-Trilogie) als Commissioner Gordon gecastet werden? Warum hat sich „Holzscheit“ Cavill nicht einfach seinen Schnauzbart abrasiert statt ihn überdeutlich durch CGI entfernen zu lassen? (Da werden wirklich Erinnerungen an Cesar Romero als 60er-Jahre-Joker mit überschminktem Schnorres wach. Oder an die „annoying Orange“.) Warum wird an manchen Stellen mal wieder nichts erklärt? Hat irgendjemand da draußen wirklich verstanden, wie genau Supes wiedererweckt wird?

Da hilft es auch nicht, nach „Wonder Woman“ – dessen Handlung sehr an den ersten „Captain America“-Film erinnert – ein weiteres Mal beim Marvel zu klauen: Der übermächtige Mitbewerber schickt im Frühjahr den Superbösewicht Thanos ins Rennen, da kündigt DC natürlich den sehr ähnlichen Despoten Darkseid an…

Eigentlich ist es schade, denn man hätte diese charismatische Truppe gern in weiteren Abenteuern gesehen. Aber Einspielergebnis und Kritikerstimmen lassen vermuten, dass aus dem geplanten DC-Kino-Universum nichts wird. Am Himmel über Metropolis und Gotham hat es sich demnächst ausgeflattert. Nuff said.

Strauchelnde Ein-Mann-Armee: „The Punisher“ ist nichts für Weicheier

Wenn sie seinen Namen hören, zittern selbst die härtesten Burschen der Unterwelt: Monatelang hat sich Frank Castle (Jon Bernthal), der „Punisher“, in den Reihen des organisierten Verbrechens ausgetobt, hat Rache genommen für das Massaker an seiner Familie und mit brutaler Gewalt jeden auf seiner Liste ausgelöscht. Nun ist der Kriegsveteran mit seiner Vendetta am Ende – und auch mit seiner Kraft. Symbolisch verbrennt er sein Logo, den Totenschädel, er lässt die Waffen sinken und taucht in New York unter. Als bärtiger Aushilfsarbeiter schwingt Castle den Vorschlaghammer, um seine noch immer aufgestauten Aggressionen abzubauen. Er hat keine Freunde, kaum Kontakt zu anderen Menschen – ein Einzelgänger in der anonymen Großstadt. Der Bestrafer ist nicht mehr, auch die Medien haben das Interesse am umstrittenen Racheengel verloren.

Franks Leben erhält eine Wendung, als er es doch nicht schafft, sich aus den Ungerechtigkeiten in seinem Umfeld herauszuhalten. Die Gangster der Stadt werden auf ihn aufmerksam. Und als Hacker „Micro“ (Ebon Moss-Bachrach) seinen Weg kreuzt, gerät er ins Sperrfeuer einer geheimen Schlacht, die mehr mit ihm und seiner Militärvergangenheit zu tun hat, als er zunächst ahnt. Mit dem Rücken zur Wand, verraten von einstigen Kameraden und allein gegen alle muss der Punisher zurückkehren, um seinen Kreuzzug zu beenden. Am Ende steht zwischen den Hintermännern einer weitreichenden Verschwörung und den Unschuldigen, die sie bedrohen, nur ein strauchelnder Einzelgänger. Das letzte Gefecht wird blutig.

Verdammt blutig sogar: Wer Marvels legendären Selbstjustiz-Superhelden in der Netflix-Reihe „Daredevil“ kennen gelernt hat, wird glauben, auf einiges vorbereitet zu sein. Die Comic-Verfilmungen des Bezahlsenders sind seit jeher nicht zimperlich inszeniert. Doch während Daredevil, Jessica Jones, Luke Cage und Iron Fist zwar hart, aber letztlich choreografiert zuschlagen, ist der Kollege der Defenders doch ein anderes Kaliber. Hauptdarsteller Bernthal ist den meisten aus „The Walking Dead“ bekannt – mit dem Blut- und Eingeweide-Gehalt dieser Serie kann sein erster Alleingang locker mithalten. Krieg ist kein Spaß.

Der Punisher gehört seit seinem ersten Auftritt vor mehr als 40 Jahren zu den umstrittensten Marvel-Figuren. Anders selbst als vergleichbare Wüteriche wie Wolverine ist der schwerbewaffnete Ex-Soldat nämlich nicht mal ein Anti-Held, sondern streng genommen klar auf der falschen Seite des Gesetzes zu verorten. Recht und Gerechtigkeit zählen für ihn letztlich nicht – es geht ihm nicht einmal um Rache. In den Augen des angeknacksten Veteranen sind seine Taten nur die Strafe für das Vergehen der bösen Buben. Jon Bernthal spielt den gebeutelten Gangsterschreck mit massivem Körpereinsatz, er schwitzt, weint und blutet.

Wie bei Netflix üblich werden einige Elemente des Comics nur angerissen, andere recht nah an der Vorlage umgesetzt. Das macht die MCU-Serien des Streaming-Anbieters relativ realistisch – sie sind eher düstere Thriller als hochglänzende Helden-Abenteuer. Im Großstadtdschungel bleibt allenfalls Zeit für einen zynischen Spruch – ansonsten gilt: Sei schneller und härter als dein Gegner, wenn du überleben willst.

Was überrascht, sind die Elemente eines Polit-Dramas, mit denen die Produzenten die Geschichte der Ein-Mann-Armee versetzt haben. Castle bekommt es mit bestens aufgestellten Einrichtungen zu tun, deren intellektueller Kraft er nur physische Gewalt entgegenzusetzen hat. Es ist die bekannte Mär vom einsamen Wolf, der sich der Übermacht entgegenstellt – dieser David schießt aus allen Rohren, und notfalls schlägt, tritt und beißt er, um Goliath in die Knie zu zwingen.

Der verkrustete kleine Bruder von „24“, die blutige Variante von „Homeland“ – „The Punisher“ ist große Fernsehunterhaltung für Marvel-Fans, aber auch interessierte Allesgucker. Vorausgesetzt, sie haben einen starken Magen.