My struggle III: Wie eine große Liebe (Akte X) stirbt

Sie war meine erste große Liebe, eine, die niemals enden wollte und sollte und auch gar nicht konnte. Denn Chris Carter hatte sie mit einem einigermaßen annehmbaren Serienende und einem schlechten zweiten Kinofilm schiedlich-friedlich irgendwie zu Grabe getragen. Mit diesem Ende konnte ich leben. Nicht alles wurde wiedergekäut, manche Dinge waren in Stein gemeißelt. Wir, sie und ich, machten uns auf, Hand in Hand Richtung Sonnenuntergang zu laufen, in das ewige Nichts des Vergessens. So konnte ich sie im Herzen tragen, meine große Liebe. Sie würde niemals sterben. Bis… ja, bis… Chris Carter, Fox und irgendwelche Irren beschlossen, sie wiederzubeleben und erneut zu töten, diesmal richtig langsam und qualvoll. Die Rede ist von, klar, Akte X, The X-Files.

Ich will mich gar nicht lange an einem Rückblick zu Staffel 10 aufhalten, doch die schmeckte im Nachgang gar nicht mehr so gut wie beim ersten Gucken. Viele Folgen waren viel zu schnell, zu verwirrend, zu unlogisch, zu wenig Akte X, viel zu wenig Mulder und Scully. Es wirkte, als wollte man in sechs Folgen packen, was man acht Jahren Pause schließlich nicht erzählen konnte. Die Mythologie war allenfalls eine Randnotiz – oder eher etliche Randnotizen. In verwaschener Schrift, einiges durchgestrichen, neu entworfen, zurückgespielt, ausradiert und so weiter. Sehr sehr frustrierend, dass Chris Carter uns am Ende wieder mit einem Cliffhanger zurückließ. Scully, die auf ein UFO blickt. Diesmal mussten es also die Aliens sein…

Ob es jemals eine elfte Staffel geben würde, war lange unklar. Dann die Erlösung: Ja, Staffel 11 kommt. Bitte, bringt den Kram doch endlich zum Abschluss. 25 Jahre, über 200 Folgen, ein Mythologie-Labyrinth ohne Ein- und Ausgang. Ich betete schon früh darum, dies möge bitte das Ende sein. Es reicht! Denn Chris Carter macht seit Jahren nur noch eins: es immer schlimmer.

Meine Erwartungen an Staffel 11 sind dementsprechend gering. Letzte Nacht also der Start mit Folge 1: My Struggle III. Diese Folge ist die Fortsetzung des ersten und letzten Teils von Staffel 10 – und auch erzählerisch steht die Folge den ersten beiden in nichts nach. Es ist hektisch, schnell, irgendwie billig, wenn Fox Mulder in einer Verfolgungsjagd einen Wagen abhängt, um diesen dann selbst zu verfolgen. Die einzige Möglichkeit, den UFO-Twist aufzulösen, ohne wirklich ein UFO zu zeigen, hat Chris Carter aus dem Ärmel geschüttelt – DAS war also durchaus vorhersehbar. Es war auch vorhersehbar, dass Chris Carter seinen Charakteren, irgendwann mal mit viel Liebe und Leidenschaft ins Leben gerufen, keine Ruhe gönnen würde.

Nach knapp 41 Minuten ist es dann auch schon wieder vorbei mit dem ersten von insgesamt zehn Intermezzos, es bleibt ein fader Beigeschmack. Wo will Chris Carter hin? Was möchte er uns noch erzählen?

Ohne zu viel vorwegzunehmen: Am Ende dieser ersten Folge setzt er die Zuschauer über eine Wahrheit in Kenntnis, von der Mulder und Scully nichts wissen. Wir werden also nun wohl eine ganze Staffel einen Wissensvorsprung vor den Hauptfiguren haben und jedes Mal darum kämpfen, nicht den Fernseher anzubrüllen, dass sie doch bitte dies oder jenes tun oder nicht tun sollen. Es ist eine Wahrheit, die einen der größten Twists der Serie auflöst, alles auf den Kopf stellt, was bisher als Wahrheit gelten konnte, alles neu erzählt. Eine Wahrheit, die Carter schon 1999 kannte, und die er uns erst jetzt mitteilen wollte. Eine unglaubliche Wahrheit. Dies könnte die Staffel retten, dies könnte sogar die Serie noch retten, der man einfach kein schönes Ende mit einem Spaziergang in den Sonnenuntergang gönnen wollte.

Unter dem Strich steht nach 41 Minuten vor allem eins: Ernüchterung. Nein, Chris Carter sollte einfach keine Folgen mehr schreiben. Er sollte endlich den Stift aus der Hand legen und andere machen lassen. Es ist leider gar nicht möglich, den Plot dieser Folge spoilerfrei wiederzugeben, daher wird an dieser Stelle darauf verzichtet. Ein paar Fakten: Scully geht es gar nicht gut, der Krebskandidat will die Menschheit auslöschen, Mulder soll das verhindern, Skinner gerät zwischen die Fronten. Der Plot um Walter Skinner könnte dabei noch der wichtigste dieser Staffel werden.

Für mich und meine große Liebe im Herzen bleibt nur eins: warten, von Woche zu Woche hangeln, hoffen, dass alles besser ist als vor zwei Jahren. Dass es endlich einen Abschluss gibt. Dass Chris Carter es danach bitte entweder sein oder seine Schöpfung mit einem Kracherfilm einfach explodieren lässt.

Und vergesst die verdammten Smileys nicht!

Michael Kessler hat eine neue Fernsehreihe, in der er befreundete Kollegen im Auto durch die Stadt kutschiert und sich mit ihnen unterhält. Quasi wie das „Quiz-Taxi“ mit Prominenten, aber ohne Quizfragen. Wem diese Beschreibung langweilig erscheint, der kennt Michael Kessler nicht. Dieser könnte sogar eine Talkshow mit Köchen moderieren oder Flohmarktware an Antiquitätenhändler verticken lassen, und es wäre lustig. „Sitzheizung gibt’s nicht“ läuft auf ZDFneo, deswegen spielen die Sendetermine keine Rolle. Ihr guckt das ohnehin in der Mediathek.

Wir haben einen nicht mehr ganz neuen Twitter-Account, mit dem wir drei Dinge tun: Wir weisen auf neue Blog-Beiträge hin, twittern gar lustig zum aktuellen „Tatort“, während dieser zum ersten Mal ausgestrahlt wird, und äußern uns zu der einen oder anderen Fernsehsendung. So auch zu „Sitzheizung gibt’s nicht“:

Die besten Scherze sind ja bekanntlich jene, die man ausgiebig erläutern muss. Der hier funktioniert folgendermaßen: „Sitzheizung gibt’s nicht“ ist gar nicht identisch mit der Serie „Pastewka“, die im Frühjahr mit neuen Folgen auf Amazon Video fortgesetzt wird. Allerdings sind in der ersten Folge die Protagonisten identisch: Michael Kessler, Bastian Pastewka und Annette Frier sind allesamt auch in „Pastewka“ zu sehen, der Mittlere überraschenderweise sogar in der Haupt- und Titelrolle. Und die Dialoge wirken nicht nur improvisiert, sie sind es auch. Das versteht jeder normalbegabte Zuschauer spätestens nach 20 Sekunden. Uns war es zudem bereits im Vorfeld bekannt. Soviel zu den beiden Pointen. Beziehungsweise dem, was als solche gemeint war.

Dieser Tweet brachte uns unterschiedliche Reaktionen ein. Kessler favorisierte ihn, wies jedoch gleichzeitig darauf hin, dass wir einen entscheidenden Aspekt seines neuen Formats offenbar nicht ganz verstanden hätten:

Acht wohlmeinende Herzchen bekam diese freundliche Aufklärung. Es gibt dort draußen also insgesamt mindestens neun Menschen, die uns nicht zu den normalbegabten Zuschauern zählen. (Fairerweise müsste es heißen: mich. Denn für den ursprünglichen Tweet zeichnet der Autor dieses Beitrags allein verantwortlich.)

Einer von ihnen – Lutz – kommentierte unser vermeintliches Unwissen mit einem Katzen-GIF. Dafür gebührt ihm besondere Erwähnung:

Putzig, nicht wahr? Blieb aber ähnlich folgenlos wie unsere (meine) Versuche, das Missverständnis um das vermeintliche Missverständnis aufzuklären.

Was bleibt, sind zwei Erkenntnisse:

  1. Erst Smileys machen einen Tweet verständlich. 🙂
  2. „Sitzheizung gibt’s nicht“ ist improvisiert und sehr sehenswert.

Superhelden-Overkill-Paradies

„In den letzten drei, vier Jahren bin ich von einem großen Befürworter von Superhelden-Verfilmungen zu einem weitgehend schweigenden Kritiker geworden“, schreibt Torsten „Wortvogel“ Dewi in seinem aktuellen Blog-Beitrag, den er selbst „ein Pamphlet wider die Herrschaft der Superhelden“ nennt. Ihn treibe, so lässt er uns wissen, die Frage um, „ob wir in Welten flüchten, in denen alle Probleme von muskelbepackten Übermenschen gelöst werden können, während die tatsächlichen Probleme der Menschheit ungelöst bleiben“. Und stellt klar: „Die Welt braucht Erwachsene, die sich vor Problemen nicht im Kinderzimmer verstecken, sondern sie angehen.“

Das ist nicht die erste so interessante wie streitbare Theorie des Wortvogels, und er wird sie gewohnt eloquent verteidigen. (Genau genommen tut er das bereits – vornehmlich auf seiner Facebook-Seite.) Und weil ich weiß, dass das für ihn der halbe Spaß ist, vor allem aber, weil ich schlicht anderer Meinung bin, versuche ich im Folgenden, dagegen zu halten.

Da ich gerade fröhlich am Zitieren bin, verweise ich zum Einstieg auf den Text des Songs „Spider-Man und ich“ der Hamburger HipHop-Veteranen Fettes Brot, aus dem ich bereits an anderer Stelle zitiert habe: „Sie kaufte keine Medizin, sie kannte ihren Kleinen, denn zur Besserung gab’s ’n Heft von Spider-Man“, heißt es dort über die tröstende Mutter des Ich-Erzählers, „nichts half besser, nichts hatte ich lieber – der Typ ist so cool, der hilft sogar gegen Fieber.“ Und es folgt die wichtigste Zeile: „Bereit zum Abtauchen, alles startklar, weil Peter Parker als Spider-Man so stark war.“ Das ist der Punkt (und ab jetzt übernehme ich, versprochen): Es geht ums Abtauchen.

Ich habe etwa dieselbe kulturelle Sozialisation hinter mir wie die Brote, was vor allem daran liegt, dass wir der gleichen Generation angehören und in ähnlichen Verhältnissen groß geworden sind. Wer Anfang der 80er aufs Teenie-Alter zusteuerte und nach Ablenkung von den vermeintlichen Sorgen der Mittelschicht suchte, der griff gerne zu den bunten Heften, die damals übrigens tatsächlich noch Hefte waren und bunt sowieso, vor allem aber in den Augen der Erwachsenen bestenfalls zu beschmunzelnder Schund. Es war vielleicht mein erster rebellischer Akt, im Kiosk um die Ecke in DC-Comics zu schmökern, und er wurde ungleich rebellischer, wenn ich dann Marvel-Comics mit nach Hause nahm. Ich war von Anfang an ein Marvel-Fanboy: Der eingangs erwähnte Peter Parker hatte permanent mit Problemen zu kämpfen, die mich mitunter an meine erinnerten, und das machte ihn und seine ähnlich gebeutelten Bekannten ungleich sympathischer als die Riege der attraktiven, weißen, meist reichen Männer in Strumpfhosen, mit denen DC aufwartete. Ständig pleite, meist unglücklich verliebt, gestresst durch mehrere Jobs, immer leicht verpeilt – mit zehn, zwölf Jahren ahnte ich offenbar bereits, das mein künftiges Leben dem meines Helden (besser: Freundes) Peter nicht unähnlich sein würde.

Und doch behaupte ich, damals mit der klassischen Taschenlampe unter der ebenso klassischen Bettdecke etwas für besagtes Leben gelernt zu haben, das Parkers notorisch weise Tante May viele Jahre später in einer Verfilmung seiner Abenteuer so formulierte: Spider-Man hat mir gezeigt, wie man ein bisschen länger durchhält. Die Medien verteufeln ihn, sein Dasein ist eine einzige Tragödie – aber wenn es darum geht, das Richtige zu tun, dann tut er verdammt nochmal genau das. Der Biss einer Spinne gab ihm die Möglichkeit, für andere einzutreten, also macht er das auch – Kraft, Verantwortung, Ihr kennt die Geschichte. Klar wurde ich nie von einem radioaktiven Krabbeltier gebissen, natürlich weiß ich, dass man nicht an Fäden durch Hochhausschluchten schwingen kann, aber obwohl das pathetisch klingen mag: Jeden Tag durchhalten zu müssen – damit kennt sich ja wohl jeder aus. Also war mir der freundliche Netzkopf von nebenan ein guter Ratgeber in jenen Jahren des Lernens, mindestens so wertvoll, wie das für Altersgenossen ein Sportler oder meinetwegen gar ein Politiker gewesen sein mag. Mach dir nichts draus, wenn andere schlecht von dir denken – wichtig ist, dass du das Richtige tust. Und so waren Schundhefte meine Bibel.

Daran hat sich unfassbare 35 Jahre später nichts geändert. Oder doch: Ich lese eigentlich keine Comics mehr, und wenn, dann sind es keine Hefte, sondern überteuerte Sammelbände mit edler Cover-Gestaltung, in aufwändiger Druckqualität, und sie kommen auch nicht unter die Decke, sondern ins Bücherregal. Auch geht die Zahl derer, die sie nach wie vor als Schund bezeichnen würden, inzwischen gegen Null. (Eventuell findet sich in Bayern noch ein reaktionärer Geistlicher oder in irgendeinem hessischen Dorf ein rückständiger Deutschlehrer.) Meine Generation stellt heute die aktiven Intellektuellen, und wir wissen es einfach besser. Comics sind also Kunst… und Kommerz. Denn von ihrem Herkunftsland aus haben sie in den vergangenen zehn Jahren mit zäher Beharrlichkeit ein neues Medium erobert. Ich bin immer noch ein Nerd wie als Schüler, aber inzwischen verfolge ich die Abenteuer der Helden meiner Kindheit im Kino. Bereitwillig, eher begeistert schaue ich mir jeden Marvel-Film auf der Leinwand an, kaufe einige Monate später die Blu-ray, und was im Fernsehen läuft, wird selbstverständlich am Stück verschlungen, dafür darf sehr gerne mal ein langes Wochenende draufgehen. Ich liebe das Marvel Cinematic Universe mit der gleichen Wucht, mit der ich die albernen DC-Kino-Versuche hasse. Ich trage mit Mitte 40 stolz Deadpool- und Punisher-T-Shirts. Ich diskutiere ausführlich und kontrovers mit Gleichgesinnten über Fragen wie die nach dem einzig wahren Quicksilver-Darsteller. Und warum tue ich all das? Die Antwort ist gar nicht super, sondern furchtbar banal: Weil ich es kann.

Nochmal ein leichter Druck auf die Rückspultaste: Gar nicht so lange nach meinem ersten Kontakt mit der Welt der Sprechblasen geriet ich in Kontakt mit jener Welt, deren Existenz früher oder später jede Kindheit beendet – mit der Realität. Ich wurde erwachsen in der Ära des kalten Krieges, des Super-GAU, des sauren Regens. Die Probleme unserer Welt wurden in der Schule thematisiert, in den Nachrichten, in Gesprächen auf dem Pausenhof oder mit der Familie. Was heute Trump, war damals Reagan. Die 80er waren gar nicht so bunt wie ihre Klamotten. Erst recht nicht, wenn man jung war, vor allem nicht, wenn man der Mittelschicht angehörte. Und trotzdem behaupte ich, dass gerade meine Begeisterung für das Phantastische, das Irreale, das Andere mit dafür gesorgt hat, dass ich schon seinerzeit eher jemand war, der aufgestanden ist und laut wurde, statt still zu leiden. Die Protagonisten im Comic, aber auch in der SF- und Fantasy-Literatur waren nämlich in der Regel eher aktiv als passiv. Die beiden anderen Faktoren, die mich buchstäblich auf die Straße trieben, waren übrigens mein frühes Faible für im weitesten Sinne rebellische Musik und mein sozialdemokratisches Elternhaus. Zugespitzt: Bruce Springsteen und Joe Strummer, Herbert Wehner und mein jähzorniger Vater haben ebenso wenig die Klappe gehalten wie Spider-Man und Wolverine, die Helden von Lankhmar oder Han Solo. Meine späten 80er und frühen 90er habe ich häufig demonstrierend verbracht.

Worauf ich hinaus will: Torsten stellt die Theorie auf, dass die – zugegeben – drastische Fülle an Comic-Adaptionen in Film und Fernsehen die moderne Version von Brot und Spiele darstellt. Muskelmänner und -frauen, die einfache Lösungen anbieten, halten uns davon ab, uns der komplexen Realität zu stellen – die Avengers als Opium fürs Volk. Das sehe ich völlig anders. Und doch stimme ich dem zu.

Denn selbstverständlich ist mein Nerd-Dasein ein Eskapismus. Wenn ich im Kinosessel sitze oder ganze Serienstaffeln binge, blende ich die Realität für zwei bis 48 Stunden komplett aus. Das ist allerdings mein gutes Recht. Denn was ich weiter oben angerissen habe: Wer sich 24/7 mit der echten Welt beschäftigt, hat es verdient, sich gelegentlich eine Auszeit zu nehmen. Die Steuererklärung ist erledigt, der Müll rausgebracht, im Kühlschrank liegen einigermaßen ausgewogen gewählte Lebensmittel – ich habe mein Leben schon relativ gut im Griff. Möglich macht das (daher das „Können“) ein durchaus anspruchsvoller und fordernder Job, der mich jeden Tag bis zu 15 Stunden mit der knallharten Realität konfrontiert. Ich begeistere mich für meine Arbeit als Journalist ähnlich wie für meine Sprünge in andere, in fiktive Welten. Beides sind die viel zitierten Seiten jener Medaille, die mir als politisch bewusstem Erwachsenen am Hals baumelt. Und jetzt kommt die Stelle, an der ich dem Wortvogel zustimme: Ich habe ein Auge drauf, dass beide mal sichtbar sind. Zuviel Chaos in der Welt macht Chaos im Kopf, zuviel Flucht davor birgt die Gefahr, das Chaos zu vergessen. Beides wäre falsch.

Zugegeben: Ich schreibe hier nur für mich, einen kinderlosen Mittvierziger, parteipolitisch eher links, einigermaßen gut informiert und hoffentlich normal begabt. Ob sich andere tatsächlich geistesabwesend auf die prächtigen Sahnetorten stürzen, die ihnen Hollywood serviert, und sich dabei überfressen, weiß ich letztlich so wenig wie Torsten Dewi. Die Gefahr besteht sicher. Und doch bleibe ich dabei: Die Welt braucht Helden. Also Menschen wie Ghandi, King und Mandela, wie Muhammad Ali, Severn Suzuki und den Feuerwehrmann von nebenan – aber eben ab und zu auch wie Steve Rogers und Peter Parker.

Als die Realität den „Tatort“ ermordete

Ab und an schreibe ich ja auch beruflich – leider viel zu selten. Aber zu den Themen, die ich mir nicht nehmen lasse, gehört die Vorabbesprechung des jeweils aktuellen „Tatort“-Falls aus Dortmund. Ich liebe Faber (Jörg Hartmann), den kaputten Griesgram, den einsamen Grenzgänger, den letzten Ruhrpott-Bullen.

„Sturm“ lautet der Titel des neuesten, des zehnten Falls für Faber und das, was manche sein Team nennen würden. Eigentlich sollte er am 1. Januar gezeigt werden. Er wurde jedoch verschoben, weil – so die Begründung der ARD – er inhaltlich zu viele Parallelen zum Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche am 19. Dezember aufweise.

Das ist nachvollziehbar. Zwölf Menschen haben an diesem Tag ihr Leben verloren, elf davon waren unschuldige Opfer. Sie alle – der fanatische Attentäter eingeschlossen – hatten Familie und Freunde, die mit Sicherheit einen schmerzlichen Verlust verarbeiten mussten. Der „Tatort“ orientiert sich seit jeher auch an aktuellem Geschehen. Doch wenn die Realität die Fiktion auf solch dramatische Weise einholt, muss eventuell auch mal auf einen Krimi-Abend vor der Glotze verzichtet werden.

Monatelang warteten Faber-Fans und andere „Tatort“-Gucker darauf, dass ein neues Ausstrahlungsdatum verkündet wurde. Dann die gute Nachricht: An Ostermontag sollte es soweit sein und „Sturm“ endlich gesendet werden.

Heute jedoch erscheint es durchaus möglich, dass diese Folge gar nicht gezeigt wird. Also nie. Denn Faber bekommt es in diesem „Tatort“ mit einem Bombenattentäter zu tun, der Dortmund bedroht. Und am heutigen Tag, am 11. April 2017, vor knapp einer Stunde hat tatsächlich jemand in Dortmund drei Sprengsätze gezündet.

Wir sollten wahrlich andere Sorgen haben als einen schnöden Fernseh-Krimi. Wir sind alle froh, dass es diesmal bei leichten Verletzungen blieb. Dass der Anschlag auf den Mannschaftsbus des BVB lediglich dafür sorgte, dass im Stadion die Fahne der Fairness hochgehalten und ein Fußballspiel verschoben wurde. Und wir sollten uns nicht an Spekulationen aller Art beteiligen. Denn zum jetzigen Zeitpunkt (es ist 20.55 Uhr) wissen wir praktisch noch gar nichts.

Es bleibt jedoch eine interessante Fußnote, über die sich die Feuilletonisten spätestens ab Ostern die Finger wund schreiben werden. Heute ist ein trauriger Tag für den Sport und für die Gesellschaft. Aber auch ein bemerkenswerter Tag für das Fernsehen. Denn heute wurde vielleicht ein „Tatort“ ermordet.

UPDATE: Oder auch nicht. 🙂

Die Stimmung macht die Musik

Darüber, welches die besten Soundtracks der Film- und Fernsehgeschichte sind, streiten sich Fans und Gelehrte seit Generationen. Zwei Namen fallen in diesem Zusammenhang natürlich immer wieder: John Williams und Ennio Morricone. Quasi die beiden großen alten Männer der klassischen Filmmusik. Und es ist ja auch was dran – beispielsweise schafft es niemand, so bedrohlich wie Williams zu klingen, wenn er Leinwandbösewichten eigene Themen auf den Leib schreibt.

Also so:

Oder so:

Aber es gibt zwei Titelmelodien zu Fernsehserien, die es mit dem Meister in Sachen Düsternis eventuell aufnehmen können…

Mark Snow ist einer der meistbeschäftigten Fernsehkomponisten überhaupt. Als Beispiele für sein umfangreiches Schaffen seien an dieser Stelle nur die Themen von „Hart, aber herzlich“ (1979) und „Cagney & Lacey“ (1981 – übrigens ist er mit der Schwester der Hauptdarstellerin Tyne Daly verheiratet) genannt. Die meisten verbinden mit ihm aber die Melodie für eine Serie der 90er Jahre, die praktisch Geschichte geschrieben hat. Mal ehrlich – unheimlicher geht es kaum:

Angelo Badalamenti ist in der Branche durchaus vielbeschäftigt. Auf sein Konto gehen unter anderem die Scores für die wichtigsten Filme von David Lynch, darunter „Blue Velvet“ (1986) und „Wild At Heart“ (1990). Da war es wenig überraschend, dass Lynch den Komponisten 1990 auch für seine Fernsehserie engagierte. Herzlich willkommen in Twin Peaks – mal schauen, wer über Nacht bleibt:

Ein Blick auf „The Affair“

Nachdem ich mich endlich dazu entschlossen hatte, mir Amazon Prime zuzulegen, dauerte es dann immerhin noch sensationelle sechs Wochen, ehe ich endlich Zeit genug hatte, mich dem Angebot zu widmen.

Auf der Liste hatte ich schon seit vergangenem Herbst „The Affair“. Ich hatte einen fesselnden Trailer dazu gesehen. Außerdem hatte ich kurz zuvor „Fringe“ gebinged und war neugierig, wie sich Joshua Jackson in der Rolle eines betrogenen Ehemanns machen würde.

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Dominic West und Ruth Wilson in „The Affair“.

Kurz zum Inhalt: Noah Solloway, glücklich verheiratet, vier Kinder, reist wie jedes Jahr im Sommer mit seiner Familie nach Montauk, um dort die Ferien bei seinen Schwiegereltern zu verbringen. Sein Schwiegervater ist ein berühmter Schriftsteller, während er selbst zehn Jahre versucht hat, ein Buch fertigzustellen. Sein erstes Buch ist nun auf dem Markt, aber nicht sonderlich erfolgreich. Noch bevor die Familie auf dem Gut des Schwiegervaters ankommt, macht sie einen Mittagessen-Halt im „Lobster Roll“, wo Noah die Kellnerin Alison Bailey kennenlernt. Eine folgenreiche Begegnung, die das Leben aller Beteiligten erschüttert und grundlegend ändert.

Warum schreibe ich über diese Serie?

„The Affair“ unterscheidet sich in einigen Punkten erheblich von vielen anderen Serien, die so auf dem Markt sind.

1.) Man weiß bereits nach der ersten Folge, ob man die Serie weitergucken sollte oder nicht. Das ist beispielsweise bei „Orange Is The New Black“ oder „The Walking Dead“ überhaupt kein Kriterium, bei diesen beiden Serien kann man mit Sicherheit sagen, dass die Piloten die jeweils schlechteste Folge waren. Das ist hier anders. „The Affair“ startet stark, die Erzählweise ändert sich in den kommenden Folgen und Staffeln nicht mehr, die emotionale Achterbahnfahrt endet niemals mehr und die Ehrlichkeit in den Dialogen wird eher noch deutlicher.

2.) Erzählweise: Die Serie wird von verschiedenen Standpunkten erzählt. So ist beispielsweise die eine Hälfte der Episode aus Noahs Sicht erzählt, während danach die gleiche Begebenheit aus Alisons Sicht erzählt wird – was tatsächlich keine Wiederholung ist, sondern wieder einmal beweist, dass Erinnerungen verwaschen, dass sie sich bei jedem anders festsetzen. In einer Sex-Szene sagt Alison in Noahs Erinnerung immer wieder „I am yours“, was ihn noch erregter werden lässt. In Alisons Erinnerung sagt sie jedoch pausenlos „I love you“. Und das ist nur ein kleines Beispiel dafür, wie hier die Geschichte trotz der sich wiederholenden Erzählung vorangetragen wird.

Wieso wird überhaupt in Erinnerungen berichtet? Alison und Noah erzählen zu Beginn der ersten Staffel einem Polizisten in einer Art Verhör *ihre* Geschichte. Das Kennenlernen, das Verlieben, die Ereignisse. Sie tun das getrennt voneinander und so entstehen unterschiedliche Geschichten aus derselben Begebenheit. Das ist fesselnd, das ist spannend, das ist hochemotional.

Wieso werden die beiden von einem Polizisten befragt? Das ist der besondere Plot, der hinter der Liebesgeschichte liegt. Ein Mann ist gestorben. Das erfährt man relativ zu Beginn. Wer es ist, bleibt erst einmal unklar. Aber auch diese Frage wird schneller beantwortet, als man zunächst denkt. Der Polizist vermutet, dass der Mann, der offenbar überfahren wurde, eben nicht bei einem Unfall gestorben ist, sondern ermordet wurde.

Ab der zweiten Staffel wird dann nicht ausschließlich aus Noahs und Alisons Sicht erzählt, sondern auch aus der Sicht der betrogenen Ehepartner Helen und Cole. Ja, die Erzählweise hat durchaus ihre Längen. Aber wer sich emotional auf die Charaktere einlässt, der kann diese durchaus zähen Momente ganz gut ignorieren – zumindest bis zum Ende der zweiten Staffel, aber dazu später mehr.

3.) Dialoge: Ich habe noch NIE – und ich meine wirklich NOCH NIE – eine Serie erlebt, in der die Dialoge so nah an der Erwartung des Zuschauers sind. Hier wird nicht künstlich Spannung erzeugt, hier wird das gesprochen, was der Zuschauer denkt. Das ist unfassbar erschreckend, zumindest am Anfang. Beispiel: Noah erzählt seinem Kumpel Max, dass er seine Frau betrogen hat, dass er eine Affäre hatte. Was rät der Kumpel NATÜRLICH? „Sag Helen auf keinen Fall was. Wenn das nur eine Affäre war, dann ist es besser, sie weiß nichts darüber. Das würde sie nur unnötig aufregen.“

In jeder anderen Serie würde Noah auf den Kumpel hören, sich irgendwann in ein Lügengerüst verstricken und am Ende doch erwischt werden. Und dann wäre alles noch viel schlimmer, als wenn er es gleich gestanden hätte.

Was tut Noah in „The Affair“? Er lässt Max‘ Worte sacken, erleidet beim Joggen eine Panikattacke und gesteht seiner Frau dann den Seitensprung. Und das ist nur EIN Beispiel von Dutzenden. Keine künstlichen Konflikte, keine Dialoge, die es so niemals geben würde. Das ist so faszinierend wie schrecklich zugleich. Und nach jeder Folge nimmt man sich vor, künftig selbst offener mit seinen Wahrheiten und Gedanken umzugehen.

Was mich an der Serie stört

Anderthalb Staffeln lang schafft es „The Affair“, keine Seifenoper zu werden. Es ist einfach eine spannend erzählte Familien- und Liebesgeschichte. Dann irgendwann kam für mich der Wendepunkt. Vier Folgen vor dem Ende der zweiten Staffel ödet mich die Geschichte allmählich an. Das liegt daran, dass die Story plötzlich völlig vorhersehbar geworden ist. Leider. Vier Folgen vor dem Staffelende habe ich plötzlich keine Lust mehr, weiterzuschauen, weil ich genau weiß, was passieren wird. Plötzlich sind wir doch mitten in einer Seifenoper.

Aber: Die ersten 1,5 Staffeln waren so gut, dass ich auf Staffel drei, die im November erscheint, dennoch gespannt bin.

Einschalten?

Definitiv, wenn man Drama, Liebe, viel Sex und Verwirrung aushalten kann. Allein wegen der Erzählweise und der herausragenden Dialoge.

Wie das Fernsehen smart wurde: Abenteuer mit Netflix und Co.

Der Große mit seinem außerirdischen Kleinen: Multifunktionsfernbedienung trifft die Macht über den Fire TV Stick.
Der Große mit seinem außerirdischen Kleinen: Multifunktionsfernbedienung trifft die Macht über den Fire TV Stick.

Seid Ihr bereit? Bereit für das Unbekannte? Für eine neue Erfahrung, die alles in Frage stellen könnte, was Ihr zu wissen glaubtet? Was Ihr jetzt sehen werdet, wird euer Bewusstsein verändern… Okay, zugegeben – mit etwas Verzögerung seine Glotze smart zu machen, ist nicht ganz vergleichbar mit einer Reise in die „Outer Limits“. Aber zumindest habe ich eine Weile gebraucht, bis ich mich endlich überwunden hatte. Geholfen haben mir das gute Zureden mancher Freunde – und das inzwischen kaum mehr erträgliche Programm öffentlich-rechtlicher wie privater Fernsehsender.

Die Installation

Wie vor den meisten Entscheidungen hat das Leben auch vor das Interesse am Smart TV die sprichwörtliche Qual der Wahl gestellt. In diesem Fall lautete die Frage: Apple TV oder Amazon Fire TV Stick? Das Produkt aus dem Hause der durchgestylten Wohlfühl-Technik hat einen entscheidenden Nachteil: Es ist nicht ohne weiteres möglich, das Angebot des vermeintlichen Konkurrenten Amazon zu nutzen. Wer das möchte, muss ein Mobilgerät (Smartphone, Tablet) dazwischenschalten und dessen Inhalt quasi auf den Fernsehschirm übertragen. Da ich aber bereits Amazon-Prime-Kunde bin und der Versandhaus-Gigant offenbar weniger Probleme damit hat, auch Mitbewerber-Programme wie Netflix zu integrieren, entschied ich mich für den Fire TV Stick. Film- und Nerdkram-Blogger Torsten Dewi hatte zudem bereits die vermeintlich problemlose Installation des Amazon-Produkts gelobt, und nach wenigen Tagen lag der Stick in meinem Briefkasten.

Profis stutzen bereits jetzt: „vermeintlich“? „Nach wenigen Tagen“? Wirbt Amazon nicht damit, dass wirklich jeder den Stick zum Laufen kriegt? Und bekommen Prime-Kunden ihre Bestellungen nicht am Folgetag? Die Antwort auf beide Fragen lautet: Ja, aber… Wie die meisten Anbieter von Hard- und Software geht Amazon von idealen Bedingungen aus. Doch stellt euch vor, Ihr lebt nicht in einer komfortablen Stadt mit ihrer Infrastruktur, sondern auf dem Land. Beispielsweise in einem kleinen Dorf. Dann ist’s nämlich Essig mit all den Vorteilen, die die Werbung anpreist. Die Post braucht grundsätzlich einen Tag länger als in urbanere Ortschaften. Und da ich fast nie zu Hause bin, vergeht in der Regel ein weiterer Tag, bis ich mein Päckchen nach Hause tragen darf (nachdem ich es im örtlichen Sonnenstudio/der Post-Servicestelle abgeholt habe). Ebenfalls problematisch – und nun wird’s interessant: Mein WLAN-Netz erreicht nicht ganz jede Stelle meines Hauses. Das mag einigen eigenartig vorkommen, ist aber für uns Dorfbewohner nichts Ungewöhnliches. (Es gibt hier ganze Straßenzüge ohne Mobilfunknetz.) Solltet Ihr bereits vor dem Erwerb des Sticks ahnen, dass derartige Probleme auftreten könnten, trägt die Lösung den schönen deutschen Vornamen Fritz. Für mich jedenfalls ist ein FRITZ! WLAN Repeater die einzige Chance, den Empfangsbereich bis ins Wohnzimmer zu vergrößern.

Während der Rest der Welt also begeistert davon schwärmt, wie simpel sich der Stick einrichten lässt, erinnere ich mich an knapp eine Woche nerviges Gewurschtel. Mit Hilfe eines verwandten Informatikers brachte ich den Repeater zum Laufen, und tatsächlich ließ sich der Stick irgendwann starten. Aber obwohl das WLAN als ausreichend erkannt wurde, stieg die Hardware immer wieder aus. In diversen Foren und auch unter den Bewertungen des Fire TV Stick auf der Amazon-Seite erfuhr ich, dass ich mit meinem Schicksal nicht allein war. Ein grummeliger Tweet brachte mich in den Genuss des tatsächlich vorbildlichen Kundenservices im Hause Amazon. Mehr noch: Jemand vom geheimnisvollen, fast legendären Expertenteam im Hintergrund rief mich zurück, um meine Schwierigkeiten fernmündlich aus der Welt zu schaffen. Das Telefonat dauerte recht lange, ich bekam Ratschläge, die ich bereits im Vorfeld beherzigt hatte, und zu schlechter Letzt überraschte mich der hörbar überforderte Experte mit einem Tipp, den ich nicht erwartet hatte: „Schicken Sie den Stick doch einfach zurück.“ – „Prima, aber wie komme ich dann an Smart TV?“ – „Vielleicht mit einer anderen Hardware, der Apple-Box oder so…“ Das Gespräch wurde übrigens zur Qualitätskontrolle von seinem Arbeitgeber mitgeschnitten.

Als ich also kurz davor war, die Waffen zu strecken, kam mein verwandter Experte auf eine nahezu grandiose Idee: Amazon liefert mit jedem Fire TV Stick ein lächerlich kurzes „Verlängerungskabel“, das dazu dienen soll, den Gebrauch dadurch zu optimieren, dass der Stick etwa fünf Zentimeter vom Fernseher entfernt seiner Arbeit nachgeht, also beispielsweise auf dem Blu-ray-Player liegt statt gegen die Innenseite des Schranks zu stoßen. Mein cleverer Helfer hatte gehört, dass manche Fernseher aber wegen mangelnder Isolierung einen sauberen Empfang verhindern – und auch dagegen könne das kleine Kabel helfen: „Zu verlieren haben wir ja nix.“

Nachdem Ihr den schicken Stick und die gleichfalls ansehnliche Fernbedienung bewundert habt, werdet Ihr beim Auspacken über das armselige Kabel schmunzeln. Aber versprochen, Freunde: Im Notfall ist das die Lösung eurer Probleme. Zusammengefasst: Ich brauchte einen WLAN-Repeater, ein bisschen Gehacke durch einen Mann vom Fach und die alberne Verlängerung, um endlich, endlich den Fire TV Stick zum Laufen zu bringen. Von wegen „kinderleicht“ und „schnell“… Ab diesem Punkt allerdings erwies sich dessen Bedienung wirklich als extrem unproblematisch. (Kleine Einschränkung: Ab und an steigt das WLAN noch aus, dann braucht der gute Fritz einen einfachen Neustart. Manchmal auch zwei.)

Das Programm

Der Stick hat einige individuelle Kundendaten vorinstalliert. „Wortvogel“ Dewi beschreibt das als „datenrechtlich vielleicht ein wenig hakelig, aber komfortabel“, und dabei wollen wir es mal belassen. Das winzige Teil lässt sich ähnlich wie ein Mobilgerät mit Apps bestücken, und die Auswahl auch an Gratisangeboten ist überraschend vielfältig. Unter anderem bieten die Öffentlich-Rechtlichen ihre Mediatheken an, das Erste ist sogar mit einem Live-Stream dabei (wichtig für „Tatort“-Gucker), YouTube läuft problemlos, auch diverse Web-Radios unterschiedlicher Ausrichtungen sind am Start. Für mich besonders interessant: Netflix. (Aber damit beschäftigen wir uns natürlich noch.) Hinzu kommen ein paar eher alberne Videospiele, deren grafisches Niveau sich etwa auf dem von Web-Games bewegt.

In erster Linie ist der Fire TV Stick natürlich dazu gedacht, das Angebot seines Herstellers adäquat zu präsentieren. Man kann sicher darüber diskutieren, wie sinnvoll es ist, Amazon-Prime-Kunde zu sein: Die meisten Bestellungen sind am nächsten Tag da (oder auch nicht), und man hat Zugriff auf diverse Filme und Serien – das sind die beiden wesentlichen Vorteile. Leider ist das Filmangebot relativ überschaubar. Manniac twitterte kürzlich, Prime Video sei der Ort, „wo die Filme zum Sterben hingehen“, aber ganz so apokalyptisch sieht es nun auch nicht aus. So finden sich unter den „Gratis“-Neuheiten durchaus Blockbuster wie „Mission: Impossible – Rogue Nation“ oder Klassiker wie John Carpenters „The Thing“, übrigens meist auch in der Originalfassung. Die Serien kosten gern mal extra, im Angebot enthalten sind allerdings Eigenproduktionen wie „Transparent“ oder sehenswerte Hits wie „Vikings“. Besonders gut sortiert ist Amazon Video, was „Doctor Who“ und dessen Ableger „Torchwood“ angeht – Neueinsteiger in die Tardis sind hier bestens aufgehoben.

Aus rechtlichen Gründen ist es Amazon übrigens nicht möglich, beim Kauf einer DVD oder Blu-ray die Streaming-Fassung dazuzupacken, wie das ja bei vielen CDs und den zugehörigen mp3-Downloads gemacht wird. Warum das allerdings auch umgekehrt nicht klappt, ist mir ein Rätsel: Ich habe die zehnte „X-Files“-Staffel gegen Bezahlung online geguckt (noch am PC) und hätte mich über einen kleinen Rabatt beim Kauf der Blu-ray durchaus gefreut. Dafür findet sich unter meinen gekauften Film-Streams überraschenderweise „Deadpool“, obwohl ich ihn definitiv lediglich als Blu-ray erworben habe. Ob sich da was tut?

Meine Lieblings-App ist vermutlich die der meisten Amazon-Prime-Kunden – aber wird Netflix seinem Ruf als künftiger Platzhirsch im noch unübersichtlichen Streaming-Dschungel gerecht? Auf jeden Fall. Neben dem kaum vergleichbaren, weil breiter aufgestellten Amazon-Angebot wird es früher oder später darauf hinauslaufen, dass Netflix fürs Online-Glotzen das ist, was Tempo für Papiertaschentücher darstellt – quasi ein Synonym. Serienknaller wie „Orange Is The New Black“ oder „Marvel’s Daredevil“ sind hier ebenso zu finden wie Kinohits à la „Guardians Of The Galaxy“ oder „Der Pate“. Klar, die ganz neuen Streifen sind hier nicht sofort im Angebot enthalten – erstaunlicherweise will die Filmindustrie nach der Leinwand-Auswertung zunächst mal über den Datenträger-Markt verdienen, ehe es ins Gratis-Home-Entertainment geht. Sollte niemanden großartig überraschen.

Sowohl Amazon als auch Netflix nehmen übrigens nicht nur Serien und Filme ins Angebot auf, sondern auch immer mal wieder welche raus. Wer auf dem Laufenden bleiben will, sollte ab und an der Seite www.werstreamt.es einen Klick gönnen. Etwas nervig sind in beiden Fällen die Vorschläge und Tipps, praktisch hingegen die Menüführung und die Suchfunktion.

Das Fazit

Für mich ist lineares Fernsehen seit zwei Monaten Geschichte. Klar zahle ich brav meine Gebühren, aber das sind mir Produktionen wie „Der Tatortreiniger“ oder „Tatort“ auch durchaus wert. Sich allerdings sein Programm selbst zusammenzustellen, aus einem breit gefächerten Angebot und vor allem, wann immer man will – das sollte nicht nur Bingewatcher wie mich überzeugen.

Apropos – hier kommt noch die Liste der Serien, die ich seit Ende April dank Netflix und Amazon Video weggeguckt habe. Sie darf gerne als Empfehlung verstanden werden:

  • komplette Staffel „American Horror Story: Freak Show“
  • erste Staffel „Brooklyn Nine-Nine“
  • beide Staffeln „Marvel’s Daredevil“
  • beide Staffeln (plus Special) „Derek“
  • erste Staffel plus die halbe zweite „Fear The Walking Dead“ (wird im Herbst fortgesetzt)
  • komplette Staffel „Marvel’s Jessica Jones“
  • dritte und vierte Staffel „Orange Is The New Black“
  • erste Staffel „Parks & Recreation“
  • alle drei Staffeln „Penny Dreadful“
  • „Preacher“ (läuft noch)
  • den Rest der fünften Staffel „The Walking Dead“
  • erste Staffel „Wayward Pines“
  • Film plus Serie „Wet Hot American Summer“/“Wet Hot American Summer: First Day Of Camp“
  • erste Staffel „Z Nation“

Es kann nur eine geben!

Dieser Tage kocht mal wieder ein Thema hoch, das sich in regelmäßigen Abständen in der Serien-, Fernseh- und Filmwelt in Deutschland finden lässt. Synchronisation. Das betrifft zwar nicht nur Deutschland, sondern unter anderen auch Frankreich, Spanien und Italien, doch die Diskussion über Synchronsprecher und Synchronisationen findet in dieser Härte nur in Deutschland statt und zwar immer dann, wenn entweder ein Synchronsprecher verstirbt oder ein neuer Synchronsprecher einen alten ablöst.

Im aktuellen Fall betrifft es mal wieder David Duchovny. Der arme Mann bekommt alleine innerhalb von Akte X jetzt seinen dritten Sprecher: Sven Gerhardt. Bekannt wurde Mulder hierzulande mit der Stimme von Benjamin Völz (übrigens der Sohn von Wolfgang Völz). Neun Staffeln lang lieh Völz Duchovny seine Stimme. Dann war Pause. Und beim zweiten Akte-X-Film sechs Jahre nach Serienende schauten einige im Kino nicht schlecht, als Völz nicht mehr zu hören war. Ein schwerer Schlag in die Magengrube! Für die Rückkehr der Serie im Jahr 2016 hatten sich nicht wenige auch die Rückkehr von Herrn Völz gewünscht. Was 2008 beim zweiten Film scheiterte, gelang auch dieses Jahr nicht. Damals hatte Völz eine „zu hohe Gage“ von 20.000 Euro gefordert, die abgelehnt wurde. Auch dieses Jahr wurde nichts daraus – Völz wird Duchovny nicht sprechen. Ob es wieder am Geld gescheitert ist – man weiß es nicht. ProSieben spricht in einer Erklärung von redaktionellen Gründen. Kann man glauben, kann man auch lassen. In dieser Erklärung bezieht sich ProSieben übrigens auf eine Petition, die einige enttäuschte Fans gestartet haben. Es darf vermutet werden, dass sie erfolglos bleibt.

Insgesamt wirft das mal wieder die Frage nach der Sinnhaftigkeit von Synchronisationen auf. Es ist natürlich leichter, sich fremdsprachige Filme und Serien in der eigenen Sprache anzuhören. Vielleicht ist es zu leicht. In Schweden beispielweise läuft jede nichtschwedische Serie, jeder nichtschwedische Film im Original mit Untertiteln – und ein ganz subjektiver Eindruck ist, dass Schweden nicht nur deutlich besser Englisch sprechen (und deutlich öfter) als Deutsche, sondern dass es auch besser klingt. Sie haben ein besseres Gespür für andere Sprachen. Das, was in der Schule gar nicht geleistet werden kann, weil die meisten Lehrer ebenfalls mit Akzent sprechen, schafft der Fernseher wie von selbst. Ja, es ist vielleicht am Anfang anstrengender, Untertitel zu lesen. Ja, viele Senioren würden vermutlich überhaupt kein Fernsehen mehr gucken oder nur noch auf deutschsprachige Flachkomödien und ideenlose Heimatfilme zurückgreifen. Ja, eine Umstellung brächte einen Aufschrei mit sich. Das ginge nicht von jetzt auf gleich. Der Sprachbildung in Deutschland könnte es aber nicht schaden.

Hinzu kommt ein wesentlicher anderer Punkt: Es gibt viele Verfechter der Synchronisation, aber selbst der beste Synchronsprecher kann nicht vermitteln, was der Schauspieler gerade denkt, meint, fühlt und tut. Jede Synchronisation verliert im Vergleich zum Original. Besonders krass ist das übrigens – ein gern bemühtes Beispiel – die unfassbar miese Synchronisation von Star Trek: Voyager. Von inhaltlichen Fehlern ganz zu schweigen.

Natürlich bringt eine Franziska Pigulla eine unglaublich gute Ausgangsstimme mit. Und natürlich verliert Gillian Anderson erst einmal im Original, wenn man sie das erste Mal quietschen hört. Sie hat nun mal keine verraucht-tiefe Stimme, sondern eine hohe, sehr weibliche. Aber spätestens nach drei Folgen will man es nicht mehr anders.

Und andersrum wird es schlimm, wenn ein Sprecher jahrzehntelang einen Schauspieler oder eine Figur gesprochen hat und dann verstirbt. Beispiel: Norbert Gastell. Er ist für mich DER Homer Simpson. Vermutlich haben die meisten Deutschen angefangen, Die Simspons zu schauen, bevor es Internet oder Netflix gab – auf Deutsch. Jetzt ist Gastell verstorben, Homer Simpson bekommt eine neue Stimme. Er wird nicht mehr der alte Homer sein. Und das ist in jedem Fall eine Enttäuschung. Egal, wie wertfrei man den neuen Sprecher willkommen heißt. Gastell war hier sogar noch eine Spur spezieller und besser als Elisabeth Volkmann, die Marge gesprochen hat. Anke Engelke übernahm und macht das erstaunlich gut. Ob es dem Nachfolger von Gastell gelingt, bleibt abzuwarten.

Ein besonders krasses Beispiel ist auch die Netflix-Serie „Orange is the new Black“. Im Gefängnis leben lateinamerikanische, weiß-amerikanische, zugewanderte Insassinnen ebenso wie welche aus der New Yorker Bronx. Allein die verschiedenen Farben der amerikanischen Sprache zu hören, macht diese Serie so sympathisch. Jede ist anders, jede redet anders. Die deutsche Synchronisation kann da nicht rankommen, egal, wie sehr sie sich bemüht. Letzlich bleibt die Frage, wieso bei der Ausstrahlung von Fernsehserien nicht wenigstens der Zweikanalton genutzt wird. Er wird viel zu selten berücksichtigt. Vielleicht möchten Menschen, die ohnehin wenig Fernsehen, weil sie sich Streaming-Diensten zugewandt haben, dann wenigstens beim linearen Fernsehen die Option haben, den Ton zu wechseln.

Warum „Morgen hör ich auf“ kein neues „Breaking Bad“ ist

Quelle: ZDF

Bevor ich auch nur eine Sekunde von „Morgen hör ich auf“ gesehen hatte, hatte ich scheinbar auch schon alles gelesen, was wichtig war. Auf Twitter war man sich nach der Veröffentlichung der Ankündigung einig: „Och jo, ein deutsches ‚Breaking Bad'“. Der Inhalt im Groben: Ein Druckerei-Besitzer (Bastian Pastewka) steigt ins Geldwäsche-Geschäft ein, um die drohende Insolvenz abzuwenden.

Nun ist es vermutlich absurd, dass jemand eine Webseite mit Kritiken über Fernsehserien und Filme betreibt, der es vermeidet, Kritiken über Fernsehserien und Filme zu lesen. Ehrlich gesagt: Ich hasse Kritiken, Reviews oder wie auch immer man sie nennen mag. Sie nehmen mir den Spaß, bevor mir klar war, dass ich Spaß haben könnte. Es gibt nichts Unsinnigeres, als Kritiken zu lesen, bevor man den Film oder die Serie selbst gesehen hat. Die Steigerung davon ist das, was täglich in sozialen Netzwerken passiert: Dinge werden bewertet und kritisiert auf der Basis von NICHTS. Menschen, die noch nicht mal eine Sekunde gesehen haben, drehen ihren Daumen bereits in eine Richtung; meistens nach unten. Ich maße es mir nicht an, eine Serie zu kritisieren, die ich nicht kenne. Und Kritiken lese ich erst, wenn ich den Stoff bereits kenne. Wer meint, er bekäme mit einer Kritik einen Hinweis für sein eigenes Leben dahingehend, ob er dann überhaupt einschalten müsse, der irrt. Denn auch hinter einer Kritik steckt nur ein Mensch, der eine eigene Meinung hat, die mit allem, was man selbst schätzt oder mag, anders liegen kann. Vor Jahren schrieb ich mal eine „Tatort“-Kritik für meinen ehemaligen Arbeitgeber, eine regionale Tageszeitung. Ich verriss diesen Krimi, es war einer dieser gähnend langweiligen Filme vom Bodensee. Drei Tage nach der Ausstrahlung bekam ich eine Mail von einem Leser, der mir relativ unhöflich mitteilte, dass er froh sei, eingeschaltet und sich nicht auf mein Urteil verlassen zu haben. Ich schrieb zurück, dass mich freue, dass ihm der Film gefallen habe, aber das eine Kritik eben immer nur eine Meinungsäußerung sei – und dass DARIN jeder Mensch Experte ist. Dafür muss man nicht Dutzende Filme oder Serien über einen Zeitraum von 30 Jahren gesehen haben.

Zurück zu Pastewkas Fünfteiler: Nun muss ich dazu sagen, dass ich „Breaking Bad“ nicht besonders gut fand. Darauf folgt meistens die Frage, wie viel davon ich denn gesehen habe. Eine Staffel. Ich habe mir diesen Quark eine Staffel angetan und dann aufgegeben. Ich habe es wirklich versucht. Es gefiel mir aus einem einfachen Grund nicht: Keiner der Charaktere war sympathisch. Ich konnte mich auf keine Seite schlagen, mit niemandem mitfühlen oder vielleicht auch nur inbrünstig scheiße finden. Walter Whites Familie war einfach nur nervtötend – sollte sie ja auch sein – und Walter White selbst blieb für mein Empfinden in dieser ersten Staffel extrem blass. Vielleicht war der Charakter so angelegt, aber mir gefiel das einfach nicht. Die Serie war gut gemacht, klasse inszeniert und der Plot war neu und einzigartig, aber ich hatte meinen Zenit an Serien, in denen Antihelden zum Protagonisten gemacht werden, vielleicht überschritten.

Nun habe ich leider die erste Folge von „Morgen hör ich auf“ nicht gesehen. Gestern schaute ich dann trotzdem Folge zwei und war froh über die kurze Zusammenfassung der bisherigen Ereignisse. Und dann war ich erschrocken darüber, wie düster das ist. Ja, da gibt es auch mal Gewalt. Ja, da bleiben Fragen unbeantwortet. Die Autoren wagen einen Blick in die tiefen Abgründe eines Menschen, der droht, alles zu verlieren. Familie, Firma, Ansehen, Geld. Ja, das ist thematisch nah an „Breaking Bad“. Da hört der Vergleich für mich aber auch schon auf. Dass ein Mensch kriminell wird, um seinen Status zu bewahren, sehen wir jeden Tag in schlechten Krimiserien und im realen Leben in Unternehmen, der Politik und der Gesellschaft. Das haben nicht die Autoren von „Breaking Bad“ erfunden.

Ich finde die Reihe erstaunlich gut gemacht, überraschend düster (wie bereits erwähnt) und erfrischend schnell in der Taktung. Man hat nur fünf Folgen (zum Glück, denn nicht alles muss in acht Staffeln erzählt werden) und die haben es in sich. Auch hier schon ein gravierender Unterschied zu „Breaking Bad“, das man locker auch in einer Staffel hätte erzählen können. Nachdem ich mal gelesen hatte, was Walter White noch alles passiert war, fragte ich mich, ob es eigentlich noch haarsträubender geht. Gut, dass man hier der Erzählung von „Morgen hör ich auf“ erst mal Grenzen gesetzt hat.

Überraschend ernst und dunkel wirkt auch Bastian Pastewka. Heute, nach einer Nacht ‚drüber schlafen‘ bin ich mir nicht mehr sicher, ob ich ihn wirklich zu hundert Prozent ernst nehmen kann. Er hat nun mal einen Stempel quer über seinem Gesicht, darauf steht „witzig“ und nicht „ernst“. Ich habe keine Ahnung, ob man diesen Stempel irgendwie ausradieren kann, mir fällt es noch ein bisschen schwer, ihn zu ignorieren. Im Nachhinein ging es mir schon so, dass ich zwischendurch auf eine Pointe, ein dümmliches Grinsen oder einen lustigen Spruch wartete. Der kam nicht. Vielleicht ist es aber auch die Aufgabe des Zuschauers, diese Trennung selbst zu leisten, vielleicht ist das nicht die Aufgabe des Schauspielers. Bastian Pastewka gibt sein Bestes, seine Co-Stars ebenfalls – und das sollte man gebührend anerkennen. Ich bin froh, dass sich das ZDF an die Thematik ranwagt. Innovative Stoffe selbst zu entwickeln – davon ist das deutsche Fernsehen weit entfernt (abgesehen vom Tatort-Reiniger und Weissensee, vielleicht). Ich kann also gut damit leben, dass erst einmal eine Vorlage wirklich ansehnlich adaptiert wurde. Ich freue mich auf die kommenden drei Folgen! Das ist gute Abendunterhaltung und der deutsche Standard-Nörgler sollte mal kurz innehalten und sich fragen, was zur gleichen Zeit Annehmbares auf den anderen Kanälen im Fernsehen lief. Die Antwort ist einfach: nichts! Wie jeden verdammten Abend.

Mein Krieg der Sterne

2000px-Star_Wars_Logo.svgIch weiß, dass Darth Vader Luke Skywalkers Vater ist. Ich weiß, dass Darth Vader seltsam schwarze Kleidung trägt und offenbar kein Gesicht hat. Außerdem schnauft er beim Sprechen. Das habe ich mal aufgeschnappt, als jemand den Satz „Ich bin dein Vater, Luke“ in einem Gespräch mit einem anderen Star-Wars-Fan atmete, sehr laut atmete. Luke ist auf irgendeine Weise verbandelt mit Leia. Die Schreibweise dieses Namens kenne ich, weil Bekannte ihre Tochter Leia nannten und ich fragte, wie sie darauf gekommen seien. Es gibt irgendeine Figur, die Probleme mit der Grammatik hat. Wird sie zitiert – mir fällt der Name gerade nicht ein – dann weiß ich, es dreht sich um Star Wars, aber die Figur kenne ich nicht. Es muss irgendeinen Todesstern geben, der als Lego-Teil Fantastilliarden kostet und auf den Wunschlisten offenbar ganz oben steht. Stormtrooper habe ich auch schon mal gesehen. Ein Facebook-Freund hat dieses Kostüm und trägt das gerne mal an Halloween. Ich weiß sogar, wie Lichtschwerter aussehen – ich habe aber keine Ahnung, wer sie zu welchem Zweck und wann nutzt. Ja, und das ist genau alles, was ich über Star Wars weiß. Abgesehen vielleicht noch von der Tatsache, dass die Prequels nach den Sequels gedreht wurden und offenbar eher scheiße sind.

Nun ist die Entscheidung aber gefallen. Geliehen habe ich mir die drei ersten Teile, also die zuletzt gedrehten, bei Markus, und liegen sie jetzt bereits seit Wochen im Regal. Ich habe einfach keinen Anfang gefunden. Einfach, weil schon so viele schrieben, wie schlecht Teil I sei. Mit den Scheiben vor der Nase saß ich da und fragte mich ohnehin, in welcher Reihenfolge ich sie jetzt überhaupt in den Player schieben sollte. Erst die „alten“ Filme? Erst die Prequels? Oder doch nicht? Ich befragte die Facebook-Community hierzu und bekam neben den zwei üblichen Antworten (chronologische Reihenfolge war die erste, erst IV bis VI und dann die ersten drei Teile war die zweite) noch eine interessante dritte Variante zu hören: Ich sollte erst die Teile 4 und 5 schauen, dann 2 und 3 und schließlich 6. Teil 1 sollte ich mir schenken. Während die eingefleischten Fans von dieser Idee total verzückt waren, verstand ich natürlich nur Bahnhof. Und legte die Scheiben frustriert wieder weg.

Da jetzt aber der siebte Film in den Kinos läuft, habe ich mir erneut vorgenommen, meine Wissenslücke endlich zu schließen. Jetzt geht es also los. Und zwar in der chronologisch korrekten Reihenfolge. Markus, der immer wieder gerne mal spoilert, gab mir vor einigen Minuten noch folgenden Hinweis mit auf den Weg: „Es gibt eine Sache, von der ich Dir gerne sagen würde, dass Du sie in den Prequels ignorieren solltest, aber ich will Dich ja nicht spoilern.“ Und gerade legte er noch einmal nach: „Es gibt ja einiges, das Fans an Episode I bis III kritisieren. Aber eine Sache, bei deren negativer Beurteilung sich alle so einig sind, dass ich sicher bin, sie wird in allen künftigen Filmen totgeschwiegen. Nur soviel Kryptisches: Man muss einfach nicht ALLES erklären.“ Ich bin gespannt, was das sein wird.

Episode I

Ich bin überrascht. Der Film ist erstaunlich unterhaltsam. Ich mag Liam Neeson und ich mag den kleinen Anakin Skywalker. Leider verstehe ich den Plot nicht. Irgendwas mit einer Blockade wegen Handelszöllen (sorry, aber diese dämlichen Texttafeln laufen einfach zu schnell durch), einer beängstigend blassen Königin, die sich um ihr Volk sorgt, weil das anscheinend plötzlich verhungert, und dann sind da noch Gestalten in schwarzen Umhängen. Sith vernehme ich an einer Stelle. Ich nehme mir vor, mir das unbedingt zu merken. Eventuell brauche ich das noch. Die Figur mit dem roten Gesicht, die später Liam Neeson erschreckend leicht umnietet, erinnert mich an Darth Vader. Den kenne ich ja schon von diversen Merchandise-Artikeln. Schwarzer Umhang, Probleme mit den Bronchien, meistens schlecht drauf. So mein Eindruck.

Schon beim Gucken frage ich mich, ob dieser Handels-Plot jetzt irgendwie für die Gesamtgeschichte wichtig ist. Ich befürchte, dass es nicht so ist. Die Geschichte ist quasi Mittel zum Zweck, um Anakin Skywalker einzuführen. So meine Vermutung. Eventuell werde ich bei Teil II eines Besseren belehrt.

Dennoch kann ich all den Fans nicht zustimmen. Ich finde den Film nicht schlimm, langweilig oder entbehrenswert. Ich fühle mich gut unterhalten – und das, OBWOHL ich eigentlich die Story gar nicht verstehe.

Absolute Minuspunkte gibt es für die unglaublich billigen Effekte und für die noch billigeren Überblendungen, die mich extrem an die 70er-Jahre erinnern. Ich google zwischendurch sogar, wann der Film rauskam, um mich zu vergewissern, dass ich nicht im falschen Jahrzehnt gelandet bin. 1999. Da bin ich baff. George Lucas hat mit den „Swipes“ wirklich alles abgeschossen. Selten sowas Schlechtes gesehen. Das Gleiche gilt für die Effekte und die Animationen. Bei der Schlacht im Teletubbie-Land (ich habe den Namen der Rasse vergessen, die unter Wasser lebt, aber ich weiß, dass Jar Jar Binks zu ihnen gehört) fühle ich mich zeitweilig, als wäre ich in Wunderland, allerdings ohne Alice. Und immer wirkt es eben ein bisschen so, als würden gleich Dipsy, Tinky-Winky, Po und Laa-Laa um die Ecke gucken und winken. Teilweise schmerzt mich das vor Fremdscham so sehr, dass ich weggucken muss.

Einen weiteren Minuspunkt gibt es für das unendliche In-die-Länge-ziehen dieses Rennens. Muss das SO lang sein? Es ist doch ohnehin schon gleich klar, dass der Hauptkontrahent bis zum Schluss der größte Gegner bleiben würde, dass er vorher an Anakins Renner rummanipulieren und am Ende kurz vor dem Ziel ausscheiden würde. Bei sowas gibt es keine Überraschungen. Sowas kann man definitiv auch in drei Minuten erzählen. Wären wenigstens die Effekte gut.. naja.

Außerdem ist Jar Jar Binks unerträglich. Er ist keine 20 Minuten auf dem Schirm, da verspüre ich erstmals das Bedürfnis, ihn an seinen langen Ohren über ein Nagelbrett zu ziehen. Diesen Idioten, der dank seiner Doofheit die Welt rettet, muss es immer geben, oder? Ist das so eine Art Adam Sandler als Star-Wars-Maskottchen?

Ich bin gespannt, wie es weitergeht.

Episode II

Zur Episode II mein Fazit, bevor ich einfach kommentarlos einige meiner Kommentare während des Guckens drunterkopiere:

Der erste Film hat mir besser gefallen. Das war jetzt schon sehr dick aufgetragen. Die Schlacht in der Arena, Menschen, die sich, während sie um ihr Leben kämpfen, noch flapsig unterhalten. Verfolgungsjagden durch die halbe Galaxie… naja. Und dann noch diese unfassbar schlechten Effekte. Super Mario auf dem Fabrik-Fließband, eine Frau, die einen Mann heiratet, den sie kannte, als er quasi sechs Jahre alt war, während sie sich gar nicht verändert und nicht mal ansatzweise altert. Da komme ich nicht mehr mit. Das ist für mich gar nicht mal Science Fiction, sondern mehr Fantasy. Ja, auch Science-Fiction, aber viel zu viel Fantasy.

Hier einige meiner Live-Kommentare während des Schauens:

  • Die Anfangssequenz mit dieser Verfolgungsjagd ist ja cool gemacht, da gibt es nix. Wobei ich direkt an „Das 5. Element“ dachte. Da habe ich sowas erstmals gesehen.
  • Oh Gott, noch mehr schlecht animierte Viecher?
  • Kamino sieht aus wie aus einem Comic-Buch abgepaust, hahaha
  • Bisschen langweilig gerade *gähn* Anakin sucht seine Mutter, Obi-Wan verfolgt Django Fett. Vielleicht muss ich auch einfach ins Bett. Eben sind mir schon mal die Augen zugefallen.
  • Oh, Christopher Lee. Eventuell gucke ich doch noch zehn Minuten.
  • Sind die Klone jetzt für die Separatisten oder die Republik? Ich raffe es nicht. Dieser Fett-Typ war an der Klon-Entstehung beteiligt, konspiriert aber mit den Separatisten? Mir ist das alles zu verworren.
  • Hahaha, und jetzt sind wir mitten in einem Super-Mario-Spiel. Könnte auch MarioKart sein. Fehlt nur noch die Bananenschale. Padme muss auf einem Laufband durch schnell herabfallende Stempel springen. Geil.
  • Die Szene mit C3PO ist allerdings sehr witzig. Erst kriegt er den Kopf abgeschlagen, der landet dann auf einem Druiden-Körper und sein Körper bekommt einen falschen Kopf und er kommentiert es mit „I am so confused“.
  • Was zur Hölle ist das denn für eine Spielzeugfabrik für Riesen-Kinder?

Und später in der Arena:

  • Hübsche Tierchen
  • Asterix und Obelix fehlen noch. Nein, Moment, Obi-Wan und Anakin SIND Asterix und Obelix!
  • C3PO saves the day! „This is a terrible mistake.“ „Die, Jedis, die. Oh, what did I say?“
  • Christopher Lee flieht auf einem fliegenden Roller – ohne Helm!

Man liest sicher schon: Ich gehe da mit einer gehörigen Portion Abstand ran. Ich bin ja kein Fan und habe diese Filme noch nie gesehen. Die Schlacht in der Arena am Ende war einfach zu viel. Vielleicht auch deshalb, WEIL sie so schlecht gemacht war. Wenn ich an jedem Pixel erkenne, dass die Tiere aus dem Computer kommen, kann ich es noch weniger ernstnehmen als ohnehin schon. Und als Star-Trek-Fan bin ich wirklich einiges gewohnt!

Außerdem verstehe ich wie schon in Teil I den Plot nicht. Worum geht es eigentlich? Es wirkt teilweise, als hätte man zwanghaft eine Geschichte um die Figuren herumkonstruiert, damit diese dann daran entstehen und wachsen können, weil sie ja offenbar für die späteren Filme wichtig sind. Ich bin teilweise inhaltlich wirklich überfordert, manches geht auch zu schnell.

Episode III

Wow! Nach 20 Minuten weiß ich bereits: Das ist mein Lieblingsteil dieser Trilogie. Welch ein Tempo da vorgelegt wird. Die Schlachtszenen aus dem All sind großartig. Hier sind die Effekte deutlich besser als in den Vorgängern. Ich bin total gefesselt und freue mich wie ein kleines Kind auf diesen Film. Nach 40 Minuten habe ich noch kein einziges Mal vor Fremdscham, Langeweile oder Ärger geöchzt. Ich bin immer noch total gebannt. Und Padme äußert hier schon etwas, das mich seit Beginn des Films, als der Kanzler Anakin quasi nötigt, Dooku zu töten, beschäftigt und gedanklich umtreibt: „Was, wenn die Republik eben zu jenem Bösen geworden ist, das wir bekämpfen wollen?“ Ja, so ist es wohl. Ich habe ein bisschen Angst um Anakin. Und denke mir… wenn die Frau wirklich bei der Geburt sterben sollte, dann ist der Jung‘ verloren. Mir ist seit Teil II, als Anakin seinen Arm verliert, klar, dass er zu Darth Vader wird. Ich weiß nur noch nicht, wieso und wie. Doch spätestens hier fallen ein paar Groschen. Ich frage mich zwar zuerst, wie er denn der Auserwählte für die Jedi sein soll, wenn ihn Hass und Zorn innerlich eigentlich zerfressen, aber ich warte mal ab. Dann wiederum wundere ich mich, dass Yoda offenbar etwas ahnt, aber nicht einschreitet? Wieso nicht? Und kurz darauf geht mir auf: Anakin wird böse, um Padme zu retten, damit er sich nicht verliert bzw. verlorengeht.

Zum ersten Mal verstehe ich den Plot. Ich habe mehr als nur eine Ahnung, was hier eigentlich vor sich geht. Was ich nicht ahne: dass der Kanzler ein Sith-Lord ist. Als mir das deucht – erstmals, als Anakin den Kanzler besucht und der in einem komplett schwarzen Raum sitzt (war vielleicht etwas SEHR auffällig, Herr Lucas) – stöhne ich dann doch mal kurz auf.

Dann tauchen erstmals diese haarigen Riesenmonster auf, die ich von den Postern kenne. Mein spontaner Kommentar: „Huch, sehe ich da zum ersten Mal das haarige Riesentier, mit dem Gillian Anderson letztens gekuschelt hat? Hab mich schon gefragt, wann der auftaucht. Oh, VIELE haarige Riesentiere.“

Dann gibt es noch eine gruselige Szene. Als Anakin Padme Bericht erstattet. Denn so wie Anakin das Geschehen gegenüber Padme darstellt, gibt das fast Sinn. Wie gruselig. Und wie verblendet der ist. Mir tut er leid. Ich weiß gar nicht wohin mit meinem Mitgefühl. Und dann dieses Paradoxon. Zu Beginn hat Anakin Visionen von Padmes Tod – dass diese Wahrheit werden, tritt vermutlich ja nur dadurch ein, DASS er den Weg zur dunklen Seite beschritten hat. Wie ironisch, wie bitter.
Die Schlacht im, am und um das Feuer ist mir dann doch etwas zu viel des Guten. Das sieht unrealistisch aus, das gefällt mir nicht, das ist wirklich einfach zu viel. Und obwohl ich jetzt weiß, dass Darth Vader (der für mich übrigens immer Anakin bleiben wird) Luke Skywalkers Vater ist, bin ich doch immer noch sehr gespannt, wie er das erfährt und wieso. Ich kann es kaum abwarten, Teil IV einzulegen.