Mal im Theater..

Wer meine bisherigen Beiträge gelesen hat, weiß, dass ich vermutlich der größte Akte-X-Fan bin. Grund genug, sich Schauspielerin Gillian Anderson mal im Theater anzugucken. Seit Juli – und bis Ende September – spielt sie im Young Vic Theater in London die Blanche DuBois in „A streetcar named desire“ – besser bekannt als „Endstation Sehnsucht“ – von Tennessee Williams.

10575181_10204767084763018_1105376302167190234_oIch kannte das Stück nicht und hatte mich vorher auch nicht informiert. So war mir natürlich auch nicht klar, dass das Stück in den Südstaaten der USA spielt und Blanche DuBois alias Gillian Anderson einen derart breiten Slang spricht, dass man kaum ein Wort verstehen würde. Was Akzente und Dialekte angeht, scheint Frau Anderson ohnehin ein Talent zu haben. In London geboren, in den USA aufgewachsen – oder umgekehrt – switcht sie, wie es ihr passt. Dass sie auch noch Südstaaten-Englisch spricht  – ich sage nur: Kaaaauuugummiii-Englisch – ist beachtlich. Das macht sie nämlich derzeit in diesem Theater so gut, dass selbst die Briten sie kaum verstehen. So ging es mir also an Abend 1  auch. Ja, wir haben uns das Stück zweimal hintereinander angesehen. Ich verstand kein Wort, dachte mir die Zusammenhänge und begriff dennoch irgendwie die Handlung.

Anderson gibt eine derartig überzeugende DuBois, dass es einen fast aus den Socken haut. Sie trinkt, sie lamentiert, sie ist eitel, arrogant, gut gekleidet, aber bettelarm – nie verliert sie ihren Stolz. Auch am Ende nicht, als sie – schon mitten im Wahnsinn – von der Bühne geführt wird. Vielleicht ist Gillian Anderson eine der am meisten unterschätzten Schauspielerinnen auf diesem Planeten. Warum ihr der Hollywood-Ruhm nicht vergönnt war, lässt sich höchstens darauf zurückführen, dass sie vielleicht knapp mehr als 1,50 Meter misst. Andere Gründe fallen mir nicht ein.

Interessant im Young Vic Theater übrigens: Die Bühne ist in der Mitte, die Zuschauer sitzen drumherum. Auf der dieser runden Bühne ist ein Rechteck installiert, das sich während der gesamten Vorstellung dreht. So bekommt jeder Zuschauer gleich viel Einsicht auf die Charaktere, die dargestellten Räume und die Requisiten. Eine wunderbare Idee! Die Schauspieler laufen teilweise so nahe am Publikum vorbei, dass man mittendrin ist. Und als Gillian Anderson am Ende die Bühne verlässt, tut sie das erst nach einem Rundgang über die Bühne – bei dem sie Augenkontakt mit den Zuschauern sucht, sich aber keine Emotion entlocken lässt.

Fotos durfte man während der Vorstellung leider keine machen, so lässt sich schwer erklären, wie gut sie ist. Nicht unerwähnt bleiben darf der Fakt, dass sie sich während der kompletten 3:15 Stunden etwa ein halbes Dutzend Mal umzieht und halbnackt auf der Bühne steht. Ja – auch in dieser Hinsicht hat sie was zu bieten.

Am zweiten Abend ging es mit dem Verständnis des Gesprochenen übrigens deutlich besser. Spricht es nicht für eine britische Schauspielerin, dass sie einen Südstaaten-Akzent so breit sprechen kann, dass ihre eigenen Landsleute sie nicht mehr verstehen? Ich glaube schon.

Wer sich Gillian Anderson oder andere Lieblings-Schauspieler schon immer mal auf der Bühne ansehen wollte, sollte das dringend tun. Zuletzt habe ich das 2007 gemacht, als Patrick Stewart als MacBeth in London auf der Bühne stand – auch das war ein unvergesslicher Abend. Eher zu vergessen war das Treffen am Bühneneingang hinterher. Der Mann ist so klein, das hat diverse Illusionen meiner Jugend zerstört.

Gillian Anderson ist übrigens auch klein, kam nach den Shows in den Eingangsbereich des Theaters und schrieb fleißig Autogramme. Sehr nette Person, sehr bescheiden, sehr freundlich. Anbei ein Bild der Schreibsession.

Wie die Dame es mit zwei kleinen Kindern schafft, 2,5 Serien zu drehen, Theater zu spielen und nebenbei ein Buch zu schreiben: KEINE Ahnung!