2017 – so war’s / 2018 – so wird’s

Rück-Sicht

2017 liegt in den letzten Zügen – es ist die beschauliche Zeit des Jahres, in der man einen Blick zurück wagt. Und einen nach vorn. Ähnlich wie sein Vorgänger war das ablaufende Jahr nicht besonders aufregend, was Film und Fernsehen angeht. Fast könnte man nörgeln: solide. Aber gehen wir ruhig mal ins Detail (die ausführlichen Rezensionen sind wie immer verlinkt)…

Ich habe diesmal relativ viele vorgebliche „Pflichtfilme“ ganz bewusst ausgelassen. Dazu gehörte selbstverständlich „Wonder Woman“, weil mir DC spätestens mit „Suicide Squad“ endgültig den Spaß an seinen hilflosen Versuchen, ein neues Kino-Universum zu etablieren, ausgetrieben hatte. Angeblich habe ich dadurch wirklich was verpasst. Aber mein wohlmeinender Besuch von „Justice League“ ließ mich daran zweifeln. Endgültiges Aus für die Unterhosen-Fraktion aus dem Hause „Detective Comics“ von meiner Seite (und wohl auch von offizieller).

Marvel-Fan fürs Leben – und stolz darauf: Vor allem „Logan“ machte mir das dieses Jahr sehr einfach. Der letzte Film mit Hugh Jackman in der Titelrolle zeigt Wolverine endlich als das, was er in den Comics seit Jahrzehnten ist: ein Einzelgänger, ein Antiheld und doch der letzte Aufrechte, wenn es hart auf hart kommt. „Deadpool“ sei Dank gehen Superheldenfilme eben auch mit etwas mehr Blut und Eingeweiden. Hoffen wir, dass sich daran nicht allzu viel ändert, wenn Marvel (alias Disney) von Fox übernimmt.

Denn das war auf den letzten Metern meine persönliche Nerd-Nachricht des Jahres: Dank dieser Übernahme werden die X-Men und die Fantastic Four endlich Teil des Marvel Cinematic Universe. Ohnehin MCU: „Guardians Of The Galaxy Vol. 2“ machte mich glücklich, „Spider-Man: Homecoming“ zumindest zufrieden, und dank „Thor: Tag der Entscheidung“ zog Ironie in die Welt der kaputten Helden ein. Alle drehten sie das Rad des größten Film-Projekts der Geschichte souverän weiter. Wer bin ich, mich darüber zu beklagen?

Grundsätzlich blieb Hollywood auch im vergehenden Jahr seinem Hang zu Fortsetzungen und Reboots treu. So erfuhr der Alien-Mythos nach dem vergurkten „Prometheus“ (2012) dank „Alien: Covenant“ einen erfreulichen Schubs zurück in Richtung Horrorfilm. „Kingsman: The Golden Circle“ setzte gut gelaunt dort an, wo der erste Teil wuchtige Spuren hinterlassen hatte. Und „Planet der Affen: Survival“ schloss (vorläufig) eine der besten Trilogien der vergangenen Kinojahre ab. Cleverer geht Science Fiction kaum.

Das wurde dem Zuschauer auch schmerzlich bewusst, wenn er sich „Valerian – Die Stadt der tausend Planeten“ ansah. Die titelgebende Weltraum-Metropole ist zwar unterhaltsam in Szene gesetzt, wegen der mediokren Hauptdarsteller und der eher flachen Story wurde aus dem angekündigten Meisterwerk allerdings eher Mittelmaß.

Als kleiner, aber sehr feiner SF-Film hingegen erwies sich „Passengers“. Sollte man gesehen haben, wenn man sich hinterher die Köpfe heiß diskutieren möchte. Denn dazu ist die Story bestens geeignet (und das ist ein Lob).

Zwei weitere Versuche, eine eigenes Film-Universum à la MCU auf den Weg zu bringen, endeten unterschiedlich. Während „Kong: Skull Island“ nach der relativ schwachbrüstigen „Godzilla“-Neuauflage von 2014 durchaus mit Action und Schauwerten zu punkten wusste, wurde der Neuaufguss von „Die Mumie“ auch und gerade wegen Tom Cruise zum Rohrkrepierer. Das Ergebnis lautet 1:0 für die Riesenmonster – aus der Reihe um die klassischen Universal-Ungeheuer wird vorerst nichts.

Die größte Fortsetzung des Jahres war selbstredend „Star Wars: Die letzten Jedi“ – wenngleich Teil zwo der dritten Trilogie die Fans spaltet. Mich ließ er nach anfänglicher Skepsis schlicht begeistert zurück, andere jedoch können mit der Neuausrichtung der Saga nichts anfangen. Mutig ist der Film allemal – und damit eigenständig in einer Flut von Streifen, die eher auf Nummer sicher gehen.

Zwei Kinofilme habe ich mir erst später über die einschlägigen Streaming-Dienste angeguckt: „John Wick: Kapitel 2“ ist gekonnte Arthouse-Action wie das erste Kapitel, „Life“ längst nicht so schlecht, wie er mitunter gemacht wird – stellt euch vor, „Das Ding aus einer anderen Welt“ trifft auf „Das Kondom des Grauens“…

Damit (mit den Streaming-Diensten, nicht mit dem Kondom) sind wir auch schon beim Fernsehen – das für mich nach wie vor nicht mehr linear stattfindet. Gefühlt habe ich die Hälfte des Jahres vor der Glotze verbracht und dabei ausgetestet, wo die Grenzen von Amazon Video und Netflix liegen. Was einige überraschen wird: Man erreicht sie erstaunlich schnell. Letztlich besteht das (Standard-)Angebot beider Dienstleister aus lange bekannten Filmen und den erfolgreichsten Serien. Soll heißen: Cineasten entdecken kaum Neues, wer jedoch gerne in Archiven wühlt, wird unter Umständen belohnt.

Übrigens gelingt es mir gedanklich kaum noch, die beiden Anbieter meiner Wahl zu unterscheiden. Anders als im Fall klassischer Fernsehsender ist dies für mich einfach „das“ neue Fernsehen. Mit kleinen Einschränkungen: Hin und wieder klicke ich mich durch die Mediatheken der Saurier, ich habe zwei günstige Zusatzkanäle bei Amazon gebucht, und die populären Eigenproduktionen habe ich auch (buchstäblich) auf dem Schirm.

In Sachen Bekanntheitsgrad vorne mit dabei: „You Are Wanted“. Wie erwartet hielt der Mehrteiler dem Hype nicht stand – Stangenware statt Ereignis. Auch zwei schrägere Serien enttäuschten mich, die eine mehr, die andere weniger: „American Gods“ habe ich nach wenigen Folgen aufgegeben – zu plump, pompös und langweilig kam die Geschichte daher. Die freudig erwartete Fortsetzung von „Preacher“ hingegen wollte ich so gut finden wie die erste Staffel. Das gelang mir leider nur teilweise: Es ist schlicht unverständlich, warum etwas, das so sehr für ein Road Movie prädestiniert ist, derart in Stagnation erstickt wird. Da wäre mehr drin.

Auch mit „Orange Is The New Black“ haderte ich, unter anderem wegen der ungewohnten Erzählart der aktuellen Staffel. Kirsten konnte das nicht recht glauben und hatte ihrerseits Probleme mit dem vieldiskutierten Drama „Tote Mädchen lügen nicht“ (auch mit dessen deutschem Titel) sowie den wandernden Toten. Und in der Tat: Staffel 7 von „The Walking Dead“ darf getrost als Tiefpunkt der Zombie-Serie angesehen werden, die sich allerdings mit der aktuellen Season 8 souverän erholt. Eventuell sollten die Macher hinter den Kulissen mal ein Praktikum bei den Verantwortlichen der Tochterserie machen: „Fear The Walking Dead“ nahm nämlich ordentlich Fahrt auf und bot einige der besten Folgen des gesamten Franchise.

Als quicklebendig erwies sich „Sherlock“, von allen geliebt, von mir jedoch mittlerweile leicht skeptisch beäugt. Doch das (derzeitige) Finale der Reihe erwies sich als komplexe und kluge Abenteuergeschichte voller raffinierter Wendungen und verschaffte den „Baker Street Boys“ den erhofften großen Abgang. Ebenfalls ein Liebling der Massen: die Retro-Mystery „Stranger Things“, die in der zweiten Staffel eisenhart die Geschichte der erfolgreichen ersten aufwärmte. Großartige Unterhaltung, klar – aber beim dritten Mal darf es gerne wieder etwas origineller werden.

Durchaus originell kommt „Star Trek: Discovery“ daher, mit dem nach zu vielen Jahren eine der erfolgreichsten Science-Fiction-Geschichten aller Zeiten auf den Bildschirm zurückkehrte. Unser Vier-Augen-Test fiel begeistert aus, bei näherem Hingucken tauchten jedoch erste Fragen auf – und davon viele. Trotzdem: Dranbleiben lohnt sich. Das wird schon.

Regelmäßige Leser und alle, die diesen Beitrag von Anfang an verfolgt haben, kennen meine unsterbliche Liebe zum MCU. Und tatsächlich hatte ich weder über „Iron Fist“ noch über „The Punisher“ viel zu meckern. Dass „The Defenders“ mich gleichfalls großteils begeisterten, überrascht da niemanden mehr.

Zwei kleine Geheimtipps: Im Film „David Brent: Life On The Road“ erzählt der große Ricky Gervais die Lebensgeschichte seiner titelgebenden Figur nach dem Ende der Serie „The Office“ (dem Original zu „Stromberg“) weiter. Aus dem Schreibtischtäter ist ein erfolgloser Vertreter geworden, der verzweifelt versucht, seinen Traum von einem Leben als Rockstar zu verwirklichen. Das Ganze ist saukomisch, tieftraurig und bricht sämtliche Rekorde im Fremdschämen.

Ähnliches gilt für „Wet Hot American Summer“, einen Film, der nicht ganz leicht zu beschreiben ist. Also: In dieser Parodie der amerikanischen Teenage-Klamotten der späten 70er und frühen 80er aus dem Jahr 2001 stellen erfolgreiche Schauspieler und Komiker wie Amy Poehler und Paul Rudd die kaum volljährigen Bewohner eines Feriencamps dar. Das Prequel „Wet Hot American Summer: First Day Of Camp“ wurde 14 Jahre später gedreht und behandelt als Serie (!) den ersten Tag (!) der Sommerferien. Und der im Folgejahr veröffentlichte Achtteiler „Wet Hot American Summer: Ten Years Later“ spielt – ganz genau – zehn Jahre später, also in den 90ern. Wer jetzt noch mitkommt, sollte sich das unbedingt anschauen – absurder und unterhaltsamer geht’s eigentlich nicht.

Vor-Sicht

Nachdem wir uns bei der Rückschau durch mein wirres Kleinhirn gearbeitet haben, gehen wir den Blick in die Zukunft mal etwas strukturierter an. Was bringt das neue Jahr?

Januar: Na endlich! Als alter Pastewka- und „Pastewka“-Fan halte ich es kaum noch aus bis zum 26. Januar. Dann nämlich hat Amazon Video alle zehn Folgen der brandneuen achten Staffel im Programm. Gut so, denn die Staffeln 1 bis 7 kann ich längst mitsprechen. (Wahre Fans haben nämlich das Mitspracherecht. ‚tschuldigung.) Ebenfalls mit Spannung erwartet (und das natürlich auch von Kirsten): die neuen Folgen von „The X-Files“. Hoffen wir, dass Chris Carter die Schwächen der vergangenen Season ausbügelt – bereits ab 3. Januar wissen wir mehr.

Februar: Ab ins Kino – das MCU wird am 15. Februar mit „Black Panther“ fortgesetzt. Da Hollywood nach wie vor erschreckend rassistisch ist, sind Thema und Cast eine durchaus mutige Wahl. Ich freu mich drauf und erwarte wie immer Großes. Nachdem man „Hellboy“ aus Guillermo del Toros verzweifelten Fingern gewunden hat, macht dieser einfach quasi seinen eigenen Ape-Sapien-Film: Der Trailer von „Shape Of Water“ sieht beeindruckend aus, die Story klingt interessant, der 15. Februar wird also noch einmal unterstrichen.

März: Am 15. März kehrt Lara Croft auf die Leinwand zurück. Nach den beiden relativ schwachen Verfilmungen mit Angelina Jolie erscheint alles, was man bislang vom neuen „Tomb Raider“ sehen konnte, ungleich besser. Am 29. März startet Steven Spielbergs „Ready Player One“, zu dem wir mal den Trailer sprechen lassen:

April: Die Geschichten um Marvels Mutanten sind ja seit jeher komplett verworren und unsortiert, was ihre Verfilmungen angeht. Ab 12. April läuft nun „X-Men: The New Mutants“, der drei Probleme mit sich bringt: Das Franchise dürfte nach der Übernahme durch Disney in den letzten Zügen liegen, kaum jemand außer uns Comic-Nerds kennt die Titelhelden, und das Ganze soll ungewöhnlicherweise ein Gruselfilm werden. Hatte ich eigentlich mal meine Begeisterung für das MCU erwähnt? Keine Frage, dass ich am 26. April im Kino sitze, wenn endlich „Avengers: Infinity War“ zu sehen ist, der erste große Höhepunkt der Saga! (Und ziemlich sicher der erfolgreichste Film des Jahres 2018.)

Mai: Da kann nicht mal „Solo: A Star Wars Story“ mithalten, der zweite „kleine“ Sternenkriegsfilm nach „Rogue One“. Am 24. Mai ist Starttermin für Han, Lando und den „Falken“. Nette Dreingabe: die Videospiel-Verfilmung „Rampage“ ab 10. Mai. Riesenaffe! Riesenechse! Riesenwolf! The Rock!

Juni: Apropos Videospiel: „Jurassic World: Das gefallene Königreich“ hat einen Trailer, der sehr an „Dinorun“ erinnert. Trotzdem werden wieder viele ab dem 21. Juni in die Lichtspielhäuser pilgern, um sich den mittlerweile fünften Teil der Saurierreihe anzugucken.

Juli: Am 5. Juli geht es schon weiter mit dem MCU, wenn „Ant-Man And The Wasp“ die Geschichte um Ameisenmann Scott Lang fortsetzt.

November: „X-Men: Dark Phoenix“, der zweite Film um Marvels Mutantentruppe in diesem Jahr, läuft am 1. November an und dürfte das Ende dieser Interpretation einläuten. Schade, aber schön.

Die Rückkehr der Gänsehaut: Warum „Die letzten Jedi“ die Rettung für „Star Wars“ ist

Die Erste Ordnung hat die Galaxis übernommen. Dem Widerstand ist es nicht gelungen, die Nachfolger des Imperiums aufzuhalten. Im All herrschen Unterdrückung und Dekadenz – es sind düstere Zeiten, Kriegszeiten, Zeiten der Verzweiflung. Auch auf Seiten der einstigen Allianz, die sich wieder in die Rolle der Rebellen gedrängt sieht. Die abenteuerlustige Waise Rey (Daisy Ridley) hat auf der Suche nach ihrer Bestimmung den letzten Jedi-Meister Luke Skywalker (Mark Hamill) aufgesucht, in der Hoffnung, Antworten auf die Frage nach ihrer Herkunft zu finden und den verbitterten Veteranen dazu zu bewegen, sich dem Widerstand unter der Führung seiner Schwester Leia (Carrie Fisher) anzuschließen. Der einstige Stormtrooper Finn (John Boyega) macht sich unterdessen – getrieben von seiner Sorge um Rey – auf einen Alleingang, wobei er auf die tapfere Mechanikerin Rose (Kelly Marie Tran) trifft. Und Pilotenass Poe (Oscar Isaac) stellt fest, dass es im Kampf gegen den übermächtigen Gegner nicht immer gut ist, auf seinen Hitzkopf zu hören. Alle drei Helden gehen ihren Weg, zunächst getrennt, später vereint – um zu erkennen, dass nicht alles so klar ist, wie sie hofften. Dass die Grenzen zwischen der dunklen und der hellen Seite der Macht verschwimmen. Und bis jeder endgültig versteht, wer auf wessen Seite ist, will manch bittere Lektion gelernt sein.

Willkommen zurück in der fernen Sternenwelt, in der vor langer Zeit ein ewiger Krieg den Weltraum erschütterte. Nachdem J.J. Abrams vor zwei Jahren erfolgreich alte und neue Anhänger vereint hat, indem er der Sternensaga ein Kapitel hinzufügte, das mehr als einmal an frühere Geschichten erinnerte, waren Fans in aller Welt durchaus angespannt. Wie würde die Story weitergehen? Wie lauten die Antworten auf die drängenden Fragen, mit denen uns die Cliffhanger von „Das Erwachen der Macht“ zurückließen? Und wird es Star Wars schaffen, uns noch einmal zu überraschen, oder verkommt das Epos gar zur wohligen Familienunterhaltung?

Ganz ehrlich: Ich war skeptisch, sehr skeptisch sogar. Nichts, aber auch wirklich gar nichts, was über die Handlung von Episode 8 bekannt wurde, war dazu angetan, mich zu begeistern. Nach dem letzten Trailer vor dem Kinostart hatte ich sogar die Sorge, eventuell enttäuscht zu werden. Das sah doch verdächtig nach „Das Imperium schlägt zurück“ aus. Wo blieb die Spannung zum Drama, das Abenteuer zum Bombast? Ich glaubte, zu wissen, was mich erwartet – und das wirkte langweilig.

Doch in Wahrheit wusste ich gar nichts.

Selten hat ein Trailer das potenzielle Publikum so sehr auf die falsche Fährte geführt. Noch nie hat es ein etabliertes Franchise geschafft, seine Anhänger derart zu überraschen. Und niemals zuvor wurde eine über mehrere Filme ausgedehnte Geschichte so konsequent weitergedreht, hat sich gleichzeitig auf links gezogen und erneuert, um sich dann doch selbst treu zu bleiben. Dieser Film hat mich daran erinnert, warum ich seit meinem vierten Lebensjahr Star-Wars-Fan bin. Und weshalb ich das immer bleiben werde.

Es ist schlicht nicht möglich, diese kryptisch skizzierte Euphorie in Worte zu fassen, ohne zuviel über die Handlung zu verraten. Deshalb nur soviel: Regisseur und Drehbuchautor Rian Johnson („Looper“) nimmt sich sämtliche Versatzstücke und Klischees der Saga vor, sogar den Hype, den sie im realen Leben verursacht, um sie entweder ironisch zu brechen oder mit lautem Krachen in ihre Bestandteile zu zerlegen. Weil er dabei die klassischen Definitionen von Gut und Böse deutlich in Frage stellt, modernisiert er den Sternenkrieg, ohne ihm dabei seinen Charme oder seine Atmosphäre zu nehmen. Der Mann ist selbst Fan – das merkt man jeder Minute dieses Meisterwerks an. (Und es sind einige Minuten. 152, um genau zu sein. Aber es sind epische, sehenswerte Minuten.) Was wir sehen, holt uns ab, um uns dann an Orte zu bringen, an denen wir noch nicht gewesen sind. Wir können die Verwirrung der drei (eigentlich vier) neuen Helden nachvollziehen, wir verstehen auch die Beweggründe für das Handeln ihrer alten Wegbereiter, selbst die Antagonisten bekommen neuen Schwung. Vor allem das letzte Drittel von „Die letzten Jedi“ ist ein Festival der Twists. Und alle funktionieren sie, passen perfekt zusammen, ergeben am Ende ein großes Ganzes. Wer bei der letzten Szene keine Gänsehaut bekommt, ist vermutlich klinisch tot.

Jeder der Protagonisten hat seinen heroischen Moment, seine ganz besondere Situation, die er auf jene Weise durchlebt, für die wir ihn lieben. Mein Favorit ist Finn, der „Fehler im System“, der unfreiwillige Held zwischen den Fronten. Er hat einen der besten Dialoge des gesamten Franchises. Fisher (in ihrer letzten Rolle) und Hamill sind die perfekten gealterten, vernarbten, weisen Schlachtrösser. Beide strahlen diese ganz besondere Würde aus, die das Produkt auch harter Zeiten ist, die überstanden werden mussten.

Schlachten zwischen den Planeten, Duelle mit dem Lichtschwert, bizarre Kreaturen, die Musik von John Williams… keine Sorge, das ist alles da. Aber dazu gibt es noch so viel mehr. Dies ist ein beeindruckendes Gesamtkunstwerk. Der beste Film des Jahres. Und (mir ist bewusst, was ich damit sage): „Die letzten Jedi“ ist der beste Star-Wars-Film seit „Eine neue Hoffnung“ (der für mich immer „Krieg der Sterne“ heißen wird).

Weil er mit Erwartungen bricht, wo der (historisch) erste Film der Reihe noch keine voraussetzte. Weil er seine Zuschauer in ein Abenteuer zieht, das der erste Film erfunden hat. Weil er sich der Tradition des ersten Films voll bewusst ist. Weil er Star Wars buchstäblich lebt und atmet und damit rettet, und weil das mehr ist, als wir erwarten durften.

Und weil das hier im Grunde noch immer eine Geschichte um Freundschaft und Zusammenhalt ist, in der das Böse übermächtig ist, aber das Gute niemals aufgibt.

Nach dem Regen: Die „Justice League“ reißt’s nicht raus

Superman (Henry Cavill) ist tot. Der Mann, der nach der Zerstörung einer halben Großstadt mit ungezählten Opfern zum Idol für die Welt wurde. Der Held, den alle verehrten, nachdem man ihm aus diffusen Gründen eine Schießerei in Afrika vorgeworfen hatte. Am meisten trauert natürlich Batman (Ben Affleck), schließlich hatte er versucht, den Mann aus Stahl zu töten, war aber in dessen letzten Lebensminuten dessen bester Freund geworden, weil ihre Mütter den gleichen Vornamen hatten. Auf der Heimatinsel von Wonder Woman (Gal Gadot) taucht derweil der Computerspiel-Level-Endgegner Steppenwolf (vermutlich Hesse- oder Maffay-Fan, auf jeden Fall aber born to be wild) auf und sucht drei MacGuffins, die aussehen wie der Tesserakt aus dem ersten „Avengers“-Film. Die Amazonen versuchen, einen davon zu retten, scheitern aber trotz aller Mühe. Kein Wunder: Im Rückblick sehen wir, dass der mittelmäßig animierte Grafikbösewicht vor einiger Zeit ein ganzes Heer aus Amazonen, Atlantern, Green Lanterns und Göttern (die sicher nicht grundlos aussehen wie Shazam) niedergemacht hat. Das ist allerdings tausend Jahre her.

Etwa genau so lange brütet der Fledermausmann über einem überschaubar cleveren Plan, den er nun endlich in die Tat umsetzt. Nachdem er und Prinzessin Diana in „Batman V Superman“ streng geheime Daten über andere übernatürlich begabte Zeitgenossen gestohlen haben und er sich zur Sicherheit das Ganze in „Suicide Squad“ nochmal in gedruckter Form besorgt hat, sammeln sie nun endlich ihre drei künftigen Heldenkollegen ein. Arthur Curry – „der“ Aquaman (Jason Momoa) – und Victor Stone (Ray Fisher), ein Cyborg, haben allerdings zunächst kein großes Interesse an einer Zusammenarbeit. Der leicht autistische Barry Allen (Ezra Miller), der sich mit Lichtgeschwindigkeit bewegen kann, ist begeistert, betont jedoch ständig seine Zweifel am Gelingen der Mission.

Natürlich raufen sich alle fünf Verbrecherjäger letztlich zusammen, erkennen aber, dass Steppenwolf ungeachtet seines debilen Namens und seines albernen Aussehens ein unbesiegbarer Gegner für sie ist. Also basteln sie irgendwas aus einem der MacGuffins, dem kryptonischen Raumschiff und einem Blitz, den Barry bei Start erzeugt, und erwecken – milder Spoiler – Superman zu neuem Leben. Unser strahlender Champion setzt nahtlos an, wo er aufgehört hat, und schrottet erstmal ein Polizeiauto, ehe er seine neuen Freunde vermöbelt. Erst sein trauerndes Liebchen Lois Lane (Amy Adams) schafft es, den verwirrten Alienkrieger zu beruhigen: Sie nennt ihn in Gegenwart eines Cops bei seinem irdischen Vornamen und küsst ihn. Goodbye, Geheimidentität! Welcome, finale Schlacht gegen die finsteren Heerscharen!

Ihr merkt es: Ich kann „Justice League“ nicht ernst nehmen. Zuviel wurde durch die gurkigen Vorgängerfilme kaputtgemacht – vor allem „Dawn Of Justice“ hat sich als einer der schlechtesten Filme aller Zeiten etabliert und endgültig dafür gesorgt, dass das Kino-Universum aus dem Hause DC nicht aus dem Quark kommt. Sowie nebenbei die beiden Hauptcharaktere irreparabel beschädigt. Das Interessante: Die Macher hinter den Kulissen wissen das. Offenbar haben sie jeden fiesen Verriss gelesen, jedes gemeine YouTube-Video gesehen – und dann versucht, daraus zu lernen. Dass Regisseur Zack Snyder wegen eines privaten Schicksalsschlags auf halber Strecke durch Marvel-Überläufer Joss Whedon ersetzt wurde, scheint dieser Idee in die Karten gespielt zu haben. Man sieht die Lötstellen überdeutlich: Whedon kann Humor und Pathos, beides braucht ein Superheldenfilm. Und sein mühevolles Engagement hat den ursprünglich mal wieder düster geplanten Streifen zumindest auf ein mediokres Hellgrau gehievt.

Da der Film schon eine Weile im Kino zu sehen ist, gibt’s hier ausnahmsweise ein paar Spoiler als Beispiele. Here we go: Batman wird endlich Batman genannt, nicht mehr „Bat of Gotham“. Seine Heimatstadt wird als eigenständiger Moloch präsentiert, nicht mehr als Anhängsel von Metropolis. Seine Geschichte wird zumindest ein wenig gelüftet: Er macht den Heldenjob seit 20 Jahren, die Polizei verlässt sich auf ihn, missbilligt aber mitunter seine Methoden. Wir sehen Superman, wie er die klassischen Superman-Dinge tut, also Menschen retten und dabei strahlend lächeln. Er spricht mit jungen Fans und hat so gar nichts vom arroganten Wüterich aus BvS. Seine Mutter Martha (Diane Lane) und Lois haben ein sichtbares und glaubhaftes Freundschaftsverhältnis. Lois‘ junger, gut gelaunter Kollege wird kurz gezeigt – augenscheinlich ein Ersatz für den freudlos dahingemetzelten Jimmy Olsen. Arthur, Victor und Barry haben auserzählte Hintergrundgeschichten – der Letztgenannte lebt in Central City, anders als in „Suicide Squad“ wird also nicht einfach ein Städtename aus den Comics verwendet, ohne ihm eine Funktion zu geben. Und Wonder Woman ist als Charakter ohnehin etabliert: Gal Gadot schafft es natürlich mühelos, in jeder Szene wunderschön zu sein, sie verleiht ihrer Figur aber zudem reichlich Charme und Substanz.

Ohnehin merkt man den Schauspielern an, dass sie alles geben, um den ersten (einzigen?) Auftritt der Gerechtigkeitsliga zu etwas Besonderem zu machen. Man schließt sie tatsächlich ein wenig Herz, den schlecht gelaunten, aber herzensguten Cyborg, den arroganten, aber mutigen Wassermann und Flash, den nerdy Blitz. Zudem funktionieren alle sechs Helden als Team tatsächlich gut – ähnlich wie seinerzeit die Avengers wächst hier zusammen, was in den Herzen der Fans zusammengehört. Also alles gut? Reißt „Justice League“ das Ruder rum? Kann DC zum ewigen Konkurrenten Marvel aufschließen?

Dreimal nein. Dazu ist die Story viel zu beliebig, sind die Dialoge teils schmerzhaft schlecht, ist der Widersacher zu austauschbar, sind die Spezialeffekte überraschend unterirdisch… Und es hakt wie immer an Kleinkram. Warum musste J.K. Simmons (J. Jonah Jameson in Sam Raimis „Spider-Man“-Trilogie) als Commissioner Gordon gecastet werden? Warum hat sich „Holzscheit“ Cavill nicht einfach seinen Schnauzbart abrasiert statt ihn überdeutlich durch CGI entfernen zu lassen? (Da werden wirklich Erinnerungen an Cesar Romero als 60er-Jahre-Joker mit überschminktem Schnorres wach. Oder an die „annoying Orange“.) Warum wird an manchen Stellen mal wieder nichts erklärt? Hat irgendjemand da draußen wirklich verstanden, wie genau Supes wiedererweckt wird?

Da hilft es auch nicht, nach „Wonder Woman“ – dessen Handlung sehr an den ersten „Captain America“-Film erinnert – ein weiteres Mal beim Marvel zu klauen: Der übermächtige Mitbewerber schickt im Frühjahr den Superbösewicht Thanos ins Rennen, da kündigt DC natürlich den sehr ähnlichen Despoten Darkseid an…

Eigentlich ist es schade, denn man hätte diese charismatische Truppe gern in weiteren Abenteuern gesehen. Aber Einspielergebnis und Kritikerstimmen lassen vermuten, dass aus dem geplanten DC-Kino-Universum nichts wird. Am Himmel über Metropolis und Gotham hat es sich demnächst ausgeflattert. Nuff said.

„Kingsman: The Golden Circle“ glänzt zurecht

Das geht ja gut los: Während Agenten-Altvater James Bond sich in seinem jüngsten Abenteuer eine vergleichsweise hüftlahme Verfolgungsjagd mit seinen Gegnern lieferte, stellt die erste Szene des zweiten „Kingsman“-Abenteuers mal eben lässig fast alles in den Schatten, was an rasanten Szenen in diesem Kinojahr bislang zu sehen war… Ein Jahr nach den Ereignissen von „Kingsman: The Secret Service“ ist „Eggsy“ Unwin (Taron Egerton) ein etablierter Agent des geheimsten aller geheimen Geheimdienste. Unter dem Codenamen seines ermordeten Mentors „Galahad“ Harry Hart (Colin Firth) gehört er jener modernen Tafelrunde an, die sich verborgen vor den Augen der Öffentlichkeit um den Schutz der Menschheit kümmert. Anders als unter vergleichbaren Superagenten üblich ist er zudem nach wie vor mit einem love interest, der schwedischen Prinzessin Tilde (Hanna Alström), zusammen.

Eines Tages attackiert ihn sein alter Widersacher Charlie Hesketh (Edward Holcroft), der Eggsys ersten Einsatz überlebt hat und zudem nun über einen mechanischen Arm verfügt. Zu den Klängen von Prince‘ „Let’s Go Crazy“ jagen sich die beiden durch London und prügeln sich in Galahads Spezialfahrzeug – und das ist dermaßen passgenau und packend choreografiert, dass man es gesehen haben sollte.

Der Rest der Geschichte erinnert an nichts so sehr wie an den ersten Teil: Wieder werden sämtliche Kingsman-Agenten – inklusive Eggsys bester Freundin „Lancelot“ Roxy (Sophie Cookson), seines Hundes und eines alten Kumpels – ausgelöscht. Erneut überleben nur Galahad und Techniker „Merlin“ (Mark Strong). Einmal mehr wird der Anführer der Bösewichte von einem renommierten Schauspieler mit Mut zur Selbstparodie gespielt – diesmal von Julianne Moore. Und zum zweiten Mal werden harmlose Bürger von einer globalen Bedrohung attackiert, die sich glücklicherweise durch einen einzigen Schritt ausschalten lässt.

Soviel zu Bond-Parodie, Sixties-Charme und großartigem, weil übertriebenen Knallbumm. Neu allerdings sind die „Vettern“ der Kingsman-Spione aus Übersee: In Amerika sind nämlich die „Statesman“-Agenten zu Hause, angeführt von „Champ“ Champagne (Jeff Bridges). Zu ihnen gehören die Technikerin Ginger Ale (Halle Berry), der Draufgänger Tequila (Channing Tatum) und der arrogante Whiskey (Pedro Pascal). Anders als ihre britischen Mitstreiter tarnen sie sich nicht hinter einer edlen Schneiderei, sondern einer erfolgreichen Whisky-Destillation – und statt Schirm, Charme und Melone kommen Lasso, Colt und Messer zum Einsatz.

Mark Millar ist einfach ein Guter. Vor allem im Team mit Matthew Vaughn schafft er es, flüssig erzählte Geschichten voller Action und bar jeder Langeweile rauszuhauen. Das gilt für seine Comic-Storys wie für seine Filmdrehbücher. Mit „Kick-Ass“ hat er die Marschroute vorgegeben und gleichzeitig die Messlatte hoch gelegt. Und er erreicht sie seitdem locker und am laufenden Meter. Die „Kingsman“-Reihe (ein dritter Teil ist fest geplant) bietet alles, was die Handschrift des kreativen Kopfs ausmacht: Dieses Spionage-Abenteuer ist sich seiner Tradition bewusst, parodiert sie liebevoll und ballert ansonsten aus allen Rohren. Brutal und bunt, saulustig und spannend – wer ins Kino geht, um unterhalten zu werden, wird diese Fortsetzung ins Herz schließen und den Abschluss der Trilogie kaum erwarten können. Manchmal ist eben doch Gold, was glänzt.

Sehen, hören, sagen: „Planet der Affen: Survival“

Die Story

Nachdem ein medikamentös erschaffener Virus nicht nur Affen mit Intelligenz ausgestattet, sondern auch den größten Teil der Menschheit dahingerafft hat, ist die Situation zwischen den verfeindeten Gruppen mittlerweile verhärtet. Die Truppe um einen verbitterten Colonel (Woody Harrelson als Marlon Brando) macht gnadenlos Jagd auf den Affenstamm um den ersten Vertreter der neuen Spezies, den mutigen Schimpansen Caesar (Andy Serkis). Verstärkt wird die militärische Einheit von übergelaufenen und versklavten Affen, den so genannten Donkeys, die einst Caesars Widersacher Koba (Toby Kebbell) unterstützten. Nach harten Kämpfen in den Wäldern fallen Caesar, seine Familie und die meisten der übrigen Primaten den Soldaten in die Hände. Die Menschen zwingen sie zum Bau einer Mauer und setzen sie mit Gewalt unter Druck. Dank der Hilfe des stummen Mädchens Nova (Amiah Miller) gelingt es Caesars Freunden, ihren Anführer zu befreien. In einer letzten, verzweifelten Schlacht kämpfen Menschen und Affen um die Vorherrschaft auf dem Planeten.

Die Meinung

Nach „Planet der Affen: Prevolution“ (2011) und „Planet der Affen: Revolution“ (2014) kommt nun logischerweise „Planet der Affen: Survival“… Da hatte mal jemand eine relativ pfiffige Idee, um die Originaltitel für den deutschen Markt zu ändern, und dann wird sie nicht konsequent durchgezogen. Völlig unverständlich, zumal „Evolution“ recht gut gepasst hätte. Denn tatsächlich sehen wir, wie das Leben in der postapokalyptischen Zukunft auf die Gegebenheiten zusteuert, die im Klassiker „Planet der Affen“ (1968) dargestellt werden. Nach dem relativ realistischen Ansatz des ersten Teils und den wilden Kampfszenen des zweiten hält sich der dritte (und vermutlich nun doch nicht letzte) an das Erfolgsrezept seiner Vorgänger. Der Film nimmt sich Zeit, seine Geschichte zu erzählen. Die Protagonisten auf beiden Seiten werden detailliert und glaubhaft gezeichnet. Und mit Angst, Hoffnung, Wut und Liebe werden ganz große Gefühle bedient. Zudem sind die Spezialeffekte fast nicht zu fassen – und das im Wortsinn. Abgefahrene Monster aus dem All per CGI auf die Leinwand zu zaubern, ist eine Sache. Aber real existierende Lebewesen wie Schimpansen, Gorillas und Orang-Utans zu erschaffen, ihnen per motion capture von Schauspielern Leben einhauchen zu lassen und sie mit unterschiedlichen Charakteren zu versehen – das ist Kunst. Die Effekte verkommen nicht zum Selbstzweck, sondern unterstützen die Story, sind ein Teil davon. Diese wiederum ist packend genug, so dass man sich über die perfekt integrierten Elemente aus dem Rechner ohnehin keine Gedanken macht. Andy Serkis als Caesar ist mal wieder eine Macht und dürfte spätestens jetzt dafür mit ein paar Preisen geehrt werden. Trotz kleinerer Hänger – der Film ist ein bisschen zu lang und an manchen Stellen etwas symbolbeladen – ist „War For The Planet Of The Apes“ (so der US-Titel) ein würdiger Abschluss der Trilogie. Die allerdings (weiter oben deutete ich es bereits an) nach aktuellen Angaben der Produzenten ziemlich sicher fortgesetzt wird. Letztlich regiert eben auch auf dem Planeten der Affen das liebe Geld.

Der Hintergrund

Die erste Verfilmung des Romans von Pierre Boulle stammt aus den späten 60ern und nimmt klare Bezüge auf damals aktuelle Themen wie Rassismus und die Gefahr eines dritten Weltkriegs. (Übrigens zwei Probleme, die leider heutzutage ebenso zum Alltag gehören.) Die Folgefilme beschäftigten sich mit Zeitreisen und dem üblichen Paradoxon, um zu erklären, wie es zum Machtwechsel auf der Erde kam. Leider fand die Kinoreihe mit „Die Schlacht um den Planet der Affen“ (1973) und der ein Jahr später produzierten Fernsehserie einen eher unrühmlichen Abschluss. Tim Burton versuchte sich 2001 an einer Neuinterpretation, die viel gescholten wurde, sich aber letztlich enger an die literarische Vorlage hielt. Die aktuelle Kinofassung startete vor sechs Jahren und stellt so etwas wie die Vorgeschichte zum 68er-Film dar, auf den auch immer wieder angespielt wird. Dabei beziehen sich vor allem im dritten Teil die sozialkritischen Elemente auf Themenkomplexe wie Faschismus (die Affen werden in Lagern gehalten und bis zum Tod ausgebeutet) und den wieder erstarkenden Nationalismus (der Bau der Mauer). Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen? Im Gegenteil – gut gebrüllt, Affe.

Kinder an die Macht: „Spider-Man: Homecoming“ & „Valerian – Die Stadt der tausend Planeten“

Spider-Man: Homecoming

Der 15-jährige Peter Parker (Tom Holland) ist sauer: Eben noch war er auf dem Leipziger Flughafen in eine Schlacht der Superhelden verwickelt und traf seine Idole wie Captain America (Chris Evans), und nun ist er schon wieder in seinem Alltag im New Yorker Stadtteil Queens angekommen, zwischen Stress in der Schule und Ärger in der Nachbarschaft. Auch sein Mentor Tony Stark (Robert Downey jr.) meldet sich nicht mehr. Immerhin hat der Erfinder, Milliardär und Iron Man ihm den Anzug überlassen, in dem er im Osten Deutschlands zwischen den Großen der Branche herumgesprungen ist. Denn Peter ist mehr als ein harmloser Teenie aus dem Big Apple: Seit dem Biss einer radioaktiv verstrahlten Spinne ist er schneller und stärker als andere Menschen und kann an Wänden krabbeln. Er ist der Spider-Man, wie ihn YouTube-Nutzer und Zeitungsleser nennen.

Derzeit allerdings passiert wenig Heldenhaftes in Peters Leben. Seine Tante May (Marisa Tomei), bei der er aufwächst, ahnt nichts vom Doppelleben ihres Neffen und hat ein Auge darauf, dass er seine Pflichten in Klassenzimmer und Haushalt nicht vernachlässigt. Sein bester Freund Ned (Jacob Batalon) steht zwar tapfer an seiner Seite, wenn der bösartige Mitschüler Flash Thompson (Tony Revolori) ihn ärgert, aber er kann ihm nicht dabei helfen, seinem Schwarm Liz (Laura Harrier) näherzukommen. Und Michelle (Zendaya Coleman), die Außenseiterin der Clique, lässt Peter ebenfalls nicht in Ruhe. Der lenkt sich zwar mit harmlosen Einsätzen in der Gegend ab, fühlt sich aber zu Größerem berufen. Seine Chance kommt, als der übellaunige Adrian Toomes (Michael Keaton) in sein Leben tritt: Dieser hat unrechtmäßig außerirdische Technologie an sich gebracht, die vom Kampf der Avengers gegen die Chitauri zurückgeblieben war. Und damit verleiht der Finsterling seiner Verbrecherlaufbahn Flügel…

Begeisterung und Skepsis hielten sich die Waage, als Marvel bekannt gab, endlich den prominentesten Charakter seiner Comics in das „Marvel Cinematic Universe“ holen zu können. Ein Deal mit dem Rechte-Inhaber Sony macht es möglich, dass der Netzkopf künftig Seite an Seite mit den bereits etablierten Helden auftritt. Zum ersten Mal zu sehen war Spider-Man im vergangenen Jahr in „Captain America: Civil War“, und diese neue Version der freundlichen Spinne aus der Nachbarschaft gefiel nicht jedem. Nachdem das Reboot des Franchises spätestens mit „The Amazing Spider-Man: Rise Of Electro“ (2014) gefloppt war, war allerdings klar, dass Marvel sein Aushängeschild runderneuern würde.

Und so erleben wir einen Superhelden in den Kinderschuhen: Peter Parker ist noch nicht der tapfere Verbrecherjäger, der sich über den Dächern der Großstadt packende Kämpfe mit mörderischen Gegnern liefert. Zwar wird der legendäre Spinnenbiss erwähnt, aber besonders viel erfahren die Zuschauer nicht über den Protagonisten. Offensichtlich hat er seine Fähigkeiten noch nicht im Griff: Dieser Spider-Man stolpert und greift daneben, macht Fehler und lernt langsam dazu. Auch einen Spinnensinn, der ihn vor Gefahren warnt, scheint es noch nicht zu geben. Seine Tante ist seinem Alter gemäß relativ jung und hat als attraktive Frau mitten im Leben so gar nichts von der gütigen Rentnerin aus den Comics und den vorangegangenen Verfilmungen. Sein Freundeskreis ist so angenehm multikulturell wie sein Viertel: Queens wird als Ort der kleinen Leute gezeigt, die in harten Zeiten zusammenhalten. Auch andere bekannte Charaktere werden neu interpretiert: Flash etwa ist weniger ein bulliges Sportass, sondern mehr ein missgestimmter Geek. Wo ist Onkel Ben? Und was folgt nochmal aus großer Kraft?

Ernsthaft: Es ist überraschend angenehm, dass uns nicht zum dritten Mal die Origin Story der freundlichen Spinne aus der Nachbarschaft erzählt wird. Und die meisten Veränderungen gegenüber der Comic-Vorlage funktionieren – wie im MCU gewohnt – sehr gut. Eigentlich gibt es nur zwei Punkte, mit denen ich persönlich ein wenig hadere: Zum einen nimmt der erwähnte High-Tech-Anzug zuviel Raum ein. Ein wichtiger Aspekt in der Geschichte von Spider-Man war immer, dass er ein Technik-Wunderkind ist. Ein erfolgreicher Schüler, später begabter Student, der sich seine Netzwerfer selbst bastelt – Peter ist ein Nerd, dem erst ein Unfall die nötige Physis verschafft, um gegen Superbösewichte zu bestehen. Zwar sehen wir deutlich, dass auch die Neufassung des Titelhelden einiges in der Birne hat, aber den letzten Kick bekommt er von Tony Stark, einem eher kühlen Ersatzvater, der denkbar ungeeignet ist, von Verantwortung zu sprechen. Das alles erinnert an jene umstrittene Comic-Geschichte, in der Parker eine Art Iron-Man-Rüstung trägt – ohnehin wimmelt „Homecoming“ (clever mehrdeutiger Titel übrigens) vor Anspielungen auf bekannte Marvel-Storys einerseits und Teenie-Komödien der 80er andererseits.

Damit wären wir beim zweiten milden Kritikpunkt: Tom Holland. Oder besser: sein Alter. Der Mann ist 21 und spielt hier einen 15-Jährigen – das funktioniert, weil er ein ewiges Milchgesicht wie Michael J. Fox ist. Und er macht seine Sache durchaus gut, man nimmt ihm den Loser so ab wie den Nachwuchs-Superhelden. Aber als Identifikationsfigur für die Zielgruppe „alternder Comicleser“ taugt er natürlich kein bisschen. Die halten sich lieber an gestandene Kerle und toughe Frauen, wie sie von den meisten anderen MCU-Helden verkörpert werden. Andererseits straft Marvel einmal mehr all jene lügen, die mit penetranter Ignoranz behaupten, jeder MCU-Film sei gleich. Das ist einfach Blödsinn: Nach Fantasy-Krachern wie „Thor“ und Spionage-Thrillern wie „Captain America: The Winter Soldier“, nach technik-verliebter Action wie der „Iron Man“-Trilogie und Science-Fiction-Humor wie „Guardians Of The Galaxy“ fügen die Produzenten um Kevin Feige nun eine weitere Facette hinzu – das familientaugliche Abenteuer für ein jüngeres Publikum.

Außerdem hat Marvel nun die Möglichkeit, diesen Spider-Man dabei zu zeigen, wie er erwachsen wird. Eventuell ist er im kommenden Film schon auf dem College und lernt einen Kommilitonen kennen, dessen Vater ein schizophrener Industrieller ist… Alles ist möglich, denn dieser Abschlussball ist die perfekte Eröffnung, spannend, bunt und extrem unterhaltsam. Und für uns alte Säcke gibt es ungezählte augenzwinkernde Momente – einer davon ließ mich im Kino hörbar seufzen. Und ich seufze nie im Kino, schon gar nicht hörbar.

Michael Keaton ist übrigens der einsame Höhepunkt in einem an Sehenswertem nicht armen Film. Manche Szene trägt der Batman der 80er Jahre ganz allein und beweist dabei, dass er mitunter sträflich unterschätzt wird. Sein Toomes ist ein sinistrer Familienmensch, dessen vermeintlich gut gemeinte Ziele eher Ausreden sind, um buchstäblich über Leichen zu gehen. Gleichzeitig beweist er immer wieder Größe. Das macht ihn zur wohltuenden Ausnahme in der bisherigen Schurkengalerie der Spider-Man-Filme, denn zwischen dem Green Goblin und Electro hatten Toby Maguire und Andrew Garfield es ja eher mit missverstandenen Existenzen zu tun.

Was auch immer die Zukunft für unseren jungen Helden bereithält (demnächst natürlich „Avengers: Infinty War“) – es wird bestimmt nicht langweilig.

(Wichtiger Hinweis: Wie gewohnt gibt es Szenen im und nach dem Abspann. Sowas wie ganz am Schluss habt Ihr noch nicht gesehen – versprochen. Also unbedingt sitzen bleiben!)

 

Valerian – Die Stadt der tausend Planeten

Wir schreiben das 28. Jahrhundert. Die jungen Spezialagenten Valerian (Dane DeHaan) und Laureline (Cara Delevingne) sind unterwegs zur gigantischen Raumstation Alpha. Dort leben Millionen Humanoide und Aliens aus allen Teilen der Galaxis, knüpfen diplomatische Fäden, treiben Handel – und begehen Verbrechen. Der aktuelle Auftrag der beiden Gesetzeshüter lautet, den letzten Transmutator, ein kleines, pelziges Lebewesen, zu beschützen. Zudem kommen sie einer Verschwörung auf die Spur, deren Wurzeln bis in höchste militärische Kreise reichen. Aber wie hängt das alles mit den Visionen zusammen, die Valerian plagen? Und warum hat seine Partnerin so gar kein romantisches Interesse an ihm – immerhin ist sein Erfolg bei Frauen legendär?

Valerian und Laureline (im deutschen Sprachraum: Veronique) sind die Protagonisten eines erfolgreichen französischen Comics der 60er und 70er Jahre. Wie alle französischen und belgischen Comics jener Ära waren die Geschichten um die beiden Weltraum-Agenten sehr detailliert, oft skurril und manchmal ein bisschen frivol. Vor allem die Vielzahl außerirdischer Lebensformen mit ihren entsprechenden Heimatplaneten wusste durchaus zu beeindrucken. So etwas adäquat auf die Leinwand zu bringen, noch dazu als Realverfilmung, war lange Zeit unmöglich.

Regisseur Luc Besson hat das Wunder nun vollbracht: Inzwischen ist es kein Kunststück mehr, selbst absurde Figuren und Handlungsorte überzeugend umzusetzen. Wer Bessons angebliches Meisterwerk „Das fünfte Element“ (1997) gesehen hat, weiß vom Faible des Filmemachers für groteske Bilder, die nicht selten an Comics erinnern. Klar, dass ihm ein Valerian-Film eine Herzensangelegenheit ist. Und klar auch, dass er dafür alle Hebel in Bewegung gesetzt hat. Hier wird nicht gekleckert, sondern sowas von geklotzt: Die Darstellung der Raumstation und ihrer Bewohner ist derart atemberaubend, dass selbst gestandene Science-Fiction-Gucker nicht anders können als zu staunen.

Da gibt es hunderte seltsamer Gestalten, die durchs Bild laufen, fliegen, hüpfen oder kriechen. Andere Planeten oder Ökosphären sind nicht nur fremd, sondern buchstäblich fremdartig. Manches scheint einem grellbunten Fiebertraum entsprungen (dabei waren es nur die Seiten einer Bildergeschichte). Und die teils rasanten Kamerafahrten und ungewöhnlichen Perspektiven machen aus dem Film eine Reise in eine Zukunft, die man gar nicht wieder verlassen will, weil es so viel zu sehen und entdecken gibt.

Soviel zum Positiven. Aber Besson wäre nicht Besson, würde er nicht auch seinen Kritikern genügend Angriffsfläche bieten. So fasst die Handlung zwar gleich zwei Comic-Bände zusammen, ließe sich aber problemlos auf einen Bierdeckel kritzeln und dient eigentlich eher dazu, eine beeindruckende Tricksequenz nach der anderen abzufeuern. Die Schauspielerriege müht sich redlich und macht ihre Sache mal gut (Clive Owen ist auch mit angezogener Handbremse noch ein großartiger Bösewicht), mal eher medioker. Vor allem die beiden Hauptdarsteller haben weder das Talent noch das Charisma, um den aufregenden Effekten etwas entgegenzusetzen. Zudem sehen sie eher aus wie Geschwister als wie potenzielle Lebenspartner – der Umstand, dass beide die Gesichtszüge verlebter Spätpubertierender haben, ist ebenfalls wenig hilfreich. Erstaunlich ist nur: Irgendwie passt das. Denn auch ihre gezeichneten Vorbilder sind Verwandte ähnlicher Riesenbabys wie Tim (der mit Struppi), nicht Angehörige von – sagen wir – Leutnant Blueberry.

Unterm Strich ist „Valerian“ das Geld fürs Kinoticket definitiv wert – wenn man nicht mit allzu großen Erwartungen antritt. Der Comic mag einflussreich sein, sogar für Kaliber wie „Star Wars“ – die Verfilmung ist eher ein Leichtgewicht. Quasi ein Croissant mit kalorienreicher Füllung. Diese allerdings – da wiederhole ich mich gerne – schmeckt nach mehr.

Getöse in der Grabkammer: „Die Mumie“ tritt daneben

Nick Morton (Tom Cruise) und sein Kumpel Chris Vail (Jake Johnson) sind Soldaten von Beruf und Grabräuber aus Leidenschaft. Darum können sie auch die Begeisterung der kühlen Archäologin Jenny Halsey (Annabelle Wallis) nicht teilen, als das Trio eher durch Zufall eine alte Grabkammer öffnet – die beiden denken allenfalls an den monetären Wert der Fundstätte. Die Stimmung unter ihnen ist ohnehin leicht gereizt: Nick hat Jenny die Karte zum Grab nach einem One Night Stand gestohlen und Chris keine rechte Lust auf ein Abenteuer.

Selbiges gerät in Fahrt, als er im Grab von einer Spinne gebissen wird und sich nach einem unbedacht abgegebenen Schuss von Nick das Heiligtum öffnet, um seinen Inhalt preiszugeben. Jenny ahnt Böses und warnt, die vermeintliche Grabstätte sei eigentlich ein Gefängnis. In der Tat: Die Gefangene ist die ägyptische Prinzessin Ahmanet (Sofia Boutella), die einst nach einer Reihe grausamer Morde und einem Pakt mit dem Totengott Set (manchmal auch mit „h“) lebendig mumifiziert wurde.

Schon bald sorgt die wiedererweckte Mumie mittels Magie für reichlich Chaos. Ihr Ziel: Chris soll Seth seinen Körper zur Verfügung stellen. Wer der missgestimmten Königstochter dabei im Weg ist, hat Glück, wenn er selbst zur Mumie wird. London – wohin Ahmanets Sarkophag gebracht wurde – wird zum Schauplatz der Hetzjagd. Und dann mischt sich auch noch der geheimnisvolle Dr. Henry Jekyll (erstaunlich wurstig: Russell Crowe) ein…

Soviel zu dem, was ein halbes Dutzend Drehbuchautoren sich als Handlung für das Reboot der klassischen Filmsaga um eine wandelnde Mumie ausgedacht haben. Was in den vergangenen Monaten an Zwischenberichten vom Set (ohne h) zu hören war, ließ bereits Übles befürchten. Vor allem die Nachricht, Tom Cruise habe sich massiv in Story und Dreharbeiten eingemischt, sorgte für Stirnrunzeln. Dabei stand einiges auf dem Spiel: Schon viel zu lange – nämlich seit knapp zehn Jahren – bastelt Universal an der Idee, seine alten Monsterfiguren in einem gemeinsamen Filmuniversum auftreten zu lassen. Startschuss des so genannten „Dark Universe“ sollte eigentlich „Dracula Untold“ (2014) werden, aber nachdem die Interpretation des Vampirgrafen als vorzeitlicher Superheld an den Kinokassen floppte, entschied man sich für einen erneuten Versuch. Nun soll also „Die Mumie“ retten, was zu retten ist. Und der wenig originell benannte Film wimmelt geradezu vor Verweisen auf das geplante große Ganze – angefangen vom eigens geschaffenen Logo über ungezählte Hinweise auf andere Universal-Monster bis hin zu Dr. Jekyll als verbindendem Charakter. Dumm nur: In den Vereinigten Staaten ist „The Mummy“ der Misserfolg der Saison. Und andernorts sieht es nur unwesentlich besser aus.

Kritiker und Kinogänger zeigen sich gleichermaßen unbeeindruckt von dem, was uns nach „Die Mumie“ (1932) mit Boris Karloff und „Die Mumie“ (1999) mit Arnold Vosloo als dritter Gang serviert wird. Kein Wunder: Nur selten blitzt ein Hauch der Unheimlichkeit des Originals oder des Charmes der Spät-90er-Abenteuerfilm-Version auf. Zudem wirkt vieles fahrig, ist einiges ungelenk inszeniert und manches nicht so recht nachvollziehbar. Dass wir es mit einer weiblichen Mumie zu tun bekommen, ist dabei noch die am ehesten akzeptable Entscheidung: Sofia Boutella verfügt durchaus über genügend Charisma, um die Titelrolle trotz Anflügen von Overacting zu meistern. Vermutlich hoffte sie, nach „Star Trek Beyond“ endlich den Durchbruch zu schaffen. Nächster Versuch: Knutschen mit Charlize Theron im anstehenden Spionage-Thriller „Atomic Blonde“.

Aber schauen wir uns die Probleme mal genauer an: Cruise‘ Nick taugt zum Beispiel kein bisschen als Protagonist. Er hat nicht den Lausbuben-Charme von Brendan Frasers Rick (!) aus den drei Mumien-Filmen der Jahrtausendwende, und der komplette Charakter funktioniert einfach nicht. Wir lernen ihn als unsympathischen Egomanen kennen, der erwartete Wandel zum Helden à la Han Solo wird durch einige unangenehme Dialoge relativiert bis ausgebremst, und das Ende (milder Spoiler) macht das alles dann noch weniger nachvollziehbar. Der Kerl vögelt mit einer Wissenschaftlerin, um ans große Geld zu kommen, und auch das Verhältnis zu seinem behaupteten besten Freund lässt ihn in keinem guten Licht dastehen. Ein ähnliches Problem hat Crowe mit seinem Jekyll: Was als Universal-Antwort auf Nick Fury gedacht sein mag, ist letztlich ein sinistrer Kopfmensch, dessen dunkle Seite (wir alle haben auf Mr. Hyde gewartet) zudem überraschend blutleer wirkt – und außerdem kaum böser als ihr Alter Ego.

Keine Minute kümmert es den Zuschauer, was aus den drei vermeintlich „Guten“ in dieser Geschichte wird. Ihr Schicksal könnte uns egaler kaum sein – wir können sie nicht leiden, also wäre es kein Drama, sollten die Mumien die Oberhand gewinnen. Diese wiederum können sich durchaus sehen lassen und sind als Antagonisten gar nicht übel: Nach „The Walking Dead“ war zu erwarten, dass wir keine flatternden Mullbinden, sondern staksende Untote zu sehen bekommen würden.

Ähnlich stolpernd ist jedoch die gezeigte Geschichte: Beide Prologe – das Familiendrama im alten Ägypten und ein royales Begräbnis in Britannien – werden gleich zweimal gezeigt, um ganz sicher zu gehen, dass auch jeder die wenig komplexen Hintergründe der Jagd nach einem magischen Dolch (a.k.a. der Weltherrschaft) verstanden hat. Dafür fühlt man sich am Schluss ein wenig allein gelassen. Ich glaube, das Ziel der Autoren verstanden zu haben und zu wissen, was uns bei einem möglichen Wiedersehen mit Nick Morton erwartet. Aber ganz sicher bin nicht, trotz Onkel Jekylls plumper Hinweise auf Monster, die Helden sein können.

Zu schlechter Letzt fängt Tom Cruise‘ Ehrgeiz langsam an zu nerven. In guten Momenten schafft der umstrittene Scientologe ja nicht zuletzt dadurch große Kino-Unterhaltung. In schlechten wie diesen wirkt er inzwischen albern. Ein Beispiel: Der Kerl ist 54 und lässt sich vom ein Jahr jüngeren Russell Crowe attestieren, ein junger Mann zu sein.

Eigentlich muss Universal seine Pläne weiterverfolgen. Einen dritten Anlauf würde die Idee sicher nicht verkraften. Die Frage ist nur, ob das alles überhaupt nötig ist: Wer wartet denn sehnsüchtig darauf, die alten Filmmonster gemeinsam als Heldentruppe zu erleben? Vosloos „Mumie“ Seite an Seite mit Gary Oldman („Bram Stoker’s Dracula“, 1992), Robert De Niro („Mary Shelley’s Frankenstein“, 1994) und Benicio Del Toro („The Wolfman“, 2010) – das hätte ich mir angeguckt. Leider setzt das „Dark Universe“ ungefähr auf die größten Unsympathen Hollywoods:

Es ist ja verständlich, dass der kaum fassbare Erfolg des „Marvel Cinematic Universe“ neidisch macht. Aber wenn sich schon der andere große Comic-Verlag dabei verhebt, zu diesem in der Filmgeschichte einmaligen Projekt aufzuschließen, wieso sollte es einem Kino-Universum voller Riesenungeheuer (Godzilla, King Kong) oder klassischer Monster besser gehen? Außerdem sei allen potenziellen Konkurrenten des MCU geraten, sich mal genauer anzuschauen, was Marvel da macht. Erstens: Sie haben einfach ein Händchen für die richtigen Darsteller – wir erleben sympathische Helden und charismatische Schurken. Und zweitens: Sie haben sich verdammt nochmal Zeit gelassen! Das MCU feiert im kommenden Jahr sein Zehnjähriges – das ist ein Marathon, kein Kurzstreckenlauf.

Der „Mumie“ ist auf jeden Fall die Puste ausgegangen. Mal schauen, ob es „Frankensteins Braut“ in zwei Jahren besser ergeht.

 

Monster, versammelt euch!

Das „Dark Universe“ ist nicht der erste Versuch, die klassischen Monster der Schwarz-Weiß-Film-Ära zusammenzutrommeln:

The Monster Squad (1987): In dieser Komödie gerät eine Gruppe Kinder mit Dracula, Frankensteins Monster, dem Wolfsmann, der Mumie und dem Schrecken vom Amazonas einander. Insgesamt relativ billig inszenierter Versuch, den Erfolg der „Ghostbusters“ aus dem Vorjahr zu wiederholen – aber für Freunde des abseitigen Geschmacks durchaus so etwas wie ein Kultfilm.

Monster Force (1994): In den 13 Folgen dieser Trickfilmreihe bekämpfen ein paar junge Geisterjäger – darunter ein Werwolf – mit Hilfe von Frankensteins Kreatur eine düstere Truppe, bestehend aus Graf Dracula, dem Kiemenmann, der Mumie und einer Vampirin. Typisches Produkt der 90er – laut, bunt, naiv.

Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen (2003): Diese misslungene Verfilmung des preisgekrönten Comics von Alan Moore ist der Schlusspunkt hinter der Karriere von Sean Connery. Der schlägt sich als Allan Quatermain wacker, als er im Jahr 1899 einen maskierten Verschwörer jagt. Mit dabei: Tom Sawyer, Mina Harker, Dorian Gray, der Unsichtbare, Dr. Jekyll/Mr. Hyde und Kapitän Nemo. Ihr Gegenspieler Professor Moriarty wird übrigens gespielt von Richard Roxburgh, der in einer weiteren Gurke den Bösewicht gibt, nämlich in…

Van Helsing (2004): Der titelgebende Vampirjäger (Hugh Jackman) hat alle Hände voll zu tun, als Mr. Hyde, Dracula, das Frankenstein-Monster und ein Werwolf die Nacht unsicher machen. Das Absurde: Es ist nicht der Van Helsing – und leider auch nicht der Dracula. Fragt besser nicht…

Penny Dreadful (2014-2016): Charmant-schaurige Fernsehreihe, in der praktisch alle bekannten Gestalten der Gruselliteratur auftauchen. Wer Klischees wie London im Nebel akzeptiert, wird belohnt mit Dialogen à la: „Hallo, Dr, Frankenstein.“ – „Hallo, Dr. Jekyll.“

Aber wer erinnert sich noch daran?

Richtig, das ist „Frankensteins Tante“ (1986) – dürfte gern mal als DVD-Box veröffentlicht werden. Die Buchvorlage ist übrigens noch besser. Schmunzeln und gruseln… nennt man das grunzeln?

„Alien: Covenant“ – im Weltraum hört dich niemand seufzen

Ein Raumschiff gleitet einsam durch das All. Besatzung und Passagiere befinden sich im Tiefschlaf, bewacht vom Bordcomputer „Mutter“. Nein, dies ist nicht der Anfang des SciFi/Horror-Klassikers „Alien“ aus dem Jahr 1979. So beginnt vielmehr dessen mittlerweile siebte Fortsetzung (wenn man die „Alien vs. Predator“-Filme mitzählt). Und schon die ersten Szenen der eigentlichen Handlung zeigen, wohin für Regisseur Ridley Scott die Reise geht: in die Vergangenheit.

Zuvor allerdings erlebt der Zuschauer eine ruhige Sequenz mit durchaus philosophischen Ansätzen. Androide David (Michael Fassbender) diskutiert mit seinem Erbauer Peter Weyland (Guy Pearce) über Schöpfung und Vergänglichkeit. Und dieser Prolog wiederum zeigt, dass Scott die Reise zurück endlich nutzt, um lose Handlungsfäden zu verknüpfen. Doch dazu später mehr.

Die „Covenant“, so der Name des erwähnten Schiffs, hat die Mission, 2000 eingefrorene Kolonisten zum Planeten Origae-6 zu transportieren. Ein Unfall, den der diensthabende Android Walter (ebenfalls Michael Fassbender) nicht verhindern kann, weckt die Crew zu früh auf, was unter anderem den Captain (James Franco in der vermutlich winzigsten Rolle seiner Karriere) das Leben kostet. Die Astronauten müssen nun nicht nur den Raumtransporter reparieren, sondern auch mit der neuen Ordnung an Bord klar kommen. So trauert Kapitänswitwe Daniels (Katherine Waterston) um ihren Mann, während dessen Nachfolger, der gläubige Oram (Billy Crudup), von seiner neuen Verantwortung überfordert scheint. Einzig Pilot Tennessee (ungewohnt ernst: Danny McBride) bleibt auch in schwierigen Situationen cool.

In die ohnehin aufgeladene Stimmung platzt ein Funkspruch, offenbar ein Hilferuf, unterlegt von John Denvers „Take Me Home, Country Roads“. Die Nachricht lenkt die Aufmerksamkeit der Kolonisten auf einen scheinbar idyllischen Planeten, der als neues Ziel geeignet scheint. Doch aufmerksame Alien-Fans ahnen es bereits: Dem Funkspruch zu folgen, ist eine sehr dumme Idee…

Es gibt sie noch, die kleinen Wunder: Dann und wann sieht sich selbst ein dickköpfiger Kino-Nerd wie ich gezwungen, ein geliebtes Vorurteil zu überdenken. Nachdem ich „Prometheus – Dunkle Zeichen“ vor fünf Jahren nach einmaligem Gucken wegen brustkorbgroßer Logiklöcher in die gut gefüllte Schublade mit der Aufschrift „misslungene Prequels“ gepackt hatte, war das Alien-Franchise für mich erledigt. Dabei liebe ich die Reihe: Als der furiose Auftakt Ende der 70er die Zuschauer das Fürchten lehrte, hatte ich gerade lesen gelernt – und war beeindruckt, ohne den Film gesehen zu haben. „Im Weltraum hört dich niemand schreien“… Was mit einer Zeile wie dieser beworben wurde, musste mindestens so gut sein wie das Märchen mit dem schwarz gekleideten Maskenmann oder der Streifen, dessen Plakat ein Kerl mit Schlangen-Tattoo zeigte. Als ich „Alien“ dann später sah, wurde meine Hoffnung bestätigt: Ridley Scott hatte die perfekte Mischung aus Science-Fiction-Abenteuer und Monster-Horror geschaffen. Kein Wunder, dass in der Folge eine Flut italienischer Billig-Plagiate die Videotheken heimsuchte. Und kein Wunder auch, dass es nicht bei diesem einen Film blieb, sondern H.R. Gigers ikonischer Außerirdischer noch öfter auf der Leinwand zu sehen war.

Es folgten „Aliens – Die Rückkehr“ (1986), „Alien 3“ (1992) und „Alien – Die Wiedergeburt“ (1997), die allesamt die Story um die einzige Überlebende des ersten Teils weitererzählten. Sigourney Weavers Ripley wurde zur Kultfigur, ähnlich wie ihr ewiger Antagonist, und das muss man erstmal hinkriegen. Oder besser: „frau“. Denn als Ripley zum ersten Mal das Ungeheuer aus dem All besiegte, waren starke Frauenfiguren im Genre weniger als eine Seltenheit. (Einzig eine wehrhafte Prinzessin, die sich selbst rettete, hatte zwei Jahre früher die Fans begeistert.) Von Sarah Connor aus der „Terminator“-Reihe bis Buffy verdanken die Erbinnen der wehrhaften Astronautin ihrem Vorbild einiges.

Apropos „Terminator“: Das Franchise von James Cameron – der übrigens den zweiten Alien-Film inszeniert hat – hat mit dem Thema dieser Rezension durchaus etwas gemeinsam. Zum Beispiel: Nach etlichen Fortsetzungen und Prequels steigt niemand mehr so recht durch, was eigentlich genau wann passiert. „Alien: Covenant“ spielt elf Jahre nach „Prometheus“ und ist inhaltlich dessen direkte Fortsetzung. Die Handlung beider Filme ebnet also den Weg zu dem, was in „Alien“ zu sehen ist. Trotzdem plant Ridley Scott (der im November 80 wird) zwei weitere Filme: einen, der dort ansetzt, wo „Alien – Die Wiedergeburt“ aufhörte, also in weiterer Zukunft angesiedelt ist, und einen, der zwischen (!) „Prometheus“ und „Covenant“ spielt und diese Prequel-Trilogie abrunden soll. Um es vorwegzunehmen: Das hat sie auch nötig.

Denn perfekt ist das, was der greise Filmemacher hier abliefert, keineswegs. Zwar ist die Story in sich sehr stimmig – daher mein revidiertes Voraburteil -, aber ein, zwei Brüche gönnt sich Scott dann doch. Und im Rahmen der kompletten Saga wird mit vielen, vor allem wichtigen Handlungssträngen relativ achtlos umgegangen. Ihr habt euch geärgert, dass der Planet des „Konstrukteurs“ in „Prometheus“ gar nicht der Planet des „Space-Jockeys“ in „Alien“ ist, wie uns versprochen wurde? Dann schaut euch mal an, was Elizabeth Shaw (Noomi Rapace) und David am Ende ihrer im Vorgängerfilm begonnenen Reise erleben (oder eben nicht)… Der inhaltliche Anschluss erfolgt sauber, aber eigenartig. Das lässt einen schon mal zwischendurch enttäuscht seufzen.

Wie immer bleibt es hier weitgehend spoilerfrei, bei einem Film, der mit ein paar Twists aufwartet, ist das nur fair. Auf einen Aspekt muss allerdings eingegangen werden. Richtig – es geht um das Alien. Längst hat sich ja die Bezeichnung Xenomorph eingebürgert, aber ich bleibe lieber dabei, das Vieh gar nicht zu benennen oder eben nach dem Titel seines ersten Films. Denn: Ich persönlich hätte all die Hintergrundgeschichten, die uns mittlerweile aufgetischt wurden, nicht gebraucht. Es ist ein bisschen wie mit dem weiter oben erwähnten schwarzen Mann: Seit ich weiß, dass Darth Vader mal ein blondgelockter Jammerlappen war, hat ihm das einiges von seiner Ausstrahlung genommen. Manchmal ist es gerade das Geheimnisvolle, das Unerklärliche und Unerklärte, das einen Bösewicht zu dem macht, was er ist – zu einer unheimlichen Bedrohung, einer echten Gefahr für die Helden. Im fünften Jahrzehnt seiner fiktiven Existenz hat es das Alien umso schwerer, ein beeindruckendes Filmmonster zu bleiben. Doch kommen wir nun zur großen Stärke von „Alien: Covenant“: Ridley Scott schafft etwas, das ich so zuletzt in „Rogue One: A Star Wars Story“ erlebt habe. Dort wurde Vader, der in den vergangenen Jahrzehnten tausendfach imitiert und parodiert wurde, als jener unbesiegbare Unhold dargestellt, der er ist. Und Scott gibt uns nun das Alien zurück, das 1979 für schlaflose Nächte sorgte. Ein riesiges, hässliches Etwas, mit Klingen als Klauen, Säure als Blut, einem zweiten Maul als Zunge und einem giftigen Dorn am Schweif. Unaufhaltsam, unberechenbar. Oder kurz:

Das hier ist ein Horrorfilm, verdammt!

Dafür hat der alte Mann allen Respekt verdient, der ihm als Erfinder der Kreatur (neben erwähntem H.R. Giger und A.E. van Vogt, dem Autor der heimlichen Literaturvorlage) ohnehin zusteht. Auch inhaltlich geht Scott wie erwähnt zurück: Wir erleben vor allem in der zweiten Hälfte des Films ein klaustrophobisches Gruselabenteuer, während die erste Hälfte jenem philosophischen Gedanken nachhängt, den „Prometheus“ angerissen hat. Das ist spannend, für Cineasten mitunter ein wenig vorhersehbar, aber konsequent umgesetzt und weckt die Hoffnung darauf, dass das Franchise doch noch souverän den Bogen zum legendären Auftakt schlägt. So und nicht anders mag ich mein Alien – außen blutig, innen eiskalt. Beim nächsten Mal lässt Großvater Scott ja eventuell nochmal jemanden übers Drehbuch gucken, statt sich stur zu verzetteln. Hey – ich hab doch auch meinen Dickkopf überwunden!

Superhelden-Overkill-Paradies

„In den letzten drei, vier Jahren bin ich von einem großen Befürworter von Superhelden-Verfilmungen zu einem weitgehend schweigenden Kritiker geworden“, schreibt Torsten „Wortvogel“ Dewi in seinem aktuellen Blog-Beitrag, den er selbst „ein Pamphlet wider die Herrschaft der Superhelden“ nennt. Ihn treibe, so lässt er uns wissen, die Frage um, „ob wir in Welten flüchten, in denen alle Probleme von muskelbepackten Übermenschen gelöst werden können, während die tatsächlichen Probleme der Menschheit ungelöst bleiben“. Und stellt klar: „Die Welt braucht Erwachsene, die sich vor Problemen nicht im Kinderzimmer verstecken, sondern sie angehen.“

Das ist nicht die erste so interessante wie streitbare Theorie des Wortvogels, und er wird sie gewohnt eloquent verteidigen. (Genau genommen tut er das bereits – vornehmlich auf seiner Facebook-Seite.) Und weil ich weiß, dass das für ihn der halbe Spaß ist, vor allem aber, weil ich schlicht anderer Meinung bin, versuche ich im Folgenden, dagegen zu halten.

Da ich gerade fröhlich am Zitieren bin, verweise ich zum Einstieg auf den Text des Songs „Spider-Man und ich“ der Hamburger HipHop-Veteranen Fettes Brot, aus dem ich bereits an anderer Stelle zitiert habe: „Sie kaufte keine Medizin, sie kannte ihren Kleinen, denn zur Besserung gab’s ’n Heft von Spider-Man“, heißt es dort über die tröstende Mutter des Ich-Erzählers, „nichts half besser, nichts hatte ich lieber – der Typ ist so cool, der hilft sogar gegen Fieber.“ Und es folgt die wichtigste Zeile: „Bereit zum Abtauchen, alles startklar, weil Peter Parker als Spider-Man so stark war.“ Das ist der Punkt (und ab jetzt übernehme ich, versprochen): Es geht ums Abtauchen.

Ich habe etwa dieselbe kulturelle Sozialisation hinter mir wie die Brote, was vor allem daran liegt, dass wir der gleichen Generation angehören und in ähnlichen Verhältnissen groß geworden sind. Wer Anfang der 80er aufs Teenie-Alter zusteuerte und nach Ablenkung von den vermeintlichen Sorgen der Mittelschicht suchte, der griff gerne zu den bunten Heften, die damals übrigens tatsächlich noch Hefte waren und bunt sowieso, vor allem aber in den Augen der Erwachsenen bestenfalls zu beschmunzelnder Schund. Es war vielleicht mein erster rebellischer Akt, im Kiosk um die Ecke in DC-Comics zu schmökern, und er wurde ungleich rebellischer, wenn ich dann Marvel-Comics mit nach Hause nahm. Ich war von Anfang an ein Marvel-Fanboy: Der eingangs erwähnte Peter Parker hatte permanent mit Problemen zu kämpfen, die mich mitunter an meine erinnerten, und das machte ihn und seine ähnlich gebeutelten Bekannten ungleich sympathischer als die Riege der attraktiven, weißen, meist reichen Männer in Strumpfhosen, mit denen DC aufwartete. Ständig pleite, meist unglücklich verliebt, gestresst durch mehrere Jobs, immer leicht verpeilt – mit zehn, zwölf Jahren ahnte ich offenbar bereits, das mein künftiges Leben dem meines Helden (besser: Freundes) Peter nicht unähnlich sein würde.

Und doch behaupte ich, damals mit der klassischen Taschenlampe unter der ebenso klassischen Bettdecke etwas für besagtes Leben gelernt zu haben, das Parkers notorisch weise Tante May viele Jahre später in einer Verfilmung seiner Abenteuer so formulierte: Spider-Man hat mir gezeigt, wie man ein bisschen länger durchhält. Die Medien verteufeln ihn, sein Dasein ist eine einzige Tragödie – aber wenn es darum geht, das Richtige zu tun, dann tut er verdammt nochmal genau das. Der Biss einer Spinne gab ihm die Möglichkeit, für andere einzutreten, also macht er das auch – Kraft, Verantwortung, Ihr kennt die Geschichte. Klar wurde ich nie von einem radioaktiven Krabbeltier gebissen, natürlich weiß ich, dass man nicht an Fäden durch Hochhausschluchten schwingen kann, aber obwohl das pathetisch klingen mag: Jeden Tag durchhalten zu müssen – damit kennt sich ja wohl jeder aus. Also war mir der freundliche Netzkopf von nebenan ein guter Ratgeber in jenen Jahren des Lernens, mindestens so wertvoll, wie das für Altersgenossen ein Sportler oder meinetwegen gar ein Politiker gewesen sein mag. Mach dir nichts draus, wenn andere schlecht von dir denken – wichtig ist, dass du das Richtige tust. Und so waren Schundhefte meine Bibel.

Daran hat sich unfassbare 35 Jahre später nichts geändert. Oder doch: Ich lese eigentlich keine Comics mehr, und wenn, dann sind es keine Hefte, sondern überteuerte Sammelbände mit edler Cover-Gestaltung, in aufwändiger Druckqualität, und sie kommen auch nicht unter die Decke, sondern ins Bücherregal. Auch geht die Zahl derer, die sie nach wie vor als Schund bezeichnen würden, inzwischen gegen Null. (Eventuell findet sich in Bayern noch ein reaktionärer Geistlicher oder in irgendeinem hessischen Dorf ein rückständiger Deutschlehrer.) Meine Generation stellt heute die aktiven Intellektuellen, und wir wissen es einfach besser. Comics sind also Kunst… und Kommerz. Denn von ihrem Herkunftsland aus haben sie in den vergangenen zehn Jahren mit zäher Beharrlichkeit ein neues Medium erobert. Ich bin immer noch ein Nerd wie als Schüler, aber inzwischen verfolge ich die Abenteuer der Helden meiner Kindheit im Kino. Bereitwillig, eher begeistert schaue ich mir jeden Marvel-Film auf der Leinwand an, kaufe einige Monate später die Blu-ray, und was im Fernsehen läuft, wird selbstverständlich am Stück verschlungen, dafür darf sehr gerne mal ein langes Wochenende draufgehen. Ich liebe das Marvel Cinematic Universe mit der gleichen Wucht, mit der ich die albernen DC-Kino-Versuche hasse. Ich trage mit Mitte 40 stolz Deadpool- und Punisher-T-Shirts. Ich diskutiere ausführlich und kontrovers mit Gleichgesinnten über Fragen wie die nach dem einzig wahren Quicksilver-Darsteller. Und warum tue ich all das? Die Antwort ist gar nicht super, sondern furchtbar banal: Weil ich es kann.

Nochmal ein leichter Druck auf die Rückspultaste: Gar nicht so lange nach meinem ersten Kontakt mit der Welt der Sprechblasen geriet ich in Kontakt mit jener Welt, deren Existenz früher oder später jede Kindheit beendet – mit der Realität. Ich wurde erwachsen in der Ära des kalten Krieges, des Super-GAU, des sauren Regens. Die Probleme unserer Welt wurden in der Schule thematisiert, in den Nachrichten, in Gesprächen auf dem Pausenhof oder mit der Familie. Was heute Trump, war damals Reagan. Die 80er waren gar nicht so bunt wie ihre Klamotten. Erst recht nicht, wenn man jung war, vor allem nicht, wenn man der Mittelschicht angehörte. Und trotzdem behaupte ich, dass gerade meine Begeisterung für das Phantastische, das Irreale, das Andere mit dafür gesorgt hat, dass ich schon seinerzeit eher jemand war, der aufgestanden ist und laut wurde, statt still zu leiden. Die Protagonisten im Comic, aber auch in der SF- und Fantasy-Literatur waren nämlich in der Regel eher aktiv als passiv. Die beiden anderen Faktoren, die mich buchstäblich auf die Straße trieben, waren übrigens mein frühes Faible für im weitesten Sinne rebellische Musik und mein sozialdemokratisches Elternhaus. Zugespitzt: Bruce Springsteen und Joe Strummer, Herbert Wehner und mein jähzorniger Vater haben ebenso wenig die Klappe gehalten wie Spider-Man und Wolverine, die Helden von Lankhmar oder Han Solo. Meine späten 80er und frühen 90er habe ich häufig demonstrierend verbracht.

Worauf ich hinaus will: Torsten stellt die Theorie auf, dass die – zugegeben – drastische Fülle an Comic-Adaptionen in Film und Fernsehen die moderne Version von Brot und Spiele darstellt. Muskelmänner und -frauen, die einfache Lösungen anbieten, halten uns davon ab, uns der komplexen Realität zu stellen – die Avengers als Opium fürs Volk. Das sehe ich völlig anders. Und doch stimme ich dem zu.

Denn selbstverständlich ist mein Nerd-Dasein ein Eskapismus. Wenn ich im Kinosessel sitze oder ganze Serienstaffeln binge, blende ich die Realität für zwei bis 48 Stunden komplett aus. Das ist allerdings mein gutes Recht. Denn was ich weiter oben angerissen habe: Wer sich 24/7 mit der echten Welt beschäftigt, hat es verdient, sich gelegentlich eine Auszeit zu nehmen. Die Steuererklärung ist erledigt, der Müll rausgebracht, im Kühlschrank liegen einigermaßen ausgewogen gewählte Lebensmittel – ich habe mein Leben schon relativ gut im Griff. Möglich macht das (daher das „Können“) ein durchaus anspruchsvoller und fordernder Job, der mich jeden Tag bis zu 15 Stunden mit der knallharten Realität konfrontiert. Ich begeistere mich für meine Arbeit als Journalist ähnlich wie für meine Sprünge in andere, in fiktive Welten. Beides sind die viel zitierten Seiten jener Medaille, die mir als politisch bewusstem Erwachsenen am Hals baumelt. Und jetzt kommt die Stelle, an der ich dem Wortvogel zustimme: Ich habe ein Auge drauf, dass beide mal sichtbar sind. Zuviel Chaos in der Welt macht Chaos im Kopf, zuviel Flucht davor birgt die Gefahr, das Chaos zu vergessen. Beides wäre falsch.

Zugegeben: Ich schreibe hier nur für mich, einen kinderlosen Mittvierziger, parteipolitisch eher links, einigermaßen gut informiert und hoffentlich normal begabt. Ob sich andere tatsächlich geistesabwesend auf die prächtigen Sahnetorten stürzen, die ihnen Hollywood serviert, und sich dabei überfressen, weiß ich letztlich so wenig wie Torsten Dewi. Die Gefahr besteht sicher. Und doch bleibe ich dabei: Die Welt braucht Helden. Also Menschen wie Ghandi, King und Mandela, wie Muhammad Ali, Severn Suzuki und den Feuerwehrmann von nebenan – aber eben ab und zu auch wie Steve Rogers und Peter Parker.

„Guardians Of The Galaxy Vol. 2“: Zuviel von allem ist genau richtig

Man gewöhnt sich an alles. Vermutlich auch daran, als Kind von Außerirdischen entführt worden zu sein und sich seither im All als (meist erfolgloser) Ganove und (überraschend erfolgreicher) Superheld durchzuschlagen. Peter Quill (Chris Pratt), der lieber auf seinen selbst gewählten Spitznamen Star-Lord hört, jedenfalls kommt mit dieser Art Leben gut klar. Nur eins wurmt den gebürtigen Erdling: Er hat seinen Vater niemals kennen gelernt und weiß nur, dass dieser nicht von der Erde stammt. Jemanden wie Peter, der gerne seiner Vergangenheit nachhängt, lässt das nicht los. Da ist es gut, dass sein Job – der zweitgenannte, ein bisschen aber auch der erste – ihn derzeit durchaus fordert. Immerhin kämpft er mit seiner Mannschaft gegen ein zähnefletschendes Ekelmonster und hat alle Hände voll zu tun. Lediglich ein Crew-Mitglied schenkt der im Hintergrund tobenden Schlacht kaum Beachtung: Groot (im Original gesprochen von Vin Diesel) tanzt lieber selbstvergessen zu Electric Light Orchestra. Das reinkarnierte Baumwesen ist in seinem aktuellen Entwicklungsstadium ja noch ein Baby…

Willkommen zurück in der Welt der „Guardians Of The Galaxy“! Als die Marvel Studios vor zwei Jahren das erste Kino-Abenteuer der wild zusammengewürfelten Weltraumhelden auf die Leinwand brachten, war zunächst nicht abzusehen, ob dies nicht vielleicht das Ende der Erfolgsgeschichte bedeuten würde. Bis dato hatte sich das Marvel Cinematic Universe (MCU) gerade wegen seines selbstbewussten Konzepts als wahre Gelddruckmaschine erwiesen. Aber ob man sich mit einer sauteuren Produktion über Charaktere aus der dritten Reihe nicht verzettelte? Für viele überraschenderweise ging der Streifen durch die Decke, machten die schrägen Figuren und der selbstironische Ton, die flapsigen Sprüche und die rasante Action, das alles untermalt von einem bewusst käsigen Soundtrack, ihn fast zum Kultfilm. Und für die Fans in aller Welt das Warten auf die Fortsetzung beinahe unerträglich. Zumal – da greift das Konzept des Comic-Riesen wieder – die Geschichten um Peter Quill und seine Freunde ein wichtiger Teil des MCU sind und auch dessen Handlungsrad entscheidend weiterdrehen.

Peterchens Mondfahrt wird mit „Vol. 2“ konsequent dort fortgeführt, wo der erste Teil endete: Die selbst ernannten Wächter der Galaxis haben sich als Team gefunden, fast sogar als Familie, denn jeder von ihnen hat diesbezüglich einige Defizite. Gamora (Zoe Saldana) ist nach wie vor getrieben vom Hass auf ihren Vater, den Despoten Thanos (Josh Brolin), und ihre mordlustige Schwester Nebula (Karen Gillan). Drax (Dave Bautista) trauert weiterhin um seine Familie, die Thanos auf dem Gewissen hat. Rocket (Originalstimme: Bradley Cooper) ist der einzige Vertreter seiner Art, was sicher zum Zynismus des anthropomorphen Waschbären beiträgt. Groot fängt buchstäblich von vorne an. Und Star-Lord treibt wie erwähnt die Suche nach seinem Vater um.

Als er und seine Kameraden diesen letztlich treffen, ist die Freude zunächst verhalten. Immerhin hat Ego (Kurt Russell) seine irdische Lebensgefährtin dereinst verlassen und seinen Nachwuchs nie kennen gelernt. Da hilft es wenig, dass er sich als lebender Planet outet und der graubärtige Raumfahrer dort lediglich eine Art selbst erschaffenes Hilfsmittel zur Kommunikation ist. Aber man gewöhnt sich ja an alles. Auch daran, dass extraterrestrische Völker häufig auf dem Kriegspfad sind – wie etwa die nach Perfektion strebenden „Sovereign“. Und sogar daran, dass Quills schlecht gelaunter Ziehvater Yondu (Michael Rooker) einfach nicht lockerlassen kann. Schon bald wird es zwischen den Planeten mal wieder laut und krachig, wenn Helden und Raumpiraten, Tyrannen und Sternengötter aufeinanderprallen.

„Guardians Of The Galaxy Vol. 2“ hat von allem zuviel. Zuviel Handlung, zuviel Action, zuviele Spezialeffekte. Viel zuviele Andeutungen und Anspielungen. Und erstaunlicherweise zuviel Emotion. Und das ist genau richtig: Zuviel von allem reicht gerade aus, um dieses schillernde, dröhnende, pulsierende Etwas von einem Film in den Griff zu bekommen. James Gunn entpuppt sich endgültig als der Rick Rubin unter den Regisseuren: Alle Regler auf zehn – oder am besten noch auf elf, wie einst bei Spinal Tap!

Die große Stärke dieses Films ist die große Stärke des MCU: Wir erleben, wie perfekt ausgesuchte Schauspieler sympathische Helden zum Leben erwecken. Die Guardians sind ein wirrer Haufen, den das Schicksal zusammengebracht hat – aber sie sind auch ein Team aus gebeutelten Einzelgängern, die sich raufen und zanken und füreinander jederzeit durch die Hölle gehen würden. Wir erleben jeden von ihnen in einer typischen Actionszene, jedoch eben auch in melancholischen Momenten.

Das macht diese Fortsetzung zu etwas Besonderem, selbst in der an Höhepunkten nicht armen Geschichte des MCU. Besser geht Eskapismus kaum. Fast ist man neidisch auf die jüngeren Kinogänger, denn vermutlich erleben sie gerade die Geburt der Helden ihrer Jugend. Star-Lord ist der neue Han Solo. Und er reist dorthin, wo nie ein Mensch zuvor gewesen ist.

Das hier ist nicht einfach großes Kino. Es ist überdimensionales Kino. Genau so und nicht anders muss man das machen.

 

Kleine Randbemerkung: „Guardians Of The Galaxy Vol. 2“ wartet mit einer noch nie gesehenen Fülle an Gastauftritten und Hommagen sowie gleich fünf Abspann-Szenen auf. Hier gibt es wie immer keine Spoiler, aber ausnahmsweise ein Augenzwinkern (mit dem falschen Auge – stimmt’s, Rocket?) für Insider und altgediente Comicleser. Letzte Chance – weiterlesen auf eigene Gefahr. Also: Die Jungs sind wieder in der Stadt. Wir werden beobachtet. Und da kommt was großes Goldenes auf uns zu.