Schlicht statt ergreifend: “Schutzengel”

SchutzengelLuna Schweiger hat doppeltes Pech. Ihr Vorname passt auf traurige Weise zu ihrer Physiognomie, und sie hat das überschaubare Schauspieltalent ihres Vaters geerbt. Der wiederum zerrt ja gerne mal seine Töchter vor die Kamera.

Was die Menschen vor der Leinwand angeht – da ist Til Schweiger deutlich wählerischer. Statt den Pressefuzzis sein neues Meisterwerk (so heißen etwas teurere deutschsprachige Filme grundsätzlich) “Schutzengel” vorab zu zeigen, jettete der Meister (…) lieber nach Afghanistan. “Grund dafür sind die schlechten Erfahrungen, die er in der Vergangenheit mit anderen Journalisten erfuhr”, weiß die Wikipedia. Da fragt man sich die Frage, was passiert, wenn nicht nur die arroganten Schreiberlinge etwas zu kritisieren haben, sondern möglicherweise auch andernorts mürrisches Gemurmel laut wird – im Kinosaal gar. Droht dann ein Bundeswehreinsatz im eigenen Land? Denn unsere Mädels und Jungs an der Front sind auf Schweigers Seite, daran lässt das, was in den vergangenen Wochen einen klassischen Trailer für “Schutzengel” ersetzte, keinen Zweifel. Wie einst die Monroe und heute gern etablierte US-Konsensrocker bespaßte Schweiger die Truppen am Hindukusch. Die dankten es ihm mit wohlwollenden Äußerungen wie: “Es hat gut widergespiegelt, wie es wirklich hier unten auch ist.” Vorab: Schweigers aktueller Film behandelt keineswegs “das Thema der Kriegsrückkehrer aus Afghanistan” (nochmal Wikipedia), sondern ist ein inhaltlich schlichter Thriller und spielt noch dazu in Berlin und Brighton (!).

Es geht um das Mädchen Nina (genuschelt vom Mädchen Luna), das in den ersten fünf Filmminuten miterlebt, wie Heiner Lauterbach (als Heiner Lauterbach, der als Waffenhändler bezeichnet wird) ihrem zaghaften Flirt mit einem Hotelangestellten durch ein, zwei Pistolenkugeln ein Ende macht. Kurz darauf sitzt die traumatisierte (so wird behauptet) Mordzeugin zunächst auf einem klischeehaften Polizeirevier – inklusive engagierter Staatsanwältin (Karoline Schuch) und saufendem Chef (Herbert Knaup) -, dann in einem Versteck, wo sie von zwei Cops (Bitte nicht “Bullen” – das hier ist ein Thriller von internationalem Format!) bewacht wird. Diese sind knallhart, aber herzensgut, daran lassen die Gesichtsausdrücke der unterforderten Hannah Herzsprung und des vermutlich erleichterten Axel Stein keinen Zweifel. Kaum kommt der dritte Beschützer (Til Schweiger – wurde auch Zeit) hinzu, sprengen auch schon die bösen Buben die Appartmenttür, und es darf einige Minuten lang geballert werden, wie John Woo und Quentin Tarantino es auch deutschen Filmemachern beigebracht haben.

Der Rest der Geschichte ist ebenso überraschungsarm wie schnell erzählt: Max – so der Name des heldenhaften Haudraufs mit dem starren Blick – bringt die potenzielle Kronzeugin durchs Sperrfeuer der sinistren Schergen von Waffenverkäufer Backer. Unterwegs treffen sie in einer Art Nummernrevue auf mehr oder minder bekannte Gesichter aus Film und (häufiger) Fernsehen, darunter Oliver Korittke, Ralph Herforth, Fahri Ögün Yardim und Antoine Monot jr., deren Gastrollen mit Bezeichnungen wie “falscher Polizist” oder “Polizist” versehen wurden. Unterstützt wird das “ungleiche Duo” (Rezensentensprech) von Max’ Ex – der Staatsanwältin – sowie seinem besten Freund und Kriegskameraden Rudi (gespielt von Moritz Bleibtreu – der im Übrigen der einzige ist, der sich dieses Verb redlich verdient hat). Dem fehlen seit einem gemeinsamen Einsatz in Afghanistan (aha!) zwar Unterschenkel und Füße, dafür beweist er Standfestigkeit (‘tschuldigung!), wenn es darum geht, in einer Feuerpause den allenfalls angedeuteten Charakter der Hauptfigur zu erläutern. Max, so erfahren wir gähnend, ist ein dufter Typ, hat seinem Kumpel sogar das Leben gerettet, nachdem er ihn zuvor in ein Himmelfahrtskommando geführt hatte. Während Rudi in der östlichen Provinz den Späthippie gibt und Kekse futtert, zelebriert Mäxchen seither bei jeder sich bietenden Gelegenheit seine Narben an Körper und Seele. Nämlich immer dann, wenn die Kamera läuft.

Es folgen öde Kämpfe, klassisch strukturierte Humoreinlagen, schlimme Trivialdialoge (“Ich seh’ dich auf der anderen Seite”) und einschussgroße Logiklöcher, ehe alles in einen nach zwei Dritteln schlicht abgehackten Showdown mündet und das glückliche Ende seltsam langatmig die Überlebenden vereint.

Ist nun wirklich alles schlecht am “Schutzengel”? Nein (und ich kann selbst kaum fassen, dass ich das schreibe). Wer eine etwas hausbackene Variante US-amerikanischer Krimiklischees erwartet, wird sicher nicht enttäuscht. Bleibtreu, Knaup und wohl auch Lauterbach wissen, was sie tun, und liefern solide Souveränität ab. Es kracht bisweilen ganz ordentlich, manche Pointe scheint fast zu sitzen, und unwesentlich spannender als “Derrick” ist der Film allemal. Auf der anderen Seite (da ist sie wieder) ist Schweiger ein stark limitierter Mime, steht sein Töchterchen ihm diesbezüglich kaum nach, wirkt die Inszenierung bisweilen unfreiwillig komisch, wo sie doch dramatisch sein will. Ein großes Ziel hat unser Zweigesichthase jedoch erreicht: Wer mitreden oder abrotzen will, muss eine Kinokarte kaufen. Hoffentlich beschwören wir dadurch keine Fortsetzung herauf.

Macht anderthalb von fünf kleinen Quentins fürs Ikea-Regal im Wohnzimmer.