Zurück in die Zukunft: “James Bond – Skyfall”

James Bond - SkyfallSeit einem halben Jahrhundert hetzt der Superspion und Frauenheld über die Leinwand, meist im korrekten Anzug und mit Schweiß auf der Stirn. 50 Jahre – Anlass genug für Fans und Feuilleton, seit Monaten in Erinnerungen zu schwelgen, jedes noch so ausgewrungene Wortspiel zu bemühen und zur Ikone zu erhöhen, was längst eine ist. James Bond ist ein Mythos. Mehr ist dazu nicht mehr zu schreiben.

Anders sieht es mit dem zweiten Grund zum Feiern aus: “Skyfall” – gerne als 23. Bond-Abenteuer bezeichnet, obwohl es das 24. ist, wenn man “Sag niemals nie” dazuzählt. Daniel Craig darf, trotz oder wegen deutlich härterer Gangart und kalter Augen, als etablierter sechster 007-Darsteller gelten und sich zum dritten Mal beweisen. Jede Ära bekommt die Doppelnull, die sie verdient: Das gar nicht mehr so neue Jahrtausend kann einen Bond vorweisen, der als archaischer Racheengel daherkommt und dabei fast wie ein Relikt wirkt. Bröselt das System, ist nur noch auf echte Menschen Verlass. Auf echte Helden gar. Das mag die Ausrichtung des aktuellen Agenten-Updates sein.

Über weite Strecken, vor allem während des furios, aber überraschend erdig inszenierten Auftakts, ist der Himmelssturz eine Reise durch bekannte Gefilde. Wahre Fans lieben das – da weiß man, was man hat. Der Showdown allerdings nimmt die Sache mit den Wurzeln, zu denen man zurückkehren kann, ungewohnt wörtlich, bietet mindestens eine augenzwinkernde Hommage an einst (der gnadenlos der Garaus gemacht wird) und beschreitet dennoch neue Wege.

Ähnliches gilt für die Handlung: Ein angekratzter, aber aufrechter 007 bekommt es mit einem durchgeknallten Ex-Kollegen zu tun. Raoul Silva (gespielt vom sinistren Javier Bardem) ist ein tuckiger Psychopath mit Andy-Warhol-Frisur. Zwar wurde er im Vergleich zum hausbackenen Trailer authentischer synchronisiert, aber auch das rettet den Antagonisten nicht davor, in der Ahnengalerie der Bond-Bösewichte eine vergleichsweise blasse Gestalt zu bleiben. Das gilt auch für die Bondine Sévérine (Bérénice Marlohe), deren Aufgaben darin bestehen, ein Abendkleid zu tragen, gerettet zu werden und zu duschen.

Auf der guten, aber von Politintrigen zerschlissenen Seite der Macht sieht es besser aus. Naomie Harris gibt einen cleveren und charismatischen Sidekick, der saucoole Ralph Fiennes den perfekten Gegenpart zur natürlich souveränen Judi Dench als “M”. Zu allen drei Charakteren bleiben Details an dieser Stelle und aus gutem Grund unerwähnt. Ben Whishaw ist Sheldon Coo…, äh: der neue “Q”. Sein Job ist es, noch einmal zu unterstreichen, dass Bond, James Bond ein analoger Haudrauf in einer digitalen Wunderwelt geworden ist.

Das ist auch das Manko von “Skyfall”: Ein wenig unentschlossen geht es schon hin und her zwischen Altem und Neuem, zwischen dem Bewusstsein, das Genre vielleicht erfunden, zumindest aber definiert zu haben, und dem Bemühen, die Nachfolger einzuholen. Ein Hauch “Bourne” schwebt mitunter über den krawalligen Kämpfen, wenngleich eine durchaus handlungsfördernde Schießerei dann wieder angenehm retro in Szene gesetzt wurde.

Letztlich bleibt der neue Bond perfekte Kino-Unterhaltung mit teils aufregender Kameraarbeit, erwartet platten Dialogen und den üblichen Zutaten. Natürlich kehrt James Bond zurück, daran lässt nicht nur der klassische Abspann keinen Zweifel. Diesmal jedoch wissen wir, warum er das tut: Der Held, dem wir seit Jahrzehnten staunend zusehen, hat eine Arbeit zu erledigen. Und er ist zu zäh und starrköpfig, um aufzugeben. Wie erwähnt: Jede Zeit hat den Bond, den sie verdient.

Das ist mir satte acht von zehn enttarnten Geheimagenten wert.