Pfadfinder im Anflug: “Man Of Steel”

Man Of SteelDer Mann aus Stahl hat’s nicht leicht: Selten wurde ein Film bereits lange vor dem Start mit derart viel Häme überschüttet. Die galt Regisseur Zack Snyder, Produzent Christopher Nolan und Drehbuchautor David S. Goyer, aber auch sämtlichen Schauspielern und vor allem der Grundidee als solcher.

Denn Superman war immer der perfekt frisierte Pfadfinder im blauen Strampelanzug – selbst in der quietschbunten Welt der DC-Comics (die sich vom Konkurrenten Marvel seit jeher durch ein Mehr an Capes und ein Weniger an Sozialkritik unterscheidet) fiel dieser Kerl allzu oft negativ auf. Weil er der positivste Comicheld aller Zeiten ist: Nichts erschüttert seinen Glauben an das Gute, die Menschheit und die Pfannkuchen seiner Adoptivmutter. Während Batman längst den dunklen Ritter gab (und immer noch ein bisschen mehr Waisenknabe war als Kryptons letzter Sohn) und neuere Kollegen wie Black Lightning oder der Creeper als Straßenkämpfer oder Antihelden daherkamen, flog der Mann mit dem Faible für außengetragene Unterhosen mal eben lässig in Lichtgeschwindigkeit um die Erde, verprügelte Bösewichter mit einem Fingerschnippen oder half alten Damen über die Straße. Wie also lässt sich die Geschichte dieses tugendhaften Tausendsassas spannend erzählen?

Hielt sich Richard Donner 1978 noch sklavisch an die Comicvorlage, waren Supies Fernsehabenteuer mal als Screwball-Komödie (“Die Abenteuer von Lois & Clark”), mal als Teenie-Drama (“Smallville”) angelegt. Interessante Ansätze, schmales Budget – ganz anders als bei der Einschlafhilfe “Superman Returns” (2006), dem bislang letzten Versuch, den Urvater aller kostümierten Verbrecherjäger auf die große Leinwand zu bringen.

Snyder geht nun einen anderen Weg: Sein “Man Of Steel” kommt düsterer daher, abgesehen von der phantastischen Rahmenhandlung sogar relativ realistisch. Ausführlich wird die Herkunft des Superbuben erzählt. Snyder lässt uns eintauchen in eine bizarre Welt – sein Kal-El ist eben ein Fremder, ein außerirdisches Wesen vom Planeten Krypton, Mensch geworden nur durch die Erziehung seiner Adoptiveltern und seine Suche nach sich selbst. Und nachdem sein leiblicher Daddy (ein souveräner Russell Crowe als kampferprobter Wissenschaftler) ihn als Neugeborenes auf unseren Planeten geschickt hat, wird die Kindheit des späteren Helden mitnichten so behütet und wohlsortiert dargestellt wie gewohnt. Ma und Pa Kent (Diane Lane und Kevin Costner) meinen es etwas zu gut mit ihrem fremdartigen Findelkind. Der kleine Clark bleibt ein Außenseiter, ohne tatsächlichen Kontakt zu Mitschülern oder anderen Menschen. Erst als Erwachsener (Henry Cavill) lernt er seine unfreiwillige Heimat kennen, deren Bewohner und das Leben. Und als nach einem überraschend langen Intro die patente Pulitzerpreisträgerin Lois Lane (kompetent, aber fehlbesetzt: Amy Adams) und weitere Kryptonier (unter der Führung von Michael Shannon als faschistoidem General) hineintreten, beginnt eine Abfolge von Actionszenen, die ihresgleichen suchen.

Snyder und Nolan setzen ja gern mal mehr auf atemberaubende Bilder als auf Logik. Und so darf Superman im Kampf gegen die finsteren Invasoren halb Metropolis in Schutt und Asche legen. (Nicht gerade der perfekte Start in eine Karriere als unfehlbarer Champion…)

An manchen Stellen bricht der Plot also mit dem Mythos – und meist ist das sogar sinnvoll. Zudem gibt es für Geeks einiges zu diskutieren: Sind die wichtigsten Nebenfiguren dabei? (Sind sie – bis auf Jimmy Olsen.) Ist Laurence Fishburne geeignet für die Rolle des Perry White? (Ist er – wer an dieser Stelle rassistische Gründe anführt, verpisst sich gefälligst von unserem Blog.) Gibt es Hinweise auf die geplanten Fortsetzungen? (Gibt es – aber hier keine Spoiler.) Und taucht Supermans Erzfeind Lex Luthor auf? (Nein. Aber… – naja, hier keine Spoiler.)

Die wichtigste Frage: Ist “Man Of Steel” der erhoffte Action-Blockbuster des Sommers? Das ist er definitiv. Groß, laut, teuer, sehr amerikanisch. Jetzt sollte DC versuchen, Marvels gigantischen Vorsprung im Kino aufzuholen. Vielleicht klappt das ja, indem jemand mit Lichtgeschwindigkeit um den Planeten fliegt…

Macht saubere acht von zehn Fensterglasbrillen für angehende Starreporter.