Die Musik zum Film des Lebens nimmt keine Rücksicht

Neulich war ich für eine kurze Zeit Paul Newman. Das ist erstaunlich, denn erstens ist nicht mal mehr Paul Newman Paul Newman, sondern Torf. Und zweitens war das aus mehreren sehr unterschiedlichen Gründen nicht ganz einfach.

Einer davon: Ich war ganz kurz Paul Newman, weil und obwohl ich Billard spielte. Zum zweiten Mal und entsprechend schlecht. Bis es mir gelang, gleich zweimal nacheinander jeweils eine Kugel in ein dafür vorgesehenes Loch zu befördern. (Keine Ahnung, ob es tatsächlich „Kugel“ und „Loch“ heißt, aber es heißt ganz sicher nicht „befördern“.) Und Paul Newman spielt ja in „The Color of Money“ ebenfalls Billard, wenngleich ungleich besser.

Glücklicherweise fiel mir spontan nicht ein, welche Musik im Film zu hören ist (für Komplettisten: Eric Clapton), sondern der Soundtrack einer Szene, die nicht unwesentlich zu Paul Newmans Berühmtheit beigetragen hat: In „Butch Cassidy and the Sundance Kid“ tanzt Butch quasi auf einem Fahrrad, und dazu läuft „Raindrops Keep Fallin’ on My Head“. Was irgendwie auch besser passte.

Grundsätzlich ist es so, dass man sich die musikalische Tonspur des Lebens nicht immer aussuchen kann. Sicher kann man sich darauf konzentrieren, lässig zu James Brown durch die tristen Straßen seiner Stadt zu marschieren, um sie etwas weniger trist zu machen. Aber meist füllt doch irgendein Ohrwurm die Lücke zwischen zwei Szenen und den eigenen Ohren. Muss man akzeptieren. Wichtig ist nur: Singt nicht laut mit! Kann peinlich werden, wenn man in der Schlange beim Bäcker „Fuck you – whoo-hoo-hoo“ singt oder im Büro das Schlagzeug-Intro von „Live is Life“. Denn unser privater Soundtrack ist ähnlich wie der einer James-Bond-Actionszene: Er passt nicht immer zur Situation. Beweis dieser These: Bei mir läuft gerade „Happy“. Da ist es wichtig, cool zu bleiben. Wie Paul Newman.

Wer die X-Akten noch mal aufschlägt..

Akte X  und ich – das ist die Geschichte einer langen Liebe. Wir lernten uns kennen, als ich 13 Jahre alt war und anfangs nur gemeinsam mit meiner Mutter „Mystery“ auf ProSieben gucken durfte. Ich schaute damals etwa die ersten fünf Staffeln und verlor dann den Faden. Eventuell kam mir tatsächlich die Pubertät oder das wahre Leben dazwischen. Das Ende der Serie sah ich nie. Ich bekam mit, dass David Duchovny irgendwann wohl nicht mehr dabei war, dass da jemand Neues war. Wer, keine Ahnung. Dann interessierte es mich nicht mehr. Die unglaubliche Chemie zwischen Mulder und Scully war mir tatsächlich zu speziell, um sie einem anderen Schauspieler zu opfern. Dann war die Serie zu Ende, ich entdeckte neue Hobbies und scherte mich nicht mehr um die Serie. Olle Kamelle eben. 2008 kam dann der zweite Film – für mich völlig unverhofft, aus dem Nichts. Nichtsahnend ging ich ins Kino, erfuhr von einem vermeintlichen Sohn von Mulder und Scully, und ich wunderte mich. Ein Sohn? Das hatte ich wohl nicht mitbekommen. Interessant. Abgesehen davon, dass der Film wirklich mau war und das Beste daran sicherlich die Szene von Duchovny im Abspann mit roter Speedo-Badehose und das Lied zum Film – „Broken“ – von Unkle. Meine Leidenschaft war damals dennoch wieder geweckt. Ich kaufte mir innerhalb weniger Wochen alle neun Staffeln und schaute sie nacheinander durch – wie gesagt innerhalb weniger Wochen. Dann verstaubten sie wieder. Bis Dezember letzten Jahres. Trotz Vollzeitberufstätigkeit schaffte ich es bis jetzt ans Ende der fünften Staffel und habe auch den Film erneut gesehen. Folgendes bleibt festzuhalten:

1.) Es sind immer noch die gleichen Folgen wie vor 20 Jahren, die mich fesseln und die ich immer wieder gucken könnte. Faszinierend, wenn man bedenkt, dass es in meinem Fall nicht die Folgen sind, an die man sich aufgrund ihrer Brisanz für die ganze Serie erinnern müsste. Einige Highlights aus Staffel 1: die Folgen Ice/Eis, Eve/Eve, Beyond the sea/Die Botschaft, Darkness Falls/Der Kokon. Ich konnte mich noch vor dem Gucken an fast jede Szene erinnern, so intensiv habe ich schon damals Akte X geschaut.

2.) Verblüffend ist immer noch das Gebilde Mulder – Scully. Dass sie kommt, um seine Arbeit zu entkräften: geschenkt. Dass er aber überhaupt nicht misstrauisch ist, sie sofort in seine Arbeit integriert, als würde er seit Jahren nichts anderes machen, das ist mindestens verblüffend. In jeder anderen Serie wäre vermutlich eine halbe Staffel lang thematisiert worden, wer wem Böses will, wie intrigiert und wieso überhaupt eine Frau wie Scully zu den X-Akten muss. Das spielte hier aber nie eine Rolle, stand offenbar auch nie auf Chris Carters Agenda. Dennoch wundert es mich beim dritten Bingewatch der Serie doch enorm, dass dieses Thema ausgespart wird. Die beiden sind sofort eine Einheit – und das ist, siehe das Wort zum Eingang – zumindest verblüffend.

3.) Erstaunt war ich auch, als mir noch einmal klar wurde, dass der erste Film zwischen der vierten und fünften Staffel gedreht wurde, aber zeitlich nach der fünften Staffel spielt. Da ging mir erst auf, wie weit im Voraus Carter diese Serie konzipiert hat, wie weit seine Ideen reichten und wenig Spielraum es gegeben haben muss, um spontan einfach mal was anderes zu machen. Der erste Film ist besser, als ich es in Erinnerung hatte. Er ist besser als der zweite Film und besser als sein Ruf. Er lässt bei mir einige Fragen offen, unter anderem diese, wieso sich Mulder und Scully aus dem Nichts in einem Flur küssen sollten. Das gibt weder emotional noch logisch einen Sinn. Auch wenn sich bei Scully in der letzten Folge der fünften Staffel andeutet, dass ihr gerade irgendwelche Gefühle für Mulder klar werden, ist diese Szene unpassend und sie wäre unnötig gewesen. Obwohl sie den Fans natürlich eines der besten Outtakes überhaupt gebracht hat. Dieses hier:

Weiterhin stellt sich mir die Frage, wo denn jetzt so plötzlich noch ein weiteres Alien-Virus herkommt. Schwarzes Öl/Schwarzer Krebs gab es vorher, doch was ist das nun? Das gleiche Gift, nur mutiert? Oder doch was anderes? Hier wird man – ebenso was die Anhörungen beim FBI angeht – zu oft im Dunkeln gelassen und muss zu viel schlussfolgern.

Am Ende bleibt aber die Erkenntnis, dass Akte X Vorreiter für ganz viele andere Serien war. Vieles, was wir heute sehen, gab es damals schon. Verschwörungen, Syndikate, Machtspielchen (Homeland, House of Cards). Zombies, Monster, Paranormales, Kriminaltechnik (CSI, Walking Dead und viele mehr), FBI-Agenten (Fringe) und soooo vieles mehr. Eventuell weiß Chris Carter gar nicht, was er da eigentlich abgeliefert hat.

Fazit: Wer sich die Serie noch nicht komplett angesehen hat, sollte es tun. Es gibt schon recht günstige DVD-Angebote (alle Staffeln für 90 Euro beispielsweise). Was fehlt, ist eine Veröffentlichung der Serie auf BluRay und damit eine Anpassung der ersten vier Staffeln auf 16:9-Format. Ja, so alt sind die X-Files leider schon. Aber bis dahin tun es auch die DVDs.

Abspieltipps: Eve, Totenstille, Das Nest/Ein neues Nest, Fett, Leonard Betts. Erstaunlich schwach ist übrigens die fünfte Staffel. Hier kann man getrost ein paar Folgen überspringen.