Ein reicher und schöner und inzestuöser Mikrokosmos

Es fing alles ganz harmlos an. Mit einem Posting der geschätzten Kollegin Nadja Schwarzwäller auf Facebook:

Wann immer ich eine späte Mittagspause mit “Reich und Schön” verbringe, frage ich mich, warum ich nicht mein Geld mit Drehbuchschreiben verdiene.
Brooke heiratet Nick. Nicht anwesend: Brookes Tochter Bridget. Die war vorher mit Nick verheiratet und liebt jetzt Dante, der ein Kind mit Felicia, Bridgets Halbschwester, hat, die erst behauptete, es sei Nicks Sohn. Auch nicht anwesend: Brookes kleiner Sohn R.J. Dessen Vater ist Ridge, mit dem Brooke auch mal verheiratet gewesen ist, ebenso wie mit Ridges Vater Eric, der wiederum der Vater von Bridet ist. Auf R.J. passt gern Taylor auf, die auch mit Ridge verheiratet war. Eric ist übrigens auch der Vater von Felicia (damit Ridges Schwester). Die Mutter ist Stephanie. Eric hatte aber auch was mit Jacky, die wiederum Nicks Mutter ist. Die ist jetzt mit Brooks Vater im Bett gewesen, ebenso wie Taylor. (Und das ist nur das, was ich aus ein paar Dutzend Folgen von insgesamt mehreren tausend weiß!) Wer KOMMT auf sowas?

Wer kennt nicht “Reich und Schön”, “The bold and the beautiful”? Irgendwann muss ein jeder schon wenigstens mal 20 Sekunden dieser amerikanischen Seifenoper gesehen haben. Und genauso schnell, wie drübergezappt ist, ist das Gesehene auch schon wieder aus dem Gehirn gefallen. Belangloseres gibt es im Fernsehen vielleicht nicht. Deshalb bleibt einem tatsächlich verborgen, was diese Seifenoper für ein unglaubliches Beziehungsgeflecht mitbringt. Im Kern gibt es da eigentlich nur fünf Personen, die verwickelt sind und sich nie wieder aus diesem Netz befreien werden: Thorne, sein Halbbruder Ridge, Thornes Vater Eric, Brooke und Taylor. Mit Abstrichen kommen dann später noch Nick sowie Rick und Bridget dazu. Wer warum mit wem was gemacht und ihn wann geheiratet hat, steht irgendwie ja schon da oben. Aber wer den Überblick komplett verlieren will, sollte sich dieses Video – aus dem Jahre 2010 (!), seitdem wurde noch mehr geheiratet, geschieden, gestritten und fremdgevögelt – ansehen:

Wer jetzt gar nicht mehr weiß, was er mal wusste, bevor er sich das angesehen hat, bekommt hier schriftlich noch mal einen Überblick: http://www.hochzeiten.soap-reichundschoen.de/
Wie irre kann eine Seifenoper sein, in der die gleichen drei Personen über 27 Jahre lang immer wieder heiraten, sich scheiden lassen, streiten, fremdgehen, wieder heiraten? Und wie irre sind die Zuschauer, die sich das seit 27 Jahren ansehen? Freundin S. kommentierte zuletzt recht frustriert. “Sag mir, wenn die letzte Folge läuft. Ich schalte dann wieder ein, wenn Brooke und Ridge in den Sonnenuntergang reiten.”

Und noch irrer wird es, wenn man jetzt noch überlegt, dass auch die Kinder der Protagonisten zu Protagonisten in diesem Beziehungs-Zehneck werden und sich untereinander schwängern, vor der Nase weg ehelichen oder fremdknutschen. Es kann im weltweiten Fernsehen keine Serie geben, die noch wahnsinniger ist als dieser Mikrokosmos der Familie Forrester. Und um einen vierten irren Punkt draufzusetzen: Die Darsteller haben seit 1987 nicht gewechselt. Sie sind immer noch die gleichen, mittlerweile um die 55, schlecht gealtert, noch schlechter geliftet und ihre Rolle ist immer noch verdammt unglücklich und auf der Suche nach der großen Liebe.

Ernsthaft – wer guckt so einen Mist? Oder anders: Wer guckt so einen Mist länger als vier Wochen? Und warum?

 

Mal im Theater..

Wer meine bisherigen Beiträge gelesen hat, weiß, dass ich vermutlich der größte Akte-X-Fan bin. Grund genug, sich Schauspielerin Gillian Anderson mal im Theater anzugucken. Seit Juli – und bis Ende September – spielt sie im Young Vic Theater in London die Blanche DuBois in “A streetcar named desire” – besser bekannt als “Endstation Sehnsucht” – von Tennessee Williams.

10575181_10204767084763018_1105376302167190234_oIch kannte das Stück nicht und hatte mich vorher auch nicht informiert. So war mir natürlich auch nicht klar, dass das Stück in den Südstaaten der USA spielt und Blanche DuBois alias Gillian Anderson einen derart breiten Slang spricht, dass man kaum ein Wort verstehen würde. Was Akzente und Dialekte angeht, scheint Frau Anderson ohnehin ein Talent zu haben. In London geboren, in den USA aufgewachsen – oder umgekehrt – switcht sie, wie es ihr passt. Dass sie auch noch Südstaaten-Englisch spricht  – ich sage nur: Kaaaauuugummiii-Englisch – ist beachtlich. Das macht sie nämlich derzeit in diesem Theater so gut, dass selbst die Briten sie kaum verstehen. So ging es mir also an Abend 1  auch. Ja, wir haben uns das Stück zweimal hintereinander angesehen. Ich verstand kein Wort, dachte mir die Zusammenhänge und begriff dennoch irgendwie die Handlung.

Anderson gibt eine derartig überzeugende DuBois, dass es einen fast aus den Socken haut. Sie trinkt, sie lamentiert, sie ist eitel, arrogant, gut gekleidet, aber bettelarm – nie verliert sie ihren Stolz. Auch am Ende nicht, als sie – schon mitten im Wahnsinn – von der Bühne geführt wird. Vielleicht ist Gillian Anderson eine der am meisten unterschätzten Schauspielerinnen auf diesem Planeten. Warum ihr der Hollywood-Ruhm nicht vergönnt war, lässt sich höchstens darauf zurückführen, dass sie vielleicht knapp mehr als 1,50 Meter misst. Andere Gründe fallen mir nicht ein.

Interessant im Young Vic Theater übrigens: Die Bühne ist in der Mitte, die Zuschauer sitzen drumherum. Auf der dieser runden Bühne ist ein Rechteck installiert, das sich während der gesamten Vorstellung dreht. So bekommt jeder Zuschauer gleich viel Einsicht auf die Charaktere, die dargestellten Räume und die Requisiten. Eine wunderbare Idee! Die Schauspieler laufen teilweise so nahe am Publikum vorbei, dass man mittendrin ist. Und als Gillian Anderson am Ende die Bühne verlässt, tut sie das erst nach einem Rundgang über die Bühne – bei dem sie Augenkontakt mit den Zuschauern sucht, sich aber keine Emotion entlocken lässt.

Fotos durfte man während der Vorstellung leider keine machen, so lässt sich schwer erklären, wie gut sie ist. Nicht unerwähnt bleiben darf der Fakt, dass sie sich während der kompletten 3:15 Stunden etwa ein halbes Dutzend Mal umzieht und halbnackt auf der Bühne steht. Ja – auch in dieser Hinsicht hat sie was zu bieten.

Am zweiten Abend ging es mit dem Verständnis des Gesprochenen übrigens deutlich besser. Spricht es nicht für eine britische Schauspielerin, dass sie einen Südstaaten-Akzent so breit sprechen kann, dass ihre eigenen Landsleute sie nicht mehr verstehen? Ich glaube schon.

Wer sich Gillian Anderson oder andere Lieblings-Schauspieler schon immer mal auf der Bühne ansehen wollte, sollte das dringend tun. Zuletzt habe ich das 2007 gemacht, als Patrick Stewart als MacBeth in London auf der Bühne stand – auch das war ein unvergesslicher Abend. Eher zu vergessen war das Treffen am Bühneneingang hinterher. Der Mann ist so klein, das hat diverse Illusionen meiner Jugend zerstört.

Gillian Anderson ist übrigens auch klein, kam nach den Shows in den Eingangsbereich des Theaters und schrieb fleißig Autogramme. Sehr nette Person, sehr bescheiden, sehr freundlich. Anbei ein Bild der Schreibsession.

Wie die Dame es mit zwei kleinen Kindern schafft, 2,5 Serien zu drehen, Theater zu spielen und nebenbei ein Buch zu schreiben: KEINE Ahnung!