Sie sind bunt, ganz bunt: “Kingsman: The Secret Service”

Kingsman: The Secret ServiceNeun Minuten und sechs Sekunden dauert die Albumversion des Songs “Freebird”, den die Südstaatenrocker Lynyrd Skynyrd vor 41 Jahren aufgenommen haben. Wer nicht versteht, was das mit “Kingsman: The Secret Service”, dem neuen Film von Regisseur Matthew Vaughn (“X-Men: Erste Entscheidung”), zu tun hat, oder sich fragt, wo der Zusammenhang zwischen rockenden Rednecks und britischen Gentleman-Spionen ist… der hat was verpasst.

Denn eine Szene – die nicht zuletzt durch ihre explizite, aber comic-haft überzogene Gewaltdarstellung durchaus ein bisschen Filmgeschichte schreiben dürfte – wird mit dem zweiten Teil dieses Liedes unterlegt. Quasi ein schier endloses Gitarrensolo als Soundtrack zu einem verstörenden, aber auch verstörend unterhaltsamen Gemetzel, das auf den Punkt bringt, worum es Vaughn und Drehbuchautor Mark Millar (“Kick-Ass”) im Kern geht.

Doch der Reihe nach: “Kingsman” erzählt die Geschichte einer fiktiven Spionage-Einrichtung gleichen Namens, die ähnlich aufgebaut ist wie die legendäre Tafelrunde. Es gibt einen Boss mit dem königlichen Codenamen “Arthur” (eher nachlässig verkörpert von Michael Caine), einen technischen Experten namens “Merlin” (Mark Strong, der mal nicht den Bösewicht geben muss) und Agenten mit ritterlichen Spitznamen wie “Galahad”. Letzterer wird gespielt von Colin Firth, der erwartungsgemäß die Idealbesetzung für die Rolle des leicht versnobten Superagenten ist.

Wann immer einer der ihren im Kampf für das Gute sein Leben lassen musste, erwählen diese modernen Ritter einen Novizen zum Mitglied ihrer verschworenen Gemeinschaft. Doch der Weg zum Vollzeitspion ist steinig, das muss auch der junge “Eggsy” Unwin (Taron Egerton) erfahren, ein Junge aus den Londoner Slums, der in “Galahad” nicht ohne Grund einen Mentor gefunden hat. Zusätzliche Komplikationen entstehen durch das Auftauchen des so sinistren wie wahnsinnigen Milliardärs Valentine (Samuel L. Jackson) und seiner beinamputierten, aber tödlichen Assistentin Gazelle (Sofia Boutella).

Das klingt alles ziemlich durchgeknallt? Ist es auch. Noch dazu schrillbunt, bitterböse, satirisch und zu keiner Sekunde langweilig. Wir sind schnell mittendrin in dieser irren Story zwischen Retro-Fimmel, Bond-Parodie und modernem Actionfilm. Es wird oft laut, Zeit zum Luftholen oder gar subtile Zwischentöne bleibt selten. Und doch merkt das geübte Auge sehr schnell, dass “Kingsman” voller liebevoller Details ist. Es hagelt nicht nur Kugeln, sondern auch Referenzen auf alles, was das Genre hergibt. (An einer Stelle zitieren sich Millar und Vaughn sogar selbst: Im luxuriösen Unterschlupf des Erzschurken hängt das gleiche Bild wie im Büro des Mafiabosses in “Kick-Ass”, seinerzeit gespielt von Mark Strong.) Auch die eingesetzte Musik sitzt wie ein maßgeschneiderter Anzug – die erwähnte “Freebird”-Szene ist nur ein Beispiel von vielen.

Waren es in “Kick-Ass” die Superhelden, sind es diesmal die Topagenten, die damit klar kommen müssen, dass auch im Film-Universum nicht immer alles nach Plan verläuft. Denn beide Filme entsprechen zwar durchaus ihrem jeweiligen Klischee, die Gefahr für die Helden wirkt jedoch ungleich realistischer. Da wird öfter mal sehr blutig gestorben, und das ist dann überdreht inszeniert, aber auch sehr endgültig. Dort wie hier bekommen die Protagonisten viele Schläge ab, aber anders als Batman oder Bond spucken sie hinterher eben ihre Zähne aus.

Diese klassische Mark-Millar-Handschrift scheint auch durch, wenn trotz aller Lust an der Zerstörung bisweilen recht deutliche Kritik an unserem Umgang mit Gewalt geübt wird. Nochmal die “Freebird”-Szene: Man freut sich, jubelt gar, aber hinterher folgt die Ernüchterung. Darf man sowas gut finden? Der Zuschauer fühlt sich ertappt und gönnt sich ein Grübeln. Aber nur kurz, denn die wilde Jagd lässt wie erwähnt kaum eine Chance zur Besinnung.

Also: Es gibt reichlich Action, viel Klamauk, jede Menge Meta-Späßchen für Nerds und gute Musik. Ein Außenseiter hat die Messlatte für Popcorn-Kino höher gelegt. Und das in einem Jahr, das mit vergleichbaren Blockbustern nicht geizen wird. Well done, Gentlemen. Und die Krawatte sitzt.