Es war mir eine Ehre!

Es lag an den Augen. An diesem stechenden Blick, der bitterböse war und zornig und gleichzeitig weise. Der kleine Junge, der sich zitternd hinter Kissen versteckte, um doch immer wieder gebannt auf den Fernseher zu starren, war ziemlich sicher: Diese Augen blicken direkt in deine Seele. Sie machen Angst.

Als der Junge etwas größer war, erfuhr er den Namen des Mannes, der ihn so erschreckt hatte und den er bis dahin einfach „Dracula“ genannt hatte. Er sah ihn in einer weiteren Rolle, mit den gleichen starrenden Augen, diesem bösen Blick, dem nur James Bond standhalten konnte.

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Noch später hatte er den finster schauenden Mimen fast vergessen. Nur selten liefen die Schreckensbilder der Kindheit im Fernsehen, meist nachts und unbeachtet. Dazu Filme, die man nicht unbedingt gesehen haben musste und die es fast schafften, an der Würde des Finsterlings zu kratzen. Aber eben nur fast.

Und irgendwann war er wieder da. Andere hatten offenbar ähnliche Erfahrungen gemacht, hatten sich an die Augen des einstigen Stars erinnert und ihn zurück auf die Leinwand geholt. Dort gab er einen verräterischen Zauberer, jede bedrohliche Geste verursachte Gänsehaut, und einen intriganten Weltraum-Adeligen, seine Mine zeigte Verachtung und Machtgier.

Der Junge von einst wusste längst, dass der Schauspieler eigentlich ein sympathischer britischer Gentleman war, sehr gebildet, der mehrere Sprachen beherrschte, im Zweiten Weltkrieg gegen die Nazis gekämpft hatte und sich in Interviews charmant und witzig zeigte.

Noch im Alter war der Brite kreativ, arbeitete mit Metal-Musikern zusammen, wirkte lebendig und lebensfroh wie so mancher schauspielernde Greis, nicht nur die aus „Star Trek“.

Nun hat Christopher Lee seine Augen für immer geschlossen. Er war kein Held, er war der Bösewicht. Aber die sind ja immer spannender und fehlen daher noch mehr. Zumindest dem kleinen Jungen hinterm Kissen, der eigentlich nur sagen wollte: Machen Sie’s gut, Sir. Es war mir eine Ehre!