Die Schrecken der Kindheit

Lustige Geburtstagsfeiern, die erste Radtour, freundliche Omas: Eigentlich sollte man mit seiner Kindheit ja nur angenehme Erinnerungen verbinden. Aber wehe dem, der in den späten 70ern bei Regenwetter vor der Glotze geparkt wurde. Der Blick in die Röhre offenbarte nämlich mitunter das wahre Grauen: Zwischen “Captain Future” und “Doktor Snuggles” lauerte Unaussprechliches. Zeit, dass wir mal drüber reden.

Krabat

Im Wesentlichen sind es drei bleibende Erinnerungen, die damals wie heute Alpträume verursachen oder zumindest als dunkler Schatten über der Kindheit hängen:

Märchen der Welt – Puppenspiel der kleinen Bühne

Schon der Vor- und Abspann macht deutlich, womit wir es hier zu tun haben: mit endloser Traurigkeit. Da klimpert eine Gitarre eine triste Melodie, und dazu sehen wir merkwürdige Steingesichter im Wasser liegen. Mehr passiert nicht. Das wäre ja auch zu lebendig, würde eventuell einen Hauch von Hoffnung in die deprimierende Szenerie lassen. Die eigentlichen Puppentheater-Geschichten sind kaum fröhlicher: Was 1979 mit “Der kleine Muck” noch relativ harmlos beginnt, wird in der Folge mit unheimlichen Sagen wie “Tod im Lilienfeld” oder “Narbengesicht und Sonnenblick” zunehmend düsterer und unheimlicher. Da wird gerne mal relativ deutlich gestorben, was den ausnahmslos mit bleischweren Stimmen und hängenden Mundwinkeln ausgestatteten Charakteren keine besondere Emotion entlockt. Sie kennen ohnehin nur ein Gefühl: absolute Tristesse. So etwas kann dem frisch geschlüpften Menschennachwuchs schon mal den Sonntagnachmittag verhageln. Hatten wir erwähnt, wie traurig das alles ist? Schaut es euch ruhig selbst an (am besten an einem sonnigen Tag)…

(Übrigens gibt es zu dieser Reihe eine sehenswerte Facebook-Seite.)

Krabat

Ottfried Preußlers Geschichte vom armen Jungen Krabat, der es mit Zauberei und der ersten Liebe zu tun bekommt, dürfte spätestens seit der Realverfilmung aus dem Jahr 2008 den meisten ein Begriff sein. Wer niemals mit der tschechischen Trickfilm-Variante von 1977 konfrontiert wurde, dem sei gesagt: Vergesst alles, was Ihr zu wissen glaubtet. Und lasst alle Hoffnung fahren. “Krabat” ist mitnichten poetischer Zeichentrick und noch dazu ein wunderbares Zeitdokument, auch wenn das alle behaupten. Diese 80 Minuten pures Grauen kommen direkt aus der Hölle und wurden geschaffen, um kleine Kinder um den Schlaf zu bringen. Oder um den Verstand. Denn wir sehen die düstere Mär wirklich in allen Farben, die das mitternächtliche Spektrum zu bieten hat: Da werden Schädel gespalten, Leute in hässliche Vampirmonster verwandelt, und das Ganze spielt weitgehend im dunklen Wald. Dem Autor dieser Zeilen gab seinerzeit sein Klassenlehrer den Rest, als dieser während der ersten Klassenfahrt am Lagerfeuer aus dem Buch vorlas und dadurch die krächzende Stimme ins Hirn zurückrief, die ständig fordernd schreit: “Kraaabat! Kraaabat!” Schönen Dank auch.

Tom, Crosby und die Mäusebrigade

Lasst euch nicht vom harmlosen Titel täuschen: Diese japanische Trickfilm-Ausgabe von “Jack und die Bohnenranke” hat so gar nichts zu tun mit Tom, Jerry oder ähnlich ausgelassenen Burschen. Stattdessen haben sich 1974 ein paar völlig Durchgeknallte zusammengesetzt und etwas geschaffen, das viel von den irren Ideen heutiger Animes vorwegnimmt. Und das war nicht gut. Achtung Spoiler: Jack bzw. Tom trifft oben in den Wolken auf eine hexenartige Alte und ihren grünhäutigen, spitzzahnigen Muskelmonstersohn. Nach etlichen Verfolgungsjagden – die zwar tatsächlich an die oben erwähnte Maus und ihren Katzengegner erinnern sollen, aber ungleich dramatischer inszeniert sind – kommt es am Ende dazu, dass das wirklich fies anzuschauende Sohn-Ungeheuer seine nicht minder furchteinflößende Mutter brutal zertritt (!). Der Twist ist dazu angetan, Vierjährige an den Rand eines Traumas zu schubsen (für euch getestet): Denn Madame Noir entpuppt sich als Maschine. Sie war die ganze Zeit ein Roboter. Und trotzdem die Mutter eines grünen Goliaths. Was zum..?