Insert name here: Die Farbe Lila

Logo_testKlar: Mit Filmen und Serien kennen wir uns aus. Und doch haben Kartoffeln manchmal Löcher, Sitzkartoffeln also auch: Wissenslücken. Wer kennt schon jeden Klassiker? Wir jedenfalls nicht. Wollen wir aber. Also rufen wir uns gegenseitig die Titel von Meisterwerken der Filmgeschichte zu, die das Gegenüber noch nie gesehen hat. Und nun gucken muss – und darüber schreiben (natürlich ohne Google).

Kirsten rief: Die Farbe Lila.

Markus‘ erster Gedanke: Der erste Film von Whoopi Goldberg. Und Danny Glover war noch nicht zu alt für diesen Scheiß.

Ein Sticker auf der DVD-Hülle bestätigt Kirstens Warnung: Dies ist ein Frauenfilm. Aber es hilft nichts – Blog ist Blog, die Pflicht ruft und überhaupt…

Protagonistin und Erzählerin ist Celie, eine junge Afroamerikanerin, die Anfang des vorletzten Jahrhunderts im Süden der Vereinigten Staaten aufwächst. Ihr Dasein besteht eigentlich hauptsächlich aus Schmerz: Unter anderem hat sie im Alter von 14 bereits zwei Kinder zur Welt gebracht, die aus dem Missbrauch durch ihren Vater, einen Prediger, stammen. Die Familie ist arm, Gewalt und Rassismus an der Tagesordnung, und recht schnell wird dem Zuschauer klar, dass ein Leben, vor allem das einer Frau oder eines Mädchens, in jenen Tagen und an diesem Ort nichts wert ist. Ernsthaft: Die ersten paar Minuten sind wirklich schwer zu ertragen. Mir schießen zwei Gedanken durch den Kopf: Erstens frage ich mich, weshalb eine Bevölkerungsgruppe, die soviel Leid erfahren musste, sich untereinander derart grauenerregende Dinge antut. Weshalb halten die Leute nicht mal in ihren Familien zusammen? Warum tun sich Menschen überhaupt gegenseitig so etwas an? Mein zweiter Gedanke: Wenn dies ein Frauenfilm ist, bestätigt das meine Theorie, dass Frauen verdammt nochmal das starke Geschlecht sind. Glaubt es mir einfach, Jungs: Trotz aller Muckis – Frauen sind uns intellektuell und emotional schlicht überlegen. Und das ist schon okay.

Celies Vater nimmt ihr ihre gemeinsamen Kinder kurz nach der Geburt weg und verkauft sie. Ihre Mutter stirbt. Ihre jüngere Schwester muss sich dagegen wehren, dass ihr der verwitwete Nachbar (Danny Glover) nachstellt. Und ausgerechnet diesem Kerl wird Celie schließlich als Ehefrau verkauft. Niemand hinterfragt das – es scheint durchaus üblich zu sein, dass Männer sich minderjährige Mädchen als Frau halten und dafür deren Eltern bezahlen. In ihrem neuen Zuhause wird Celies Leben nicht besser (und der Film also nicht fröhlicher): Ihre etwa gleich alten Stiefkinder schikanieren sie, ihr neuer Ehemann schlägt und vergewaltigt sie, ihr Alltag besteht nur aus harter Arbeit. Einzig der Kontakt zu ihrer Schwester ist ein Silberstreif – als die sich jedoch erfolgreich gegen einen Vergewaltigungsversuch durch Celies Mann zur Wehr setzt, jagt dieser sie aus der Stadt.

Wir werden Zeuge, wie aus Celie (nun gespielt von Whoopi Goldberg) eine junge Frau wird. Durch unerschütterlichen Überlebenswillen hat sie es geschafft, nicht völlig zu zerbrechen. Ab und an blitzt nun sogar etwas Humor auf, wenn sich ihr Gatte mal wieder als völliger Trottel im Haushalt erweist. In der Sängerin Shug – ausgerechnet der Geliebten ihres Mannes – findet Celie zudem eine Freundin und vielleicht sogar etwas mehr. Shug zieht ebenfalls in das Haus der unterdrückten Familie ein, und trotz dieser eigenartigen Konstellation sorgt die Lebensfreude der Sängerin dafür, dass der triste Tagesablauf in der staubigen Hütte ein wenig aufgelockert wird.

Was mich sehr überrascht hat: Zwar ist Celie eindeutig die Hauptfigur, aber es gibt spannende und charismatische Nebencharaktere, die fast genau so wichtig sind. Neben Shug ist das zum Beispiel Sofia, die Frau von Celies Stiefsohn, eine patente, schwergewichtige und sehr selbstbewusste Person, die einem gerade wegen ihres Querkopfs sofort sympathisch ist. Fast ebenso überrascht war ich, wer sie spielt: Einige Jährchen jünger, einige Kilos schwerer – aber das ist eindeutig Oprah Winfrey, heute längst bekannt als erfolgreichste Talkshow-Moderatorin der Welt. Und sie macht das wirklich unglaublich überzeugend.

Das gilt auch für die anderen Schauspieler. Man nimmt Danny Glover den verachtenswerten Macho ab, man ist grundsätzlich schnell heimisch unter der drückenden Sonne des amerikanischen Südens, man lebt und leidet mit diesen Menschen. Und doch – und ich kann das kaum deutlich genug betonen – das alles verblasst angesichts der schieren Urgewalt von Whoopi Goldberg. Die Frau hat bereits in ihrem ersten Film eine derartige Präsenz, dass sie einfach jede Szene beherrscht. Dabei spricht sie gar nicht so viel, sind ihre Gesten eher sparsam. Es ist mehr, was sich in ihrem Gesicht abspielt, wie sie es schafft, uns an ihren Gedanken teilhaben zu lassen. Vergesst „T. Rex“, vergesst auch „Sister Act“ – das hier ist die pure Whoopi, und daran sollte man sie messen. (Übrigens bin ich fast sicher, dass sich ein Hauch ihrer Celie in einer durchaus ähnlich gelagerten Figur wiederfindet – „Die Farbe Orange“, anyone..?)

Die meisten von euch kennen den Film vermutlich, die anderen spanne ich nicht länger auf die Folter: Alles wird gut. Celie entkommt ihrer Ehe-Hölle, ihr Vater war gar nicht ihr Vater, sie darf ihre Kinder und ihre Schwester in die Arme schließen, und am Ende ist alles Jazz und Gospel und schön. Verdammt, wer schneidet denn hier Zwiebeln?!

Ich geb’s zu: Ich bin ein verdammtes Weichei, wie man schon am verweifelten Versuch erkennt, durch zu häufigen Gebrauch des Wörtchens „verdammt“ davon abzulenken. Das ist ein Frauenfilm? Prima, ich mag Frauen. Und ich fühlte mich nicht nur gut unterhalten, sondern sogar emotional berührt, Kitsch hin, Pathos her. Steven Spielberg weiß einfach, wie man sowas macht. Und jetzt wird gefälligst der Aufkleber vom Cover geknibbelt, ich fühle mich schon ganz ausgegrenzt!

Insert name here: Radio Rock Revolution

Logo_testKlar: Mit Filmen und Serien kennen wir uns aus. Und doch haben Kartoffeln manchmal Löcher, Sitzkartoffeln also auch: Wissenslücken. Wer kennt schon jeden Klassiker? Wir jedenfalls nicht. Wollen wir aber. Also rufen wir uns gegenseitig die Titel von Meisterwerken der Filmgeschichte zu, die das Gegenüber noch nie gesehen hat. Und nun gucken muss – und darüber schreiben (natürlich ohne Google).

Markus rief: Radio Rock Revolution

Kirstens erster Gedanke: Radio Rock? Rock Radio? Revolution Rock?

Noch nie hat ein Film länger gedauert. Radio Rock Revolution sprengt alle Grenzen und stellt neue Rekorde auf. Die Filmdauer liegt irgendwo bei 2:15 Stunden, doch ich brauche mehr als drei Stunden, ehe ich diese schwer verdauliche Kost im Magen habe. Stinklangweilig, denke ich schon nach etwa zehn Minuten. Was wollen sie mir sagen? Wo wollen sie hin? Was ist der Sinn? Sich und das Leben feiernde Kerle, die gerne Alkohol trinken, vögeln und Rockmusik hören, schippern irgendwo auf der Nordsee vor Großbritannien rum und haben einen Piratensender. Es ist 1966. Wilde, junge Mädchen in bunten Kleidern sitzen daheim mit roten Wangen und Ohren an den Geräten und schwärmen für die heißen Kerle, die sie noch nie gesehen haben. Dann der Plot: Die Regierung mag keine Rockmusik und will den Piratensender loswerden. Vielleicht ist das auch gar nicht der Plot. Wer weiß. Vielleicht geht es nur darum, 130 Minuten lang bekannte Pop- und Rockmusik aus den Sechzigern zu spielen.

Mein Minutenprotokoll des Grauens.

Minute 10: Ich habe bereits vergessen, was in den ersten neun Minuten passiert ist. Ich weiß noch, dass ich mich fragte, was der kleine Junge ganz am Anfang, der dann das Radio unters Kissen legt, mit dem Plot zu tun hat. Gar nichts, wie mir aufgeht, aber das ist mir am Anfang nicht klar. Und der Junge verfolgt mich irgendwie. Während ich über das Kind nachgrüble, verpasse ich irgendwas von dem, was gerade abgeht. Ich kriege noch so eben mit, dass ein Halbwüchsiger auf einem Schiff ankommt und seinen Patenonkel begrüßt. Ich begreife, dass die Herren dort leben und Radio machen.

Minute 24: Ein nackter, dicker Mann erklärt dem Halbwüchsigen das Vögeln. Dabei hält er sich schützend die Hand vor den Schniedel. Ich möchte das nicht. Das ist nicht schön. Es ist vielleicht das normale Leben, aber ich möchte nicht, dass nackte, dicke Männer jungen Kerlen erklären, wie das Vögeln geht. Verstörend. Ich hoffe, es ist wichtig für den Plot. Wie sich später rausstellt, ist es zumindest nicht unwichtig. Haben sich die Qualen also gelohnt.

Minute 26: Mein Hund steht im Flur und will Gassi gehen. Ich überlege kurz, ob ich den Film anhalten soll, habe aber nicht das Gefühl, dass ich was verpassen könnte. Außerdem weiß ich, dass ich in spätestens sechs Minuten wieder da bin, denn dieser Blick sieht nach dringendem Geschäft aus. Als 14 Jahre alte Hündin kann es halt schon mal drücken. Ich lasse den Film laufen und gehe Gassi.

Minute 33: Genau, ich bin keine Minute wieder im Wohnzimmer, habe aber bereits das Handy in der Hand und surfe auf Twitter rum. Inzwischen sitze ich auch auf dem Heimtrainer, weil ich denke, dass es nicht schaden kann, sich ein bisschen zu bewegen, wenn man schon mit einem derart langweiligen Film seine Lebenszeit vergeudet. Jedenfalls finde ich auf Twitter ein Video von Jürgen Klopp. Der muss sich am Montagabend bei einer Fußballsendung in Großbritannien derart gut verkauft haben, dass alle ihn lieben. Ich klicke auf den Link und stoppe damit unfreiwillig den Film, denn ich streame Amazon Prime über mein Apple-Handy auf den Fernseher. Der neue Klick überschreibt diesen Befehl aber und spielt stattdessen Klopp ab. Ich schaue also mal eben 15 Minuten eine englische Fußballsendung weiter. Ganz interessant, was der Mann da so über Fußball-Taktik erzählt. Gutes Englisch spricht er auch.

Minute 36: Nach 15 Minuten Klopp-Interview mache ich den Film wieder an. Ich schaue drei Minuten, als These Arms Of Mine angespielt wird. Genau, angespielt. Wie jedes andere verdammt gute Lied in diesem Film. Können die nicht wenigstens mal EINEN Song ausspielen? Ich bin genervt. Fühle mich wie in einer Radiosendung der späten 80er-Jahre, wo sich die Moderatoren immer besonders geil fühlten, wenn sie in den Song reinquatschen konnten.

Minute 39: Mein Festnetztelefon klingelt. Ich lasse den Film weiterlaufen. Viel passiert ist inzwischen ohnehin nicht. Weiber kamen und gingen, es wurde gevögelt, gesoffen und gefeiert und sich geil gefunden. Alles wie am Anfang.

Minute 50: Ich bin inzwischen komplett raus aus der „Handlung“ und nehme mir entschieden vor, jetzt wieder aufzupassen. Dass die Musik genial ist, reißt die stinkende Langeweile aber zu keinem Zeitpunkt raus. Es fällt mir echt schwer, dranzubleiben, und ich spiele erstmals mit dem Gedanken, einen Film abzubrechen. Da Markus aber auch „Die fabelhafte Welt der Amélie“  zu Ende geguckt hat, muss ich jetzt wohl da durch.

Minute 67: Zwei Kerle hängen an einem Mast. Dass Philip Seymour Hoffman mitspielt, ist übrigens ein Riesenpluspunkt für diesen Streifen. Er hängt jedenfalls am Mast, gemeinsam mit einem Typen, der wiederum mit der Frau eines anderen geschlafen hat. Es geht offenbar um Mut, Feigheit und Angsthasentum. Ich habe kurz etwas Höhenangst, es sieht unfassbar hoch aus, wie sie da so hängen. Ist der blonde Typ Rhys Ifans? Ernsthaft? Wie auch immer. Eine Stunde und sieben Minuten sind vergangen und ich muss sagen: Das ist die bisher beste Szene des Films! Genial.

Minute 86: Nee, wer hätte es gedacht, der Halbwüchsige entdeckt unter den Radiomoderatoren seinen Vater, den er bis dato nicht kannte. Welch ein Zufall! Herrschaftszeiten. Hagel und Granaten! Spannung, Tränen, Emotionen.

Minute 91: Noch 43 Minuten und jetzt schon die Wendung zum dramatischen Ende? Ich bin inzwischen vom Heimtrainer runter und warte auf irgendwas Tolles. Aber nichts passiert.

Minute 100: Ich sitze nun neun Minuten geschwitzt auf dem Sofa und mir wird langsam kalt. Ich stoppe den Film diesmal und gehe erst einmal heiß duschen. Derzeit passiert ohnehin nichts, von dem ich denke, dass es entscheidend für die „Handlung“ ist.

Minute 108: Nach einer Stunde und 48 Minuten habe ich den Blick zum zweiten Mal gebannt auf dem Schirm. Der Kahn sinkt? Krass. Und das zu Whiter Shade of Pale. Gigantisch.

Minute 120: Wie lange will dieser Kutter denn noch untergehen? Das nimmt ja schon Titanic-Ausmaße an. Es wirkt aber so, als ginge es hier gut aus.

Ende: Geschafft. Endlich. Eine Qual sondergleichen. Das Ende war allerdings gut, allein deshalb bin ich doch froh, drangeblieben zu sein. Ich kategorisiere wirklich ungern, aber hier denke ich: Ein Männerfilm. Eventuell auch einfach ein Männertraum. So würden sie gerne leben. Rockmusik, Weiber, wann und wenn man sie will, Alkohol und ein Boot. Der feuchte Traum aller vermeintlich Junggebliebenen.

Würde ich auf so einem Schiff landen, ich würde mir die nächste Schwimmweste suchen und mein Heil in der Nordsee suchen. Kann nicht viel schlimmer sein.

Insert name here: Die fabelhafte Welt der Amélie

Logo_testKlar: Mit Filmen und Serien kennen wir uns aus. Und doch haben Kartoffeln manchmal Löcher, Sitzkartoffeln also auch: Wissenslücken. Wer kennt schon jeden Klassiker? Wir jedenfalls nicht. Wollen wir aber. Also rufen wir uns gegenseitig die Titel von Meisterwerken der Filmgeschichte zu, die das Gegenüber noch nie gesehen hat. Und nun gucken muss – und darüber schreiben (natürlich ohne Google).

Kirsten rief: Die fabelhafte Welt der Amélie.

Markus‘ erster Gedanke: Ich erwarte Süßliches.

Natürlich sagte mir der Titel was. Ich weiß auch, dass es ziemlich viele Menschen gibt, die gar nicht aufhören können, diesen Film zu preisen. Bekannte von mir haben ihre Tochter nach der Titelfigur benannt. Mit Sicherheit hat er zudem zahlreiche Preise gewonnen. Und steht in so mancher DVD-Sammlung. (Vorzugsweise von Leuten, die alle drei Jahre ins Kino gehen, also zwischen „Titanic“ und einer Schnulze von und mit Til Schweiger.)

Ich hatte offenbar eine gewisse Erwartungshaltung, war jedoch bereit, mich dem Abenteuer zu stellen. Französische Liebeskomödien sind – vorsichtig ausgedrückt – nicht mein favorisiertes Genre. Aber oft bestätigen ja Ausnahmen die Regel, und wer nicht über den Tellerrand guckt, versäumt vielleicht was. Vorurteile aus und Augen auf!

Eine sonore Stimme aus dem Off erzählt zunächst eine mit vermutlich „liebevoll“ und „skurril“ gedachten Details vollgestopfte Vorgeschichte. Wir erfahren, wann und wo die Hauptfigur zur Welt kam, dass ihre Eltern emotionslose Neurotiker waren und sie selbst daher abgeschottet von besagter Welt ihre Kindheit verbrachte. Aus Einsamkeit erschuf sich die kleine Amélie einen Fantasie-Kosmos voller seltsamer Begebenheiten und eigenartiger Rituale. Eine komatöse Nachbarin schläft schon mal vor. Ein gebrauchter Fotoapparat löst Katastrophen aus. Der Goldfisch hat Depressionen.

Mein Problem an dieser Stelle ist nur: Die reale Welt des Films unterscheidet sich praktisch nicht von der erdachten im Kopf der Protagonistin. Das eigenartig bunte Frankreich, das uns gezeigt wird, ist ebenso bevölkert von übertrieben schrägen Charakteren, die nach selbst gewählten Regeln leben. Und es sieht auch genau so aus – nämlich wie eine kitschige Postkarte, die jemand mit kräftigen Wasserfarben auf gewollt abgegriffen getrimmt hat. Ein Setting wie aus dem verschwitzten Traum von Leuten, die schwarze Rosen in Bücher vom Flohmarkt pressen. Und wenn ich „Bücher“ schreibe, meine ich „Der kleine Prinz“ oder irgendeinen Gedichtband.

Amélies Mutter scheidet aus diesem holzschnittartigen Leben, als ihr eine suizidale Touristin auf den Kopf fällt. Der Vater verabschiedet sich danach endgültig vom Rest der Menschheit. Und irgendwann arbeitet die Titelfigur in einem klischeehaft frankophilen Puppenhaus-Paris als Kellnerin. Der Erzähler lässt uns wissen, dass sie auch in der Hauptstadt weiterhin ihren Tagträumen frönt, ein nennenswerter Unterschied zwischen diesen und dem ach so absurden Alltag lässt sich allerdings immer noch nicht ausmachen. Jeder in Amélies Bekanntenkreis hat eine mehr oder weniger sympathische Macke, und jeder schleppt ein mehr oder weniger langweiliges Problem mit sich herum. Wenn die Kellnerin nicht gerade durch die Ansichtskarten-Metropole stöckelt und alles mit albernen Kulleraugen anstarrt, hat sie offenbar zuviel Zeit. Daher entschließt sie sich, sich in das Leben ihrer Mitmenschen einzumischen, die ihr wegen ihrer Macken am pochenden Herzen liegen, wegen ihrer Probleme aber leid tun.

Unter anderem verkuppelt sie eine Kollegin mit einem Stammgast, lässt den Gartenzwerg ihres vereinsamten Vaters durch die Welt reisen und bringt die Schatzkiste eines kleinen Jungen ihrem inzwischen erwachsenen Besitzer zurück. Als Amélie ein Album findet, in dem eine offenbar verwandte Seele verlorene Passbilder fremder Menschen gesammelt hat, macht sie sich auf die Suche nach seinem Eigentümer. Ich habe wirklich überhaupt keine Lust, auf all das gefühlige Gequatsche und die abstrusen Zufälle einzugehen, die letztlich zum erwartet glücklichen Ende führen. Machen wir’s also kurz: Ja, sie kriegen sich – und ja, die grundgute Kellnerin wird selbst glücklich. Ach, wie schön. Allgemeines Seufzen.

Etwa nach einem Drittel bin ich eingeschlafen. Dieser Film lässt einen wegdösen wie nach einem gemütlichen Kaffeetrinken bei der Großtante, nach zuviel zu süßem Kuchen und viel zu vielen öden Geschichten von früher. „Die fabelhafte Welt der Amélie“ ist nach objektiven Maßstäben gewiss kein schlechter Film: Der Soundtrack ist angenehm zu hören (und erinnert sicher nicht von ungefähr an „Good bye, Lenin!“ – gleicher Komponist, vermute ich), die Schauspieler haben sichtlich Spaß, die Kamera weiß, was sie tut, die Inszenierung sitzt, das Ganze ist offenbar ein Vorbild für die recht unterhaltsame Serie „Pushing Daisies“. Aber es gibt auch objektiv sauber gehäkelte Spitzendeckchen und objektiv fehlerfrei eingesungene Norah-Jones-CDs. Trotzdem mag ich beides nicht.

Nichts gegen Romantik (in der richtigen Dosierung) und nichts gegen Eskapismus (dafür ist Kino letztlich da). Aber die blassbunte Bonbon-Welt der anstrengenden Amélie – sie ist definitiv nicht mein Zuhause.

Insert name here: Kick-Ass

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Markus rief: Kick-Ass

Kirstens erster Gedanke: Klingt nach einem Nerd-Film. Ernsthaft? Schon wieder?

Erster Blick auf die Laufzeit, als der Film beginnt: knappe zwei Stunden. Ich bin kurz erschöpft, bevor die erste Minute zu Ende ist. Dann atme ich tief durch und denke: Nutzt ja nichts!

Ich werde aber schnell positiv überrascht. Der Film ist flott erzählt, witzig gemacht, bringt pfiffige Dialoge auf den Schirm, hat sympathische Hauptdarsteller und einen einigermaßen lückenlosen Plot. War das ein Kassenschlager?

Der einzige Schauspieler, den ich kenne, – trotz Bart und Brille oder Maske – ist Nicolas Cage. Und ich kenne Regisseur Matthew Vaughn, von dem ich weiß, dass er mit Claudia Schiffer verheiratet ist. Und irgendwann mitten im Film muss ich schmunzeln, als Claudia Schiffer überlebensgroß von einer Werbetafel prangt. War klar! Ohne Referenzen geht es wohl nicht.

Der Plot: Dave (vermutlich um die 16?) fragt sich, wieso niemand im realen Leben versucht, ein Superheld zu sein, und entscheidet sich dann selbst, einer zu werden. Er legt sich ein Kostüm zu und lässt sich dann erst einmal ordentlich verprügeln und abstechen. Versuch 1 gescheitert. Der Film könnte nun zu Ende sein, aber das wäre natürlich langweilig. Dave steht wieder auf und sieht sich schnell Hit Girl (war so, oder?) und Big Daddy gegenüber. Big Daddy war mal Bulle und wurde von Frank HabdenNachnamenvergessenunddarfjanichtgoogeln in den Knast gebracht, damit er aus dem Weg ist. Big Daddy schwört im Gefängnis Rache und trainiert sich zum Superhelden. Als er aus dem Gefängnis kommt, nimmt er seine Tochter in Empfang und bildet diese ebenfalls aus. Die vermutlich so um die elf Jahre alte Göre sticht ab und erschießt, was nicht bei Drei auf dem Baum sitzt. Unerschrocken und eiskalt. Dave, der als Kick-Ass für Ordnung sorgen wollte, aber natürlich meistens grandios scheiterte, wird von Big Daddy und Tochter unter die Fittiche genommen.

Gangster Frank findet das alles nicht so geil und will die Superhelden loswerden. Sein Sohn versucht es auf die perfide Art: Er wird ebenfalls Superheld und nennt sich fortan Red Mist. Er schleimt sich bei Kick-Ass ein und findet recht schnell raus, dass die Gefahr nicht von diesem Knirps ausgeht. Mit einem Trick bringt er Dave dazu, ihn zu dessen Beschützer inklusive Tochter zu führen. Ein spannendes Finale ist garantiert.

Zwischendurch hat der Streifen leider ein paar Längen, was ich daran merkte, dass ich spontan prüfte, ob ich nicht bei meiner London-Reise am 8. Oktober noch einen kurzen Abstecher auf die Star-Trek-Convention nach Birmingham machen könnte. Ich surfte also knappe zehn Minuten auf der Webseite der Lufthansa, bei Booking.com und der britischen Bahn-Seite rum.

Das war ungefähr die Stelle, als Red Mist und Kick-Ass zu der Lagerhalle kommen, in der ein Feuer ausgebrochen ist.

Allerdings fühlte ich mich wirklich super unterhalten und musste schon mal laut auflachen. Vielleicht kein Film-Klassiker, aber definitiv ein kultiger Nerd-Film. Am Ende überlegte ich kurz, noch Teil 2 zu sehen, zumindest wurde mir ein zweiter Teil angezeigt. Vielleicht hole ich das bald noch nach.

Mein Highlight gleich zu Beginn der folgende Satz: „Meine einzige Superkraft war, dass ich für Mädchen unsichtbar war.“ Ich liebe Selbstironie. Diese zieht sich durch den ganzen Film, ebenso wird einmal die vierte Wand durchbrochen, als der Protagonist feststellt, dass er ja noch am Leben sein müsse, wenn er in der Lage ist, die Geschichte zu erzählen. Großartig!

Fazit: Kann man gesehen haben, muss man aber nicht. Nicht empfehlenswert für jedermann, aber Nerds dürfen diesen Streifen gerne kennen. Ich bin übrigens überhaupt kein Comichelden-Mensch, mich interessiert weder Marvel noch DC, und ich bin erstaunt, dass ich diese beiden Namen jetzt nennen konnte, ohne darüber nachzudenken. Soviel dazu..! Kick-Ass funktioniert für mich trotzdem.

Insert name here: The Artist

Logo_testKlar: Mit Filmen und Serien kennen wir uns aus. Und doch haben Kartoffeln manchmal Löcher, Sitzkartoffeln also auch: Wissenslücken. Wer kennt schon jeden Klassiker? Wir jedenfalls nicht. Wollen wir aber. Also rufen wir uns gegenseitig die Titel von Meisterwerken der Filmgeschichte zu, die das Gegenüber noch nie gesehen hat. Und nun gucken muss – und darüber schreiben (natürlich ohne Google).

Kirsten rief: The Artist.

Markus‘ erster Gedanke: Meine Nachbarn denken vermutlich, es ist was passiert. Ich bin zu Hause, aber man hört weder Musik noch Filmgeräusche…

Okay, ich habe mich geirrt: Erstens hat dieser Film natürlich Musik. Und zweitens ist er nicht langweilig (wie befürchtet), sondern toll. Und nebenbei gar kein reiner Stummfilm. Eher ein fast stummer Film über das Ende des Stummfilms. Kommt noch jemand mit?

Ich wusste vorab nur, dass „The Artist“ einen Oscar bekommen hat (für einen französischen Film eine große Sache) und dass die Titelrolle von Jean Dujardin gespielt wird, der nicht nur wirklich so heißt, sondern mir aus der James-Bond-Parodie „OSS 117 – Der Spion, der sich liebte“ bekannt ist. (Eigentlich ist das gar keine Bond-Parodie, eher sein Vorbild, aber das würde zu weit führen…) Der Mann kann was, hat Mimik und Gestik im Griff und nutzt beides gerne mal überdeutlich, weshalb ich mir einen Stummfilm mit ihm durchaus vorstellen konnte. Ebenfalls vorstellen kann ich ihn mir übrigens als Freddie Mercury, eine Rolle, die ihm im Netz nach wie vor in Aussicht gestellt wird. Auch dazu passen ja große Gesten.

Dujardin (wirklich ein unfassbarer Name) spielt in „The Artist“ einen erfolgreichen Hollywood-Schauspieler der Stummfilm-Ära. Inszeniert ist das Ganze tatsächlich ohne Ton und Farbe, auch die Kameraarbeit und die Zwischentitel sind eine liebevolle Hommage an die Frühzeit des Kinos. Der Ruhm des titelgebenden Stars verblasst zusehends, als eine von ihm entdeckte Nachwuchsdarstellerin ihm den Rang abläuft und die Bilder, die längst laufen gelernt haben, plötzlich zu sprechen anfangen. Davon hören wir übrigens (zunächst) mal nichts, es wird quasi behauptet – nicht vergessen, das hier ist (zunächst) ein Stummfilm.

Es gibt eine sehr beeindruckende Alptraum-Sequenz, in der der Protagonist plötzlich die Geräusche seiner Umwelt wahrnimmt und wir sie ebenfalls hören. Als ob seine Welt normalerweise tatsächlich stumm wäre, erschreckt ihn das sehr, ehe er aufwacht. Ohnehin wird der Themenkomplex „Schweigen/Geräusch“ permanent thematisiert – bereits ganz am Anfang, als wir den aktuellen Film des Schauspielers gezeigt bekommen, weigert sein Charakter sich in einem stillen Dialog, zu sprechen. Und sein treuer Begleiter, ein kleiner Hund, erinnert sicher nicht von ungefähr an seinen Artgenossen im Logo „His Master’s Voice“ – wenngleich er hier die Stimme seines Herrn nie zu hören bekommt.

Was mir aufgefallen ist: Ohne Ton, ohne tatsächliche Dialoge ist man gezwungen, sich noch mehr auf das Gezeigte zu konzentrieren. Umso besser, dass die Akteure allesamt sehr übertrieben, also fast theatralisch agieren – eben wie in jener Ära, in der der Film spielt. Zu den weiteren Schauspielern gehören übrigens drei Gäste aus Hollywood: der von mir verehrte John Goodman (den meisten sicher bekannt aus „Roseanne“), Macolm McDowell (bekannt aus vielen Filmen, ich nenne trotzdem mal „Star Trek – Generations“) und James Cromwell (bekannt aus vielen Filmen, ich nenne trotzdem mal „Star Trek – First Contact“). Der Letztgenannte spielt den treuen Butler des scheiternden Stars, der letztlich mithilft, dass sich – soviel sei verraten – die dramatische Handlung zum Guten wendet.

Denn die einstige Nachwuchsschauspielerin hat sich in ihren früheren Gönner verliebt und holt ihn – unterstützt von Hund und Butler – buchstäblich ins Leben zurück. Und zwar in das seinerzeit moderne Leben. Sprich: Er soll künftig in seinen Filmen reden. Am Ende sehen wir die beiden bei Dreharbeiten tanzen, und das Erste (fast sogar das Letzte), was wir von ihnen hören, ist ihr schwerer Atmen.

Das ist ganz ehrlich großes Kino. Ich kann mir vorstellen, dass ein derartiges cineastisches Experiment auf der Leinwand noch beeindruckender wirkt. (Am besten allerdings ohne Nachos – stimmt’s, Kirsten?) Ich bin froh, diesen Film gesehen zu haben. Er ist mit Herz und Hirn gemacht, und zwar von Menschen, die das Kino so lieben wie ich. Darauf einen Dujardin! (Ernsthaft – heißt der wirklich so?)

Insert name here: Big trouble in little China

Klar: Mit Filmen und Serien kennen wir uns aus. Und doch haben Kartoffeln manchmal Löcher, Sitzkartoffeln also auch: Wissenslücken. Wer kennt schon jeden Klassiker? Wir jedenfalls nicht. Wollen wir aber. Also rufen wir uns gegenseitig die Titel von Meisterwerken der Filmgeschichte zu, die das Gegenüber noch nie gesehen hat. Und nun gucken muss – und darüber schreiben (natürlich ohne Google).

Markus Logo_testrief: Big trouble in little China

Kirstens erster Gedanke: Noch nie gehört, klingt nach Jackie Chan.

Ich finde den Film bei Netflix und schaue mir erst einmal das Cover an: Bunt, schrill, eindeutig 80er. Könnte ein Actionfilm sein, sieht aber auch ein bisschen so aus, als sei es eine Persiflage darauf. Abenteuerlich, aber völlig absurd.

Ich bin begeistert, dass ich mit dieser Ersteinschätzung Recht behalte, obwohl ich beim zweiten Blick entdeckt hatte, dass Kurt Russell die Hauptrolle spielt und mir bisher gar nicht klar gewesen ist, dass Russell SOLCHE Filme dreht. Aber Markus sagt, der Film sei Kult – also muss was dran sein.

Ich bin zu Beginn ein bisschen irritiert und komme nicht richtig in die Handlung. Es könnte auch daran liegen, dass ich mit dem Film beginne, als ich abends schon relativ müde auf der Couch sitze, aber es dauert dennoch knappe 15 Minuten, bis ich begreife, was die Handlung sein wird. Dann erkenne ich Kim Cattrall und muss schmunzeln. Die Dame kannte ich bisher wirklich nur aus Sex and The City.

Ich schaue den Film auf Englisch und bin relativ schnell genervt. Die Art wie Russell spricht, lässt mich erst vermuten, dass er es offenbar nicht besser kann. Ich bin enttäuscht von seiner Schauspielleistung. Ein paar Minuten später wird mir klar, dass das offenbar genau so angelegt ist. Kurt Russell als „Mr. Burton“ soll genauso achselshirtig, vokuhilatragend und unterbelichtet rüberkommen. Vermute ich zumindest.

Spannend wird es, als sich die Handlung dann nach „Little China“ verlegt und „Mr. Burton“ und seine Entourage auf der Suche nach den beiden entführten Damen sind, die offenbar grüne Augen haben und einer fleischlos gewordenen Person namens Lo Pan verhelfen sollen, seine Menschlichkeit zurückzuerlangen. Ziemlich abgedreht. Lo Pan ist jetzt offenbar nur noch ein 2200 Jahre alter Geist, der irgendwann mal irgendwie – ich habe es ehrlich gesagt nicht ganz verstanden – aufbegehrte und dann verflucht wurde. Jedenfalls muss oder soll er eine der beiden Frauen heiraten und die guten Amerikaner versuchen natürlich, das zu verhindern.

Ich mag solche Filme. Völlig absurd, völlig bescheuert, völlig sinnlos – aber extrem lustig. Der Klang von Lo Pans Stimme – ich habe keine Ahnung, wie der Schauspieler heißt, denn ich darf ja nichts googeln – hallt heute noch in meinen Ohren. Die Art, wie er „Mr. Burton“ sagt, finde ich auch heute, ein paar Tage nach dem Gucken, noch extrem furchteinflößend.

Nein, das ist objektiv kein guter Film. Ich habe keine Ahnung, wie er im Kino gelaufen ist, aber meine Vermutung ist: nicht gut. Dennoch hat er definitiv was Kultiges und ich kann verstehen, wieso Markus ihn ausgewählt hat. Ich bin aber auch froh, dass sowohl Kurt Russell als auch Kim Cattrall sich durch diesen Film ihre Karriere nicht komplett verbaut haben. Es wäre schade gewesen.

Insert name here: Good Will Hunting

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Kirsten rief: Good Will Hunting.

Markus‘ erster Gedanke: Der Grund, warum Matt Damon und Ben Affleck sich Oscar-Preisträger nennen dürfen.

Ich weiß gar nicht genau, warum ich diesen Film ausgelassen und bislang niemals nachgeholt habe. Vermutlich haben mich seinerzeit (in den 90ern) Action- und Slackerfilme einfach mehr interessiert. Außerdem hatten Affleck und Damon damals durchaus den Ruf, schlichte Posterboys zu sein, da fand ich den Academy Award für ein Drehbuch doch einigermaßen albern. Oder anders: Wenn ich mir in jenen Jahren einen Film mit den beiden angeguckt habe, dann eher „Dogma“ als dieses Drama, das von allen Seiten derart gelobt wurde, dass ich da nicht auch noch einstimmen musste.

Um es vorweg zu nehmen: Das mit dem Lob hole ich nun gern nach. „Good Will Hunting“ ist wirklich ein verdammt guter Film – und ja, das hat er durchaus seinem Drehbuch (konkreter: den Dialogen) zu verdanken. Mittlerweile weiß ich, dass Damon und Affleck unterschätzte Schauspieler sind. Und muss ergänzen: Ich habe ihrem Frühwerk Unrecht getan.

Aber der Reihe nach: Will Hunting (Matt Damon) ist Anfang 20, Waise, vorbestraft, lebt in Boston und arbeitet als Hausmeister an einem Mathe-Institut. Seine Freizeit verbringt er mit seinen drei Kumpels, darunter sein bester Freund (Ben Affleck), der sich von ihm – das wird rasch deutlich – intellektuell ziemlich unterscheidet. Anders als sein Unterschicht-Umfeld kann sich Will nämlich sehr für Bildung begeistern, und er bringt zudem die nötige Intelligenz mit, diese anzuwenden. Dadurch lernt er eines Abends eine Studentin (Minnie Driver) kennen, die er mit seinem Wissen über Geschichte beeindruckt.

Seine wahre Passion gilt jedoch der Mathematik. Ein prominenter und buchstäblich ausgezeichneter Professor (Stellan Skarsgård) gibt seinen Studenten die offenbar sehr schwierige Aufgabe, eine Gleichung zu lösen, die er auf eine Tafel im Gang schreibt. Als Will nachts den Flur fegt, entdeckt er die Formel und bringt sie kurzerhand zu Ende. Dadurch wird der Prof auf ihn aufmerksam und gleichzeitig etwas Schwung in dessen Alltag gebracht, der offensichtlich aus eher lässig inszenierten Vorlesungen und dem Flirten mit Studentinnen besteht. (Eine Gleichung ist so sexy wie eine Symphonie – ist klar.) Das alternde Mathe-Genie nimmt sich des jungen an und versucht, mit ihm die Pygmalion-Nummer durchzuziehen. Soll heißen: Er will aus dem kleinkriminellen Raufbold einen achtbaren Wissenschaftler machen.

Der gute Will Hunting hat nämlich ein, zwei Probleme im Umgang mit seinen Mitmenschen, die daraus resultieren, dass er in gleich drei Pflegefamilien misshandelt wurde. Er kann niemandem vertrauen, lässt andere Menschen nicht an sich ran, und das zerstört letztlich auch die Beziehung zur reichen Studentin. Nachdem einige Psychologen vergeblich versucht haben, gegen den überlegenen Intellekt des Aushilfshausmeisters anzukommen, ruft der Mathe-Prof einen einstigen Studienfreund zu Hilfe, einen renommierten, allerdings selbst von privaten Schicksalsschlägen erschütterten Therapeuten (Robin Williams). Dieser schafft es nach und nach, Wills Vertrauen zu gewinnen. Sie unterhalten sich nicht nur über mögliche berufliche Ziele, sondern auch über das Leben an sich. Der Therapeut erzählt von der Liebe zu seiner verstorbenen Frau und davon, was es bedeutet, wirklich erwachsen zu sein.

Die Umsetzung dieser Gespräche ist großes Kino. In einer Art Kammerspiel geben Damon und Williams alles, wobei ihnen die wirklich geschliffenen Dialoge sehr hilfreich sind. Sollte man gesehen haben, hat ein bisschen Filmgeschichte geschrieben und ist wirklich verdammt gut. (Ich fluche in dieser Rezension fast so oft wie Wills Kumpels.)

Was mich jedoch am meisten beeindruckt hat: Der letzte Kick in die richtige Richtung kommt für Will gar nicht von seinem Therapeuten, der für ihn eine Art väterlicher Freund wird, sondern erstaunlicherweise von seinem besten Kumpel. Der vermeintlich tumbe Straßenköter sagt einige sehr kluge Dinge über die wahre Funktion von Freundschaft: Er sei bereit, ihn ziehen zu lassen, versichert er dem angehenden Mathematiker, da dies das Beste für ihn bedeute. Die Hauptsache ist, dass es einem Menschen, an dem einem etwas liegt, gut geht, auch wenn das für einen selbst schmerzhaft sein mag. Das ist die Aussage des letzten Gesprächs der beiden Freunde, und da ist viel Wahres dran. (Um nicht zu schreiben: verdammt viel Wahres.)

Letztlich beherzigt Will die Ratschläge, nimmt einen Job außerhalb Bostons an, und in der letzten Szene sehen wir das Auto, das ihm seine Freunde zum 21. Geburtstag geschenkt haben, in Richtung der Studentin fahren. Will Hunting ist erwachsen geworden.

Man kann sich darüber streiten, ob die Moral möglicherweise etwas reaktionär ist. Sicher macht die harte Schule, durch die der Protagonist gehen muss, einen besseren Menschen aus ihm. Weniger Prügeleien, mehr Matheformeln – daran ist erstmal nichts auszusetzen. Aber ob man als Erwachsener wirklich ein funktionierendes Rädchen im System sein muss oder ob es nicht vielleicht noch andere Wege gibt, sein Lebensglück zu finden – diese Frage darf man durchaus stellen. Keine zwei Meinungen lasse ich allerdings über die Qualität dieses Films zu: Er ist gut gespielt, hat ein souverän strukturiertes Drehbuch, teils fantastische Dialoge… und an der richtigen Stelle ist „Baker Street“ zu hören.

Insert name here: Aviator

Logo_testKlar: Mit Filmen und Serien kennen wir uns aus. Und doch haben Kartoffeln manchmal Löcher, Sitzkartoffeln also auch: Wissenslücken. Wer kennt schon jeden Klassiker? Wir jedenfalls nicht. Wollen wir aber. Also rufen wir uns gegenseitig die Titel von Meisterwerken der Filmgeschichte zu, die das Gegenüber noch nie gesehen hat. Und nun gucken muss – und darüber schreiben (natürlich ohne Google).

Kirsten rief: Aviator.

Markus‘ erster Gedanke: Hat sicher nichts mit blauen Aliens zu tun…

Okay, ich bin ehrlich: Ich habe von diesem Film das Plakat gesehen und weiß immerhin, dass Leonardo DiCaprio darin Howard Hughes spielt. Der wiederum war eine dieser großen amerikanischen Legenden, Millionär, Filmemacher und Flugpionier.

Soviel zum Vorwissen. Allerdings beginnt der Film damit, dass ein kleiner Junge (der spätere Protagonist, vermute ich) von seiner Mutter gewaschen und mit reichlich Angst vor allerlei Krankheiten versorgt wird. Ich rate mal: Mister Hughes war nicht der Stabilste, und das wird im Prolog angedeutet.

Schnitt. Nun spielt jedermanns Lieblings-Leo den inzwischen erwachsenen Howard. Ich halte DiCaprio ja durchaus für einen guten Schauspieler, und zwar seit „Gilbert Grape“, wo er als geistig behinderter kleiner Bruder von Johnny Depp brilliert. Inzwischen kommt er mir mitunter etwas zu verbissen-ehrgeizig vor. Was wiederum – soviel weiß ich inzwischen – perfekt zu seiner Hauptrolle in „Aviator“ passt.

Howard Hughes wird hier als Getriebener porträtiert. Gebeutelt von allerlei Ängsten, dazu ein absoluter Perfektionist, was seine Filme und den Bau neuer Flugzeuge angeht, gilt er einigen zwar als Genie, im dunklen Kämmerlein jedoch ist er eher eine arme Wurst. Nur wenige Eingeweihte wissen von seinen Problemen, nach außen gibt er lange Zeit den strahlenden Lebemann. Die Ära, in der der Film spielt, also die Frühzeit von Hollywood (die wilden Zwanziger bis zu den leider ebenfalls wilden Vierzigern), wird grandios eingefangen. Der Abspann verrät mir später, was ich nur als diffuse Ahnung im Kopf habe: Regisseur ist Martin Scorsese, der kann sowas natürlich.

Hughes‘ große, selbstverständlich tragisch endende Liebe war Katharine Hepburn, hier großartig gespielt von Cate Blanchett. Ohnehin wimmelt es von seinerzeit Prominenten, die glücklicherweise etwas plump stets mit Namen angesprochen werden. (Dass Jude Law offenbar Errol Flynn und Gwen Stefani wohl Jean Harlow darstellen, hätte ich sonst nicht mal geahnt.) Und damit kommen wir auch schon zum großen „Aber“. Es ist nämlich beileibe nicht alles Gold, was hier glänzt und glitzert.

Ich habe ein Problem mit Filmbiografien. Ist einfach so. Zwar finde ich es ganz unterhaltsam, zu erraten, wer wen spielt. Aber das Leben eines Menschen funktioniert nun mal nicht nach den klassischen Drehbuch-Prinzipien. Es gibt keine Struktur, wie man sie als Filmgucker gewohnt ist, keinen Höhepunkt, auf den die Handlung hinausläuft.

Und so sitze ich vergleichsweise unbeeindruckt vor dem Fernseher und betrachte das bunte, das tragische, das letztlich furchtbar egale Leben eines reichen, aber armen Mannes.

Manchmal ist gut gemacht das Gegenteil von gut. Sorry, Leo. Hast trotzdem gut gebrüllt.

Insert name here: Stand by me

Logo_testKlar: Mit Filmen und Serien kennen wir uns aus. Und doch haben Kartoffeln manchmal Löcher, Sitzkartoffeln also auch: Wissenslücken. Wer kennt schon jeden Klassiker? Wir jedenfalls nicht. Wollen wir aber. Also rufen wir uns gegenseitig die Titel von Meisterwerken der Filmgeschichte zu, die das Gegenüber noch nie gesehen hat. Und nun gucken muss – und darüber schreiben (natürlich ohne Google).

Markus rief: Stand by me.

Kirstens erster Gedanke: Oh, den hat er mir schon länger ausgeliehen. Die DVD verstaubt gerade im Regal.

Ich habe den kleinen Vorteil, dass ich tatsächlich eine physische Kopie im Regal stehen habe und mir somit schon mal in Ruhe das Cover ansehen, den Klappentext lesen, die Spielzeit überprüfen und die Darsteller erkennen kann.

Das tue ich dann auch, bevor ich den Film schaue. Ich erkenne sofort Wil Wheaton, den ich bis dato tatsächlich nur als Wesley Crusher aus Star Trek: The Next Generation kenne. Ich habe ihn bislang weder vorher noch nach der TNG-Ära in irgendeiner Serie oder einem Film gesehen. The Big Bang Theory zählt hier nicht.

Ich schaue mir zwar auch die anderen Jungs an, aber erkenne auf den ersten Blick erst einmal keinen, bis ich die Namen Jerry O’Connell und River Phoenix lese. Doch bis zum Starten des Films habe ich meine Frage, wer denn nun wer ist, auch schon wieder vergessen und lasse mich erst einmal in die USA der 1950er-Jahre ziehen.

Alles beginnt sehr betulich. Eine Jungs-Clique, darunter ein ganz verwegener Kerl mit Fluppe im Mund, ein Volltrottel, ein Heimscheißer und ein durchgeknallter Typ, der mit DER Frisur und DER Brille heute als Hipster durchginge. Dazu ein Baumhaus und ein heißer Sommer. Das sind wohl die klassischen Zutaten für einen Jungs-Film. Noch bin ich aber nicht genervt, sondern warte gespannt, was passiert.

Nachdem Nervbratze Verne (oder Vern?, ich darf ja nix googeln) viermal ansetzt und sein Geheimnis nicht loswird, rolle ich zum ersten Mal mit den Augen und befürchte, dass dieser Film eher über den Weg zum Ziel führt. Ich werde nicht enttäuscht. Oder eben doch.

Etwa 75 Minuten (gefühlt, ich habe das nicht wirklich gestoppt) stolpern, streiten, prügeln, lachen, frieren und hungern sich die Jungs in ein 20 Meilen entferntes Nest, um dort eine Leiche zu sehen. An sich ein wirklich spannender Plot, der aber ja gar nicht im Mittelpunkt steht. Denn irgendwie geht es doch um die Jungs, den Zusammenhalt und diesen einen, ganz speziellen Sommer.

Ich verstehe das sehr wohl, aber es langweilt mich Ich bin nun mal ein Mädchen und ich verstehe nicht, dass man sich wegen jeder Kleinigkeit prügeln muss. Erst recht nicht mit 12. Oder eben doch?

Die spannendste Szene: Als Verne schluchzend und kraftlos versucht, die Gleise entlangzurennen und Gordy ihn mit einer großen Heldentat vor dem sicheren Tod rettet. Da habe ich kurz schwitzige Hände und bin ein bisschen aufgeregt. Das wiederholt sich später, als die vier Abenteurer neben der Leiche stehen und auf einmal Kiefer Sutherland mit seinen Banditen auftaucht.

Ja ja, das steht alles nicht im Mittelpunkt, es geht um dieses „wir waren 12 und Freunde“-Ding. Aber irgendwas fehlt. Vielleicht noch eine Heldentat? Vielleicht weniger Klischees (siehe oben)? Vielleicht ein Mädchen?

Es ist übrigens dringend davon abzuraten, Filme synchronisiert zu schauen, in denen Jungs weinen. Es ist ganz, ganz fürchterlich, unerträglich und sowas von daneben und überhaupt nicht emotional. Im Nachhinein war es eine schlechte Entscheidung, aber ich wollte mich hier tatsächlich auf den Film konzentrieren können und mich nicht alle drei Sekunden fragen, was sie da gerade gesagt haben. Auch Untertitel hätten zu sehr abgelenkt.

Fazit: Ja, Jungs, ich kann verstehen, dass ihr diesen Film mögt. Mir leuchtet das schon irgendwie ein. Ist ja auch nett gemacht. Aber leider nix für mich.

Übrigens: Im Abspann lese ich wieder Jerry O’Connell und frage mich, wie das Verne gewesen sein kann. Ich google dann später doch noch, aber nur „Jerry O‘ Connell“ und bin derart geplättet, dass alle Eindrücke aus dem Film hinter diesem Erstaunen verschwinden. Zumindest kurz. Und kurz vorm Einschlafen denke ich dann noch, dass es wirklich schade um River Phoenix ist. Der hätte eine große Karriere vor sich gehabt.

Insert name here: In den Straßen der Bronx

Klar: Mit Filmen und Serien kennen wir uns aus. Und doch haben Kartoffeln manchmal Löcher, Sitzkartoffeln also auch: Wissenslücken. Wer kennt schon jeden Klassiker? Wir jedenfalls nicht. Wollen wir aber. Also rufen wir uns gegenseitig die Titel von Meisterwerken der Filmgeschichte zu, die das Gegenüber noch nie gesehen hat. Und nun gucken muss – und darüber schreiben (natürlich ohne Google).

Kirsten rief: In den Straßen der Bronx.

Markus‘ erster Gedanke: Schon mal gehört, vermutlich ein Krimi.

In den Straßen der BronxDer Vorspann verrät ja meist schon relativ viel über einen Film, zumindest über dessen Produktion. Und so erfahre ich, dass Robert De Niro nicht nur einer der Darsteller ist, sondern erstaunlicherweise auch Regie führt. Das ist schon mal ungewöhnlich. Fast noch ungewöhnlicher: Ein anderer Schauspieler, nämlich Chazz Palminteri, hat das Drehbuch geschrieben. Dass diese beiden mitspielen, verortet das Werk zudem fast automatisch ins Genre des Mafia-Films, aber das hatte Kirsten mir vorab schon verraten.

Bin gespannt, wie alt die zwei Hollywood-Größen hier sind, daran sollte sich ableiten lassen, wann der Film gedreht wurde. Und De Niro spielt bestimmt einen knallharten, zu allem bereiten, über Leichen gehenden… Busfahrer?! Er spielt einen Busfahrer? Keinen Mafioso? Langsam wird’s interessant.

Logo_testNachdem mich der eine ewige Film-Gangster am Steuer eines Stadtbusses relativ schockiert hat, bin ich fast beruhigt, dass der andere seinem Image treu bleibt. Ich habe Palminteri zuletzt in „Modern Family“ gesehen, wo er seine klassischen Rollen quasi parodiert. Hier erschießt er recht bald einen Kerl, mit dem sich einer seiner „Leute“ (so nennt man in Fachkreisen die Untergebenen eines lokalen Mafia-Bosses) um einen Parkplatz gestritten hatte. Augenzeuge des Geschehens ist ein kleiner Junge, dessen Namen ich mir ums Verrecken nicht merken kann, dessen ältere Ausgabe aber die Stimme aus dem Off ist, also die ganze Geschichte erzählt.

Diese spielt, so erfahren wir, zunächst im Jahr 1960 – und erwartungsgemäß in der Bronx in New York. (Keine Überraschungen an dieser Stelle.) Um für ein wenig Lokalkolorit zu sorgen und uns mit der Ära der frühen 60er vertraut zu machen, lässt De Niro einen relativ penetranten Doo-Wop-Soundtrack laufen, den der Erzähler sogar thematisiert. Die Musik eines Films ist für mich immer recht wichtig, da ich sie sehr bewusst wahrnehme. Diese hier ist ziemlich nach vorne gemischt, was das Potenzial hat, mir auf den Zeiger zu gehen. Zudem sind die ersten paar Minuten des Films fast wie ein Musical inszeniert und wirken daher unerwartet lustig. Ich befürchte, das organisierte Verbrechen in dieser Version der Bronx hat eher mit der „West Side Story“ zu tun als mit dem „Godfather“…

Der erste Schuss (Parkplatz-Streit und so) katapultiert mich jedoch rasch in eine deutlich härtere Film-Realität. Hier wird durchaus blutig gestorben. Der kleine Junge ist der Sohn des Busfahrers, der sich redlich bemüht, den Nachwuchs von den bösen Buben fernzuhalten. Natürlich üben die auch finanziell erfolgreichen Gangster jedoch eine große Anziehungskraft auf den Kleinen aus. Und nachdem dieser der Polizei gegenüber den örtlichen Paten in Schutz nimmt, beginnt der, sich um ihn zu kümmern. Nein, „sich um jemanden kümmern“ ist dabei ausnahmsweise keine Umschreibung für „jemanden erschießen oder mit Betonschuhen in den Hudson River werfen“.

Der Junge wächst also quasi mit zwei Vätern auf, und erstaunlicherweise wird keiner der beiden als eindeutig gut oder böse dargestellt. De Niros Charakter schuftet hart für wenig Geld, rät seinem Sohnemann zu Tugenden wie Fleiß und Pflichtbewusstsein. Palminteris Figur – sie heißt wohl Sonny – warnt ihn unterdessen vor dem wachsenden Rassismus in seinem Freundeskreis und empfiehlt, die Mitmenschen lieber dazu zu bringen, sich vor ihm zu fürchten statt ihn zu mögen. In einem Punkt sind sich leiblicher und angenommener Daddy einig: Man sollte niemals sein Talent vergeuden. Das spielt also sicher später noch eine Rolle.

Der Rest des Films ist acht Jahre später angesiedelt – und glücklicherweise ändert sich damit auch der Soundtrack. Wir hören Dion, wenn es darum geht, das Italiener-Viertel als eher traditionell darzustellen, und Hendrix, wenn es im „neuen“ Viertel der Afroamerikaner etwas rauer zugeht. Im Bus des Vaters läuft übrigens immer recht anstrengender Freejazz, was auch immer das bedeuten mag. Der kleine Junge ist jetzt ein Teenie, seine Clique wird immer rassistischer, und sein vor Daddy verheimlichtes Engagement für la familia bringt ihm die Achtung (besser: die Angst) der Nachbarn ein. Mir ist allerdings nicht ganz klar, weshalb der Busfahrer nicht mitbekommt, dass der Bursche mit den Mafiosi rumhängt. Offenbar tratschen Italo-Amerikaner nicht so gern – wer hätte das gedacht?

Die Handlung bekommt Schwung, als sich der Junge in ein schwarzes Mädchen verliebt und dieses seine Gefühle erwidert. Als sei Liebe an sich nicht schon kompliziert genug, finden das seine Freunde und ihre Familie nämlich nicht so toll. Nur Sonny ermutigt ihn, zu der Kleinen zu stehen. (Ist halt ein netter Pate.) Eskalierende Rassenkämpfe kosten die Kumpels des Jungen das Leben, er selbst kommt nur davon, weil Sonny ihn rettet. Als er sich dafür bedanken will, wird der Gangsterboss jedoch vor seinen Augen erschossen – und zwar (so erfahren wir dank des Erzählers) vom Sohn jenes Mannes, den Sonny acht Jahre zuvor umgebracht hatte. So klein ist die Welt oder zumindest die Bronx.

Am Ende steht der Junge geknickt am offenen Sarg seines Ziehvaters, um sich zu verabschieden. Einigermaßen unvermittelt stößt sein leiblicher Vater dazu und versichert der Leiche, er habe Sonny nie gehasst, sondern sich nur um seinen Sohn gesorgt. Offenbar beendet dieses Geständnis den Konflikt zwischen Busfahrer und Stammhalter, und sie fallen sich um den Hals. De Niro lässt den Jungen noch einen Moment allein – und Joe Pesci betritt die Kapelle. Joe Pesci? Ernsthaft? Ja, und zwar wirklich ernsthaft. Anders als gewohnt gibt er hier nämlich nicht die plappernde Nervensäge, sondern Sonnys souveränen Nachfolger. Der Junge könne sich künftig vertrauensvoll an ihn wenden, versichert er. Er sei nämlich nicht nur der neue Boss, sondern zudem der Mann, dessen vermeintlichen Parkplatz-Streit Sonny einst brutal beendete. Ist wirklich verdammt klein, diese Bronx. Sonny lehnt mehr oder weniger ab, und zu guter Letzt lässt uns die Off-Stimme wissen, dies sei nur „a bronx tale“ (so auch der Originaltitel des Films, von dem ich übrigens annehme, dass er aus den frühen 90ern stammt).

Mich hat überrascht, wie kurzweilig er war – die zwei Stunden kamen mir vor wie eine. Zwar mag ich meine Mafia-Filme lieber etwas epischer, aber alle Beteiligten haben Respekt verdient. Nicht immer sind gute Schauspieler auch gute Regisseure oder Drehbuchautoren. Die Moral hat sich mir allerdings nicht ganz erschlossen: Der Rat mit dem Talent wurde ein paarmal wiederholt, also scheint er wichtig zu sein. Oder das Ganze ist wirklich nur ein bewusst klein gewählter Ausschnitt vom Leben in der Bronx, den man nicht überinterpretieren sollte. Also lasse ich es. Gut unterhalten wurde ich allemal, für einen Aufstieg in meine persönliche Klassikerliste hat es aber nicht gereicht.