„Alien: Covenant“ – im Weltraum hört dich niemand seufzen

Ein Raumschiff gleitet einsam durch das All. Besatzung und Passagiere befinden sich im Tiefschlaf, bewacht vom Bordcomputer „Mutter“. Nein, dies ist nicht der Anfang des SciFi/Horror-Klassikers „Alien“ aus dem Jahr 1979. So beginnt vielmehr dessen mittlerweile siebte Fortsetzung (wenn man die „Alien vs. Predator“-Filme mitzählt). Und schon die ersten Szenen der eigentlichen Handlung zeigen, wohin für Regisseur Ridley Scott die Reise geht: in die Vergangenheit.

Zuvor allerdings erlebt der Zuschauer eine ruhige Sequenz mit durchaus philosophischen Ansätzen. Androide David (Michael Fassbender) diskutiert mit seinem Erbauer Peter Weyland (Guy Pearce) über Schöpfung und Vergänglichkeit. Und dieser Prolog wiederum zeigt, dass Scott die Reise zurück endlich nutzt, um lose Handlungsfäden zu verknüpfen. Doch dazu später mehr.

Die „Covenant“, so der Name des erwähnten Schiffs, hat die Mission, 2000 eingefrorene Kolonisten zum Planeten Origae-6 zu transportieren. Ein Unfall, den der diensthabende Android Walter (ebenfalls Michael Fassbender) nicht verhindern kann, weckt die Crew zu früh auf, was unter anderem den Captain (James Franco in der vermutlich winzigsten Rolle seiner Karriere) das Leben kostet. Die Astronauten müssen nun nicht nur den Raumtransporter reparieren, sondern auch mit der neuen Ordnung an Bord klar kommen. So trauert Kapitänswitwe Daniels (Katherine Waterston) um ihren Mann, während dessen Nachfolger, der gläubige Oram (Billy Crudup), von seiner neuen Verantwortung überfordert scheint. Einzig Pilot Tennessee (ungewohnt ernst: Danny McBride) bleibt auch in schwierigen Situationen cool.

In die ohnehin aufgeladene Stimmung platzt ein Funkspruch, offenbar ein Hilferuf, unterlegt von John Denvers „Take Me Home, Country Roads“. Die Nachricht lenkt die Aufmerksamkeit der Kolonisten auf einen scheinbar idyllischen Planeten, der als neues Ziel geeignet scheint. Doch aufmerksame Alien-Fans ahnen es bereits: Dem Funkspruch zu folgen, ist eine sehr dumme Idee…

Es gibt sie noch, die kleinen Wunder: Dann und wann sieht sich selbst ein dickköpfiger Kino-Nerd wie ich gezwungen, ein geliebtes Vorurteil zu überdenken. Nachdem ich „Prometheus – Dunkle Zeichen“ vor fünf Jahren nach einmaligem Gucken wegen brustkorbgroßer Logiklöcher in die gut gefüllte Schublade mit der Aufschrift „misslungene Prequels“ gepackt hatte, war das Alien-Franchise für mich erledigt. Dabei liebe ich die Reihe: Als der furiose Auftakt Ende der 70er die Zuschauer das Fürchten lehrte, hatte ich gerade lesen gelernt – und war beeindruckt, ohne den Film gesehen zu haben. „Im Weltraum hört dich niemand schreien“… Was mit einer Zeile wie dieser beworben wurde, musste mindestens so gut sein wie das Märchen mit dem schwarz gekleideten Maskenmann oder der Streifen, dessen Plakat ein Kerl mit Schlangen-Tattoo zeigte. Als ich „Alien“ dann später sah, wurde meine Hoffnung bestätigt: Ridley Scott hatte die perfekte Mischung aus Science-Fiction-Abenteuer und Monster-Horror geschaffen. Kein Wunder, dass in der Folge eine Flut italienischer Billig-Plagiate die Videotheken heimsuchte. Und kein Wunder auch, dass es nicht bei diesem einen Film blieb, sondern H.R. Gigers ikonischer Außerirdischer noch öfter auf der Leinwand zu sehen war.

Es folgten „Aliens – Die Rückkehr“ (1986), „Alien 3“ (1992) und „Alien – Die Wiedergeburt“ (1997), die allesamt die Story um die einzige Überlebende des ersten Teils weitererzählten. Sigourney Weavers Ripley wurde zur Kultfigur, ähnlich wie ihr ewiger Antagonist, und das muss man erstmal hinkriegen. Oder besser: „frau“. Denn als Ripley zum ersten Mal das Ungeheuer aus dem All besiegte, waren starke Frauenfiguren im Genre weniger als eine Seltenheit. (Einzig eine wehrhafte Prinzessin, die sich selbst rettete, hatte zwei Jahre früher die Fans begeistert.) Von Sarah Connor aus der „Terminator“-Reihe bis Buffy verdanken die Erbinnen der wehrhaften Astronautin ihrem Vorbild einiges.

Apropos „Terminator“: Das Franchise von James Cameron – der übrigens den zweiten Alien-Film inszeniert hat – hat mit dem Thema dieser Rezension durchaus etwas gemeinsam. Zum Beispiel: Nach etlichen Fortsetzungen und Prequels steigt niemand mehr so recht durch, was eigentlich genau wann passiert. „Alien: Covenant“ spielt elf Jahre nach „Prometheus“ und ist inhaltlich dessen direkte Fortsetzung. Die Handlung beider Filme ebnet also den Weg zu dem, was in „Alien“ zu sehen ist. Trotzdem plant Ridley Scott (der im November 80 wird) zwei weitere Filme: einen, der dort ansetzt, wo „Alien – Die Wiedergeburt“ aufhörte, also in weiterer Zukunft angesiedelt ist, und einen, der zwischen (!) „Prometheus“ und „Covenant“ spielt und diese Prequel-Trilogie abrunden soll. Um es vorwegzunehmen: Das hat sie auch nötig.

Denn perfekt ist das, was der greise Filmemacher hier abliefert, keineswegs. Zwar ist die Story in sich sehr stimmig – daher mein revidiertes Voraburteil -, aber ein, zwei Brüche gönnt sich Scott dann doch. Und im Rahmen der kompletten Saga wird mit vielen, vor allem wichtigen Handlungssträngen relativ achtlos umgegangen. Ihr habt euch geärgert, dass der Planet des „Konstrukteurs“ in „Prometheus“ gar nicht der Planet des „Space-Jockeys“ in „Alien“ ist, wie uns versprochen wurde? Dann schaut euch mal an, was Elizabeth Shaw (Noomi Rapace) und David am Ende ihrer im Vorgängerfilm begonnenen Reise erleben (oder eben nicht)… Der inhaltliche Anschluss erfolgt sauber, aber eigenartig. Das lässt einen schon mal zwischendurch enttäuscht seufzen.

Wie immer bleibt es hier weitgehend spoilerfrei, bei einem Film, der mit ein paar Twists aufwartet, ist das nur fair. Auf einen Aspekt muss allerdings eingegangen werden. Richtig – es geht um das Alien. Längst hat sich ja die Bezeichnung Xenomorph eingebürgert, aber ich bleibe lieber dabei, das Vieh gar nicht zu benennen oder eben nach dem Titel seines ersten Films. Denn: Ich persönlich hätte all die Hintergrundgeschichten, die uns mittlerweile aufgetischt wurden, nicht gebraucht. Es ist ein bisschen wie mit dem weiter oben erwähnten schwarzen Mann: Seit ich weiß, dass Darth Vader mal ein blondgelockter Jammerlappen war, hat ihm das einiges von seiner Ausstrahlung genommen. Manchmal ist es gerade das Geheimnisvolle, das Unerklärliche und Unerklärte, das einen Bösewicht zu dem macht, was er ist – zu einer unheimlichen Bedrohung, einer echten Gefahr für die Helden. Im fünften Jahrzehnt seiner fiktiven Existenz hat es das Alien umso schwerer, ein beeindruckendes Filmmonster zu bleiben. Doch kommen wir nun zur großen Stärke von „Alien: Covenant“: Ridley Scott schafft etwas, das ich so zuletzt in „Rogue One: A Star Wars Story“ erlebt habe. Dort wurde Vader, der in den vergangenen Jahrzehnten tausendfach imitiert und parodiert wurde, als jener unbesiegbare Unhold dargestellt, der er ist. Und Scott gibt uns nun das Alien zurück, das 1979 für schlaflose Nächte sorgte. Ein riesiges, hässliches Etwas, mit Klingen als Klauen, Säure als Blut, einem zweiten Maul als Zunge und einem giftigen Dorn am Schweif. Unaufhaltsam, unberechenbar. Oder kurz:

Das hier ist ein Horrorfilm, verdammt!

Dafür hat der alte Mann allen Respekt verdient, der ihm als Erfinder der Kreatur (neben erwähntem H.R. Giger und A.E. van Vogt, dem Autor der heimlichen Literaturvorlage) ohnehin zusteht. Auch inhaltlich geht Scott wie erwähnt zurück: Wir erleben vor allem in der zweiten Hälfte des Films ein klaustrophobisches Gruselabenteuer, während die erste Hälfte jenem philosophischen Gedanken nachhängt, den „Prometheus“ angerissen hat. Das ist spannend, für Cineasten mitunter ein wenig vorhersehbar, aber konsequent umgesetzt und weckt die Hoffnung darauf, dass das Franchise doch noch souverän den Bogen zum legendären Auftakt schlägt. So und nicht anders mag ich mein Alien – außen blutig, innen eiskalt. Beim nächsten Mal lässt Großvater Scott ja eventuell nochmal jemanden übers Drehbuch gucken, statt sich stur zu verzetteln. Hey – ich hab doch auch meinen Dickkopf überwunden!

Superhelden-Overkill-Paradies

„In den letzten drei, vier Jahren bin ich von einem großen Befürworter von Superhelden-Verfilmungen zu einem weitgehend schweigenden Kritiker geworden“, schreibt Torsten „Wortvogel“ Dewi in seinem aktuellen Blog-Beitrag, den er selbst „ein Pamphlet wider die Herrschaft der Superhelden“ nennt. Ihn treibe, so lässt er uns wissen, die Frage um, „ob wir in Welten flüchten, in denen alle Probleme von muskelbepackten Übermenschen gelöst werden können, während die tatsächlichen Probleme der Menschheit ungelöst bleiben“. Und stellt klar: „Die Welt braucht Erwachsene, die sich vor Problemen nicht im Kinderzimmer verstecken, sondern sie angehen.“

Das ist nicht die erste so interessante wie streitbare Theorie des Wortvogels, und er wird sie gewohnt eloquent verteidigen. (Genau genommen tut er das bereits – vornehmlich auf seiner Facebook-Seite.) Und weil ich weiß, dass das für ihn der halbe Spaß ist, vor allem aber, weil ich schlicht anderer Meinung bin, versuche ich im Folgenden, dagegen zu halten.

Da ich gerade fröhlich am Zitieren bin, verweise ich zum Einstieg auf den Text des Songs „Spider-Man und ich“ der Hamburger HipHop-Veteranen Fettes Brot, aus dem ich bereits an anderer Stelle zitiert habe: „Sie kaufte keine Medizin, sie kannte ihren Kleinen, denn zur Besserung gab’s ’n Heft von Spider-Man“, heißt es dort über die tröstende Mutter des Ich-Erzählers, „nichts half besser, nichts hatte ich lieber – der Typ ist so cool, der hilft sogar gegen Fieber.“ Und es folgt die wichtigste Zeile: „Bereit zum Abtauchen, alles startklar, weil Peter Parker als Spider-Man so stark war.“ Das ist der Punkt (und ab jetzt übernehme ich, versprochen): Es geht ums Abtauchen.

Ich habe etwa dieselbe kulturelle Sozialisation hinter mir wie die Brote, was vor allem daran liegt, dass wir der gleichen Generation angehören und in ähnlichen Verhältnissen groß geworden sind. Wer Anfang der 80er aufs Teenie-Alter zusteuerte und nach Ablenkung von den vermeintlichen Sorgen der Mittelschicht suchte, der griff gerne zu den bunten Heften, die damals übrigens tatsächlich noch Hefte waren und bunt sowieso, vor allem aber in den Augen der Erwachsenen bestenfalls zu beschmunzelnder Schund. Es war vielleicht mein erster rebellischer Akt, im Kiosk um die Ecke in DC-Comics zu schmökern, und er wurde ungleich rebellischer, wenn ich dann Marvel-Comics mit nach Hause nahm. Ich war von Anfang an ein Marvel-Fanboy: Der eingangs erwähnte Peter Parker hatte permanent mit Problemen zu kämpfen, die mich mitunter an meine erinnerten, und das machte ihn und seine ähnlich gebeutelten Bekannten ungleich sympathischer als die Riege der attraktiven, weißen, meist reichen Männer in Strumpfhosen, mit denen DC aufwartete. Ständig pleite, meist unglücklich verliebt, gestresst durch mehrere Jobs, immer leicht verpeilt – mit zehn, zwölf Jahren ahnte ich offenbar bereits, das mein künftiges Leben dem meines Helden (besser: Freundes) Peter nicht unähnlich sein würde.

Und doch behaupte ich, damals mit der klassischen Taschenlampe unter der ebenso klassischen Bettdecke etwas für besagtes Leben gelernt zu haben, das Parkers notorisch weise Tante May viele Jahre später in einer Verfilmung seiner Abenteuer so formulierte: Spider-Man hat mir gezeigt, wie man ein bisschen länger durchhält. Die Medien verteufeln ihn, sein Dasein ist eine einzige Tragödie – aber wenn es darum geht, das Richtige zu tun, dann tut er verdammt nochmal genau das. Der Biss einer Spinne gab ihm die Möglichkeit, für andere einzutreten, also macht er das auch – Kraft, Verantwortung, Ihr kennt die Geschichte. Klar wurde ich nie von einem radioaktiven Krabbeltier gebissen, natürlich weiß ich, dass man nicht an Fäden durch Hochhausschluchten schwingen kann, aber obwohl das pathetisch klingen mag: Jeden Tag durchhalten zu müssen – damit kennt sich ja wohl jeder aus. Also war mir der freundliche Netzkopf von nebenan ein guter Ratgeber in jenen Jahren des Lernens, mindestens so wertvoll, wie das für Altersgenossen ein Sportler oder meinetwegen gar ein Politiker gewesen sein mag. Mach dir nichts draus, wenn andere schlecht von dir denken – wichtig ist, dass du das Richtige tust. Und so waren Schundhefte meine Bibel.

Daran hat sich unfassbare 35 Jahre später nichts geändert. Oder doch: Ich lese eigentlich keine Comics mehr, und wenn, dann sind es keine Hefte, sondern überteuerte Sammelbände mit edler Cover-Gestaltung, in aufwändiger Druckqualität, und sie kommen auch nicht unter die Decke, sondern ins Bücherregal. Auch geht die Zahl derer, die sie nach wie vor als Schund bezeichnen würden, inzwischen gegen Null. (Eventuell findet sich in Bayern noch ein reaktionärer Geistlicher oder in irgendeinem hessischen Dorf ein rückständiger Deutschlehrer.) Meine Generation stellt heute die aktiven Intellektuellen, und wir wissen es einfach besser. Comics sind also Kunst… und Kommerz. Denn von ihrem Herkunftsland aus haben sie in den vergangenen zehn Jahren mit zäher Beharrlichkeit ein neues Medium erobert. Ich bin immer noch ein Nerd wie als Schüler, aber inzwischen verfolge ich die Abenteuer der Helden meiner Kindheit im Kino. Bereitwillig, eher begeistert schaue ich mir jeden Marvel-Film auf der Leinwand an, kaufe einige Monate später die Blu-ray, und was im Fernsehen läuft, wird selbstverständlich am Stück verschlungen, dafür darf sehr gerne mal ein langes Wochenende draufgehen. Ich liebe das Marvel Cinematic Universe mit der gleichen Wucht, mit der ich die albernen DC-Kino-Versuche hasse. Ich trage mit Mitte 40 stolz Deadpool- und Punisher-T-Shirts. Ich diskutiere ausführlich und kontrovers mit Gleichgesinnten über Fragen wie die nach dem einzig wahren Quicksilver-Darsteller. Und warum tue ich all das? Die Antwort ist gar nicht super, sondern furchtbar banal: Weil ich es kann.

Nochmal ein leichter Druck auf die Rückspultaste: Gar nicht so lange nach meinem ersten Kontakt mit der Welt der Sprechblasen geriet ich in Kontakt mit jener Welt, deren Existenz früher oder später jede Kindheit beendet – mit der Realität. Ich wurde erwachsen in der Ära des kalten Krieges, des Super-GAU, des sauren Regens. Die Probleme unserer Welt wurden in der Schule thematisiert, in den Nachrichten, in Gesprächen auf dem Pausenhof oder mit der Familie. Was heute Trump, war damals Reagan. Die 80er waren gar nicht so bunt wie ihre Klamotten. Erst recht nicht, wenn man jung war, vor allem nicht, wenn man der Mittelschicht angehörte. Und trotzdem behaupte ich, dass gerade meine Begeisterung für das Phantastische, das Irreale, das Andere mit dafür gesorgt hat, dass ich schon seinerzeit eher jemand war, der aufgestanden ist und laut wurde, statt still zu leiden. Die Protagonisten im Comic, aber auch in der SF- und Fantasy-Literatur waren nämlich in der Regel eher aktiv als passiv. Die beiden anderen Faktoren, die mich buchstäblich auf die Straße trieben, waren übrigens mein frühes Faible für im weitesten Sinne rebellische Musik und mein sozialdemokratisches Elternhaus. Zugespitzt: Bruce Springsteen und Joe Strummer, Herbert Wehner und mein jähzorniger Vater haben ebenso wenig die Klappe gehalten wie Spider-Man und Wolverine, die Helden von Lankhmar oder Han Solo. Meine späten 80er und frühen 90er habe ich häufig demonstrierend verbracht.

Worauf ich hinaus will: Torsten stellt die Theorie auf, dass die – zugegeben – drastische Fülle an Comic-Adaptionen in Film und Fernsehen die moderne Version von Brot und Spiele darstellt. Muskelmänner und -frauen, die einfache Lösungen anbieten, halten uns davon ab, uns der komplexen Realität zu stellen – die Avengers als Opium fürs Volk. Das sehe ich völlig anders. Und doch stimme ich dem zu.

Denn selbstverständlich ist mein Nerd-Dasein ein Eskapismus. Wenn ich im Kinosessel sitze oder ganze Serienstaffeln binge, blende ich die Realität für zwei bis 48 Stunden komplett aus. Das ist allerdings mein gutes Recht. Denn was ich weiter oben angerissen habe: Wer sich 24/7 mit der echten Welt beschäftigt, hat es verdient, sich gelegentlich eine Auszeit zu nehmen. Die Steuererklärung ist erledigt, der Müll rausgebracht, im Kühlschrank liegen einigermaßen ausgewogen gewählte Lebensmittel – ich habe mein Leben schon relativ gut im Griff. Möglich macht das (daher das „Können“) ein durchaus anspruchsvoller und fordernder Job, der mich jeden Tag bis zu 15 Stunden mit der knallharten Realität konfrontiert. Ich begeistere mich für meine Arbeit als Journalist ähnlich wie für meine Sprünge in andere, in fiktive Welten. Beides sind die viel zitierten Seiten jener Medaille, die mir als politisch bewusstem Erwachsenen am Hals baumelt. Und jetzt kommt die Stelle, an der ich dem Wortvogel zustimme: Ich habe ein Auge drauf, dass beide mal sichtbar sind. Zuviel Chaos in der Welt macht Chaos im Kopf, zuviel Flucht davor birgt die Gefahr, das Chaos zu vergessen. Beides wäre falsch.

Zugegeben: Ich schreibe hier nur für mich, einen kinderlosen Mittvierziger, parteipolitisch eher links, einigermaßen gut informiert und hoffentlich normal begabt. Ob sich andere tatsächlich geistesabwesend auf die prächtigen Sahnetorten stürzen, die ihnen Hollywood serviert, und sich dabei überfressen, weiß ich letztlich so wenig wie Torsten Dewi. Die Gefahr besteht sicher. Und doch bleibe ich dabei: Die Welt braucht Helden. Also Menschen wie Ghandi, King und Mandela, wie Muhammad Ali, Severn Suzuki und den Feuerwehrmann von nebenan – aber eben ab und zu auch wie Steve Rogers und Peter Parker.

„American Gods“ gilt als neue Kultserie

Eine gute und eine schlechte Nachricht hat der Gefängnisdirektor für Häftling Shadow Moon (Ricky Whittle): Zwar wird er einige Tage früher als geplant in die Freiheit entlassen – der Grund dafür ist jedoch der tödliche Unfall seiner Frau. Die Reise zur Beerdigung wird für den hinter Gittern geläuterten Betrüger und Schläger zum Abenteuer. So lernt er einen undurchschaubaren Fremden kennen, der sich Mr. Wednesday (Ian McShane) nennt und Shadow unbedingt als Handlanger engagieren will. Der Ex-Sträfling nimmt seinen neuen Job eher widerwillig an. Und spätestens, als er von einer Horde gesichtsloser Roboter zusammengeschlagen und aufgehängt wird, erkennt er, dass es im Knast bedeutend ruhiger zuging…

Blut spritzt, Körperteile fliegen meterhoch, Wikinger verstümmeln sich selbst, jemand wird von einer riesigen Vagina gefressen, ein Monsterbüffel hat glühende Augen, ein hünenhafter Leprechaun will sich prügeln, und ein Psychopath besteht aus lebenden Pixeln – die erste Folge von „American Gods“ wartet mit einer derart überbordenden Optik auf, dass man sich nach wenigen Minuten wie im Rausch fühlt. Visuell ist das alles so beeindruckend, dass es den Zuschauer atemlos zurücklässt, nachdem er mit weit aufgerissenen Augen das absurde Geschehen aufgesaugt hat.

Die neue Serie von Amazon Video startet mit reichlich Vorschusslorbeeren, was nicht zuletzt an der Vielzahl von Stars vor und hinter Kamera liegt. So stammt die Romanvorlage aus der Feder von Neil Gaiman, für seine Fans einer der größten Geschichtenerzähler der Gegenwart. Und mit Leuten wie McShane („Deadwood“) und Gillian Anderson („The X-Files“) ist das als Epos angekündigte Werk durchaus prominent besetzt.

Anders als im Fall von „Lucifer“, das sich eher lose an Gaimans Schaffen orientiert, versprechen die Produzenten zudem, dem grotesken Charme des zugrunde liegenden Buchs gerecht zu werden. Die erste Folge hat Amazon am 1. Mai in seinem Prime-Angebot zur Verfügung gestellt. Man muss nicht so belesen sein wie der Protagonist, um den Dreh der Geschichte zu verstehen: Die Zeit der alten Götter nähert sich ihrem Ende, weil die Menschen nicht mehr an sie glauben. Statt beispielsweise Allvater Odin (dessen wöchentlicher Feiertag der „Wodanstag“ ist…) zu huldigen, preisen sie neue Götzen wie die Technik oder die Medien. Und so kämpfen – vor den Menschen verborgen – alte und neue Gottheiten um die Macht auf Erden.

Nach der ersten Folge lässt sich noch nicht viel darüber sagen, wie sorgfältig die Charaktere ausgearbeitet wurden oder wie interessant die Story ist. Aber was Schauwerte angeht, setzt „American Gods“ offensichtlich neue Maßstäbe. Sollten die kommenden Teile dieses beeindruckende Niveau halten, haben wir es hier ziemlich sicher mit der aufwändigsten Serie aller Zeiten zu tun. Kleine Warnung allerdings: Allzu zimperlich sollte man nicht sein – mit drastischer Gewalt und explizitem Sex wird nicht gegeizt.

Mal abwarten, ob die Kritiker in aller Welt nur ums goldene Kalb tanzen oder ob die „American Gods“ wirklich zum Niederknien sind. Der furiose Auftakt verspricht zumindest einiges.