Kinder an die Macht: “Spider-Man: Homecoming” & “Valerian – Die Stadt der tausend Planeten”

Spider-Man: Homecoming

Der 15-jährige Peter Parker (Tom Holland) ist sauer: Eben noch war er auf dem Leipziger Flughafen in eine Schlacht der Superhelden verwickelt und traf seine Idole wie Captain America (Chris Evans), und nun ist er schon wieder in seinem Alltag im New Yorker Stadtteil Queens angekommen, zwischen Stress in der Schule und Ärger in der Nachbarschaft. Auch sein Mentor Tony Stark (Robert Downey jr.) meldet sich nicht mehr. Immerhin hat der Erfinder, Milliardär und Iron Man ihm den Anzug überlassen, in dem er im Osten Deutschlands zwischen den Großen der Branche herumgesprungen ist. Denn Peter ist mehr als ein harmloser Teenie aus dem Big Apple: Seit dem Biss einer radioaktiv verstrahlten Spinne ist er schneller und stärker als andere Menschen und kann an Wänden krabbeln. Er ist der Spider-Man, wie ihn YouTube-Nutzer und Zeitungsleser nennen.

Derzeit allerdings passiert wenig Heldenhaftes in Peters Leben. Seine Tante May (Marisa Tomei), bei der er aufwächst, ahnt nichts vom Doppelleben ihres Neffen und hat ein Auge darauf, dass er seine Pflichten in Klassenzimmer und Haushalt nicht vernachlässigt. Sein bester Freund Ned (Jacob Batalon) steht zwar tapfer an seiner Seite, wenn der bösartige Mitschüler Flash Thompson (Tony Revolori) ihn ärgert, aber er kann ihm nicht dabei helfen, seinem Schwarm Liz (Laura Harrier) näherzukommen. Und Michelle (Zendaya Coleman), die Außenseiterin der Clique, lässt Peter ebenfalls nicht in Ruhe. Der lenkt sich zwar mit harmlosen Einsätzen in der Gegend ab, fühlt sich aber zu Größerem berufen. Seine Chance kommt, als der übellaunige Adrian Toomes (Michael Keaton) in sein Leben tritt: Dieser hat unrechtmäßig außerirdische Technologie an sich gebracht, die vom Kampf der Avengers gegen die Chitauri zurückgeblieben war. Und damit verleiht der Finsterling seiner Verbrecherlaufbahn Flügel…

Begeisterung und Skepsis hielten sich die Waage, als Marvel bekannt gab, endlich den prominentesten Charakter seiner Comics in das “Marvel Cinematic Universe” holen zu können. Ein Deal mit dem Rechte-Inhaber Sony macht es möglich, dass der Netzkopf künftig Seite an Seite mit den bereits etablierten Helden auftritt. Zum ersten Mal zu sehen war Spider-Man im vergangenen Jahr in “Captain America: Civil War”, und diese neue Version der freundlichen Spinne aus der Nachbarschaft gefiel nicht jedem. Nachdem das Reboot des Franchises spätestens mit “The Amazing Spider-Man: Rise Of Electro” (2014) gefloppt war, war allerdings klar, dass Marvel sein Aushängeschild runderneuern würde.

Und so erleben wir einen Superhelden in den Kinderschuhen: Peter Parker ist noch nicht der tapfere Verbrecherjäger, der sich über den Dächern der Großstadt packende Kämpfe mit mörderischen Gegnern liefert. Zwar wird der legendäre Spinnenbiss erwähnt, aber besonders viel erfahren die Zuschauer nicht über den Protagonisten. Offensichtlich hat er seine Fähigkeiten noch nicht im Griff: Dieser Spider-Man stolpert und greift daneben, macht Fehler und lernt langsam dazu. Auch einen Spinnensinn, der ihn vor Gefahren warnt, scheint es noch nicht zu geben. Seine Tante ist seinem Alter gemäß relativ jung und hat als attraktive Frau mitten im Leben so gar nichts von der gütigen Rentnerin aus den Comics und den vorangegangenen Verfilmungen. Sein Freundeskreis ist so angenehm multikulturell wie sein Viertel: Queens wird als Ort der kleinen Leute gezeigt, die in harten Zeiten zusammenhalten. Auch andere bekannte Charaktere werden neu interpretiert: Flash etwa ist weniger ein bulliges Sportass, sondern mehr ein missgestimmter Geek. Wo ist Onkel Ben? Und was folgt nochmal aus großer Kraft?

Ernsthaft: Es ist überraschend angenehm, dass uns nicht zum dritten Mal die Origin Story der freundlichen Spinne aus der Nachbarschaft erzählt wird. Und die meisten Veränderungen gegenüber der Comic-Vorlage funktionieren – wie im MCU gewohnt – sehr gut. Eigentlich gibt es nur zwei Punkte, mit denen ich persönlich ein wenig hadere: Zum einen nimmt der erwähnte High-Tech-Anzug zuviel Raum ein. Ein wichtiger Aspekt in der Geschichte von Spider-Man war immer, dass er ein Technik-Wunderkind ist. Ein erfolgreicher Schüler, später begabter Student, der sich seine Netzwerfer selbst bastelt – Peter ist ein Nerd, dem erst ein Unfall die nötige Physis verschafft, um gegen Superbösewichte zu bestehen. Zwar sehen wir deutlich, dass auch die Neufassung des Titelhelden einiges in der Birne hat, aber den letzten Kick bekommt er von Tony Stark, einem eher kühlen Ersatzvater, der denkbar ungeeignet ist, von Verantwortung zu sprechen. Das alles erinnert an jene umstrittene Comic-Geschichte, in der Parker eine Art Iron-Man-Rüstung trägt – ohnehin wimmelt “Homecoming” (clever mehrdeutiger Titel übrigens) vor Anspielungen auf bekannte Marvel-Storys einerseits und Teenie-Komödien der 80er andererseits.

Damit wären wir beim zweiten milden Kritikpunkt: Tom Holland. Oder besser: sein Alter. Der Mann ist 21 und spielt hier einen 15-Jährigen – das funktioniert, weil er ein ewiges Milchgesicht wie Michael J. Fox ist. Und er macht seine Sache durchaus gut, man nimmt ihm den Loser so ab wie den Nachwuchs-Superhelden. Aber als Identifikationsfigur für die Zielgruppe “alternder Comicleser” taugt er natürlich kein bisschen. Die halten sich lieber an gestandene Kerle und toughe Frauen, wie sie von den meisten anderen MCU-Helden verkörpert werden. Andererseits straft Marvel einmal mehr all jene lügen, die mit penetranter Ignoranz behaupten, jeder MCU-Film sei gleich. Das ist einfach Blödsinn: Nach Fantasy-Krachern wie “Thor” und Spionage-Thrillern wie “Captain America: The Winter Soldier”, nach technik-verliebter Action wie der “Iron Man”-Trilogie und Science-Fiction-Humor wie “Guardians Of The Galaxy” fügen die Produzenten um Kevin Feige nun eine weitere Facette hinzu – das familientaugliche Abenteuer für ein jüngeres Publikum.

Außerdem hat Marvel nun die Möglichkeit, diesen Spider-Man dabei zu zeigen, wie er erwachsen wird. Eventuell ist er im kommenden Film schon auf dem College und lernt einen Kommilitonen kennen, dessen Vater ein schizophrener Industrieller ist… Alles ist möglich, denn dieser Abschlussball ist die perfekte Eröffnung, spannend, bunt und extrem unterhaltsam. Und für uns alte Säcke gibt es ungezählte augenzwinkernde Momente – einer davon ließ mich im Kino hörbar seufzen. Und ich seufze nie im Kino, schon gar nicht hörbar.

Michael Keaton ist übrigens der einsame Höhepunkt in einem an Sehenswertem nicht armen Film. Manche Szene trägt der Batman der 80er Jahre ganz allein und beweist dabei, dass er mitunter sträflich unterschätzt wird. Sein Toomes ist ein sinistrer Familienmensch, dessen vermeintlich gut gemeinte Ziele eher Ausreden sind, um buchstäblich über Leichen zu gehen. Gleichzeitig beweist er immer wieder Größe. Das macht ihn zur wohltuenden Ausnahme in der bisherigen Schurkengalerie der Spider-Man-Filme, denn zwischen dem Green Goblin und Electro hatten Toby Maguire und Andrew Garfield es ja eher mit missverstandenen Existenzen zu tun.

Was auch immer die Zukunft für unseren jungen Helden bereithält (demnächst natürlich “Avengers: Infinty War”) – es wird bestimmt nicht langweilig.

(Wichtiger Hinweis: Wie gewohnt gibt es Szenen im und nach dem Abspann. Sowas wie ganz am Schluss habt Ihr noch nicht gesehen – versprochen. Also unbedingt sitzen bleiben!)

 

Valerian – Die Stadt der tausend Planeten

Wir schreiben das 28. Jahrhundert. Die jungen Spezialagenten Valerian (Dane DeHaan) und Laureline (Cara Delevingne) sind unterwegs zur gigantischen Raumstation Alpha. Dort leben Millionen Humanoide und Aliens aus allen Teilen der Galaxis, knüpfen diplomatische Fäden, treiben Handel – und begehen Verbrechen. Der aktuelle Auftrag der beiden Gesetzeshüter lautet, den letzten Transmutator, ein kleines, pelziges Lebewesen, zu beschützen. Zudem kommen sie einer Verschwörung auf die Spur, deren Wurzeln bis in höchste militärische Kreise reichen. Aber wie hängt das alles mit den Visionen zusammen, die Valerian plagen? Und warum hat seine Partnerin so gar kein romantisches Interesse an ihm – immerhin ist sein Erfolg bei Frauen legendär?

Valerian und Laureline (im deutschen Sprachraum: Veronique) sind die Protagonisten eines erfolgreichen französischen Comics der 60er und 70er Jahre. Wie alle französischen und belgischen Comics jener Ära waren die Geschichten um die beiden Weltraum-Agenten sehr detailliert, oft skurril und manchmal ein bisschen frivol. Vor allem die Vielzahl außerirdischer Lebensformen mit ihren entsprechenden Heimatplaneten wusste durchaus zu beeindrucken. So etwas adäquat auf die Leinwand zu bringen, noch dazu als Realverfilmung, war lange Zeit unmöglich.

Regisseur Luc Besson hat das Wunder nun vollbracht: Inzwischen ist es kein Kunststück mehr, selbst absurde Figuren und Handlungsorte überzeugend umzusetzen. Wer Bessons angebliches Meisterwerk “Das fünfte Element” (1997) gesehen hat, weiß vom Faible des Filmemachers für groteske Bilder, die nicht selten an Comics erinnern. Klar, dass ihm ein Valerian-Film eine Herzensangelegenheit ist. Und klar auch, dass er dafür alle Hebel in Bewegung gesetzt hat. Hier wird nicht gekleckert, sondern sowas von geklotzt: Die Darstellung der Raumstation und ihrer Bewohner ist derart atemberaubend, dass selbst gestandene Science-Fiction-Gucker nicht anders können als zu staunen.

Da gibt es hunderte seltsamer Gestalten, die durchs Bild laufen, fliegen, hüpfen oder kriechen. Andere Planeten oder Ökosphären sind nicht nur fremd, sondern buchstäblich fremdartig. Manches scheint einem grellbunten Fiebertraum entsprungen (dabei waren es nur die Seiten einer Bildergeschichte). Und die teils rasanten Kamerafahrten und ungewöhnlichen Perspektiven machen aus dem Film eine Reise in eine Zukunft, die man gar nicht wieder verlassen will, weil es so viel zu sehen und entdecken gibt.

Soviel zum Positiven. Aber Besson wäre nicht Besson, würde er nicht auch seinen Kritikern genügend Angriffsfläche bieten. So fasst die Handlung zwar gleich zwei Comic-Bände zusammen, ließe sich aber problemlos auf einen Bierdeckel kritzeln und dient eigentlich eher dazu, eine beeindruckende Tricksequenz nach der anderen abzufeuern. Die Schauspielerriege müht sich redlich und macht ihre Sache mal gut (Clive Owen ist auch mit angezogener Handbremse noch ein großartiger Bösewicht), mal eher medioker. Vor allem die beiden Hauptdarsteller haben weder das Talent noch das Charisma, um den aufregenden Effekten etwas entgegenzusetzen. Zudem sehen sie eher aus wie Geschwister als wie potenzielle Lebenspartner – der Umstand, dass beide die Gesichtszüge verlebter Spätpubertierender haben, ist ebenfalls wenig hilfreich. Erstaunlich ist nur: Irgendwie passt das. Denn auch ihre gezeichneten Vorbilder sind Verwandte ähnlicher Riesenbabys wie Tim (der mit Struppi), nicht Angehörige von – sagen wir – Leutnant Blueberry.

Unterm Strich ist “Valerian” das Geld fürs Kinoticket definitiv wert – wenn man nicht mit allzu großen Erwartungen antritt. Der Comic mag einflussreich sein, sogar für Kaliber wie “Star Wars” – die Verfilmung ist eher ein Leichtgewicht. Quasi ein Croissant mit kalorienreicher Füllung. Diese allerdings – da wiederhole ich mich gerne – schmeckt nach mehr.

Sexismus und Zeitreisen: Frau Doktor wird es richten

Es geht doch nichts über (britische) Traditionen. Wann immer die BBC One ankündigt, der Doktor in der fast gleichnamigen Kultserie “Doctor Who” werde demnächst den Weg alles Überirdischen gehen, murmelt man aufgeregt in die Teetasse. Und wenn dann der neue Darsteller verkündet wird, traut sich der eine oder die andere unter den Anhängern des außerirdischen Zeitreisenden sogar, mal rechtschaffen laut zu werden: Zu jung! Zu alt! Zu albern! Zu grimmig!

Diesmal jedoch sind einige vermeintliche Fans ganz besonders not amused – denn die 13. Reinkarnation des Timelords ist eine Lady. Jodie Whittaker wurde als Nachfolgerin des gewohnt umstrittenen Peter Capaldi verkündet. Sexistisches Genörgel in den einschlägigen Netzwerken ist die Folge: Eine Frau könne unmöglich den Doktor spielen, dieser sei nunmal ein Kerl, heißt es unter jenen, die nichts verstanden haben. Aber: Natürlich geht das, es wurde sogar Zeit (um beim Thema zu bleiben).

Zu den großen Stärken von “Doctor Who” gehört nämlich seit jeher die überbordende Kreativität der Köpfe dahinter. Angesichts eines vergleichsweise überschaubaren (Fernseh-)Budgets punktet der Dauerbrenner unter den Science-Fiction-Serien nämlich nicht mit einem perfekten Gewitter an Spezialeffekten, sondern mit charmanten, cleveren, vor allem aber auch gern schrägen Ideen. Alles ist möglich! (Man stelle sich an dieser Stelle vor, wie der Verfasser dieser Zeilen mit irrem Blick einen überlangen Schal wedeln lässt und sich theatralisch wegdreht.)

Whittaker kriegt das hin, daran hat niemand Zweifel, der “Attack The Block” gesehen hat – jenes unterschätzte Kleinod der britischen Genre-Geschichte, in dem auch John Boyega zeigte, was er kann. (Und das ihm dadurch letztlich die Rolle als Finn in den neuen “Star Wars”-Episoden einbrachte.) Die Frau hat Talent und Charisma – so gesehen bleibt also alles beim Alten in der Tardis. Es wird spannend, zu sehen, wie sie ihren Doktor anlegt. Vermutlich weniger streng als Capaldi, aber sicher auch nicht so flott wie David Tennant oder Matt Smith. Vermutlich – nicht erschrecken, ihr konservativen “Fans” – drückt sie der Figur einen eigenen Stempel auf. Und das ist nicht nur gut so, dass muss sogar so sein.

Sorgen machen sollten wir uns lieber über die Funktion des Showrunner: Steven “Drehbuchgott” Moffat schmeißt nämlich zeitgleich zum Abgang von Peter Cabaldi die Brocken hin. (Übrigens nicht: deswegen.) Mal schauen, was Chris Chibnall kann. Positiv ausgedrückt bleibt die Hoffnung auf frisches Blut vor und hinter der Kamera. Und das kann der Greis unter den Weltraum-Abenteuern auf jeden Fall gebrauchen.

Der Doktor ist tot. Lange lebe der Doktor!