Nach dem Regen: Die „Justice League“ reißt’s nicht raus

Superman (Henry Cavill) ist tot. Der Mann, der nach der Zerstörung einer halben Großstadt mit ungezählten Opfern zum Idol für die Welt wurde. Der Held, den alle verehrten, nachdem man ihm aus diffusen Gründen eine Schießerei in Afrika vorgeworfen hatte. Am meisten trauert natürlich Batman (Ben Affleck), schließlich hatte er versucht, den Mann aus Stahl zu töten, war aber in dessen letzten Lebensminuten dessen bester Freund geworden, weil ihre Mütter den gleichen Vornamen hatten. Auf der Heimatinsel von Wonder Woman (Gal Gadot) taucht derweil der Computerspiel-Level-Endgegner Steppenwolf (vermutlich Hesse- oder Maffay-Fan, auf jeden Fall aber born to be wild) auf und sucht drei MacGuffins, die aussehen wie der Tesserakt aus dem ersten „Avengers“-Film. Die Amazonen versuchen, einen davon zu retten, scheitern aber trotz aller Mühe. Kein Wunder: Im Rückblick sehen wir, dass der mittelmäßig animierte Grafikbösewicht vor einiger Zeit ein ganzes Heer aus Amazonen, Atlantern, Green Lanterns und Göttern (die sicher nicht grundlos aussehen wie Shazam) niedergemacht hat. Das ist allerdings tausend Jahre her.

Etwa genau so lange brütet der Fledermausmann über einem überschaubar cleveren Plan, den er nun endlich in die Tat umsetzt. Nachdem er und Prinzessin Diana in „Batman V Superman“ streng geheime Daten über andere übernatürlich begabte Zeitgenossen gestohlen haben und er sich zur Sicherheit das Ganze in „Suicide Squad“ nochmal in gedruckter Form besorgt hat, sammeln sie nun endlich ihre drei künftigen Heldenkollegen ein. Arthur Curry – „der“ Aquaman (Jason Momoa) – und Victor Stone (Ray Fisher), ein Cyborg, haben allerdings zunächst kein großes Interesse an einer Zusammenarbeit. Der leicht autistische Barry Allen (Ezra Miller), der sich mit Lichtgeschwindigkeit bewegen kann, ist begeistert, betont jedoch ständig seine Zweifel am Gelingen der Mission.

Natürlich raufen sich alle fünf Verbrecherjäger letztlich zusammen, erkennen aber, dass Steppenwolf ungeachtet seines debilen Namens und seines albernen Aussehens ein unbesiegbarer Gegner für sie ist. Also basteln sie irgendwas aus einem der MacGuffins, dem kryptonischen Raumschiff und einem Blitz, den Barry bei Start erzeugt, und erwecken – milder Spoiler – Superman zu neuem Leben. Unser strahlender Champion setzt nahtlos an, wo er aufgehört hat, und schrottet erstmal ein Polizeiauto, ehe er seine neuen Freunde vermöbelt. Erst sein trauerndes Liebchen Lois Lane (Amy Adams) schafft es, den verwirrten Alienkrieger zu beruhigen: Sie nennt ihn in Gegenwart eines Cops bei seinem irdischen Vornamen und küsst ihn. Goodbye, Geheimidentität! Welcome, finale Schlacht gegen die finsteren Heerscharen!

Ihr merkt es: Ich kann „Justice League“ nicht ernst nehmen. Zuviel wurde durch die gurkigen Vorgängerfilme kaputtgemacht – vor allem „Dawn Of Justice“ hat sich als einer der schlechtesten Filme aller Zeiten etabliert und endgültig dafür gesorgt, dass das Kino-Universum aus dem Hause DC nicht aus dem Quark kommt. Sowie nebenbei die beiden Hauptcharaktere irreparabel beschädigt. Das Interessante: Die Macher hinter den Kulissen wissen das. Offenbar haben sie jeden fiesen Verriss gelesen, jedes gemeine YouTube-Video gesehen – und dann versucht, daraus zu lernen. Dass Regisseur Zack Snyder wegen eines privaten Schicksalsschlags auf halber Strecke durch Marvel-Überläufer Joss Whedon ersetzt wurde, scheint dieser Idee in die Karten gespielt zu haben. Man sieht die Lötstellen überdeutlich: Whedon kann Humor und Pathos, beides braucht ein Superheldenfilm. Und sein mühevolles Engagement hat den ursprünglich mal wieder düster geplanten Streifen zumindest auf ein mediokres Hellgrau gehievt.

Da der Film schon eine Weile im Kino zu sehen ist, gibt’s hier ausnahmsweise ein paar Spoiler als Beispiele. Here we go: Batman wird endlich Batman genannt, nicht mehr „Bat of Gotham“. Seine Heimatstadt wird als eigenständiger Moloch präsentiert, nicht mehr als Anhängsel von Metropolis. Seine Geschichte wird zumindest ein wenig gelüftet: Er macht den Heldenjob seit 20 Jahren, die Polizei verlässt sich auf ihn, missbilligt aber mitunter seine Methoden. Wir sehen Superman, wie er die klassischen Superman-Dinge tut, also Menschen retten und dabei strahlend lächeln. Er spricht mit jungen Fans und hat so gar nichts vom arroganten Wüterich aus BvS. Seine Mutter Martha (Diane Lane) und Lois haben ein sichtbares und glaubhaftes Freundschaftsverhältnis. Lois‘ junger, gut gelaunter Kollege wird kurz gezeigt – augenscheinlich ein Ersatz für den freudlos dahingemetzelten Jimmy Olsen. Arthur, Victor und Barry haben auserzählte Hintergrundgeschichten – der Letztgenannte lebt in Central City, anders als in „Suicide Squad“ wird also nicht einfach ein Städtename aus den Comics verwendet, ohne ihm eine Funktion zu geben. Und Wonder Woman ist als Charakter ohnehin etabliert: Gal Gadot schafft es natürlich mühelos, in jeder Szene wunderschön zu sein, sie verleiht ihrer Figur aber zudem reichlich Charme und Substanz.

Ohnehin merkt man den Schauspielern an, dass sie alles geben, um den ersten (einzigen?) Auftritt der Gerechtigkeitsliga zu etwas Besonderem zu machen. Man schließt sie tatsächlich ein wenig Herz, den schlecht gelaunten, aber herzensguten Cyborg, den arroganten, aber mutigen Wassermann und Flash, den nerdy Blitz. Zudem funktionieren alle sechs Helden als Team tatsächlich gut – ähnlich wie seinerzeit die Avengers wächst hier zusammen, was in den Herzen der Fans zusammengehört. Also alles gut? Reißt „Justice League“ das Ruder rum? Kann DC zum ewigen Konkurrenten Marvel aufschließen?

Dreimal nein. Dazu ist die Story viel zu beliebig, sind die Dialoge teils schmerzhaft schlecht, ist der Widersacher zu austauschbar, sind die Spezialeffekte überraschend unterirdisch… Und es hakt wie immer an Kleinkram. Warum musste J.K. Simmons (J. Jonah Jameson in Sam Raimis „Spider-Man“-Trilogie) als Commissioner Gordon gecastet werden? Warum hat sich „Holzscheit“ Cavill nicht einfach seinen Schnauzbart abrasiert statt ihn überdeutlich durch CGI entfernen zu lassen? (Da werden wirklich Erinnerungen an Cesar Romero als 60er-Jahre-Joker mit überschminktem Schnorres wach. Oder an die „annoying Orange“.) Warum wird an manchen Stellen mal wieder nichts erklärt? Hat irgendjemand da draußen wirklich verstanden, wie genau Supes wiedererweckt wird?

Da hilft es auch nicht, nach „Wonder Woman“ – dessen Handlung sehr an den ersten „Captain America“-Film erinnert – ein weiteres Mal beim Marvel zu klauen: Der übermächtige Mitbewerber schickt im Frühjahr den Superbösewicht Thanos ins Rennen, da kündigt DC natürlich den sehr ähnlichen Despoten Darkseid an…

Eigentlich ist es schade, denn man hätte diese charismatische Truppe gern in weiteren Abenteuern gesehen. Aber Einspielergebnis und Kritikerstimmen lassen vermuten, dass aus dem geplanten DC-Kino-Universum nichts wird. Am Himmel über Metropolis und Gotham hat es sich demnächst ausgeflattert. Nuff said.

Strauchelnde Ein-Mann-Armee: „The Punisher“ ist nichts für Weicheier

Wenn sie seinen Namen hören, zittern selbst die härtesten Burschen der Unterwelt: Monatelang hat sich Frank Castle (Jon Bernthal), der „Punisher“, in den Reihen des organisierten Verbrechens ausgetobt, hat Rache genommen für das Massaker an seiner Familie und mit brutaler Gewalt jeden auf seiner Liste ausgelöscht. Nun ist der Kriegsveteran mit seiner Vendetta am Ende – und auch mit seiner Kraft. Symbolisch verbrennt er sein Logo, den Totenschädel, er lässt die Waffen sinken und taucht in New York unter. Als bärtiger Aushilfsarbeiter schwingt Castle den Vorschlaghammer, um seine noch immer aufgestauten Aggressionen abzubauen. Er hat keine Freunde, kaum Kontakt zu anderen Menschen – ein Einzelgänger in der anonymen Großstadt. Der Bestrafer ist nicht mehr, auch die Medien haben das Interesse am umstrittenen Racheengel verloren.

Franks Leben erhält eine Wendung, als er es doch nicht schafft, sich aus den Ungerechtigkeiten in seinem Umfeld herauszuhalten. Die Gangster der Stadt werden auf ihn aufmerksam. Und als Hacker „Micro“ (Ebon Moss-Bachrach) seinen Weg kreuzt, gerät er ins Sperrfeuer einer geheimen Schlacht, die mehr mit ihm und seiner Militärvergangenheit zu tun hat, als er zunächst ahnt. Mit dem Rücken zur Wand, verraten von einstigen Kameraden und allein gegen alle muss der Punisher zurückkehren, um seinen Kreuzzug zu beenden. Am Ende steht zwischen den Hintermännern einer weitreichenden Verschwörung und den Unschuldigen, die sie bedrohen, nur ein strauchelnder Einzelgänger. Das letzte Gefecht wird blutig.

Verdammt blutig sogar: Wer Marvels legendären Selbstjustiz-Superhelden in der Netflix-Reihe „Daredevil“ kennen gelernt hat, wird glauben, auf einiges vorbereitet zu sein. Die Comic-Verfilmungen des Bezahlsenders sind seit jeher nicht zimperlich inszeniert. Doch während Daredevil, Jessica Jones, Luke Cage und Iron Fist zwar hart, aber letztlich choreografiert zuschlagen, ist der Kollege der Defenders doch ein anderes Kaliber. Hauptdarsteller Bernthal ist den meisten aus „The Walking Dead“ bekannt – mit dem Blut- und Eingeweide-Gehalt dieser Serie kann sein erster Alleingang locker mithalten. Krieg ist kein Spaß.

Der Punisher gehört seit seinem ersten Auftritt vor mehr als 40 Jahren zu den umstrittensten Marvel-Figuren. Anders selbst als vergleichbare Wüteriche wie Wolverine ist der schwerbewaffnete Ex-Soldat nämlich nicht mal ein Anti-Held, sondern streng genommen klar auf der falschen Seite des Gesetzes zu verorten. Recht und Gerechtigkeit zählen für ihn letztlich nicht – es geht ihm nicht einmal um Rache. In den Augen des angeknacksten Veteranen sind seine Taten nur die Strafe für das Vergehen der bösen Buben. Jon Bernthal spielt den gebeutelten Gangsterschreck mit massivem Körpereinsatz, er schwitzt, weint und blutet.

Wie bei Netflix üblich werden einige Elemente des Comics nur angerissen, andere recht nah an der Vorlage umgesetzt. Das macht die MCU-Serien des Streaming-Anbieters relativ realistisch – sie sind eher düstere Thriller als hochglänzende Helden-Abenteuer. Im Großstadtdschungel bleibt allenfalls Zeit für einen zynischen Spruch – ansonsten gilt: Sei schneller und härter als dein Gegner, wenn du überleben willst.

Was überrascht, sind die Elemente eines Polit-Dramas, mit denen die Produzenten die Geschichte der Ein-Mann-Armee versetzt haben. Castle bekommt es mit bestens aufgestellten Einrichtungen zu tun, deren intellektueller Kraft er nur physische Gewalt entgegenzusetzen hat. Es ist die bekannte Mär vom einsamen Wolf, der sich der Übermacht entgegenstellt – dieser David schießt aus allen Rohren, und notfalls schlägt, tritt und beißt er, um Goliath in die Knie zu zwingen.

Der verkrustete kleine Bruder von „24“, die blutige Variante von „Homeland“ – „The Punisher“ ist große Fernsehunterhaltung für Marvel-Fans, aber auch interessierte Allesgucker. Vorausgesetzt, sie haben einen starken Magen.

 

„Star Trek: Discovery“: Wohin geht die Reise?

Zwei Herzen schlagen, ach, in meiner Brust: Einerseits gehöre ich zu jenen Star-Trek-Fans, die der neuen Serie „Discovery“ unbedingt eine Chance geben wollten und sich nach der Pilot-Doppelfolge durchaus in ihren Hoffnungen bestätigt sahen. Andererseits haben wir mittlerweile das Midseason-Finale erreicht – die Hälfte dieser ersten Staffel ist also rum -, und noch immer drängen Fragen in meinen Kopf, der sich doch eigentlich nur mit einer unterhaltsamen SF-Geschichte beschäftigen sollte. Es sind nicht einmal wenige Fragen, und ich wäre sehr froh, auf zumindest einige davon in absehbarer Zeit eine Antwort zu bekommen. Sollte dies nicht passieren, wird mein Gesichtsausdruck vermutlich so finster wie der von Captain Lorca. Denn dann könnte es sein, dass die Freude darüber, dass Netflix uns endlich wieder eine Serie aus dem Trek-Universum beschert hat, durchaus getrübt wird. Dass dunkle Schatten sich ins Bild drängen, dessen erste Skizzen doch von Optimismus und Wohlwollen geprägt sind.

Aber der Reihe nach und zum besseren Verständnis: Ich habe überhaupt kein Problem damit, dass einiges, was in „Star Trek: Discovery“ passiert, möglicherweise nur unter einiger Anstrengung in den Kanon geräumt werden kann. Es stört mich überhaupt nicht, dass Uniformen, Klingonen-Physiognomie und Technik nicht so ganz in die Zeit passen, in der die Story spielt. (Das war bei den Star-Wars-Prequels ja durchaus ähnlich.) Aber es stößt mir spätestens seit zwei Folgen sauer auf, dass vieles unklar bleibt und nicht erklärt wird. Wohin geht die Reise der „Discovery“?

Ich gehe davon aus, dass jeder, der das hier liest, die Serie verfolgt. Wer mag, kann ja hier nochmal nachlesen, wie Kirstens und mein erster Eindruck vom Auftakt war. Daher im Folgenden einfach meine offenen Fragen zu „Star Trek: Discovery“:

  1. Was ist das Konzept? Anfangs war ich relativ sicher, die Serie zeige quasi die dunklen Flecken in der Vergangenheit der Föderation. Starfleet im Krieg gegen die Klingonen – hier geht es nicht darum, zu erforschen, was nie ein Mensch zuvor erforscht hat, sondern darum, einen mächtigen Feind zu besiegen. So habe ich auch das runderneuerte Aussehen der Klingonen verstanden: Zum Zeitpunkt der Handlung sind diese nämlich eher fremdartige Monster als mögliche Verhandlungspartner oder gar eventuelle Verbündete. Aber dann wird eben doch immer wieder der Expeditionsaspekt der Mission betont. Lorca sagt sogar ganz deutlich, er habe es zunächst mit „freundlichen Forschern“ zu tun gehabt, die nun aber Krieger seien. Funktioniert die Sternenflotte wirklich so? Man wird an Bord eines Raumschiffs eingesetzt, dessen Funktion sich nach Belieben des Captains oder den Anforderungen des Einsatzes ändert? Dachten Crew-Mitglieder und Besatzung anfangs, dass sie eine spannende, aber überschaubar gefährliche Forschungsreise ins All unternehmen, und finden sich plötzlich auf dem Schlachtfeld wieder? Und was genau hat es mit besagter Crew auf sich? Zunächst begegnen sie Michael, der vermeintlichen Verräterin, relativ feindselig. Als Zuschauer fühlt man sich wie in „Moby Dick“, inklusive eines sinistren Kapitäns. Später dann scheint die Atmosphäre nicht anders zu sein als in anderen Serien des Franchise, in einer Folge wird gar ausgelassen gefeiert. Und kurz darauf bricht wieder die triste Stimmung der latenten Bedrohung durch die Klingonen herein. Ich verstehe nicht, was das Ganze soll: Ist das die Geschichte der ausgestoßenen Heldin an Bord eines Geisterschiffs mit unsicherem Kurs, das Kriegsabenteuer à la spätes „Deep Space Nine“ oder doch die klassische Trek-Reise zum Horizont? Ist die „Discovery“ nun eher „Pequod“, U 96, „Titanic“ oder „Enterprise“?
  2. Ist Lorca Freund oder Feind? Der Captain der „Discovery“ ist ein Arschloch. Darauf können sich die meisten Zuschauer sicher einigen. Er gibt sich auch ganz bewusst keine Mühe, etwas an diesem Eindruck zu ändern – im Gegenteil zelebriert er sogar das Image des Düstermannes. (Man wartet förmlich darauf, dass an der Orgel sitzt und Bachs Toccata und Fuge in d-Moll spielt.) Auch ist er unter den Star-Trek-Captains am deutlichsten ein Soldat. Anders als Weltraum-Cowboy Kirk, der gütige Vater Picard, Pionier Archer, aber selbst als die hartgesottene Janeway und der zunehmend finstere Sisko geht Lorca buchstäblich über Leichen. Und zwar nicht nur über die des Gegners, sondern skrupellos auch über die von Kameraden. Er opfert eine einstige Geliebte, er lässt einen verhassten Ganoven in den Händen der Klingonen – kurz: Diesem Captain sollte man nicht in die Quere kommen. Andererseits macht er seinen Job eher nachlässig: Mehrfach äußert er, Entscheidungen seiner Crew seien ihm egal. Dass er so starrköpfig sein Ziel verfolgt, macht ihn zum SF-Ahab, sein ebenso unerschrockener Einsatz für die Mannschaft wiederum zu jemandem, den man in der Nähe haben will, wenn es hart auf hart kommt. Die Sternenflotte lässt ihm dabei erstaunlich viel durchgehen. Da wurde mancher schon für weniger auf einem Eisplaneten ausgesetzt… Ich frage mich nur, welche Funktion der Captain der „Discovery“ für die Geschichte hat. Ist er heimlich eine Art Mentor für Michael, an deren Mitarbeit ihm ja zu liegen scheint? Oder ist der große böse Boss, die Bedrohung von innen, die die Situation in Krisenzeiten noch komplizierter macht?
  3. Sie wurden bereits mehrfach erwähnt: Was hat es mit den neuen Klingonen auf sich? Wie geschrieben: Ich komme damit klar, dass sich die Optik dieser Kriegerrasse von allem unterscheidet, was uns seit den 60er Jahren gezeigt wurde. Sie sehen nicht mal aus wie die Neuinterpretation von J.J. Abrams. Das kann den Grund haben, dass man heute noch einmal mehr Möglichkeiten hat, fremde Wesen von anderen Planeten darzustellen, als zu seligen TNG-Zeiten. Bloß: Die Masken sind eher schlecht. Während an anderer Stelle augenscheinlich viel Geld angefasst wurde und mancher Spezialeffekt durchaus Kino-Niveau hat, nehmen die Gesichtsprothesen der Klingonen-Darsteller ihnen jegliche Mimik. Daher vermute ich, der Grund für das geänderte Aussehen wird uns doch noch gezeigt. Mancher Dialog deutet darauf hin, dass wir es hier mit einer archaischen Splittergruppe zu tun haben… Vielleicht haben deren Mitglieder sich auch optisch eventuellen Anpassungen verweigert? Einmal mehr können die Zuschauer nichts anderes tun als Theorien zu diskutieren. Die Produzenten lassen uns auch an dieser Stelle im Nebel stochern.
  4. Das gilt allerdings nicht nur für die Klingonen: Wer ist die Crew? Ganz ernst gemeinte Frage, und wer kurz darüber nachdenkt, wird meine Verwirrung teilen. Bislang wurden uns die Protagonisten einer Star-Trek-Serie immer auf die eine oder andere Weise vorgestellt. Auf der „Discovery“ jedoch tun Leute ihren Dienst, denen wir nie sehr nah kommen – und deren Schicksal uns deswegen vergleichsweise egal ist. Ausgerechnet der exotischste Charakter unter ihnen ist die Ausnahme: Saru ist nicht der ängstliche C-3PO, als der er im Piloten eingeführt wurde. Er bekommt nach und nach Profil, auch sein ambivalentes Verhältnis zu Michael wird erklärt. Glücklicherweise steht er auch nicht in direkter Tradition der superschlauen Exoten, ist also kein Nachfahre (oder Urahn) von Spock, Data, Odo, dem Holo-Doc oder T’Pol. Nur: Wer verdammt sitzt da noch rum? Ich verzichte bewusst darauf, die Namen zu googeln, denn eine Handlung sollte erzählt werden und keine Sekundärliteratur erfordern: Da haben wir die dunkelhäutige Frau mit dem Iro, die vernarbte Rothaarige (die ihre Verletzungen Michael anlastet) und die Dame, die aussieht wie irgendetwas zwischen einem außer Kontrolle geratenen Geordie La Forge und einem Prä-Borg. Zumindest die Geschichte der Letztgenannten würde mich durchaus interessieren, und ich kann nur hoffen, die Crew besteht nicht aus etwas wichtigeren Redshirts… (Deutlich besser sieht es übrigens an anderer Stelle der „Discovery“ aus, aber zum Positiven komme ich noch.)
  5. Ist Tyler ein Klingone? Diese Theorie (da haben wir es wieder) wird seit geraumer Zeit diskutiert, und tatsächlich spricht einiges dafür. Fast schon zuviel, so plump kann kein Drehbuch sein. Eventuell weiß der Gute nicht mal, dass er ein Klingone ist, und seine Gefühle für Michael sind echt. Oder ist er einfach „nur“ das Opfer anhaltender Folterungen und Vergewaltigungen? Dies ist die einzige Frage, die ich noch eine Weile hinnehmen würde, denn immerhin scheint sie Teil einer Story-Idee zu sein und macht die Figur dieses tapferen Soldaten durchaus spannend.
  6. Wann kommt der Showrunner aus dem Urlaub zurück? Okay, das ist böse. Aber ein bisschen habe ich wirklich den Eindruck, „Star Trek: Discovery“ fehle eine ordnende Hand. Jemand, der den Überblick behält und vor allem ein Ziel im Auge. Der die teils offenen Handlungsstränge sortiert, die Figuren in Bahnen lenkt und dem Ganzen eine Struktur verpasst. Aktuell wirkt nämlich leider einiges, als ob da zu viele Köche den Löffel geschwungen hätten. Manches davon würde ich einer anderen Serie sogar durchgehen lassen. Aber: Dies ist Star Trek!

Ist denn wirklich alles schlecht? Nein, natürlich nicht, ganz im Gegenteil. Die Abenteuer der „Discovery“ sind grundsätzlich spannend anzuschauen. Die Optik ist nicht nur gemessen am Fernsehstandard teils sensationell. Die Schauspieler geben alles, und mancher Charakter wächst mir bereits ans Herz. Dazu gehört natürlich Michael Burnham, die Außenseiterin, hin- und hergerissen zwischen ihrer anerzogenen vulkanischen Logik, der Freude am Abenteuer und einer tiefen Empathie für andere. Sonequa Martin-Green gibt den Wanderer zwischen den Welten, die Frau ohne Zukunft, sehr überzeugend und mit reichlich Charisma. (Und ist dabei – Entschuldigung – immer ein Hingucker.) Aber auch Paul Stamets, der Pilz-Experte, ist eine spannende Figur: Seine Eloquenz macht ihn sogar in den weniger sympathischen Momenten unterhaltsam, seine zunehmend positivere Einstellung gegenüber Michael wird glaubhaft dargestellt. Und weil das immer wieder Thema ist: Ich finde es gut, dass seine Beziehung mit Dr. Hugh Culber so unaufgeregt und als das gezeigt wird, was sie ist – nämlich stinknormal. Weshalb sollte ein homosexuelles Paar perfekt oder krisengeschüttelt sein? Weshalb sollte das noch immer prätentiös thematisiert werden? Wir haben 2017 – es gibt in Serien auch nicht mehr die klassische Anti-Rassismus-Folge wie einst bei den „Waltons“… Anthony Rapp spielt den neugierigen Wissenschaftler jedenfalls beseelt und mit Elan. Mein dritter Favorit: Saru. Die Gründe dafür habe ich weiter oben bereits angerissen – hinzu kommt, dass mich schlicht freut, Doug Jones mal in einer Serienrolle zu erleben. Es bleibt spannend, was aus seinem Charakter wird.

Grundsätzlich gilt das auch für „Star Trek: Discovery“ als Ganzes. Ich werde jedenfalls weiterhin so begeistert wie aufmerksam zuschauen. Dabei verspreche ich jedoch eins: Bekomme ich nicht zeitnah ein paar Antworten, sollten die Produzenten lieber ihrem Sporenantrieb die… äh, Sporen geben.

„Stranger Things 2“: Zurück in einer kleinen Stadt

Ein Jahr danach hat sich im fiktiven Städtchen Hawkins/Indiana, aber auch in der realen Welt der Serien und Streaming-Dienste die Aufregung gelegt. „Stranger Things“ war der große Überraschungserfolg des Sommers 2016 – und das zurecht. Mit einer cleveren Mischung aus 80er-Jahre-Nostalgie, klassischem Grusel und Retro-SF hatten die Duffer-Brüder (Idee und Produktion) voll ins Schwarze getroffen. Die tapferen Freunde des verschwundenen Will (Noah Schnapp) waren die legitimen Nachfolger der „Goonies“, ihr Heimatkaff erinnerte an die Handlungsorte der besseren King-Geschichten, und überhaupt wimmelte es vor Anspielungen und Huldigungen auf Genre-Klassiker und -Klischees.

Das machte Spaß und war enorm erfolgreich – eine Fortsetzung daher rasch beschlossene Sache. Zurück zur Handlung: Besagte Ruhe ist trügerisch. Will ist wieder da, aber „Eleven“ (Millie Bobby Brown) nun verschwunden. Der Kampf gegen den „Demogorgon“ hat unsere Helden verändert, die Verluste haben Spuren hinterlassen. Und die geheimnisvolle Organisation, der „Eleven“ ihre Tätowierung und ihre besonderen Fähigkeiten verdankte, ist immer noch aktiv. Das bekommen Will und seine Freunde deutlich zu spüren, als eine neue Bedrohung am nachtschwarzen Himmel auftaucht: Die Visionen des Jungen scheinen einen realen Ursprung zu haben. Etwas ist dort draußen, und es hat schlechte Laune. Auf wen können sich die Jungen und ihre neue Freundin Max (Sadie Sink) verlassen? Auf Wills leicht hysterische Mutter (Winona Ryder)? Auf deren neuen Lebensgefährten, den braven Bob (Sean Astin)? Oder auf Sheriff Hopper (David Harbour), der ein Geheimnis zu haben scheint? So viel sei verraten: Es ist genau dieses Geheimnis, das der Gang in ihrer Not zur Seite steht…

Was einmal funktioniert, klappt auch beim zweiten Mal: Die skizzierte Mischung schmeckt nicht abgestanden, allerdings nicht mehr ganz so überraschend wie vor einem Jahr. Setting und Ausstattung, Musik und Story versetzen den Zuschauer rasch wieder in das bunteste aller Jahrzehnte, sparen aber auch dessen dunkle Seiten nicht aus. Wir hören nicht nur Devo und Duran Duran, wir erleben auch, wie die Angst vor dem Kalten Krieg die Bewohner von Hawkins im Griff hat. Da hat die übernatürliche Bedrohung leichtes Spiel, ihren Opfern eine Gänsehaut zu verpassen.

Viel Liebe zum Detail, gute Schauspieler – allen voran erneut Millie Bobby Brown -, durchaus spannende Momente… aber letztlich zündet die zweite Staffel nicht ganz so wie die erste. Das liegt daran, dass Duffer und Duffer diesmal etwas zu sehr auf Nummer sicher gehen. Beim nächsten Mal – und es wird hoffentlich eine weitere Fortsetzung geben – dürfen sie ruhig etwas mutiger an die Handlung und deren Umsetzung herangehen. Spaß und Spannung kommen allerdings auch auf kreativer Sparflamme nicht zu kurz. Das wird Original-„Goonie“ Sean Astin bestätigen, der hier mit dem einstigen Slacker-Darling Winona Ryder die schauspielerische Meta-Flagge schwenkt. Zurück in die Vergangenheit, zurück in eine kleine Stadt – Steven und Stephen hätten ihre Freude daran.