Nach dem Regen: Die „Justice League“ reißt’s nicht raus

Superman (Henry Cavill) ist tot. Der Mann, der nach der Zerstörung einer halben Großstadt mit ungezählten Opfern zum Idol für die Welt wurde. Der Held, den alle verehrten, nachdem man ihm aus diffusen Gründen eine Schießerei in Afrika vorgeworfen hatte. Am meisten trauert natürlich Batman (Ben Affleck), schließlich hatte er versucht, den Mann aus Stahl zu töten, war aber in dessen letzten Lebensminuten dessen bester Freund geworden, weil ihre Mütter den gleichen Vornamen hatten. Auf der Heimatinsel von Wonder Woman (Gal Gadot) taucht derweil der Computerspiel-Level-Endgegner Steppenwolf (vermutlich Hesse- oder Maffay-Fan, auf jeden Fall aber born to be wild) auf und sucht drei MacGuffins, die aussehen wie der Tesserakt aus dem ersten „Avengers“-Film. Die Amazonen versuchen, einen davon zu retten, scheitern aber trotz aller Mühe. Kein Wunder: Im Rückblick sehen wir, dass der mittelmäßig animierte Grafikbösewicht vor einiger Zeit ein ganzes Heer aus Amazonen, Atlantern, Green Lanterns und Göttern (die sicher nicht grundlos aussehen wie Shazam) niedergemacht hat. Das ist allerdings tausend Jahre her.

Etwa genau so lange brütet der Fledermausmann über einem überschaubar cleveren Plan, den er nun endlich in die Tat umsetzt. Nachdem er und Prinzessin Diana in „Batman V Superman“ streng geheime Daten über andere übernatürlich begabte Zeitgenossen gestohlen haben und er sich zur Sicherheit das Ganze in „Suicide Squad“ nochmal in gedruckter Form besorgt hat, sammeln sie nun endlich ihre drei künftigen Heldenkollegen ein. Arthur Curry – „der“ Aquaman (Jason Momoa) – und Victor Stone (Ray Fisher), ein Cyborg, haben allerdings zunächst kein großes Interesse an einer Zusammenarbeit. Der leicht autistische Barry Allen (Ezra Miller), der sich mit Lichtgeschwindigkeit bewegen kann, ist begeistert, betont jedoch ständig seine Zweifel am Gelingen der Mission.

Natürlich raufen sich alle fünf Verbrecherjäger letztlich zusammen, erkennen aber, dass Steppenwolf ungeachtet seines debilen Namens und seines albernen Aussehens ein unbesiegbarer Gegner für sie ist. Also basteln sie irgendwas aus einem der MacGuffins, dem kryptonischen Raumschiff und einem Blitz, den Barry beim Start erzeugt, und erwecken – milder Spoiler – Superman zu neuem Leben. Unser strahlender Champion setzt nahtlos an, wo er aufgehört hat, und schrottet erstmal ein Polizeiauto, ehe er seine neuen Freunde vermöbelt. Erst sein trauerndes Liebchen Lois Lane (Amy Adams) schafft es, den verwirrten Alienkrieger zu beruhigen: Sie nennt ihn in Gegenwart eines Cops bei seinem irdischen Vornamen und küsst ihn. Goodbye, Geheimidentität! Welcome, finale Schlacht gegen die finsteren Heerscharen!

Ihr merkt es: Ich kann „Justice League“ nicht ernst nehmen. Zuviel wurde durch die gurkigen Vorgängerfilme kaputtgemacht – vor allem „Dawn Of Justice“ hat sich als einer der schlechtesten Filme aller Zeiten etabliert und endgültig dafür gesorgt, dass das Kino-Universum aus dem Hause DC nicht aus dem Quark kommt. Sowie nebenbei die beiden Hauptcharaktere irreparabel beschädigt. Das Interessante: Die Macher hinter den Kulissen wissen das. Offenbar haben sie jeden fiesen Verriss gelesen, jedes gemeine YouTube-Video gesehen – und dann versucht, daraus zu lernen. Dass Regisseur Zack Snyder wegen eines privaten Schicksalsschlags auf halber Strecke durch Marvel-Überläufer Joss Whedon ersetzt wurde, scheint dieser Idee in die Karten gespielt zu haben. Man sieht die Lötstellen überdeutlich: Whedon kann Humor und Pathos, beides braucht ein Superheldenfilm. Und sein mühevolles Engagement hat den ursprünglich mal wieder düster geplanten Streifen zumindest auf ein mediokres Hellgrau gehievt.

Da der Film schon eine Weile im Kino zu sehen ist, gibt’s hier ausnahmsweise ein paar Spoiler als Beispiele. Here we go: Batman wird endlich Batman genannt, nicht mehr „Bat of Gotham“. Seine Heimatstadt wird als eigenständiger Moloch präsentiert, nicht mehr als Anhängsel von Metropolis. Seine Geschichte wird zumindest ein wenig gelüftet: Er macht den Heldenjob seit 20 Jahren, die Polizei verlässt sich auf ihn, missbilligt aber mitunter seine Methoden. Wir sehen Superman, wie er die klassischen Superman-Dinge tut, also Menschen retten und dabei strahlend lächeln. Er spricht mit jungen Fans und hat so gar nichts vom arroganten Wüterich aus BvS. Seine Mutter Martha (Diane Lane) und Lois haben ein sichtbares und glaubhaftes Freundschaftsverhältnis. Lois‘ junger, gut gelaunter Kollege wird kurz gezeigt – augenscheinlich ein Ersatz für den freudlos dahingemetzelten Jimmy Olsen. Arthur, Victor und Barry haben auserzählte Hintergrundgeschichten – der Letztgenannte lebt in Central City, anders als in „Suicide Squad“ wird also nicht einfach ein Städtename aus den Comics verwendet, ohne ihm eine Funktion zu geben. Und Wonder Woman ist als Charakter ohnehin etabliert: Gal Gadot schafft es natürlich mühelos, in jeder Szene wunderschön zu sein, sie verleiht ihrer Figur aber zudem reichlich Charme und Substanz.

Ohnehin merkt man den Schauspielern an, dass sie alles geben, um den ersten (einzigen?) Auftritt der Gerechtigkeitsliga zu etwas Besonderem zu machen. Man schließt sie tatsächlich ein wenig Herz, den schlecht gelaunten, aber herzensguten Cyborg, den arroganten, aber mutigen Wassermann und Flash, den nerdy Blitz. Zudem funktionieren alle sechs Helden als Team tatsächlich gut – ähnlich wie seinerzeit die Avengers wächst hier zusammen, was in den Herzen der Fans zusammengehört. Also alles gut? Reißt „Justice League“ das Ruder rum? Kann DC zum ewigen Konkurrenten Marvel aufschließen?

Dreimal nein. Dazu ist die Story viel zu beliebig, sind die Dialoge teils schmerzhaft schlecht, ist der Widersacher zu austauschbar, sind die Spezialeffekte überraschend unterirdisch… Und es hakt wie immer an Kleinkram. Warum musste J.K. Simmons (J. Jonah Jameson in Sam Raimis „Spider-Man“-Trilogie) als Commissioner Gordon gecastet werden? Warum hat sich „Holzscheit“ Cavill nicht einfach seinen Schnauzbart abrasiert statt ihn überdeutlich durch CGI entfernen zu lassen? (Da werden wirklich Erinnerungen an Cesar Romero als 60er-Jahre-Joker mit überschminktem Schnorres wach. Oder an die „annoying Orange“.) Warum wird an manchen Stellen mal wieder nichts erklärt? Hat irgendjemand da draußen wirklich verstanden, wie genau Supes wiedererweckt wird?

Da hilft es auch nicht, nach „Wonder Woman“ – dessen Handlung sehr an den ersten „Captain America“-Film erinnert – ein weiteres Mal beim Marvel zu klauen: Der übermächtige Mitbewerber schickt im Frühjahr den Superbösewicht Thanos ins Rennen, da kündigt DC natürlich den sehr ähnlichen Despoten Darkseid an…

Eigentlich ist es schade, denn man hätte diese charismatische Truppe gern in weiteren Abenteuern gesehen. Aber Einspielergebnis und Kritikerstimmen lassen vermuten, dass aus dem geplanten DC-Kino-Universum nichts wird. Am Himmel über Metropolis und Gotham hat es sich demnächst ausgeflattert. Nuff said.

Strauchelnde Ein-Mann-Armee: „The Punisher“ ist nichts für Weicheier

Wenn sie seinen Namen hören, zittern selbst die härtesten Burschen der Unterwelt: Monatelang hat sich Frank Castle (Jon Bernthal), der „Punisher“, in den Reihen des organisierten Verbrechens ausgetobt, hat Rache genommen für das Massaker an seiner Familie und mit brutaler Gewalt jeden auf seiner Liste ausgelöscht. Nun ist der Kriegsveteran mit seiner Vendetta am Ende – und auch mit seiner Kraft. Symbolisch verbrennt er sein Logo, den Totenschädel, er lässt die Waffen sinken und taucht in New York unter. Als bärtiger Aushilfsarbeiter schwingt Castle den Vorschlaghammer, um seine noch immer aufgestauten Aggressionen abzubauen. Er hat keine Freunde, kaum Kontakt zu anderen Menschen – ein Einzelgänger in der anonymen Großstadt. Der Bestrafer ist nicht mehr, auch die Medien haben das Interesse am umstrittenen Racheengel verloren.

Franks Leben erhält eine Wendung, als er es doch nicht schafft, sich aus den Ungerechtigkeiten in seinem Umfeld herauszuhalten. Die Gangster der Stadt werden auf ihn aufmerksam. Und als Hacker „Micro“ (Ebon Moss-Bachrach) seinen Weg kreuzt, gerät er ins Sperrfeuer einer geheimen Schlacht, die mehr mit ihm und seiner Militärvergangenheit zu tun hat, als er zunächst ahnt. Mit dem Rücken zur Wand, verraten von einstigen Kameraden und allein gegen alle muss der Punisher zurückkehren, um seinen Kreuzzug zu beenden. Am Ende steht zwischen den Hintermännern einer weitreichenden Verschwörung und den Unschuldigen, die sie bedrohen, nur ein strauchelnder Einzelgänger. Das letzte Gefecht wird blutig.

Verdammt blutig sogar: Wer Marvels legendären Selbstjustiz-Superhelden in der Netflix-Reihe „Daredevil“ kennen gelernt hat, wird glauben, auf einiges vorbereitet zu sein. Die Comic-Verfilmungen des Bezahlsenders sind seit jeher nicht zimperlich inszeniert. Doch während Daredevil, Jessica Jones, Luke Cage und Iron Fist zwar hart, aber letztlich choreografiert zuschlagen, ist der Kollege der Defenders doch ein anderes Kaliber. Hauptdarsteller Bernthal ist den meisten aus „The Walking Dead“ bekannt – mit dem Blut- und Eingeweide-Gehalt dieser Serie kann sein erster Alleingang locker mithalten. Krieg ist kein Spaß.

Der Punisher gehört seit seinem ersten Auftritt vor mehr als 40 Jahren zu den umstrittensten Marvel-Figuren. Anders selbst als vergleichbare Wüteriche wie Wolverine ist der schwerbewaffnete Ex-Soldat nämlich nicht mal ein Anti-Held, sondern streng genommen klar auf der falschen Seite des Gesetzes zu verorten. Recht und Gerechtigkeit zählen für ihn letztlich nicht – es geht ihm nicht einmal um Rache. In den Augen des angeknacksten Veteranen sind seine Taten nur die Strafe für das Vergehen der bösen Buben. Jon Bernthal spielt den gebeutelten Gangsterschreck mit massivem Körpereinsatz, er schwitzt, weint und blutet.

Wie bei Netflix üblich werden einige Elemente des Comics nur angerissen, andere recht nah an der Vorlage umgesetzt. Das macht die MCU-Serien des Streaming-Anbieters relativ realistisch – sie sind eher düstere Thriller als hochglänzende Helden-Abenteuer. Im Großstadtdschungel bleibt allenfalls Zeit für einen zynischen Spruch – ansonsten gilt: Sei schneller und härter als dein Gegner, wenn du überleben willst.

Was überrascht, sind die Elemente eines Polit-Dramas, mit denen die Produzenten die Geschichte der Ein-Mann-Armee versetzt haben. Castle bekommt es mit bestens aufgestellten Einrichtungen zu tun, deren intellektueller Kraft er nur physische Gewalt entgegenzusetzen hat. Es ist die bekannte Mär vom einsamen Wolf, der sich der Übermacht entgegenstellt – dieser David schießt aus allen Rohren, und notfalls schlägt, tritt und beißt er, um Goliath in die Knie zu zwingen.

Der verkrustete kleine Bruder von „24“, die blutige Variante von „Homeland“ – „The Punisher“ ist große Fernsehunterhaltung für Marvel-Fans, aber auch interessierte Allesgucker. Vorausgesetzt, sie haben einen starken Magen.

 

„Star Trek: Discovery“: Wohin geht die Reise?

Zwei Herzen schlagen, ach, in meiner Brust: Einerseits gehöre ich zu jenen Star-Trek-Fans, die der neuen Serie „Discovery“ unbedingt eine Chance geben wollten und sich nach der Pilot-Doppelfolge durchaus in ihren Hoffnungen bestätigt sahen. Andererseits haben wir mittlerweile das Midseason-Finale erreicht – die Hälfte dieser ersten Staffel ist also rum -, und noch immer drängen Fragen in meinen Kopf, der sich doch eigentlich nur mit einer unterhaltsamen SF-Geschichte beschäftigen sollte. Es sind nicht einmal wenige Fragen, und ich wäre sehr froh, auf zumindest einige davon in absehbarer Zeit eine Antwort zu bekommen. Sollte dies nicht passieren, wird mein Gesichtsausdruck vermutlich so finster wie der von Captain Lorca. Denn dann könnte es sein, dass die Freude darüber, dass Netflix uns endlich wieder eine Serie aus dem Trek-Universum beschert hat, durchaus getrübt wird. Dass dunkle Schatten sich ins Bild drängen, dessen erste Skizzen doch von Optimismus und Wohlwollen geprägt sind.

Aber der Reihe nach und zum besseren Verständnis: Ich habe überhaupt kein Problem damit, dass einiges, was in „Star Trek: Discovery“ passiert, möglicherweise nur unter einiger Anstrengung in den Kanon geräumt werden kann. Es stört mich überhaupt nicht, dass Uniformen, Klingonen-Physiognomie und Technik nicht so ganz in die Zeit passen, in der die Story spielt. (Das war bei den Star-Wars-Prequels ja durchaus ähnlich.) Aber es stößt mir spätestens seit zwei Folgen sauer auf, dass vieles unklar bleibt und nicht erklärt wird. Wohin geht die Reise der „Discovery“?

Ich gehe davon aus, dass jeder, der das hier liest, die Serie verfolgt. Wer mag, kann ja hier nochmal nachlesen, wie Kirstens und mein erster Eindruck vom Auftakt war. Daher im Folgenden einfach meine offenen Fragen zu „Star Trek: Discovery“:

  1. Was ist das Konzept? Anfangs war ich relativ sicher, die Serie zeige quasi die dunklen Flecken in der Vergangenheit der Föderation. Starfleet im Krieg gegen die Klingonen – hier geht es nicht darum, zu erforschen, was nie ein Mensch zuvor erforscht hat, sondern darum, einen mächtigen Feind zu besiegen. So habe ich auch das runderneuerte Aussehen der Klingonen verstanden: Zum Zeitpunkt der Handlung sind diese nämlich eher fremdartige Monster als mögliche Verhandlungspartner oder gar eventuelle Verbündete. Aber dann wird eben doch immer wieder der Expeditionsaspekt der Mission betont. Lorca sagt sogar ganz deutlich, er habe es zunächst mit „freundlichen Forschern“ zu tun gehabt, die nun aber Krieger seien. Funktioniert die Sternenflotte wirklich so? Man wird an Bord eines Raumschiffs eingesetzt, dessen Funktion sich nach Belieben des Captains oder den Anforderungen des Einsatzes ändert? Dachten Crew-Mitglieder und Besatzung anfangs, dass sie eine spannende, aber überschaubar gefährliche Forschungsreise ins All unternehmen, und finden sich plötzlich auf dem Schlachtfeld wieder? Und was genau hat es mit besagter Crew auf sich? Zunächst begegnen sie Michael, der vermeintlichen Verräterin, relativ feindselig. Als Zuschauer fühlt man sich wie in „Moby Dick“, inklusive eines sinistren Kapitäns. Später dann scheint die Atmosphäre nicht anders zu sein als in anderen Serien des Franchise, in einer Folge wird gar ausgelassen gefeiert. Und kurz darauf bricht wieder die triste Stimmung der latenten Bedrohung durch die Klingonen herein. Ich verstehe nicht, was das Ganze soll: Ist das die Geschichte der ausgestoßenen Heldin an Bord eines Geisterschiffs mit unsicherem Kurs, das Kriegsabenteuer à la spätes „Deep Space Nine“ oder doch die klassische Trek-Reise zum Horizont? Ist die „Discovery“ nun eher „Pequod“, U 96, „Titanic“ oder „Enterprise“?
  2. Ist Lorca Freund oder Feind? Der Captain der „Discovery“ ist ein Arschloch. Darauf können sich die meisten Zuschauer sicher einigen. Er gibt sich auch ganz bewusst keine Mühe, etwas an diesem Eindruck zu ändern – im Gegenteil zelebriert er sogar das Image des Düstermannes. (Man wartet förmlich darauf, dass an der Orgel sitzt und Bachs Toccata und Fuge in d-Moll spielt.) Auch ist er unter den Star-Trek-Captains am deutlichsten ein Soldat. Anders als Weltraum-Cowboy Kirk, der gütige Vater Picard, Pionier Archer, aber selbst als die hartgesottene Janeway und der zunehmend finstere Sisko geht Lorca buchstäblich über Leichen. Und zwar nicht nur über die des Gegners, sondern skrupellos auch über die von Kameraden. Er opfert eine einstige Geliebte, er lässt einen verhassten Ganoven in den Händen der Klingonen – kurz: Diesem Captain sollte man nicht in die Quere kommen. Andererseits macht er seinen Job eher nachlässig: Mehrfach äußert er, Entscheidungen seiner Crew seien ihm egal. Dass er so starrköpfig sein Ziel verfolgt, macht ihn zum SF-Ahab, sein ebenso unerschrockener Einsatz für die Mannschaft wiederum zu jemandem, den man in der Nähe haben will, wenn es hart auf hart kommt. Die Sternenflotte lässt ihm dabei erstaunlich viel durchgehen. Da wurde mancher schon für weniger auf einem Eisplaneten ausgesetzt… Ich frage mich nur, welche Funktion der Captain der „Discovery“ für die Geschichte hat. Ist er heimlich eine Art Mentor für Michael, an deren Mitarbeit ihm ja zu liegen scheint? Oder ist der große böse Boss, die Bedrohung von innen, die die Situation in Krisenzeiten noch komplizierter macht?
  3. Sie wurden bereits mehrfach erwähnt: Was hat es mit den neuen Klingonen auf sich? Wie geschrieben: Ich komme damit klar, dass sich die Optik dieser Kriegerrasse von allem unterscheidet, was uns seit den 60er Jahren gezeigt wurde. Sie sehen nicht mal aus wie die Neuinterpretation von J.J. Abrams. Das kann den Grund haben, dass man heute noch einmal mehr Möglichkeiten hat, fremde Wesen von anderen Planeten darzustellen, als zu seligen TNG-Zeiten. Bloß: Die Masken sind eher schlecht. Während an anderer Stelle augenscheinlich viel Geld angefasst wurde und mancher Spezialeffekt durchaus Kino-Niveau hat, nehmen die Gesichtsprothesen der Klingonen-Darsteller ihnen jegliche Mimik. Daher vermute ich, der Grund für das geänderte Aussehen wird uns doch noch gezeigt. Mancher Dialog deutet darauf hin, dass wir es hier mit einer archaischen Splittergruppe zu tun haben… Vielleicht haben deren Mitglieder sich auch optisch eventuellen Anpassungen verweigert? Einmal mehr können die Zuschauer nichts anderes tun als Theorien zu diskutieren. Die Produzenten lassen uns auch an dieser Stelle im Nebel stochern.
  4. Das gilt allerdings nicht nur für die Klingonen: Wer ist die Crew? Ganz ernst gemeinte Frage, und wer kurz darüber nachdenkt, wird meine Verwirrung teilen. Bislang wurden uns die Protagonisten einer Star-Trek-Serie immer auf die eine oder andere Weise vorgestellt. Auf der „Discovery“ jedoch tun Leute ihren Dienst, denen wir nie sehr nah kommen – und deren Schicksal uns deswegen vergleichsweise egal ist. Ausgerechnet der exotischste Charakter unter ihnen ist die Ausnahme: Saru ist nicht der ängstliche C-3PO, als der er im Piloten eingeführt wurde. Er bekommt nach und nach Profil, auch sein ambivalentes Verhältnis zu Michael wird erklärt. Glücklicherweise steht er auch nicht in direkter Tradition der superschlauen Exoten, ist also kein Nachfahre (oder Urahn) von Spock, Data, Odo, dem Holo-Doc oder T’Pol. Nur: Wer verdammt sitzt da noch rum? Ich verzichte bewusst darauf, die Namen zu googeln, denn eine Handlung sollte erzählt werden und keine Sekundärliteratur erfordern: Da haben wir die dunkelhäutige Frau mit dem Iro, die vernarbte Rothaarige (die ihre Verletzungen Michael anlastet) und die Dame, die aussieht wie irgendetwas zwischen einem außer Kontrolle geratenen Geordie La Forge und einem Prä-Borg. Zumindest die Geschichte der Letztgenannten würde mich durchaus interessieren, und ich kann nur hoffen, die Crew besteht nicht aus etwas wichtigeren Redshirts… (Deutlich besser sieht es übrigens an anderer Stelle der „Discovery“ aus, aber zum Positiven komme ich noch.)
  5. Ist Tyler ein Klingone? Diese Theorie (da haben wir es wieder) wird seit geraumer Zeit diskutiert, und tatsächlich spricht einiges dafür. Fast schon zuviel, so plump kann kein Drehbuch sein. Eventuell weiß der Gute nicht mal, dass er ein Klingone ist, und seine Gefühle für Michael sind echt. Oder ist er einfach „nur“ das Opfer anhaltender Folterungen und Vergewaltigungen? Dies ist die einzige Frage, die ich noch eine Weile hinnehmen würde, denn immerhin scheint sie Teil einer Story-Idee zu sein und macht die Figur dieses tapferen Soldaten durchaus spannend.
  6. Wann kommt der Showrunner aus dem Urlaub zurück? Okay, das ist böse. Aber ein bisschen habe ich wirklich den Eindruck, „Star Trek: Discovery“ fehle eine ordnende Hand. Jemand, der den Überblick behält und vor allem ein Ziel im Auge. Der die teils offenen Handlungsstränge sortiert, die Figuren in Bahnen lenkt und dem Ganzen eine Struktur verpasst. Aktuell wirkt nämlich leider einiges, als ob da zu viele Köche den Löffel geschwungen hätten. Manches davon würde ich einer anderen Serie sogar durchgehen lassen. Aber: Dies ist Star Trek!

Ist denn wirklich alles schlecht? Nein, natürlich nicht, ganz im Gegenteil. Die Abenteuer der „Discovery“ sind grundsätzlich spannend anzuschauen. Die Optik ist nicht nur gemessen am Fernsehstandard teils sensationell. Die Schauspieler geben alles, und mancher Charakter wächst mir bereits ans Herz. Dazu gehört natürlich Michael Burnham, die Außenseiterin, hin- und hergerissen zwischen ihrer anerzogenen vulkanischen Logik, der Freude am Abenteuer und einer tiefen Empathie für andere. Sonequa Martin-Green gibt den Wanderer zwischen den Welten, die Frau ohne Zukunft, sehr überzeugend und mit reichlich Charisma. (Und ist dabei – Entschuldigung – immer ein Hingucker.) Aber auch Paul Stamets, der Pilz-Experte, ist eine spannende Figur: Seine Eloquenz macht ihn sogar in den weniger sympathischen Momenten unterhaltsam, seine zunehmend positivere Einstellung gegenüber Michael wird glaubhaft dargestellt. Und weil das immer wieder Thema ist: Ich finde es gut, dass seine Beziehung mit Dr. Hugh Culber so unaufgeregt und als das gezeigt wird, was sie ist – nämlich stinknormal. Weshalb sollte ein homosexuelles Paar perfekt oder krisengeschüttelt sein? Weshalb sollte das noch immer prätentiös thematisiert werden? Wir haben 2017 – es gibt in Serien auch nicht mehr die klassische Anti-Rassismus-Folge wie einst bei den „Waltons“… Anthony Rapp spielt den neugierigen Wissenschaftler jedenfalls beseelt und mit Elan. Mein dritter Favorit: Saru. Die Gründe dafür habe ich weiter oben bereits angerissen – hinzu kommt, dass mich schlicht freut, Doug Jones mal in einer Serienrolle zu erleben. Es bleibt spannend, was aus seinem Charakter wird.

Grundsätzlich gilt das auch für „Star Trek: Discovery“ als Ganzes. Ich werde jedenfalls weiterhin so begeistert wie aufmerksam zuschauen. Dabei verspreche ich jedoch eins: Bekomme ich nicht zeitnah ein paar Antworten, sollten die Produzenten lieber ihrem Sporenantrieb die… äh, Sporen geben.

„Stranger Things 2“: Zurück in einer kleinen Stadt

Ein Jahr danach hat sich im fiktiven Städtchen Hawkins/Indiana, aber auch in der realen Welt der Serien und Streaming-Dienste die Aufregung gelegt. „Stranger Things“ war der große Überraschungserfolg des Sommers 2016 – und das zurecht. Mit einer cleveren Mischung aus 80er-Jahre-Nostalgie, klassischem Grusel und Retro-SF hatten die Duffer-Brüder (Idee und Produktion) voll ins Schwarze getroffen. Die tapferen Freunde des verschwundenen Will (Noah Schnapp) waren die legitimen Nachfolger der „Goonies“, ihr Heimatkaff erinnerte an die Handlungsorte der besseren King-Geschichten, und überhaupt wimmelte es vor Anspielungen und Huldigungen auf Genre-Klassiker und -Klischees.

Das machte Spaß und war enorm erfolgreich – eine Fortsetzung daher rasch beschlossene Sache. Zurück zur Handlung: Besagte Ruhe ist trügerisch. Will ist wieder da, aber „Eleven“ (Millie Bobby Brown) nun verschwunden. Der Kampf gegen den „Demogorgon“ hat unsere Helden verändert, die Verluste haben Spuren hinterlassen. Und die geheimnisvolle Organisation, der „Eleven“ ihre Tätowierung und ihre besonderen Fähigkeiten verdankte, ist immer noch aktiv. Das bekommen Will und seine Freunde deutlich zu spüren, als eine neue Bedrohung am nachtschwarzen Himmel auftaucht: Die Visionen des Jungen scheinen einen realen Ursprung zu haben. Etwas ist dort draußen, und es hat schlechte Laune. Auf wen können sich die Jungen und ihre neue Freundin Max (Sadie Sink) verlassen? Auf Wills leicht hysterische Mutter (Winona Ryder)? Auf deren neuen Lebensgefährten, den braven Bob (Sean Astin)? Oder auf Sheriff Hopper (David Harbour), der ein Geheimnis zu haben scheint? So viel sei verraten: Es ist genau dieses Geheimnis, das der Gang in ihrer Not zur Seite steht…

Was einmal funktioniert, klappt auch beim zweiten Mal: Die skizzierte Mischung schmeckt nicht abgestanden, allerdings nicht mehr ganz so überraschend wie vor einem Jahr. Setting und Ausstattung, Musik und Story versetzen den Zuschauer rasch wieder in das bunteste aller Jahrzehnte, sparen aber auch dessen dunkle Seiten nicht aus. Wir hören nicht nur Devo und Duran Duran, wir erleben auch, wie die Angst vor dem Kalten Krieg die Bewohner von Hawkins im Griff hat. Da hat die übernatürliche Bedrohung leichtes Spiel, ihren Opfern eine Gänsehaut zu verpassen.

Viel Liebe zum Detail, gute Schauspieler – allen voran erneut Millie Bobby Brown -, durchaus spannende Momente… aber letztlich zündet die zweite Staffel nicht ganz so wie die erste. Das liegt daran, dass Duffer und Duffer diesmal etwas zu sehr auf Nummer sicher gehen. Beim nächsten Mal – und es wird hoffentlich eine weitere Fortsetzung geben – dürfen sie ruhig etwas mutiger an die Handlung und deren Umsetzung herangehen. Spaß und Spannung kommen allerdings auch auf kreativer Sparflamme nicht zu kurz. Das wird Original-„Goonie“ Sean Astin bestätigen, der hier mit dem einstigen Slacker-Darling Winona Ryder die schauspielerische Meta-Flagge schwenkt. Zurück in die Vergangenheit, zurück in eine kleine Stadt – Steven und Stephen hätten ihre Freude daran.

„Kingsman: The Golden Circle“ glänzt zurecht

Das geht ja gut los: Während Agenten-Altvater James Bond sich in seinem jüngsten Abenteuer eine vergleichsweise hüftlahme Verfolgungsjagd mit seinen Gegnern lieferte, stellt die erste Szene des zweiten „Kingsman“-Abenteuers mal eben lässig fast alles in den Schatten, was an rasanten Szenen in diesem Kinojahr bislang zu sehen war… Ein Jahr nach den Ereignissen von „Kingsman: The Secret Service“ ist „Eggsy“ Unwin (Taron Egerton) ein etablierter Agent des geheimsten aller geheimen Geheimdienste. Unter dem Codenamen seines ermordeten Mentors „Galahad“ Harry Hart (Colin Firth) gehört er jener modernen Tafelrunde an, die sich verborgen vor den Augen der Öffentlichkeit um den Schutz der Menschheit kümmert. Anders als unter vergleichbaren Superagenten üblich ist er zudem nach wie vor mit einem love interest, der schwedischen Prinzessin Tilde (Hanna Alström), zusammen.

Eines Tages attackiert ihn sein alter Widersacher Charlie Hesketh (Edward Holcroft), der Eggsys ersten Einsatz überlebt hat und zudem nun über einen mechanischen Arm verfügt. Zu den Klängen von Prince‘ „Let’s Go Crazy“ jagen sich die beiden durch London und prügeln sich in Galahads Spezialfahrzeug – und das ist dermaßen passgenau und packend choreografiert, dass man es gesehen haben sollte.

Der Rest der Geschichte erinnert an nichts so sehr wie an den ersten Teil: Wieder werden sämtliche Kingsman-Agenten – inklusive Eggsys bester Freundin „Lancelot“ Roxy (Sophie Cookson), seines Hundes und eines alten Kumpels – ausgelöscht. Erneut überleben nur Galahad und Techniker „Merlin“ (Mark Strong). Einmal mehr wird der Anführer der Bösewichte von einem renommierten Schauspieler mit Mut zur Selbstparodie gespielt – diesmal von Julianne Moore. Und zum zweiten Mal werden harmlose Bürger von einer globalen Bedrohung attackiert, die sich glücklicherweise durch einen einzigen Schritt ausschalten lässt.

Soviel zu Bond-Parodie, Sixties-Charme und großartigem, weil übertriebenen Knallbumm. Neu allerdings sind die „Vettern“ der Kingsman-Spione aus Übersee: In Amerika sind nämlich die „Statesman“-Agenten zu Hause, angeführt von „Champ“ Champagne (Jeff Bridges). Zu ihnen gehören die Technikerin Ginger Ale (Halle Berry), der Draufgänger Tequila (Channing Tatum) und der arrogante Whiskey (Pedro Pascal). Anders als ihre britischen Mitstreiter tarnen sie sich nicht hinter einer edlen Schneiderei, sondern einer erfolgreichen Whisky-Destillation – und statt Schirm, Charme und Melone kommen Lasso, Colt und Messer zum Einsatz.

Mark Millar ist einfach ein Guter. Vor allem im Team mit Matthew Vaughn schafft er es, flüssig erzählte Geschichten voller Action und bar jeder Langeweile rauszuhauen. Das gilt für seine Comic-Storys wie für seine Filmdrehbücher. Mit „Kick-Ass“ hat er die Marschroute vorgegeben und gleichzeitig die Messlatte hoch gelegt. Und er erreicht sie seitdem locker und am laufenden Meter. Die „Kingsman“-Reihe (ein dritter Teil ist fest geplant) bietet alles, was die Handschrift des kreativen Kopfs ausmacht: Dieses Spionage-Abenteuer ist sich seiner Tradition bewusst, parodiert sie liebevoll und ballert ansonsten aus allen Rohren. Brutal und bunt, saulustig und spannend – wer ins Kino geht, um unterhalten zu werden, wird diese Fortsetzung ins Herz schließen und den Abschluss der Trilogie kaum erwarten können. Manchmal ist eben doch Gold, was glänzt.

„Star Trek: Discovery“ – vier Augen sehen mehr als zwei

Der Plot: Michael Burnham (Sonequa Martin-Green) ist der einzige Mensch, der unter Vulkaniern aufgewachsen ist. So steht sie zwischen anerzogener Logik und dem Wunsch nach Abenteuer und Reisen – eine Karriere bei der Sternenflotte scheint das Richtige für sie zu sein. Sie dient als Erster Offizier an Bord der USS Shenzou unter Captain Philippa Georgiou (Michelle Yeoh), die ihr auch eine mütterliche Freundin ist. Der aktuelle Auftrag der Crew: Sie sollen im Grenzgebiet der Föderation überprüfen, weshalb eine Relais-Station beschädigt wurde. Burnham trifft bei ihren Nachforschungen auf ein fast vergessenes – wir schreiben das Jahr 2324 – Kriegervolk: die Klingonen. Diese haben gerade alle Hände voll zu tun, ihre 24 zerstrittenen Familien zu vereinen, und reagieren aggressiv auf einen Satz, der für Star Fleet steht wie kein anderer: „Wir kommen in Frieden.“

Kirstens Meinung: Ich kenne kein anderes Franchise, das so kontrovers diskutiert wird wie Star Trek. Ja, auch bei Star Wars, Game of Thrones und Marvel geht es mitunter mal hoch her, aber mir ist es selten begegnet, dass so eine Leidenschaft, so eine Wut und gleichzeitig so viel Herzblut drinsteckten.

Jede neue Trek-Serie reißt alte Wunden auf. Die einen hätten doch gerne mal wieder so etwas wie TOS, andere brauchen es etwas behäbiger wie bei TNG (man erinnere sich daran, wie schwach die ersten zwei Staffeln waren). Ach, warum ist der neue Captain denn nicht ein bisschen mehr wie Sisko? Oder doch lieber Janeway? Es gibt keine andere Serie, die so viele Menschen schon so lange bewegt – immerhin schon mehr als 50 Jahre. Und sobald sich eine Modernisierung, etwas Neues auftut, das man bisher so noch nicht bei Star Trek gesehen hat, kommen sie aus ihren Ecken: die Nörgler, die Kritiker, die, die doch gerne alles hätten wie immer.

Aber was ist wie immer? Star Trek versteht es seit 50 Jahren, sich permanent zu erneuern und neu zu erfinden. Das haben sie mit TNG ab Staffel drei geschafft – und auch mit DS9, wo wir erstmals zu Gast auf einer Raumstation sein durften.

Nun also Discovery! Wieder mal ein Prequel, stöhnen die einen. Zu modern, klagen die anderen. Warum sehen die Klingonen so komisch aus? Ich durfte sogar die Klage lesen, es seien zu viele Frauen dabei. Die Lensflares nerven, das Licht war doof, wieso hat man die Discovery noch nicht gesehen, ach, und überhaupt ist das doch überhaupt nicht das Star Trek, was man kannte und liebte.

Doch, genau das ist es. Eben modern. 2017. Wenn wir es schaffen, das abzulegen, was wir kennen und erwarten, können wir es schaffen, Discovery als das zu sehen, was es ist: ein gelungener Versuch, Star Trek in unserer Gegenwart ankommen zu lassen. Die Darsteller überzeugen, die Effekte überzeugen. Mein einziger Kritikpunkt sind vielleicht ein paar Plotholes. Wieso schickt man zu Beginn nicht eine Sonde zu dem „Ding“, wieso muss der Erste Offizier dort per Jetpack hinfliegen? Diese Frage stelle ich mir jedenfalls beim Gucken. Klar, wegen der Effekte. Aber erzählerisch hat das keinen Sinn. Andere Dinge, mit denen viele sich bisher nicht anfreunden konnten, kann ich ignorieren.

Denn jetzt ist nun mal 2017 und nicht 1987. Hologramme, die mitten im Bereitschaftsraum auftauchen: klasse! Frauen, die nicht in kurzen Röckchen durch die Gänge spazieren: endlich! Und ich bin gespannt, was die Autoren noch so aus dem Hut zaubern. Ich bin nach zwei Folgen sehr angetan und freue mich auf den kommenden Montag. Auch deshalb, weil mit Kirsten Beyer eine Autorin zum Schreiberteam gehört, die viel drauf hat, die weiß, wie man Charaktere und Geschichten entwickelt und die mit Leidenschaft dabei ist.

Markus‘ Meinung: Selten sind wir Nerds uns so einig, wie in der Einschätzung der beiden größten Franchises. Star Wars ist fürs Herz, Star Trek für das Hirn. Klar. Deswegen stört uns nicht, dass Laserstrahlen nach einem Meter einfach abbrechen, damit das Ganze wie ein Schwert aussieht – aber andererseits diskutieren wir uns die Köpfe heiß über die interne Logik zwischen den Sternen, wenn die Raumschiffe der Föderation dort unterwegs sind.

Daher ist es durchaus mutig, mit der Erwartungshaltung einiger Fans zu brechen und damit am Kanon zu rütteln. Ja, die Shenzou und die Discovery sehen in Sachen Inneneinrichtung moderner aus als Kirks Enterprise. Ja, das sind weder die Klingonen aus den 60er Jahren unserer Zeitrechnung noch die Variante aus den Kinofilmen und TNG noch die Version der Kelvin-Zeitlinie. Sie sehen anders aus. Sie sprechen ein durchaus anstrengendes „echtes“ Klingonisch. Sie sind wilder, archaischer, mehr Stamm als Nation. Und ja, die Klamotten der Protagonisten auf beiden Seiten entsprechen unserem aktuellen Verständnis von Kleidung. Keine Hosenbeine mit Schlag oder Miniröcke hier, keine mongolischen Rüstungen oder zotteligen Frisuren dort.

Und warum ist das so? Weil wir 2017 haben und „Star Trek: Discovery“ eine Science-Fiction-Serie ist. Ganz einfach. Ich teile den offensichtlichen Wunsch der Produzenten, ein neues Publikum zu erschließen, ohne das alte zu sehr zu verprellen. Willkommen an Bord, ihr Neulinge. Seid bereit für die Reise eures Lebens.

Und damit sind wir bei dem, was für mich Star Trek ausmacht, seit es als „Raumschiff Enterprise“ in das Wohnzimmer meiner Kindheit flimmerte: Es geht um Aufbruch, um Abenteuer und Forschung, um Fernweh. Wir reisen dorthin, wo nie ein Mensch zuvor gewesen ist. Und seien wir ehrlich: Allein der Prolog auf dem Wüstenplaneten holt uns schon genau bei diesem Wunsch, dieser Hoffnung ab.

„Star Trek: Discovery“ fühlt sich während des zweiteiligen Pilotfilms zu jeder Sekunde an wie Star Trek. Das ist so viel mehr, als ich im Vorfeld erwartet hatte. Ich gestehe: Ich hadere nach wie vor damit, es hier mit einem Prequel zu tun haben. Ich gehöre auch zu den Detailverliebten, die Plotholes diskutieren (von denen es hier einige gibt) und denen Kanon wichtig ist. Wir haben nie zuvor von Spocks Adoptivschwester gehört. Über ihr Aussehen reden nicht mal die Klingonen selbst besonders gern. Die Lensflares und die restliche Optik erinnern eher an das, was jüngere Trekker dank J.J. Abrams unter dem Franchise verstehen. Aber wisst ihr was? Das alles spielt überhaupt keine Rolle.

Wir erleben nämlich bereits in den 90 Minuten des Auftakts eine charismatische Hauptfigur mit interessanter Hintergrundgeschichte, eine funktionierende Chemie zwischen den Charakteren (und ihren Darstellern), das Gefühl von Spannung und Abenteuer, die Begeisterung für Technik und trotz des düsteren Gedankens an Krieg – der sicherlich auch gewollten Bezügen zum aktuellen politischen Geschehen geschuldet ist – den Optimismus, der das Franchise von jeher ausmacht. Wir erleben Star Trek. Mit reichlich Hirn – aber auch mit reichlich Herz.

 

Wenn die Hochhäuser wackeln: Hier kommen „The Defenders“!

In der Stadt, die niemals schläft, treiben sich vor allem nachts seltsame Gestalten herum: Luke Cage (Mike Colter) wird nach seinem gewalttätigen Kampf gegen das organisierte Verbrechen aus dem Knast entlassen und kehrt nach New York zurück. Der Muskelmann will seinem Ruf als Retter der Schwachen gerecht werden und sucht nach einem Ziel im Leben. Möglich gemacht hat seine neue Freiheit der clevere Anwalt „Foggy“ Nelson (Elden Henson), einst Partner von Matt Murdock (Charlie Cox). Der wiederum hat sein Kostüm als Unterweltschreck Daredevil an den Haken gehängt und kämpft lieber im Gerichtssaal für die gute Sache. Dieser hat sich auch Danny Rand (Finn Jones) alias Iron Fist verschrieben: Gemeinsam mit seiner gleichfalls kampferprobten Freundin Colleen Wing (Jessica Henwick) sucht er in aller Welt nach den Mördern seiner leiblichen und seiner Adoptiveltern. Mit all dem hat Jessica Jones (Krysten Ritter) nichts am Hut. Die so schlagkräftige wie mürrische Privatdetektivin verfolgt gewohnt widerwillig die Spur eines verschwundenen Architekten.

Dann jedoch führen ihre Wege die vier Einzelgänger zusammen. Alte Gefahren aus der Vergangenheit kehren zurück, denen sie sich nur gemeinsam entgegenstellen können. Vereint durch Matts mysteriösen Trainer Stick (Scott Glenn) müssen sie persönliche Differenzen und unterschiedliche Philosophien überwinden und zu einem Team werden, denn ihrer Stadt droht die Vernichtung – buchstäblich. Als sie eher zufällig dasselbe Hochhaus betreten – der Held von Harlem, die trinkfeste Ermittlerin, die lebende Waffe und der Teufel von Hell’s Kitchen – werden die Karten im Kampf gegen die dunklen Mächte neu gemischt. Zwischen den Bürgern von New York und der totalen Zerstörung stehen nun vier Verteidiger…

Spannung aufbauen – darin ist Marvel ganz groß. Mit dem Marvel Cinematic Universe hat der amerikanische Comic-Gigant längst Kino-Geschichte geschrieben, und die zugehörigen Fernsehserien sind viel mehr als nur Beiwerk. Vor allem die Netflix-Reihen bieten naturgemäß mehr Möglichkeiten, auch düstere und brutale Geschichten ausführlich zu erzählen. Das ist keine brave Familienunterhaltung, da wird geflucht, geblutet und gevögelt. Während auf der großen Leinwand etwa das erste Zusammentreffen der Avengers im gleichnamigen Film ein episch anmoderierter Höhepunkt war, fiebern die Fans vor der heimischen Glotze seit Monaten dem Tag entgegen, an dem sich die Defenders zum ersten Mal begegnen. Die Vorgängerserien „Daredevil“, „Jessica Jones“, „Luke Cage“ und „Iron Fist“ zeigten die individuellen Abenteuer der vier Protagonisten, zusammengehalten unter anderem durch die Figur der mutigen Krankenschwester Claire Temple (Rosario Dawson). „The Defenders“ lässt die eher einsamen Streiter für das Gute nun gemeinsam gegen einen schier übermächtigen Gegner antreten.

Erwartungsgemäß knackt und splittert es recht laut, ehe aus unseren Helden ein Team wird. Dann jedoch erleben wir nicht nur eine Zweckgemeinschaft, sondern deutlich mehr – nämlich Freunde. Die Charakterzeichnung ist dabei so glaubhaft wie die Story sich Zeit lässt. In acht Folgen lässt sich das Bild der einsamen Reiter, die nun nebeneinander galoppieren, mit dicken Strichen zu einem beeindruckenden Gemälde vergrößern. Dabei hat Netflix sich offenbar die Kritik an den vorangegangenen Serien zu Herzen genommen – 13 Folgen waren mitunter etwas zu lang. Besagtes Gemälde besteht aus den Farben Rot, Lila, Grün und Gelb – und aus reichlich Schwarz. Die Idee, jedem Protagonisten eine eigene Farbe zuzuschreiben, war also nicht nur ein Promo-Gag. Ohnehin wartet „The Defenders“ mit teils beeindruckenden Schauwerten auf: Die Kamera-Arbeit vor allem in den ersten Folgen setzt Standards in Sachen Serienoptik. Zudem wissen sämtliche Beteiligten vor und hinter der Kamera, was sie tun – aber das sind wir von Marvel auch nicht anders gewohnt.

Die Geschichte ist einigermaßen komplex, wird aber straff und atemlos erzählt. Andeutungen und Skizzen aus den vier anderen Serien werden ausgearbeitet und münden in ein furioses Finale. Sigourney Weaver ist als sinistre Geschäftsfrau Alexandra auf der Seite des Bösen eine Macht: Mit wenigen, aber wohlgesetzten Worten und sparsamer Gestik bestimmt die einstige Alien-Jägerin ihre Szenen. Und natürlich kommen wieder die beliebten Nebenrollen zum Zug: Neben den eingangs erwähnten Charakteren kehren auch Jessicas Adoptivschwester Patsy Walker (Rachael Taylor), die knallharte Polizistin Misty Knight (Simone Missick) und die Journalistin Karen Page (Deborah Ann Woll) zurück ins Geschehen.

Wenn Reporterinnen mit Nachnamen „Seite“ heißen und Herr und Frau Knight ihre Tochter ernsthaft Misty genannt haben, wird klar: Dies ist eine Comic-Verfilmung. Und was erwarten wir von einem Superhelden-Film? Richtig: Action! Diese gibt es in „The Defenders“ mehr als reichlich. Die ungezählten Kampfszenen sind atemberaubend choreografiert und trotz dunkler Kulisse nie unübersichtlich. Jeder unserer Kämpfer für Gerechtigkeit bekommt seinen beeindruckenden Moment, hat seine besonderen Tricks und Eigenschaften. Ihr liebt die berühmten Hallway-Szenen aus den Vorgängerserien? Dann gibt es reichlich Grund zur Freude. Oder wie Jessica es ausdrückt: „Mein Leben ist inzwischen eine riesige Kung-Fu-Party.“

Daredevil und Jessica Jones, Luke Cage und Iron Fist sind Helden der Straße und der Dunkelheit. Sie gehen dahin, wo es weh tut, und dabei notfalls bis zum Äußersten. Sie bluten und stürzen, aber sie stehen immer wieder auf. Sie sind nicht die netten Jungs (und das nette Mädel), die den Tag retten – aber sie machen die Nächte sicherer. Sie sind die „Defenders“. Und ihr erstes gemeinsames Abenteuer sorgt dafür, dass man es kaum erwarten kann, zurückzukehren in die Stadt, die niemals schläft.

 

Hintergrund: Wer sind die Defenders?

Ursprünglich hatte Marvel die Verteidiger (wie sie im deutschsprachigen Raum zunächst genannt wurden) entwickelt, um Superhelden zu versammeln, die eigentlich nicht als Teamplayer taugen. So kamen etwa der Hulk, Namor, der Silver Surfer, Doctor Strange oder Gargoyle als eher lose Gemeinschaft zusammen, wenn ein Gegner für einen von ihnen zu mächtig war. Das MCU ignoriert die klassische Besetzung zwar, orientiert sich aber an dieser Prämisse. Auch diese Defenders sind es eigentlich gewohnt, weitgehend allein zu arbeiten, und raufen sich anfangs relativ widerwillig zusammen. Dabei übernehmen die Produzenten jene Charaktere, die im Comic in Reihen wie „Marvel Knights“ auftauchen, also die vergleichsweise düsteren Abenteuer der Straßenköter aus der zweiten Reihe. Nicht umsonst dienen ihnen dabei Genres wie Film noir oder Blaxploitation als Vorbilder. Kurz: Niemand trägt ein flatterndes Cape.

Sehen, hören, sagen: „Planet der Affen: Survival“

Die Story

Nachdem ein medikamentös erschaffener Virus nicht nur Affen mit Intelligenz ausgestattet, sondern auch den größten Teil der Menschheit dahingerafft hat, ist die Situation zwischen den verfeindeten Gruppen mittlerweile verhärtet. Die Truppe um einen verbitterten Colonel (Woody Harrelson als Marlon Brando) macht gnadenlos Jagd auf den Affenstamm um den ersten Vertreter der neuen Spezies, den mutigen Schimpansen Caesar (Andy Serkis). Verstärkt wird die militärische Einheit von übergelaufenen und versklavten Affen, den so genannten Donkeys, die einst Caesars Widersacher Koba (Toby Kebbell) unterstützten. Nach harten Kämpfen in den Wäldern fallen Caesar, seine Familie und die meisten der übrigen Primaten den Soldaten in die Hände. Die Menschen zwingen sie zum Bau einer Mauer und setzen sie mit Gewalt unter Druck. Dank der Hilfe des stummen Mädchens Nova (Amiah Miller) gelingt es Caesars Freunden, ihren Anführer zu befreien. In einer letzten, verzweifelten Schlacht kämpfen Menschen und Affen um die Vorherrschaft auf dem Planeten.

Die Meinung

Nach „Planet der Affen: Prevolution“ (2011) und „Planet der Affen: Revolution“ (2014) kommt nun logischerweise „Planet der Affen: Survival“… Da hatte mal jemand eine relativ pfiffige Idee, um die Originaltitel für den deutschen Markt zu ändern, und dann wird sie nicht konsequent durchgezogen. Völlig unverständlich, zumal „Evolution“ recht gut gepasst hätte. Denn tatsächlich sehen wir, wie das Leben in der postapokalyptischen Zukunft auf die Gegebenheiten zusteuert, die im Klassiker „Planet der Affen“ (1968) dargestellt werden. Nach dem relativ realistischen Ansatz des ersten Teils und den wilden Kampfszenen des zweiten hält sich der dritte (und vermutlich nun doch nicht letzte) an das Erfolgsrezept seiner Vorgänger. Der Film nimmt sich Zeit, seine Geschichte zu erzählen. Die Protagonisten auf beiden Seiten werden detailliert und glaubhaft gezeichnet. Und mit Angst, Hoffnung, Wut und Liebe werden ganz große Gefühle bedient. Zudem sind die Spezialeffekte fast nicht zu fassen – und das im Wortsinn. Abgefahrene Monster aus dem All per CGI auf die Leinwand zu zaubern, ist eine Sache. Aber real existierende Lebewesen wie Schimpansen, Gorillas und Orang-Utans zu erschaffen, ihnen per motion capture von Schauspielern Leben einhauchen zu lassen und sie mit unterschiedlichen Charakteren zu versehen – das ist Kunst. Die Effekte verkommen nicht zum Selbstzweck, sondern unterstützen die Story, sind ein Teil davon. Diese wiederum ist packend genug, so dass man sich über die perfekt integrierten Elemente aus dem Rechner ohnehin keine Gedanken macht. Andy Serkis als Caesar ist mal wieder eine Macht und dürfte spätestens jetzt dafür mit ein paar Preisen geehrt werden. Trotz kleinerer Hänger – der Film ist ein bisschen zu lang und an manchen Stellen etwas symbolbeladen – ist „War For The Planet Of The Apes“ (so der US-Titel) ein würdiger Abschluss der Trilogie. Die allerdings (weiter oben deutete ich es bereits an) nach aktuellen Angaben der Produzenten ziemlich sicher fortgesetzt wird. Letztlich regiert eben auch auf dem Planeten der Affen das liebe Geld.

Der Hintergrund

Die erste Verfilmung des Romans von Pierre Boulle stammt aus den späten 60ern und nimmt klare Bezüge auf damals aktuelle Themen wie Rassismus und die Gefahr eines dritten Weltkriegs. (Übrigens zwei Probleme, die leider heutzutage ebenso zum Alltag gehören.) Die Folgefilme beschäftigten sich mit Zeitreisen und dem üblichen Paradoxon, um zu erklären, wie es zum Machtwechsel auf der Erde kam. Leider fand die Kinoreihe mit „Die Schlacht um den Planet der Affen“ (1973) und der ein Jahr später produzierten Fernsehserie einen eher unrühmlichen Abschluss. Tim Burton versuchte sich 2001 an einer Neuinterpretation, die viel gescholten wurde, sich aber letztlich enger an die literarische Vorlage hielt. Die aktuelle Kinofassung startete vor sechs Jahren und stellt so etwas wie die Vorgeschichte zum 68er-Film dar, auf den auch immer wieder angespielt wird. Dabei beziehen sich vor allem im dritten Teil die sozialkritischen Elemente auf Themenkomplexe wie Faschismus (die Affen werden in Lagern gehalten und bis zum Tod ausgebeutet) und den wieder erstarkenden Nationalismus (der Bau der Mauer). Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen? Im Gegenteil – gut gebrüllt, Affe.

Und vergesst die verdammten Smileys nicht!

Michael Kessler hat eine neue Fernsehreihe, in der er befreundete Kollegen im Auto durch die Stadt kutschiert und sich mit ihnen unterhält. Quasi wie das „Quiz-Taxi“ mit Prominenten, aber ohne Quizfragen. Wem diese Beschreibung langweilig erscheint, der kennt Michael Kessler nicht. Dieser könnte sogar eine Talkshow mit Köchen moderieren oder Flohmarktware an Antiquitätenhändler verticken lassen, und es wäre lustig. „Sitzheizung gibt’s nicht“ läuft auf ZDFneo, deswegen spielen die Sendetermine keine Rolle. Ihr guckt das ohnehin in der Mediathek.

Wir haben einen nicht mehr ganz neuen Twitter-Account, mit dem wir drei Dinge tun: Wir weisen auf neue Blog-Beiträge hin, twittern gar lustig zum aktuellen „Tatort“, während dieser zum ersten Mal ausgestrahlt wird, und äußern uns zu der einen oder anderen Fernsehsendung. So auch zu „Sitzheizung gibt’s nicht“:

Die besten Scherze sind ja bekanntlich jene, die man ausgiebig erläutern muss. Der hier funktioniert folgendermaßen: „Sitzheizung gibt’s nicht“ ist gar nicht identisch mit der Serie „Pastewka“, die im Frühjahr mit neuen Folgen auf Amazon Video fortgesetzt wird. Allerdings sind in der ersten Folge die Protagonisten identisch: Michael Kessler, Bastian Pastewka und Annette Frier sind allesamt auch in „Pastewka“ zu sehen, der Mittlere überraschenderweise sogar in der Haupt- und Titelrolle. Und die Dialoge wirken nicht nur improvisiert, sie sind es auch. Das versteht jeder normalbegabte Zuschauer spätestens nach 20 Sekunden. Uns war es zudem bereits im Vorfeld bekannt. Soviel zu den beiden Pointen. Beziehungsweise dem, was als solche gemeint war.

Dieser Tweet brachte uns unterschiedliche Reaktionen ein. Kessler favorisierte ihn, wies jedoch gleichzeitig darauf hin, dass wir einen entscheidenden Aspekt seines neuen Formats offenbar nicht ganz verstanden hätten:

Acht wohlmeinende Herzchen bekam diese freundliche Aufklärung. Es gibt dort draußen also insgesamt mindestens neun Menschen, die uns nicht zu den normalbegabten Zuschauern zählen. (Fairerweise müsste es heißen: mich. Denn für den ursprünglichen Tweet zeichnet der Autor dieses Beitrags allein verantwortlich.)

Einer von ihnen – Lutz – kommentierte unser vermeintliches Unwissen mit einem Katzen-GIF. Dafür gebührt ihm besondere Erwähnung:

Putzig, nicht wahr? Blieb aber ähnlich folgenlos wie unsere (meine) Versuche, das Missverständnis um das vermeintliche Missverständnis aufzuklären.

Was bleibt, sind zwei Erkenntnisse:

  1. Erst Smileys machen einen Tweet verständlich. 🙂
  2. „Sitzheizung gibt’s nicht“ ist improvisiert und sehr sehenswert.

Kinder an die Macht: „Spider-Man: Homecoming“ & „Valerian – Die Stadt der tausend Planeten“

Spider-Man: Homecoming

Der 15-jährige Peter Parker (Tom Holland) ist sauer: Eben noch war er auf dem Leipziger Flughafen in eine Schlacht der Superhelden verwickelt und traf seine Idole wie Captain America (Chris Evans), und nun ist er schon wieder in seinem Alltag im New Yorker Stadtteil Queens angekommen, zwischen Stress in der Schule und Ärger in der Nachbarschaft. Auch sein Mentor Tony Stark (Robert Downey jr.) meldet sich nicht mehr. Immerhin hat der Erfinder, Milliardär und Iron Man ihm den Anzug überlassen, in dem er im Osten Deutschlands zwischen den Großen der Branche herumgesprungen ist. Denn Peter ist mehr als ein harmloser Teenie aus dem Big Apple: Seit dem Biss einer radioaktiv verstrahlten Spinne ist er schneller und stärker als andere Menschen und kann an Wänden krabbeln. Er ist der Spider-Man, wie ihn YouTube-Nutzer und Zeitungsleser nennen.

Derzeit allerdings passiert wenig Heldenhaftes in Peters Leben. Seine Tante May (Marisa Tomei), bei der er aufwächst, ahnt nichts vom Doppelleben ihres Neffen und hat ein Auge darauf, dass er seine Pflichten in Klassenzimmer und Haushalt nicht vernachlässigt. Sein bester Freund Ned (Jacob Batalon) steht zwar tapfer an seiner Seite, wenn der bösartige Mitschüler Flash Thompson (Tony Revolori) ihn ärgert, aber er kann ihm nicht dabei helfen, seinem Schwarm Liz (Laura Harrier) näherzukommen. Und Michelle (Zendaya Coleman), die Außenseiterin der Clique, lässt Peter ebenfalls nicht in Ruhe. Der lenkt sich zwar mit harmlosen Einsätzen in der Gegend ab, fühlt sich aber zu Größerem berufen. Seine Chance kommt, als der übellaunige Adrian Toomes (Michael Keaton) in sein Leben tritt: Dieser hat unrechtmäßig außerirdische Technologie an sich gebracht, die vom Kampf der Avengers gegen die Chitauri zurückgeblieben war. Und damit verleiht der Finsterling seiner Verbrecherlaufbahn Flügel…

Begeisterung und Skepsis hielten sich die Waage, als Marvel bekannt gab, endlich den prominentesten Charakter seiner Comics in das „Marvel Cinematic Universe“ holen zu können. Ein Deal mit dem Rechte-Inhaber Sony macht es möglich, dass der Netzkopf künftig Seite an Seite mit den bereits etablierten Helden auftritt. Zum ersten Mal zu sehen war Spider-Man im vergangenen Jahr in „Captain America: Civil War“, und diese neue Version der freundlichen Spinne aus der Nachbarschaft gefiel nicht jedem. Nachdem das Reboot des Franchises spätestens mit „The Amazing Spider-Man: Rise Of Electro“ (2014) gefloppt war, war allerdings klar, dass Marvel sein Aushängeschild runderneuern würde.

Und so erleben wir einen Superhelden in den Kinderschuhen: Peter Parker ist noch nicht der tapfere Verbrecherjäger, der sich über den Dächern der Großstadt packende Kämpfe mit mörderischen Gegnern liefert. Zwar wird der legendäre Spinnenbiss erwähnt, aber besonders viel erfahren die Zuschauer nicht über den Protagonisten. Offensichtlich hat er seine Fähigkeiten noch nicht im Griff: Dieser Spider-Man stolpert und greift daneben, macht Fehler und lernt langsam dazu. Auch einen Spinnensinn, der ihn vor Gefahren warnt, scheint es noch nicht zu geben. Seine Tante ist seinem Alter gemäß relativ jung und hat als attraktive Frau mitten im Leben so gar nichts von der gütigen Rentnerin aus den Comics und den vorangegangenen Verfilmungen. Sein Freundeskreis ist so angenehm multikulturell wie sein Viertel: Queens wird als Ort der kleinen Leute gezeigt, die in harten Zeiten zusammenhalten. Auch andere bekannte Charaktere werden neu interpretiert: Flash etwa ist weniger ein bulliges Sportass, sondern mehr ein missgestimmter Geek. Wo ist Onkel Ben? Und was folgt nochmal aus großer Kraft?

Ernsthaft: Es ist überraschend angenehm, dass uns nicht zum dritten Mal die Origin Story der freundlichen Spinne aus der Nachbarschaft erzählt wird. Und die meisten Veränderungen gegenüber der Comic-Vorlage funktionieren – wie im MCU gewohnt – sehr gut. Eigentlich gibt es nur zwei Punkte, mit denen ich persönlich ein wenig hadere: Zum einen nimmt der erwähnte High-Tech-Anzug zuviel Raum ein. Ein wichtiger Aspekt in der Geschichte von Spider-Man war immer, dass er ein Technik-Wunderkind ist. Ein erfolgreicher Schüler, später begabter Student, der sich seine Netzwerfer selbst bastelt – Peter ist ein Nerd, dem erst ein Unfall die nötige Physis verschafft, um gegen Superbösewichte zu bestehen. Zwar sehen wir deutlich, dass auch die Neufassung des Titelhelden einiges in der Birne hat, aber den letzten Kick bekommt er von Tony Stark, einem eher kühlen Ersatzvater, der denkbar ungeeignet ist, von Verantwortung zu sprechen. Das alles erinnert an jene umstrittene Comic-Geschichte, in der Parker eine Art Iron-Man-Rüstung trägt – ohnehin wimmelt „Homecoming“ (clever mehrdeutiger Titel übrigens) vor Anspielungen auf bekannte Marvel-Storys einerseits und Teenie-Komödien der 80er andererseits.

Damit wären wir beim zweiten milden Kritikpunkt: Tom Holland. Oder besser: sein Alter. Der Mann ist 21 und spielt hier einen 15-Jährigen – das funktioniert, weil er ein ewiges Milchgesicht wie Michael J. Fox ist. Und er macht seine Sache durchaus gut, man nimmt ihm den Loser so ab wie den Nachwuchs-Superhelden. Aber als Identifikationsfigur für die Zielgruppe „alternder Comicleser“ taugt er natürlich kein bisschen. Die halten sich lieber an gestandene Kerle und toughe Frauen, wie sie von den meisten anderen MCU-Helden verkörpert werden. Andererseits straft Marvel einmal mehr all jene lügen, die mit penetranter Ignoranz behaupten, jeder MCU-Film sei gleich. Das ist einfach Blödsinn: Nach Fantasy-Krachern wie „Thor“ und Spionage-Thrillern wie „Captain America: The Winter Soldier“, nach technik-verliebter Action wie der „Iron Man“-Trilogie und Science-Fiction-Humor wie „Guardians Of The Galaxy“ fügen die Produzenten um Kevin Feige nun eine weitere Facette hinzu – das familientaugliche Abenteuer für ein jüngeres Publikum.

Außerdem hat Marvel nun die Möglichkeit, diesen Spider-Man dabei zu zeigen, wie er erwachsen wird. Eventuell ist er im kommenden Film schon auf dem College und lernt einen Kommilitonen kennen, dessen Vater ein schizophrener Industrieller ist… Alles ist möglich, denn dieser Abschlussball ist die perfekte Eröffnung, spannend, bunt und extrem unterhaltsam. Und für uns alte Säcke gibt es ungezählte augenzwinkernde Momente – einer davon ließ mich im Kino hörbar seufzen. Und ich seufze nie im Kino, schon gar nicht hörbar.

Michael Keaton ist übrigens der einsame Höhepunkt in einem an Sehenswertem nicht armen Film. Manche Szene trägt der Batman der 80er Jahre ganz allein und beweist dabei, dass er mitunter sträflich unterschätzt wird. Sein Toomes ist ein sinistrer Familienmensch, dessen vermeintlich gut gemeinte Ziele eher Ausreden sind, um buchstäblich über Leichen zu gehen. Gleichzeitig beweist er immer wieder Größe. Das macht ihn zur wohltuenden Ausnahme in der bisherigen Schurkengalerie der Spider-Man-Filme, denn zwischen dem Green Goblin und Electro hatten Toby Maguire und Andrew Garfield es ja eher mit missverstandenen Existenzen zu tun.

Was auch immer die Zukunft für unseren jungen Helden bereithält (demnächst natürlich „Avengers: Infinty War“) – es wird bestimmt nicht langweilig.

(Wichtiger Hinweis: Wie gewohnt gibt es Szenen im und nach dem Abspann. Sowas wie ganz am Schluss habt Ihr noch nicht gesehen – versprochen. Also unbedingt sitzen bleiben!)

 

Valerian – Die Stadt der tausend Planeten

Wir schreiben das 28. Jahrhundert. Die jungen Spezialagenten Valerian (Dane DeHaan) und Laureline (Cara Delevingne) sind unterwegs zur gigantischen Raumstation Alpha. Dort leben Millionen Humanoide und Aliens aus allen Teilen der Galaxis, knüpfen diplomatische Fäden, treiben Handel – und begehen Verbrechen. Der aktuelle Auftrag der beiden Gesetzeshüter lautet, den letzten Transmutator, ein kleines, pelziges Lebewesen, zu beschützen. Zudem kommen sie einer Verschwörung auf die Spur, deren Wurzeln bis in höchste militärische Kreise reichen. Aber wie hängt das alles mit den Visionen zusammen, die Valerian plagen? Und warum hat seine Partnerin so gar kein romantisches Interesse an ihm – immerhin ist sein Erfolg bei Frauen legendär?

Valerian und Laureline (im deutschen Sprachraum: Veronique) sind die Protagonisten eines erfolgreichen französischen Comics der 60er und 70er Jahre. Wie alle französischen und belgischen Comics jener Ära waren die Geschichten um die beiden Weltraum-Agenten sehr detailliert, oft skurril und manchmal ein bisschen frivol. Vor allem die Vielzahl außerirdischer Lebensformen mit ihren entsprechenden Heimatplaneten wusste durchaus zu beeindrucken. So etwas adäquat auf die Leinwand zu bringen, noch dazu als Realverfilmung, war lange Zeit unmöglich.

Regisseur Luc Besson hat das Wunder nun vollbracht: Inzwischen ist es kein Kunststück mehr, selbst absurde Figuren und Handlungsorte überzeugend umzusetzen. Wer Bessons angebliches Meisterwerk „Das fünfte Element“ (1997) gesehen hat, weiß vom Faible des Filmemachers für groteske Bilder, die nicht selten an Comics erinnern. Klar, dass ihm ein Valerian-Film eine Herzensangelegenheit ist. Und klar auch, dass er dafür alle Hebel in Bewegung gesetzt hat. Hier wird nicht gekleckert, sondern sowas von geklotzt: Die Darstellung der Raumstation und ihrer Bewohner ist derart atemberaubend, dass selbst gestandene Science-Fiction-Gucker nicht anders können als zu staunen.

Da gibt es hunderte seltsamer Gestalten, die durchs Bild laufen, fliegen, hüpfen oder kriechen. Andere Planeten oder Ökosphären sind nicht nur fremd, sondern buchstäblich fremdartig. Manches scheint einem grellbunten Fiebertraum entsprungen (dabei waren es nur die Seiten einer Bildergeschichte). Und die teils rasanten Kamerafahrten und ungewöhnlichen Perspektiven machen aus dem Film eine Reise in eine Zukunft, die man gar nicht wieder verlassen will, weil es so viel zu sehen und entdecken gibt.

Soviel zum Positiven. Aber Besson wäre nicht Besson, würde er nicht auch seinen Kritikern genügend Angriffsfläche bieten. So fasst die Handlung zwar gleich zwei Comic-Bände zusammen, ließe sich aber problemlos auf einen Bierdeckel kritzeln und dient eigentlich eher dazu, eine beeindruckende Tricksequenz nach der anderen abzufeuern. Die Schauspielerriege müht sich redlich und macht ihre Sache mal gut (Clive Owen ist auch mit angezogener Handbremse noch ein großartiger Bösewicht), mal eher medioker. Vor allem die beiden Hauptdarsteller haben weder das Talent noch das Charisma, um den aufregenden Effekten etwas entgegenzusetzen. Zudem sehen sie eher aus wie Geschwister als wie potenzielle Lebenspartner – der Umstand, dass beide die Gesichtszüge verlebter Spätpubertierender haben, ist ebenfalls wenig hilfreich. Erstaunlich ist nur: Irgendwie passt das. Denn auch ihre gezeichneten Vorbilder sind Verwandte ähnlicher Riesenbabys wie Tim (der mit Struppi), nicht Angehörige von – sagen wir – Leutnant Blueberry.

Unterm Strich ist „Valerian“ das Geld fürs Kinoticket definitiv wert – wenn man nicht mit allzu großen Erwartungen antritt. Der Comic mag einflussreich sein, sogar für Kaliber wie „Star Wars“ – die Verfilmung ist eher ein Leichtgewicht. Quasi ein Croissant mit kalorienreicher Füllung. Diese allerdings – da wiederhole ich mich gerne – schmeckt nach mehr.