Und vergesst die verdammten Smileys nicht!

Michael Kessler hat eine neue Fernsehreihe, in der er befreundete Kollegen im Auto durch die Stadt kutschiert und sich mit ihnen unterhält. Quasi wie das “Quiz-Taxi” mit Prominenten, aber ohne Quizfragen. Wem diese Beschreibung langweilig erscheint, der kennt Michael Kessler nicht. Dieser könnte sogar eine Talkshow mit Köchen moderieren oder Flohmarktware an Antiquitätenhändler verticken lassen, und es wäre lustig. “Sitzheizung gibt’s nicht” läuft auf ZDFneo, deswegen spielen die Sendetermine keine Rolle. Ihr guckt das ohnehin in der Mediathek.

Wir haben einen nicht mehr ganz neuen Twitter-Account, mit dem wir drei Dinge tun: Wir weisen auf neue Blog-Beiträge hin, twittern gar lustig zum aktuellen “Tatort”, während dieser zum ersten Mal ausgestrahlt wird, und äußern uns zu der einen oder anderen Fernsehsendung. So auch zu “Sitzheizung gibt’s nicht”:

Die besten Scherze sind ja bekanntlich jene, die man ausgiebig erläutern muss. Der hier funktioniert folgendermaßen: “Sitzheizung gibt’s nicht” ist gar nicht identisch mit der Serie “Pastewka”, die im Frühjahr mit neuen Folgen auf Amazon Video fortgesetzt wird. Allerdings sind in der ersten Folge die Protagonisten identisch: Michael Kessler, Bastian Pastewka und Annette Frier sind allesamt auch in “Pastewka” zu sehen, der Mittlere überraschenderweise sogar in der Haupt- und Titelrolle. Und die Dialoge wirken nicht nur improvisiert, sie sind es auch. Das versteht jeder normalbegabte Zuschauer spätestens nach 20 Sekunden. Uns war es zudem bereits im Vorfeld bekannt. Soviel zu den beiden Pointen. Beziehungsweise dem, was als solche gemeint war.

Dieser Tweet brachte uns unterschiedliche Reaktionen ein. Kessler favorisierte ihn, wies jedoch gleichzeitig darauf hin, dass wir einen entscheidenden Aspekt seines neuen Formats offenbar nicht ganz verstanden hätten:

Acht wohlmeinende Herzchen bekam diese freundliche Aufklärung. Es gibt dort draußen also insgesamt mindestens neun Menschen, die uns nicht zu den normalbegabten Zuschauern zählen. (Fairerweise müsste es heißen: mich. Denn für den ursprünglichen Tweet zeichnet der Autor dieses Beitrags allein verantwortlich.)

Einer von ihnen – Lutz – kommentierte unser vermeintliches Unwissen mit einem Katzen-GIF. Dafür gebührt ihm besondere Erwähnung:

Putzig, nicht wahr? Blieb aber ähnlich folgenlos wie unsere (meine) Versuche, das Missverständnis um das vermeintliche Missverständnis aufzuklären.

Was bleibt, sind zwei Erkenntnisse:

  1. Erst Smileys machen einen Tweet verständlich. 🙂
  2. “Sitzheizung gibt’s nicht” ist improvisiert und sehr sehenswert.

Kinder an die Macht: “Spider-Man: Homecoming” & “Valerian – Die Stadt der tausend Planeten”

Spider-Man: Homecoming

Der 15-jährige Peter Parker (Tom Holland) ist sauer: Eben noch war er auf dem Leipziger Flughafen in eine Schlacht der Superhelden verwickelt und traf seine Idole wie Captain America (Chris Evans), und nun ist er schon wieder in seinem Alltag im New Yorker Stadtteil Queens angekommen, zwischen Stress in der Schule und Ärger in der Nachbarschaft. Auch sein Mentor Tony Stark (Robert Downey jr.) meldet sich nicht mehr. Immerhin hat der Erfinder, Milliardär und Iron Man ihm den Anzug überlassen, in dem er im Osten Deutschlands zwischen den Großen der Branche herumgesprungen ist. Denn Peter ist mehr als ein harmloser Teenie aus dem Big Apple: Seit dem Biss einer radioaktiv verstrahlten Spinne ist er schneller und stärker als andere Menschen und kann an Wänden krabbeln. Er ist der Spider-Man, wie ihn YouTube-Nutzer und Zeitungsleser nennen.

Derzeit allerdings passiert wenig Heldenhaftes in Peters Leben. Seine Tante May (Marisa Tomei), bei der er aufwächst, ahnt nichts vom Doppelleben ihres Neffen und hat ein Auge darauf, dass er seine Pflichten in Klassenzimmer und Haushalt nicht vernachlässigt. Sein bester Freund Ned (Jacob Batalon) steht zwar tapfer an seiner Seite, wenn der bösartige Mitschüler Flash Thompson (Tony Revolori) ihn ärgert, aber er kann ihm nicht dabei helfen, seinem Schwarm Liz (Laura Harrier) näherzukommen. Und Michelle (Zendaya Coleman), die Außenseiterin der Clique, lässt Peter ebenfalls nicht in Ruhe. Der lenkt sich zwar mit harmlosen Einsätzen in der Gegend ab, fühlt sich aber zu Größerem berufen. Seine Chance kommt, als der übellaunige Adrian Toomes (Michael Keaton) in sein Leben tritt: Dieser hat unrechtmäßig außerirdische Technologie an sich gebracht, die vom Kampf der Avengers gegen die Chitauri zurückgeblieben war. Und damit verleiht der Finsterling seiner Verbrecherlaufbahn Flügel…

Begeisterung und Skepsis hielten sich die Waage, als Marvel bekannt gab, endlich den prominentesten Charakter seiner Comics in das “Marvel Cinematic Universe” holen zu können. Ein Deal mit dem Rechte-Inhaber Sony macht es möglich, dass der Netzkopf künftig Seite an Seite mit den bereits etablierten Helden auftritt. Zum ersten Mal zu sehen war Spider-Man im vergangenen Jahr in “Captain America: Civil War”, und diese neue Version der freundlichen Spinne aus der Nachbarschaft gefiel nicht jedem. Nachdem das Reboot des Franchises spätestens mit “The Amazing Spider-Man: Rise Of Electro” (2014) gefloppt war, war allerdings klar, dass Marvel sein Aushängeschild runderneuern würde.

Und so erleben wir einen Superhelden in den Kinderschuhen: Peter Parker ist noch nicht der tapfere Verbrecherjäger, der sich über den Dächern der Großstadt packende Kämpfe mit mörderischen Gegnern liefert. Zwar wird der legendäre Spinnenbiss erwähnt, aber besonders viel erfahren die Zuschauer nicht über den Protagonisten. Offensichtlich hat er seine Fähigkeiten noch nicht im Griff: Dieser Spider-Man stolpert und greift daneben, macht Fehler und lernt langsam dazu. Auch einen Spinnensinn, der ihn vor Gefahren warnt, scheint es noch nicht zu geben. Seine Tante ist seinem Alter gemäß relativ jung und hat als attraktive Frau mitten im Leben so gar nichts von der gütigen Rentnerin aus den Comics und den vorangegangenen Verfilmungen. Sein Freundeskreis ist so angenehm multikulturell wie sein Viertel: Queens wird als Ort der kleinen Leute gezeigt, die in harten Zeiten zusammenhalten. Auch andere bekannte Charaktere werden neu interpretiert: Flash etwa ist weniger ein bulliges Sportass, sondern mehr ein missgestimmter Geek. Wo ist Onkel Ben? Und was folgt nochmal aus großer Kraft?

Ernsthaft: Es ist überraschend angenehm, dass uns nicht zum dritten Mal die Origin Story der freundlichen Spinne aus der Nachbarschaft erzählt wird. Und die meisten Veränderungen gegenüber der Comic-Vorlage funktionieren – wie im MCU gewohnt – sehr gut. Eigentlich gibt es nur zwei Punkte, mit denen ich persönlich ein wenig hadere: Zum einen nimmt der erwähnte High-Tech-Anzug zuviel Raum ein. Ein wichtiger Aspekt in der Geschichte von Spider-Man war immer, dass er ein Technik-Wunderkind ist. Ein erfolgreicher Schüler, später begabter Student, der sich seine Netzwerfer selbst bastelt – Peter ist ein Nerd, dem erst ein Unfall die nötige Physis verschafft, um gegen Superbösewichte zu bestehen. Zwar sehen wir deutlich, dass auch die Neufassung des Titelhelden einiges in der Birne hat, aber den letzten Kick bekommt er von Tony Stark, einem eher kühlen Ersatzvater, der denkbar ungeeignet ist, von Verantwortung zu sprechen. Das alles erinnert an jene umstrittene Comic-Geschichte, in der Parker eine Art Iron-Man-Rüstung trägt – ohnehin wimmelt “Homecoming” (clever mehrdeutiger Titel übrigens) vor Anspielungen auf bekannte Marvel-Storys einerseits und Teenie-Komödien der 80er andererseits.

Damit wären wir beim zweiten milden Kritikpunkt: Tom Holland. Oder besser: sein Alter. Der Mann ist 21 und spielt hier einen 15-Jährigen – das funktioniert, weil er ein ewiges Milchgesicht wie Michael J. Fox ist. Und er macht seine Sache durchaus gut, man nimmt ihm den Loser so ab wie den Nachwuchs-Superhelden. Aber als Identifikationsfigur für die Zielgruppe “alternder Comicleser” taugt er natürlich kein bisschen. Die halten sich lieber an gestandene Kerle und toughe Frauen, wie sie von den meisten anderen MCU-Helden verkörpert werden. Andererseits straft Marvel einmal mehr all jene lügen, die mit penetranter Ignoranz behaupten, jeder MCU-Film sei gleich. Das ist einfach Blödsinn: Nach Fantasy-Krachern wie “Thor” und Spionage-Thrillern wie “Captain America: The Winter Soldier”, nach technik-verliebter Action wie der “Iron Man”-Trilogie und Science-Fiction-Humor wie “Guardians Of The Galaxy” fügen die Produzenten um Kevin Feige nun eine weitere Facette hinzu – das familientaugliche Abenteuer für ein jüngeres Publikum.

Außerdem hat Marvel nun die Möglichkeit, diesen Spider-Man dabei zu zeigen, wie er erwachsen wird. Eventuell ist er im kommenden Film schon auf dem College und lernt einen Kommilitonen kennen, dessen Vater ein schizophrener Industrieller ist… Alles ist möglich, denn dieser Abschlussball ist die perfekte Eröffnung, spannend, bunt und extrem unterhaltsam. Und für uns alte Säcke gibt es ungezählte augenzwinkernde Momente – einer davon ließ mich im Kino hörbar seufzen. Und ich seufze nie im Kino, schon gar nicht hörbar.

Michael Keaton ist übrigens der einsame Höhepunkt in einem an Sehenswertem nicht armen Film. Manche Szene trägt der Batman der 80er Jahre ganz allein und beweist dabei, dass er mitunter sträflich unterschätzt wird. Sein Toomes ist ein sinistrer Familienmensch, dessen vermeintlich gut gemeinte Ziele eher Ausreden sind, um buchstäblich über Leichen zu gehen. Gleichzeitig beweist er immer wieder Größe. Das macht ihn zur wohltuenden Ausnahme in der bisherigen Schurkengalerie der Spider-Man-Filme, denn zwischen dem Green Goblin und Electro hatten Toby Maguire und Andrew Garfield es ja eher mit missverstandenen Existenzen zu tun.

Was auch immer die Zukunft für unseren jungen Helden bereithält (demnächst natürlich “Avengers: Infinty War”) – es wird bestimmt nicht langweilig.

(Wichtiger Hinweis: Wie gewohnt gibt es Szenen im und nach dem Abspann. Sowas wie ganz am Schluss habt Ihr noch nicht gesehen – versprochen. Also unbedingt sitzen bleiben!)

 

Valerian – Die Stadt der tausend Planeten

Wir schreiben das 28. Jahrhundert. Die jungen Spezialagenten Valerian (Dane DeHaan) und Laureline (Cara Delevingne) sind unterwegs zur gigantischen Raumstation Alpha. Dort leben Millionen Humanoide und Aliens aus allen Teilen der Galaxis, knüpfen diplomatische Fäden, treiben Handel – und begehen Verbrechen. Der aktuelle Auftrag der beiden Gesetzeshüter lautet, den letzten Transmutator, ein kleines, pelziges Lebewesen, zu beschützen. Zudem kommen sie einer Verschwörung auf die Spur, deren Wurzeln bis in höchste militärische Kreise reichen. Aber wie hängt das alles mit den Visionen zusammen, die Valerian plagen? Und warum hat seine Partnerin so gar kein romantisches Interesse an ihm – immerhin ist sein Erfolg bei Frauen legendär?

Valerian und Laureline (im deutschen Sprachraum: Veronique) sind die Protagonisten eines erfolgreichen französischen Comics der 60er und 70er Jahre. Wie alle französischen und belgischen Comics jener Ära waren die Geschichten um die beiden Weltraum-Agenten sehr detailliert, oft skurril und manchmal ein bisschen frivol. Vor allem die Vielzahl außerirdischer Lebensformen mit ihren entsprechenden Heimatplaneten wusste durchaus zu beeindrucken. So etwas adäquat auf die Leinwand zu bringen, noch dazu als Realverfilmung, war lange Zeit unmöglich.

Regisseur Luc Besson hat das Wunder nun vollbracht: Inzwischen ist es kein Kunststück mehr, selbst absurde Figuren und Handlungsorte überzeugend umzusetzen. Wer Bessons angebliches Meisterwerk “Das fünfte Element” (1997) gesehen hat, weiß vom Faible des Filmemachers für groteske Bilder, die nicht selten an Comics erinnern. Klar, dass ihm ein Valerian-Film eine Herzensangelegenheit ist. Und klar auch, dass er dafür alle Hebel in Bewegung gesetzt hat. Hier wird nicht gekleckert, sondern sowas von geklotzt: Die Darstellung der Raumstation und ihrer Bewohner ist derart atemberaubend, dass selbst gestandene Science-Fiction-Gucker nicht anders können als zu staunen.

Da gibt es hunderte seltsamer Gestalten, die durchs Bild laufen, fliegen, hüpfen oder kriechen. Andere Planeten oder Ökosphären sind nicht nur fremd, sondern buchstäblich fremdartig. Manches scheint einem grellbunten Fiebertraum entsprungen (dabei waren es nur die Seiten einer Bildergeschichte). Und die teils rasanten Kamerafahrten und ungewöhnlichen Perspektiven machen aus dem Film eine Reise in eine Zukunft, die man gar nicht wieder verlassen will, weil es so viel zu sehen und entdecken gibt.

Soviel zum Positiven. Aber Besson wäre nicht Besson, würde er nicht auch seinen Kritikern genügend Angriffsfläche bieten. So fasst die Handlung zwar gleich zwei Comic-Bände zusammen, ließe sich aber problemlos auf einen Bierdeckel kritzeln und dient eigentlich eher dazu, eine beeindruckende Tricksequenz nach der anderen abzufeuern. Die Schauspielerriege müht sich redlich und macht ihre Sache mal gut (Clive Owen ist auch mit angezogener Handbremse noch ein großartiger Bösewicht), mal eher medioker. Vor allem die beiden Hauptdarsteller haben weder das Talent noch das Charisma, um den aufregenden Effekten etwas entgegenzusetzen. Zudem sehen sie eher aus wie Geschwister als wie potenzielle Lebenspartner – der Umstand, dass beide die Gesichtszüge verlebter Spätpubertierender haben, ist ebenfalls wenig hilfreich. Erstaunlich ist nur: Irgendwie passt das. Denn auch ihre gezeichneten Vorbilder sind Verwandte ähnlicher Riesenbabys wie Tim (der mit Struppi), nicht Angehörige von – sagen wir – Leutnant Blueberry.

Unterm Strich ist “Valerian” das Geld fürs Kinoticket definitiv wert – wenn man nicht mit allzu großen Erwartungen antritt. Der Comic mag einflussreich sein, sogar für Kaliber wie “Star Wars” – die Verfilmung ist eher ein Leichtgewicht. Quasi ein Croissant mit kalorienreicher Füllung. Diese allerdings – da wiederhole ich mich gerne – schmeckt nach mehr.

Sexismus und Zeitreisen: Frau Doktor wird es richten

Es geht doch nichts über (britische) Traditionen. Wann immer die BBC One ankündigt, der Doktor in der fast gleichnamigen Kultserie “Doctor Who” werde demnächst den Weg alles Überirdischen gehen, murmelt man aufgeregt in die Teetasse. Und wenn dann der neue Darsteller verkündet wird, traut sich der eine oder die andere unter den Anhängern des außerirdischen Zeitreisenden sogar, mal rechtschaffen laut zu werden: Zu jung! Zu alt! Zu albern! Zu grimmig!

Diesmal jedoch sind einige vermeintliche Fans ganz besonders not amused – denn die 13. Reinkarnation des Timelords ist eine Lady. Jodie Whittaker wurde als Nachfolgerin des gewohnt umstrittenen Peter Capaldi verkündet. Sexistisches Genörgel in den einschlägigen Netzwerken ist die Folge: Eine Frau könne unmöglich den Doktor spielen, dieser sei nunmal ein Kerl, heißt es unter jenen, die nichts verstanden haben. Aber: Natürlich geht das, es wurde sogar Zeit (um beim Thema zu bleiben).

Zu den großen Stärken von “Doctor Who” gehört nämlich seit jeher die überbordende Kreativität der Köpfe dahinter. Angesichts eines vergleichsweise überschaubaren (Fernseh-)Budgets punktet der Dauerbrenner unter den Science-Fiction-Serien nämlich nicht mit einem perfekten Gewitter an Spezialeffekten, sondern mit charmanten, cleveren, vor allem aber auch gern schrägen Ideen. Alles ist möglich! (Man stelle sich an dieser Stelle vor, wie der Verfasser dieser Zeilen mit irrem Blick einen überlangen Schal wedeln lässt und sich theatralisch wegdreht.)

Whittaker kriegt das hin, daran hat niemand Zweifel, der “Attack The Block” gesehen hat – jenes unterschätzte Kleinod der britischen Genre-Geschichte, in dem auch John Boyega zeigte, was er kann. (Und das ihm dadurch letztlich die Rolle als Finn in den neuen “Star Wars”-Episoden einbrachte.) Die Frau hat Talent und Charisma – so gesehen bleibt also alles beim Alten in der Tardis. Es wird spannend, zu sehen, wie sie ihren Doktor anlegt. Vermutlich weniger streng als Capaldi, aber sicher auch nicht so flott wie David Tennant oder Matt Smith. Vermutlich – nicht erschrecken, ihr konservativen “Fans” – drückt sie der Figur einen eigenen Stempel auf. Und das ist nicht nur gut so, dass muss sogar so sein.

Sorgen machen sollten wir uns lieber über die Funktion des Showrunner: Steven “Drehbuchgott” Moffat schmeißt nämlich zeitgleich zum Abgang von Peter Cabaldi die Brocken hin. (Übrigens nicht: deswegen.) Mal schauen, was Chris Chibnall kann. Positiv ausgedrückt bleibt die Hoffnung auf frisches Blut vor und hinter der Kamera. Und das kann der Greis unter den Weltraum-Abenteuern auf jeden Fall gebrauchen.

Der Doktor ist tot. Lange lebe der Doktor!

Getöse in der Grabkammer: “Die Mumie” tritt daneben

Nick Morton (Tom Cruise) und sein Kumpel Chris Vail (Jake Johnson) sind Soldaten von Beruf und Grabräuber aus Leidenschaft. Darum können sie auch die Begeisterung der kühlen Archäologin Jenny Halsey (Annabelle Wallis) nicht teilen, als das Trio eher durch Zufall eine alte Grabkammer öffnet – die beiden denken allenfalls an den monetären Wert der Fundstätte. Die Stimmung unter ihnen ist ohnehin leicht gereizt: Nick hat Jenny die Karte zum Grab nach einem One Night Stand gestohlen und Chris keine rechte Lust auf ein Abenteuer.

Selbiges gerät in Fahrt, als er im Grab von einer Spinne gebissen wird und sich nach einem unbedacht abgegebenen Schuss von Nick das Heiligtum öffnet, um seinen Inhalt preiszugeben. Jenny ahnt Böses und warnt, die vermeintliche Grabstätte sei eigentlich ein Gefängnis. In der Tat: Die Gefangene ist die ägyptische Prinzessin Ahmanet (Sofia Boutella), die einst nach einer Reihe grausamer Morde und einem Pakt mit dem Totengott Set (manchmal auch mit “h”) lebendig mumifiziert wurde.

Schon bald sorgt die wiedererweckte Mumie mittels Magie für reichlich Chaos. Ihr Ziel: Chris soll Seth seinen Körper zur Verfügung stellen. Wer der missgestimmten Königstochter dabei im Weg ist, hat Glück, wenn er selbst zur Mumie wird. London – wohin Ahmanets Sarkophag gebracht wurde – wird zum Schauplatz der Hetzjagd. Und dann mischt sich auch noch der geheimnisvolle Dr. Henry Jekyll (erstaunlich wurstig: Russell Crowe) ein…

Soviel zu dem, was ein halbes Dutzend Drehbuchautoren sich als Handlung für das Reboot der klassischen Filmsaga um eine wandelnde Mumie ausgedacht haben. Was in den vergangenen Monaten an Zwischenberichten vom Set (ohne h) zu hören war, ließ bereits Übles befürchten. Vor allem die Nachricht, Tom Cruise habe sich massiv in Story und Dreharbeiten eingemischt, sorgte für Stirnrunzeln. Dabei stand einiges auf dem Spiel: Schon viel zu lange – nämlich seit knapp zehn Jahren – bastelt Universal an der Idee, seine alten Monsterfiguren in einem gemeinsamen Filmuniversum auftreten zu lassen. Startschuss des so genannten “Dark Universe” sollte eigentlich “Dracula Untold” (2014) werden, aber nachdem die Interpretation des Vampirgrafen als vorzeitlicher Superheld an den Kinokassen floppte, entschied man sich für einen erneuten Versuch. Nun soll also “Die Mumie” retten, was zu retten ist. Und der wenig originell benannte Film wimmelt geradezu vor Verweisen auf das geplante große Ganze – angefangen vom eigens geschaffenen Logo über ungezählte Hinweise auf andere Universal-Monster bis hin zu Dr. Jekyll als verbindendem Charakter. Dumm nur: In den Vereinigten Staaten ist “The Mummy” der Misserfolg der Saison. Und andernorts sieht es nur unwesentlich besser aus.

Kritiker und Kinogänger zeigen sich gleichermaßen unbeeindruckt von dem, was uns nach “Die Mumie” (1932) mit Boris Karloff und “Die Mumie” (1999) mit Arnold Vosloo als dritter Gang serviert wird. Kein Wunder: Nur selten blitzt ein Hauch der Unheimlichkeit des Originals oder des Charmes der Spät-90er-Abenteuerfilm-Version auf. Zudem wirkt vieles fahrig, ist einiges ungelenk inszeniert und manches nicht so recht nachvollziehbar. Dass wir es mit einer weiblichen Mumie zu tun bekommen, ist dabei noch die am ehesten akzeptable Entscheidung: Sofia Boutella verfügt durchaus über genügend Charisma, um die Titelrolle trotz Anflügen von Overacting zu meistern. Vermutlich hoffte sie, nach “Star Trek Beyond” endlich den Durchbruch zu schaffen. Nächster Versuch: Knutschen mit Charlize Theron im anstehenden Spionage-Thriller “Atomic Blonde”.

Aber schauen wir uns die Probleme mal genauer an: Cruise’ Nick taugt zum Beispiel kein bisschen als Protagonist. Er hat nicht den Lausbuben-Charme von Brendan Frasers Rick (!) aus den drei Mumien-Filmen der Jahrtausendwende, und der komplette Charakter funktioniert einfach nicht. Wir lernen ihn als unsympathischen Egomanen kennen, der erwartete Wandel zum Helden à la Han Solo wird durch einige unangenehme Dialoge relativiert bis ausgebremst, und das Ende (milder Spoiler) macht das alles dann noch weniger nachvollziehbar. Der Kerl vögelt mit einer Wissenschaftlerin, um ans große Geld zu kommen, und auch das Verhältnis zu seinem behaupteten besten Freund lässt ihn in keinem guten Licht dastehen. Ein ähnliches Problem hat Crowe mit seinem Jekyll: Was als Universal-Antwort auf Nick Fury gedacht sein mag, ist letztlich ein sinistrer Kopfmensch, dessen dunkle Seite (wir alle haben auf Mr. Hyde gewartet) zudem überraschend blutleer wirkt – und außerdem kaum böser als ihr Alter Ego.

Keine Minute kümmert es den Zuschauer, was aus den drei vermeintlich “Guten” in dieser Geschichte wird. Ihr Schicksal könnte uns egaler kaum sein – wir können sie nicht leiden, also wäre es kein Drama, sollten die Mumien die Oberhand gewinnen. Diese wiederum können sich durchaus sehen lassen und sind als Antagonisten gar nicht übel: Nach “The Walking Dead” war zu erwarten, dass wir keine flatternden Mullbinden, sondern staksende Untote zu sehen bekommen würden.

Ähnlich stolpernd ist jedoch die gezeigte Geschichte: Beide Prologe – das Familiendrama im alten Ägypten und ein royales Begräbnis in Britannien – werden gleich zweimal gezeigt, um ganz sicher zu gehen, dass auch jeder die wenig komplexen Hintergründe der Jagd nach einem magischen Dolch (a.k.a. der Weltherrschaft) verstanden hat. Dafür fühlt man sich am Schluss ein wenig allein gelassen. Ich glaube, das Ziel der Autoren verstanden zu haben und zu wissen, was uns bei einem möglichen Wiedersehen mit Nick Morton erwartet. Aber ganz sicher bin nicht, trotz Onkel Jekylls plumper Hinweise auf Monster, die Helden sein können.

Zu schlechter Letzt fängt Tom Cruise’ Ehrgeiz langsam an zu nerven. In guten Momenten schafft der umstrittene Scientologe ja nicht zuletzt dadurch große Kino-Unterhaltung. In schlechten wie diesen wirkt er inzwischen albern. Ein Beispiel: Der Kerl ist 54 und lässt sich vom ein Jahr jüngeren Russell Crowe attestieren, ein junger Mann zu sein.

Eigentlich muss Universal seine Pläne weiterverfolgen. Einen dritten Anlauf würde die Idee sicher nicht verkraften. Die Frage ist nur, ob das alles überhaupt nötig ist: Wer wartet denn sehnsüchtig darauf, die alten Filmmonster gemeinsam als Heldentruppe zu erleben? Vosloos “Mumie” Seite an Seite mit Gary Oldman (“Bram Stoker’s Dracula”, 1992), Robert De Niro (“Mary Shelley’s Frankenstein”, 1994) und Benicio Del Toro (“The Wolfman”, 2010) – das hätte ich mir angeguckt. Leider setzt das “Dark Universe” ungefähr auf die größten Unsympathen Hollywoods:

Es ist ja verständlich, dass der kaum fassbare Erfolg des “Marvel Cinematic Universe” neidisch macht. Aber wenn sich schon der andere große Comic-Verlag dabei verhebt, zu diesem in der Filmgeschichte einmaligen Projekt aufzuschließen, wieso sollte es einem Kino-Universum voller Riesenungeheuer (Godzilla, King Kong) oder klassischer Monster besser gehen? Außerdem sei allen potenziellen Konkurrenten des MCU geraten, sich mal genauer anzuschauen, was Marvel da macht. Erstens: Sie haben einfach ein Händchen für die richtigen Darsteller – wir erleben sympathische Helden und charismatische Schurken. Und zweitens: Sie haben sich verdammt nochmal Zeit gelassen! Das MCU feiert im kommenden Jahr sein Zehnjähriges – das ist ein Marathon, kein Kurzstreckenlauf.

Der “Mumie” ist auf jeden Fall die Puste ausgegangen. Mal schauen, ob es “Frankensteins Braut” in zwei Jahren besser ergeht.

 

Monster, versammelt euch!

Das “Dark Universe” ist nicht der erste Versuch, die klassischen Monster der Schwarz-Weiß-Film-Ära zusammenzutrommeln:

The Monster Squad (1987): In dieser Komödie gerät eine Gruppe Kinder mit Dracula, Frankensteins Monster, dem Wolfsmann, der Mumie und dem Schrecken vom Amazonas einander. Insgesamt relativ billig inszenierter Versuch, den Erfolg der “Ghostbusters” aus dem Vorjahr zu wiederholen – aber für Freunde des abseitigen Geschmacks durchaus so etwas wie ein Kultfilm.

Monster Force (1994): In den 13 Folgen dieser Trickfilmreihe bekämpfen ein paar junge Geisterjäger – darunter ein Werwolf – mit Hilfe von Frankensteins Kreatur eine düstere Truppe, bestehend aus Graf Dracula, dem Kiemenmann, der Mumie und einer Vampirin. Typisches Produkt der 90er – laut, bunt, naiv.

Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen (2003): Diese misslungene Verfilmung des preisgekrönten Comics von Alan Moore ist der Schlusspunkt hinter der Karriere von Sean Connery. Der schlägt sich als Allan Quatermain wacker, als er im Jahr 1899 einen maskierten Verschwörer jagt. Mit dabei: Tom Sawyer, Mina Harker, Dorian Gray, der Unsichtbare, Dr. Jekyll/Mr. Hyde und Kapitän Nemo. Ihr Gegenspieler Professor Moriarty wird übrigens gespielt von Richard Roxburgh, der in einer weiteren Gurke den Bösewicht gibt, nämlich in…

Van Helsing (2004): Der titelgebende Vampirjäger (Hugh Jackman) hat alle Hände voll zu tun, als Mr. Hyde, Dracula, das Frankenstein-Monster und ein Werwolf die Nacht unsicher machen. Das Absurde: Es ist nicht der Van Helsing – und leider auch nicht der Dracula. Fragt besser nicht…

Penny Dreadful (2014-2016): Charmant-schaurige Fernsehreihe, in der praktisch alle bekannten Gestalten der Gruselliteratur auftauchen. Wer Klischees wie London im Nebel akzeptiert, wird belohnt mit Dialogen à la: “Hallo, Dr, Frankenstein.” – “Hallo, Dr. Jekyll.”

Aber wer erinnert sich noch daran?

Richtig, das ist “Frankensteins Tante” (1986) – dürfte gern mal als DVD-Box veröffentlicht werden. Die Buchvorlage ist übrigens noch besser. Schmunzeln und gruseln… nennt man das grunzeln?

“Alien: Covenant” – im Weltraum hört dich niemand seufzen

Ein Raumschiff gleitet einsam durch das All. Besatzung und Passagiere befinden sich im Tiefschlaf, bewacht vom Bordcomputer “Mutter”. Nein, dies ist nicht der Anfang des SciFi/Horror-Klassikers “Alien” aus dem Jahr 1979. So beginnt vielmehr dessen mittlerweile siebte Fortsetzung (wenn man die “Alien vs. Predator”-Filme mitzählt). Und schon die ersten Szenen der eigentlichen Handlung zeigen, wohin für Regisseur Ridley Scott die Reise geht: in die Vergangenheit.

Zuvor allerdings erlebt der Zuschauer eine ruhige Sequenz mit durchaus philosophischen Ansätzen. Androide David (Michael Fassbender) diskutiert mit seinem Erbauer Peter Weyland (Guy Pearce) über Schöpfung und Vergänglichkeit. Und dieser Prolog wiederum zeigt, dass Scott die Reise zurück endlich nutzt, um lose Handlungsfäden zu verknüpfen. Doch dazu später mehr.

Die “Covenant”, so der Name des erwähnten Schiffs, hat die Mission, 2000 eingefrorene Kolonisten zum Planeten Origae-6 zu transportieren. Ein Unfall, den der diensthabende Android Walter (ebenfalls Michael Fassbender) nicht verhindern kann, weckt die Crew zu früh auf, was unter anderem den Captain (James Franco in der vermutlich winzigsten Rolle seiner Karriere) das Leben kostet. Die Astronauten müssen nun nicht nur den Raumtransporter reparieren, sondern auch mit der neuen Ordnung an Bord klar kommen. So trauert Kapitänswitwe Daniels (Katherine Waterston) um ihren Mann, während dessen Nachfolger, der gläubige Oram (Billy Crudup), von seiner neuen Verantwortung überfordert scheint. Einzig Pilot Tennessee (ungewohnt ernst: Danny McBride) bleibt auch in schwierigen Situationen cool.

In die ohnehin aufgeladene Stimmung platzt ein Funkspruch, offenbar ein Hilferuf, unterlegt von John Denvers “Take Me Home, Country Roads”. Die Nachricht lenkt die Aufmerksamkeit der Kolonisten auf einen scheinbar idyllischen Planeten, der als neues Ziel geeignet scheint. Doch aufmerksame Alien-Fans ahnen es bereits: Dem Funkspruch zu folgen, ist eine sehr dumme Idee…

Es gibt sie noch, die kleinen Wunder: Dann und wann sieht sich selbst ein dickköpfiger Kino-Nerd wie ich gezwungen, ein geliebtes Vorurteil zu überdenken. Nachdem ich “Prometheus – Dunkle Zeichen” vor fünf Jahren nach einmaligem Gucken wegen brustkorbgroßer Logiklöcher in die gut gefüllte Schublade mit der Aufschrift “misslungene Prequels” gepackt hatte, war das Alien-Franchise für mich erledigt. Dabei liebe ich die Reihe: Als der furiose Auftakt Ende der 70er die Zuschauer das Fürchten lehrte, hatte ich gerade lesen gelernt – und war beeindruckt, ohne den Film gesehen zu haben. “Im Weltraum hört dich niemand schreien”… Was mit einer Zeile wie dieser beworben wurde, musste mindestens so gut sein wie das Märchen mit dem schwarz gekleideten Maskenmann oder der Streifen, dessen Plakat ein Kerl mit Schlangen-Tattoo zeigte. Als ich “Alien” dann später sah, wurde meine Hoffnung bestätigt: Ridley Scott hatte die perfekte Mischung aus Science-Fiction-Abenteuer und Monster-Horror geschaffen. Kein Wunder, dass in der Folge eine Flut italienischer Billig-Plagiate die Videotheken heimsuchte. Und kein Wunder auch, dass es nicht bei diesem einen Film blieb, sondern H.R. Gigers ikonischer Außerirdischer noch öfter auf der Leinwand zu sehen war.

Es folgten “Aliens – Die Rückkehr” (1986), “Alien 3” (1992) und “Alien – Die Wiedergeburt” (1997), die allesamt die Story um die einzige Überlebende des ersten Teils weitererzählten. Sigourney Weavers Ripley wurde zur Kultfigur, ähnlich wie ihr ewiger Antagonist, und das muss man erstmal hinkriegen. Oder besser: “frau”. Denn als Ripley zum ersten Mal das Ungeheuer aus dem All besiegte, waren starke Frauenfiguren im Genre weniger als eine Seltenheit. (Einzig eine wehrhafte Prinzessin, die sich selbst rettete, hatte zwei Jahre früher die Fans begeistert.) Von Sarah Connor aus der “Terminator”-Reihe bis Buffy verdanken die Erbinnen der wehrhaften Astronautin ihrem Vorbild einiges.

Apropos “Terminator”: Das Franchise von James Cameron – der übrigens den zweiten Alien-Film inszeniert hat – hat mit dem Thema dieser Rezension durchaus etwas gemeinsam. Zum Beispiel: Nach etlichen Fortsetzungen und Prequels steigt niemand mehr so recht durch, was eigentlich genau wann passiert. “Alien: Covenant” spielt elf Jahre nach “Prometheus” und ist inhaltlich dessen direkte Fortsetzung. Die Handlung beider Filme ebnet also den Weg zu dem, was in “Alien” zu sehen ist. Trotzdem plant Ridley Scott (der im November 80 wird) zwei weitere Filme: einen, der dort ansetzt, wo “Alien – Die Wiedergeburt” aufhörte, also in weiterer Zukunft angesiedelt ist, und einen, der zwischen (!) “Prometheus” und “Covenant” spielt und diese Prequel-Trilogie abrunden soll. Um es vorwegzunehmen: Das hat sie auch nötig.

Denn perfekt ist das, was der greise Filmemacher hier abliefert, keineswegs. Zwar ist die Story in sich sehr stimmig – daher mein revidiertes Voraburteil -, aber ein, zwei Brüche gönnt sich Scott dann doch. Und im Rahmen der kompletten Saga wird mit vielen, vor allem wichtigen Handlungssträngen relativ achtlos umgegangen. Ihr habt euch geärgert, dass der Planet des “Konstrukteurs” in “Prometheus” gar nicht der Planet des “Space-Jockeys” in “Alien” ist, wie uns versprochen wurde? Dann schaut euch mal an, was Elizabeth Shaw (Noomi Rapace) und David am Ende ihrer im Vorgängerfilm begonnenen Reise erleben (oder eben nicht)… Der inhaltliche Anschluss erfolgt sauber, aber eigenartig. Das lässt einen schon mal zwischendurch enttäuscht seufzen.

Wie immer bleibt es hier weitgehend spoilerfrei, bei einem Film, der mit ein paar Twists aufwartet, ist das nur fair. Auf einen Aspekt muss allerdings eingegangen werden. Richtig – es geht um das Alien. Längst hat sich ja die Bezeichnung Xenomorph eingebürgert, aber ich bleibe lieber dabei, das Vieh gar nicht zu benennen oder eben nach dem Titel seines ersten Films. Denn: Ich persönlich hätte all die Hintergrundgeschichten, die uns mittlerweile aufgetischt wurden, nicht gebraucht. Es ist ein bisschen wie mit dem weiter oben erwähnten schwarzen Mann: Seit ich weiß, dass Darth Vader mal ein blondgelockter Jammerlappen war, hat ihm das einiges von seiner Ausstrahlung genommen. Manchmal ist es gerade das Geheimnisvolle, das Unerklärliche und Unerklärte, das einen Bösewicht zu dem macht, was er ist – zu einer unheimlichen Bedrohung, einer echten Gefahr für die Helden. Im fünften Jahrzehnt seiner fiktiven Existenz hat es das Alien umso schwerer, ein beeindruckendes Filmmonster zu bleiben. Doch kommen wir nun zur großen Stärke von “Alien: Covenant”: Ridley Scott schafft etwas, das ich so zuletzt in “Rogue One: A Star Wars Story” erlebt habe. Dort wurde Vader, der in den vergangenen Jahrzehnten tausendfach imitiert und parodiert wurde, als jener unbesiegbare Unhold dargestellt, der er ist. Und Scott gibt uns nun das Alien zurück, das 1979 für schlaflose Nächte sorgte. Ein riesiges, hässliches Etwas, mit Klingen als Klauen, Säure als Blut, einem zweiten Maul als Zunge und einem giftigen Dorn am Schweif. Unaufhaltsam, unberechenbar. Oder kurz:

Das hier ist ein Horrorfilm, verdammt!

Dafür hat der alte Mann allen Respekt verdient, der ihm als Erfinder der Kreatur (neben erwähntem H.R. Giger und A.E. van Vogt, dem Autor der heimlichen Literaturvorlage) ohnehin zusteht. Auch inhaltlich geht Scott wie erwähnt zurück: Wir erleben vor allem in der zweiten Hälfte des Films ein klaustrophobisches Gruselabenteuer, während die erste Hälfte jenem philosophischen Gedanken nachhängt, den “Prometheus” angerissen hat. Das ist spannend, für Cineasten mitunter ein wenig vorhersehbar, aber konsequent umgesetzt und weckt die Hoffnung darauf, dass das Franchise doch noch souverän den Bogen zum legendären Auftakt schlägt. So und nicht anders mag ich mein Alien – außen blutig, innen eiskalt. Beim nächsten Mal lässt Großvater Scott ja eventuell nochmal jemanden übers Drehbuch gucken, statt sich stur zu verzetteln. Hey – ich hab doch auch meinen Dickkopf überwunden!

Superhelden-Overkill-Paradies

“In den letzten drei, vier Jahren bin ich von einem großen Befürworter von Superhelden-Verfilmungen zu einem weitgehend schweigenden Kritiker geworden”, schreibt Torsten “Wortvogel” Dewi in seinem aktuellen Blog-Beitrag, den er selbst “ein Pamphlet wider die Herrschaft der Superhelden” nennt. Ihn treibe, so lässt er uns wissen, die Frage um, “ob wir in Welten flüchten, in denen alle Probleme von muskelbepackten Übermenschen gelöst werden können, während die tatsächlichen Probleme der Menschheit ungelöst bleiben”. Und stellt klar: “Die Welt braucht Erwachsene, die sich vor Problemen nicht im Kinderzimmer verstecken, sondern sie angehen.”

Das ist nicht die erste so interessante wie streitbare Theorie des Wortvogels, und er wird sie gewohnt eloquent verteidigen. (Genau genommen tut er das bereits – vornehmlich auf seiner Facebook-Seite.) Und weil ich weiß, dass das für ihn der halbe Spaß ist, vor allem aber, weil ich schlicht anderer Meinung bin, versuche ich im Folgenden, dagegen zu halten.

Da ich gerade fröhlich am Zitieren bin, verweise ich zum Einstieg auf den Text des Songs “Spider-Man und ich” der Hamburger HipHop-Veteranen Fettes Brot, aus dem ich bereits an anderer Stelle zitiert habe: “Sie kaufte keine Medizin, sie kannte ihren Kleinen, denn zur Besserung gab’s ‘n Heft von Spider-Man”, heißt es dort über die tröstende Mutter des Ich-Erzählers, “nichts half besser, nichts hatte ich lieber – der Typ ist so cool, der hilft sogar gegen Fieber.” Und es folgt die wichtigste Zeile: “Bereit zum Abtauchen, alles startklar, weil Peter Parker als Spider-Man so stark war.” Das ist der Punkt (und ab jetzt übernehme ich, versprochen): Es geht ums Abtauchen.

Ich habe etwa dieselbe kulturelle Sozialisation hinter mir wie die Brote, was vor allem daran liegt, dass wir der gleichen Generation angehören und in ähnlichen Verhältnissen groß geworden sind. Wer Anfang der 80er aufs Teenie-Alter zusteuerte und nach Ablenkung von den vermeintlichen Sorgen der Mittelschicht suchte, der griff gerne zu den bunten Heften, die damals übrigens tatsächlich noch Hefte waren und bunt sowieso, vor allem aber in den Augen der Erwachsenen bestenfalls zu beschmunzelnder Schund. Es war vielleicht mein erster rebellischer Akt, im Kiosk um die Ecke in DC-Comics zu schmökern, und er wurde ungleich rebellischer, wenn ich dann Marvel-Comics mit nach Hause nahm. Ich war von Anfang an ein Marvel-Fanboy: Der eingangs erwähnte Peter Parker hatte permanent mit Problemen zu kämpfen, die mich mitunter an meine erinnerten, und das machte ihn und seine ähnlich gebeutelten Bekannten ungleich sympathischer als die Riege der attraktiven, weißen, meist reichen Männer in Strumpfhosen, mit denen DC aufwartete. Ständig pleite, meist unglücklich verliebt, gestresst durch mehrere Jobs, immer leicht verpeilt – mit zehn, zwölf Jahren ahnte ich offenbar bereits, das mein künftiges Leben dem meines Helden (besser: Freundes) Peter nicht unähnlich sein würde.

Und doch behaupte ich, damals mit der klassischen Taschenlampe unter der ebenso klassischen Bettdecke etwas für besagtes Leben gelernt zu haben, das Parkers notorisch weise Tante May viele Jahre später in einer Verfilmung seiner Abenteuer so formulierte: Spider-Man hat mir gezeigt, wie man ein bisschen länger durchhält. Die Medien verteufeln ihn, sein Dasein ist eine einzige Tragödie – aber wenn es darum geht, das Richtige zu tun, dann tut er verdammt nochmal genau das. Der Biss einer Spinne gab ihm die Möglichkeit, für andere einzutreten, also macht er das auch – Kraft, Verantwortung, Ihr kennt die Geschichte. Klar wurde ich nie von einem radioaktiven Krabbeltier gebissen, natürlich weiß ich, dass man nicht an Fäden durch Hochhausschluchten schwingen kann, aber obwohl das pathetisch klingen mag: Jeden Tag durchhalten zu müssen – damit kennt sich ja wohl jeder aus. Also war mir der freundliche Netzkopf von nebenan ein guter Ratgeber in jenen Jahren des Lernens, mindestens so wertvoll, wie das für Altersgenossen ein Sportler oder meinetwegen gar ein Politiker gewesen sein mag. Mach dir nichts draus, wenn andere schlecht von dir denken – wichtig ist, dass du das Richtige tust. Und so waren Schundhefte meine Bibel.

Daran hat sich unfassbare 35 Jahre später nichts geändert. Oder doch: Ich lese eigentlich keine Comics mehr, und wenn, dann sind es keine Hefte, sondern überteuerte Sammelbände mit edler Cover-Gestaltung, in aufwändiger Druckqualität, und sie kommen auch nicht unter die Decke, sondern ins Bücherregal. Auch geht die Zahl derer, die sie nach wie vor als Schund bezeichnen würden, inzwischen gegen Null. (Eventuell findet sich in Bayern noch ein reaktionärer Geistlicher oder in irgendeinem hessischen Dorf ein rückständiger Deutschlehrer.) Meine Generation stellt heute die aktiven Intellektuellen, und wir wissen es einfach besser. Comics sind also Kunst… und Kommerz. Denn von ihrem Herkunftsland aus haben sie in den vergangenen zehn Jahren mit zäher Beharrlichkeit ein neues Medium erobert. Ich bin immer noch ein Nerd wie als Schüler, aber inzwischen verfolge ich die Abenteuer der Helden meiner Kindheit im Kino. Bereitwillig, eher begeistert schaue ich mir jeden Marvel-Film auf der Leinwand an, kaufe einige Monate später die Blu-ray, und was im Fernsehen läuft, wird selbstverständlich am Stück verschlungen, dafür darf sehr gerne mal ein langes Wochenende draufgehen. Ich liebe das Marvel Cinematic Universe mit der gleichen Wucht, mit der ich die albernen DC-Kino-Versuche hasse. Ich trage mit Mitte 40 stolz Deadpool- und Punisher-T-Shirts. Ich diskutiere ausführlich und kontrovers mit Gleichgesinnten über Fragen wie die nach dem einzig wahren Quicksilver-Darsteller. Und warum tue ich all das? Die Antwort ist gar nicht super, sondern furchtbar banal: Weil ich es kann.

Nochmal ein leichter Druck auf die Rückspultaste: Gar nicht so lange nach meinem ersten Kontakt mit der Welt der Sprechblasen geriet ich in Kontakt mit jener Welt, deren Existenz früher oder später jede Kindheit beendet – mit der Realität. Ich wurde erwachsen in der Ära des kalten Krieges, des Super-GAU, des sauren Regens. Die Probleme unserer Welt wurden in der Schule thematisiert, in den Nachrichten, in Gesprächen auf dem Pausenhof oder mit der Familie. Was heute Trump, war damals Reagan. Die 80er waren gar nicht so bunt wie ihre Klamotten. Erst recht nicht, wenn man jung war, vor allem nicht, wenn man der Mittelschicht angehörte. Und trotzdem behaupte ich, dass gerade meine Begeisterung für das Phantastische, das Irreale, das Andere mit dafür gesorgt hat, dass ich schon seinerzeit eher jemand war, der aufgestanden ist und laut wurde, statt still zu leiden. Die Protagonisten im Comic, aber auch in der SF- und Fantasy-Literatur waren nämlich in der Regel eher aktiv als passiv. Die beiden anderen Faktoren, die mich buchstäblich auf die Straße trieben, waren übrigens mein frühes Faible für im weitesten Sinne rebellische Musik und mein sozialdemokratisches Elternhaus. Zugespitzt: Bruce Springsteen und Joe Strummer, Herbert Wehner und mein jähzorniger Vater haben ebenso wenig die Klappe gehalten wie Spider-Man und Wolverine, die Helden von Lankhmar oder Han Solo. Meine späten 80er und frühen 90er habe ich häufig demonstrierend verbracht.

Worauf ich hinaus will: Torsten stellt die Theorie auf, dass die – zugegeben – drastische Fülle an Comic-Adaptionen in Film und Fernsehen die moderne Version von Brot und Spiele darstellt. Muskelmänner und -frauen, die einfache Lösungen anbieten, halten uns davon ab, uns der komplexen Realität zu stellen – die Avengers als Opium fürs Volk. Das sehe ich völlig anders. Und doch stimme ich dem zu.

Denn selbstverständlich ist mein Nerd-Dasein ein Eskapismus. Wenn ich im Kinosessel sitze oder ganze Serienstaffeln binge, blende ich die Realität für zwei bis 48 Stunden komplett aus. Das ist allerdings mein gutes Recht. Denn was ich weiter oben angerissen habe: Wer sich 24/7 mit der echten Welt beschäftigt, hat es verdient, sich gelegentlich eine Auszeit zu nehmen. Die Steuererklärung ist erledigt, der Müll rausgebracht, im Kühlschrank liegen einigermaßen ausgewogen gewählte Lebensmittel – ich habe mein Leben schon relativ gut im Griff. Möglich macht das (daher das “Können”) ein durchaus anspruchsvoller und fordernder Job, der mich jeden Tag bis zu 15 Stunden mit der knallharten Realität konfrontiert. Ich begeistere mich für meine Arbeit als Journalist ähnlich wie für meine Sprünge in andere, in fiktive Welten. Beides sind die viel zitierten Seiten jener Medaille, die mir als politisch bewusstem Erwachsenen am Hals baumelt. Und jetzt kommt die Stelle, an der ich dem Wortvogel zustimme: Ich habe ein Auge drauf, dass beide mal sichtbar sind. Zuviel Chaos in der Welt macht Chaos im Kopf, zuviel Flucht davor birgt die Gefahr, das Chaos zu vergessen. Beides wäre falsch.

Zugegeben: Ich schreibe hier nur für mich, einen kinderlosen Mittvierziger, parteipolitisch eher links, einigermaßen gut informiert und hoffentlich normal begabt. Ob sich andere tatsächlich geistesabwesend auf die prächtigen Sahnetorten stürzen, die ihnen Hollywood serviert, und sich dabei überfressen, weiß ich letztlich so wenig wie Torsten Dewi. Die Gefahr besteht sicher. Und doch bleibe ich dabei: Die Welt braucht Helden. Also Menschen wie Ghandi, King und Mandela, wie Muhammad Ali, Severn Suzuki und den Feuerwehrmann von nebenan – aber eben ab und zu auch wie Steve Rogers und Peter Parker.

“American Gods” gilt als neue Kultserie

Eine gute und eine schlechte Nachricht hat der Gefängnisdirektor für Häftling Shadow Moon (Ricky Whittle): Zwar wird er einige Tage früher als geplant in die Freiheit entlassen – der Grund dafür ist jedoch der tödliche Unfall seiner Frau. Die Reise zur Beerdigung wird für den hinter Gittern geläuterten Betrüger und Schläger zum Abenteuer. So lernt er einen undurchschaubaren Fremden kennen, der sich Mr. Wednesday (Ian McShane) nennt und Shadow unbedingt als Handlanger engagieren will. Der Ex-Sträfling nimmt seinen neuen Job eher widerwillig an. Und spätestens, als er von einer Horde gesichtsloser Roboter zusammengeschlagen und aufgehängt wird, erkennt er, dass es im Knast bedeutend ruhiger zuging…

Blut spritzt, Körperteile fliegen meterhoch, Wikinger verstümmeln sich selbst, jemand wird von einer riesigen Vagina gefressen, ein Monsterbüffel hat glühende Augen, ein hünenhafter Leprechaun will sich prügeln, und ein Psychopath besteht aus lebenden Pixeln – die erste Folge von “American Gods” wartet mit einer derart überbordenden Optik auf, dass man sich nach wenigen Minuten wie im Rausch fühlt. Visuell ist das alles so beeindruckend, dass es den Zuschauer atemlos zurücklässt, nachdem er mit weit aufgerissenen Augen das absurde Geschehen aufgesaugt hat.

Die neue Serie von Amazon Video startet mit reichlich Vorschusslorbeeren, was nicht zuletzt an der Vielzahl von Stars vor und hinter Kamera liegt. So stammt die Romanvorlage aus der Feder von Neil Gaiman, für seine Fans einer der größten Geschichtenerzähler der Gegenwart. Und mit Leuten wie McShane (“Deadwood”) und Gillian Anderson (“The X-Files”) ist das als Epos angekündigte Werk durchaus prominent besetzt.

Anders als im Fall von “Lucifer”, das sich eher lose an Gaimans Schaffen orientiert, versprechen die Produzenten zudem, dem grotesken Charme des zugrunde liegenden Buchs gerecht zu werden. Die erste Folge hat Amazon am 1. Mai in seinem Prime-Angebot zur Verfügung gestellt. Man muss nicht so belesen sein wie der Protagonist, um den Dreh der Geschichte zu verstehen: Die Zeit der alten Götter nähert sich ihrem Ende, weil die Menschen nicht mehr an sie glauben. Statt beispielsweise Allvater Odin (dessen wöchentlicher Feiertag der “Wodanstag” ist…) zu huldigen, preisen sie neue Götzen wie die Technik oder die Medien. Und so kämpfen – vor den Menschen verborgen – alte und neue Gottheiten um die Macht auf Erden.

Nach der ersten Folge lässt sich noch nicht viel darüber sagen, wie sorgfältig die Charaktere ausgearbeitet wurden oder wie interessant die Story ist. Aber was Schauwerte angeht, setzt “American Gods” offensichtlich neue Maßstäbe. Sollten die kommenden Teile dieses beeindruckende Niveau halten, haben wir es hier ziemlich sicher mit der aufwändigsten Serie aller Zeiten zu tun. Kleine Warnung allerdings: Allzu zimperlich sollte man nicht sein – mit drastischer Gewalt und explizitem Sex wird nicht gegeizt.

Mal abwarten, ob die Kritiker in aller Welt nur ums goldene Kalb tanzen oder ob die “American Gods” wirklich zum Niederknien sind. Der furiose Auftakt verspricht zumindest einiges.

“Guardians Of The Galaxy Vol. 2”: Zuviel von allem ist genau richtig

Man gewöhnt sich an alles. Vermutlich auch daran, als Kind von Außerirdischen entführt worden zu sein und sich seither im All als (meist erfolgloser) Ganove und (überraschend erfolgreicher) Superheld durchzuschlagen. Peter Quill (Chris Pratt), der lieber auf seinen selbst gewählten Spitznamen Star-Lord hört, jedenfalls kommt mit dieser Art Leben gut klar. Nur eins wurmt den gebürtigen Erdling: Er hat seinen Vater niemals kennen gelernt und weiß nur, dass dieser nicht von der Erde stammt. Jemanden wie Peter, der gerne seiner Vergangenheit nachhängt, lässt das nicht los. Da ist es gut, dass sein Job – der zweitgenannte, ein bisschen aber auch der erste – ihn derzeit durchaus fordert. Immerhin kämpft er mit seiner Mannschaft gegen ein zähnefletschendes Ekelmonster und hat alle Hände voll zu tun. Lediglich ein Crew-Mitglied schenkt der im Hintergrund tobenden Schlacht kaum Beachtung: Groot (im Original gesprochen von Vin Diesel) tanzt lieber selbstvergessen zu Electric Light Orchestra. Das reinkarnierte Baumwesen ist in seinem aktuellen Entwicklungsstadium ja noch ein Baby…

Willkommen zurück in der Welt der “Guardians Of The Galaxy”! Als die Marvel Studios vor zwei Jahren das erste Kino-Abenteuer der wild zusammengewürfelten Weltraumhelden auf die Leinwand brachten, war zunächst nicht abzusehen, ob dies nicht vielleicht das Ende der Erfolgsgeschichte bedeuten würde. Bis dato hatte sich das Marvel Cinematic Universe (MCU) gerade wegen seines selbstbewussten Konzepts als wahre Gelddruckmaschine erwiesen. Aber ob man sich mit einer sauteuren Produktion über Charaktere aus der dritten Reihe nicht verzettelte? Für viele überraschenderweise ging der Streifen durch die Decke, machten die schrägen Figuren und der selbstironische Ton, die flapsigen Sprüche und die rasante Action, das alles untermalt von einem bewusst käsigen Soundtrack, ihn fast zum Kultfilm. Und für die Fans in aller Welt das Warten auf die Fortsetzung beinahe unerträglich. Zumal – da greift das Konzept des Comic-Riesen wieder – die Geschichten um Peter Quill und seine Freunde ein wichtiger Teil des MCU sind und auch dessen Handlungsrad entscheidend weiterdrehen.

Peterchens Mondfahrt wird mit “Vol. 2” konsequent dort fortgeführt, wo der erste Teil endete: Die selbst ernannten Wächter der Galaxis haben sich als Team gefunden, fast sogar als Familie, denn jeder von ihnen hat diesbezüglich einige Defizite. Gamora (Zoe Saldana) ist nach wie vor getrieben vom Hass auf ihren Vater, den Despoten Thanos (Josh Brolin), und ihre mordlustige Schwester Nebula (Karen Gillan). Drax (Dave Bautista) trauert weiterhin um seine Familie, die Thanos auf dem Gewissen hat. Rocket (Originalstimme: Bradley Cooper) ist der einzige Vertreter seiner Art, was sicher zum Zynismus des anthropomorphen Waschbären beiträgt. Groot fängt buchstäblich von vorne an. Und Star-Lord treibt wie erwähnt die Suche nach seinem Vater um.

Als er und seine Kameraden diesen letztlich treffen, ist die Freude zunächst verhalten. Immerhin hat Ego (Kurt Russell) seine irdische Lebensgefährtin dereinst verlassen und seinen Nachwuchs nie kennen gelernt. Da hilft es wenig, dass er sich als lebender Planet outet und der graubärtige Raumfahrer dort lediglich eine Art selbst erschaffenes Hilfsmittel zur Kommunikation ist. Aber man gewöhnt sich ja an alles. Auch daran, dass extraterrestrische Völker häufig auf dem Kriegspfad sind – wie etwa die nach Perfektion strebenden “Sovereign”. Und sogar daran, dass Quills schlecht gelaunter Ziehvater Yondu (Michael Rooker) einfach nicht lockerlassen kann. Schon bald wird es zwischen den Planeten mal wieder laut und krachig, wenn Helden und Raumpiraten, Tyrannen und Sternengötter aufeinanderprallen.

“Guardians Of The Galaxy Vol. 2” hat von allem zuviel. Zuviel Handlung, zuviel Action, zuviele Spezialeffekte. Viel zuviele Andeutungen und Anspielungen. Und erstaunlicherweise zuviel Emotion. Und das ist genau richtig: Zuviel von allem reicht gerade aus, um dieses schillernde, dröhnende, pulsierende Etwas von einem Film in den Griff zu bekommen. James Gunn entpuppt sich endgültig als der Rick Rubin unter den Regisseuren: Alle Regler auf zehn – oder am besten noch auf elf, wie einst bei Spinal Tap!

Die große Stärke dieses Films ist die große Stärke des MCU: Wir erleben, wie perfekt ausgesuchte Schauspieler sympathische Helden zum Leben erwecken. Die Guardians sind ein wirrer Haufen, den das Schicksal zusammengebracht hat – aber sie sind auch ein Team aus gebeutelten Einzelgängern, die sich raufen und zanken und füreinander jederzeit durch die Hölle gehen würden. Wir erleben jeden von ihnen in einer typischen Actionszene, jedoch eben auch in melancholischen Momenten.

Das macht diese Fortsetzung zu etwas Besonderem, selbst in der an Höhepunkten nicht armen Geschichte des MCU. Besser geht Eskapismus kaum. Fast ist man neidisch auf die jüngeren Kinogänger, denn vermutlich erleben sie gerade die Geburt der Helden ihrer Jugend. Star-Lord ist der neue Han Solo. Und er reist dorthin, wo nie ein Mensch zuvor gewesen ist.

Das hier ist nicht einfach großes Kino. Es ist überdimensionales Kino. Genau so und nicht anders muss man das machen.

 

Kleine Randbemerkung: “Guardians Of The Galaxy Vol. 2” wartet mit einer noch nie gesehenen Fülle an Gastauftritten und Hommagen sowie gleich fünf Abspann-Szenen auf. Hier gibt es wie immer keine Spoiler, aber ausnahmsweise ein Augenzwinkern (mit dem falschen Auge – stimmt’s, Rocket?) für Insider und altgediente Comicleser. Letzte Chance – weiterlesen auf eigene Gefahr. Also: Die Jungs sind wieder in der Stadt. Wir werden beobachtet. Und da kommt was großes Goldenes auf uns zu.

13 vergeudete Stunden

Die letzten fünf Folgen habe ich im Schnelldurchlauf geguckt. Heißt: die Folge lief, ich ging auf “Vorspulen” und die Untertitel zum englischen Originalton wurden trotzdem noch angezeigt. Das hatte den großen Vorteil, dass ich zwar immer noch sah, was in der jeweiligen Szene gesprochen und getan wurde, allerdings deutlich schneller, so dass die zahlreichen zähen Momente absolut entzerrt wurden. In der letzten Folge schaute ich dann teilweise wieder in Originalgeschwindigkeit, denn ein bisschen Spannung sollte ja auch aufkommen.

Um welche Serie geht es eigentlich? Es geht um die Netflix-Serie “13 reasons why” oder auf Deutsch (übrigens eine selten dämliche Übersetzung) “Tote Mädchen lügen nicht”.

Die Serie wird hochgelobt, las ich. Alle, die darüber schrieben, fanden es extrem spannend. Ich konnte mir noch nicht vorstellen, wie etwas spannend sein konnte, wenn der Ausgang der Geschichte schon von Sekunde eins an feststand. Ich wurde überrascht, zumindest zu Beginn. Die erste Folge ist extrem unterhaltsam und spannend. Am Ende stellt sich der Zuschauer wirklich nur eine Frage: Was ist mit Hannah Baker passiert?

Dann geht es weiter, Hannah hat insgesamt 13 Kassetten besprochen – mit Gründen für ihren Selbstmord. Ich schreibe es mal läppisch so: Die ersten 9 Gründe sind lachhaft. Die Macher legen ja großen Wert darauf, zu erklären, dass eins das andere ergab. Dass die Verkettung dieser ganzen Umstände zu ihrem Selbstmord führen.

Aber am Ende lebt die Serie oder vielmehr die Geschichte nur von den üblichen Plattitüden: Menschen, die sich schämen, über etwas zu reden. Menschen, die sich nicht zur Wehr setzen, Menschen, die sich von Lappalien verunsichern lassen. Daraus resultieren dann Missverständnisse, Zufälle, Unfälle und noch mehr Missverständnisse. Was dazu führt, dass noch weniger geredet, aufgeklärt und weiterhin missverstanden wird. Kommt einem bekannt vor? Klar, das ist der Stoff einer jeden Seifenoper. Missverständnisse schüren, Intrigen spinnen, ein Opfer an die Wand drücken. Willkommen bei “Gute Zeiten, schlechte Zeiten”.

Ich will hier keinesfalls Mobbing-Opfer oder vielmehr Mobbing verharmlosen. Ich wurde selbst in der Schule gemobbt, ein ganzes verdammtes Jahr lang. Und ich sage mal so: Bis Folge 9 kann ich definitiv mit Hannah mithalten. Ernsthaft – eine Liste, auf der man mit “best ass” geführt wird, ist ein Problem? Dann rede doch verdammt noch mal darüber. Deine Freundin erzählt Lügen über dich? Ja, das passiert nun mal?

Die Serie bleibt so atemlos und unglaublich, weil Hannah Baker zu Beginn alles überdramatisiert und diese Dinge nicht aufklärt. Sind Menschen so? Vermutlich. Aber das hier ist mir einfach zu konstruiert, zu bemüht, zu gewollt. Nach acht bzw. neun Folgen bin ich soweit, die Serie einfach nicht weiterzugucken, weil es dermaßen an den Haaren herbeigezogen ist, dass ich nicht mehr folgen will.

Dann, endlich, ziehen die Autoren, ihre Trümpfe aus dem Hut. Die wirklich schlimmen Dinge. Achtung, Spoiler: ein tödlicher Unfall, zwei Vergewaltigungen, Demütigung ohne Ende. Ja, okay, endlich hat das alles irgendwie einen Sinn. Aber hier bin ich schon an dem Punkt, an dem ich nur noch wissen will, wieso sie sich letztlich das Leben nimmt. Ich schaue also alles im Schnelldurchlauf. Clay Jensen tut mir irgendwie leid, irgendwie auch nicht, steckt er doch in der Rolle des trotteligen und unbeholfenen Freundes, der am Ende Schuld trägt, weil er Hannah nicht sagen konnte, dass er in sie verliebt ist. Ernsthaft? Ich meine: WIRKLICH?

Die Serie hat mich unzufrieden zurückgelassen. Sie ist KEIN gutes Beispiel für junge Menschen. Weder, was den Umgang mit anderen Menschen angeht, noch, was das eigene Verhalten betrifft. Vermutlich soll sie aufrütteln. Am Ende sagt Clay deutlich, dass es darum geht, wie wir mit anderen Menschen umgehen. Schöner wäre gewesen, Hannah hätte diesen Menschen, die jeden Tag unter den Demütigungen ihrer Mitschüler leiden, einen Weg aufgezeigt, wie man es aus dieser Misere schafft. Indem man sich anderen anvertraut (das tut sie am Ende zwar, aber auch eher halbherzig und belässt es bei diesem einen sehr gewollten Versuch, von dem sie quasi erwartete, dass er scheitern würde), sich öffnet, mit seinen Eltern spricht, mit Lehrern – und vor allem mit der Polizei. All das tut sie nicht, wohl weil es spiegeln soll, wie es anderen Teenagern geht, die das ebenso machen. Der Ansatz bleibt trotzdem falsch.

Und trotz der ganzen Dramatik in den letzten vier Folgen bleibt der Eindruck der ersten Folgen, dass Hannah eine Drama Queen ist, sich übermäßig in alles reinsteigert, es durch Schweigen noch schlimmer macht – das macht mich derart zornig, vielleicht, weil ich damals einen anderen Weg eingeschlagen habe, dass ich dem Mädchen kaum zugucken kann. Sie nimmt 13 Kassetten auf, aber hinterlässt ihren Eltern keinen Abschiedsbrief? Geht es noch dramatischer? War das nötig?

Fazit: Nichts für mich. 13 Stunden vergeudet. Schade.

Als die Realität den “Tatort” ermordete

Ab und an schreibe ich ja auch beruflich – leider viel zu selten. Aber zu den Themen, die ich mir nicht nehmen lasse, gehört die Vorabbesprechung des jeweils aktuellen “Tatort”-Falls aus Dortmund. Ich liebe Faber (Jörg Hartmann), den kaputten Griesgram, den einsamen Grenzgänger, den letzten Ruhrpott-Bullen.

“Sturm” lautet der Titel des neuesten, des zehnten Falls für Faber und das, was manche sein Team nennen würden. Eigentlich sollte er am 1. Januar gezeigt werden. Er wurde jedoch verschoben, weil – so die Begründung der ARD – er inhaltlich zu viele Parallelen zum Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche am 19. Dezember aufweise.

Das ist nachvollziehbar. Zwölf Menschen haben an diesem Tag ihr Leben verloren, elf davon waren unschuldige Opfer. Sie alle – der fanatische Attentäter eingeschlossen – hatten Familie und Freunde, die mit Sicherheit einen schmerzlichen Verlust verarbeiten mussten. Der “Tatort” orientiert sich seit jeher auch an aktuellem Geschehen. Doch wenn die Realität die Fiktion auf solch dramatische Weise einholt, muss eventuell auch mal auf einen Krimi-Abend vor der Glotze verzichtet werden.

Monatelang warteten Faber-Fans und andere “Tatort”-Gucker darauf, dass ein neues Ausstrahlungsdatum verkündet wurde. Dann die gute Nachricht: An Ostermontag sollte es soweit sein und “Sturm” endlich gesendet werden.

Heute jedoch erscheint es durchaus möglich, dass diese Folge gar nicht gezeigt wird. Also nie. Denn Faber bekommt es in diesem “Tatort” mit einem Bombenattentäter zu tun, der Dortmund bedroht. Und am heutigen Tag, am 11. April 2017, vor knapp einer Stunde hat tatsächlich jemand in Dortmund drei Sprengsätze gezündet.

Wir sollten wahrlich andere Sorgen haben als einen schnöden Fernseh-Krimi. Wir sind alle froh, dass es diesmal bei leichten Verletzungen blieb. Dass der Anschlag auf den Mannschaftsbus des BVB lediglich dafür sorgte, dass im Stadion die Fahne der Fairness hochgehalten und ein Fußballspiel verschoben wurde. Und wir sollten uns nicht an Spekulationen aller Art beteiligen. Denn zum jetzigen Zeitpunkt (es ist 20.55 Uhr) wissen wir praktisch noch gar nichts.

Es bleibt jedoch eine interessante Fußnote, über die sich die Feuilletonisten spätestens ab Ostern die Finger wund schreiben werden. Heute ist ein trauriger Tag für den Sport und für die Gesellschaft. Aber auch ein bemerkenswerter Tag für das Fernsehen. Denn heute wurde vielleicht ein “Tatort” ermordet.

UPDATE: Oder auch nicht. 🙂