„Der Astronaut“ schwebt zwischen zwei Welten
Mittelschullehrer und Molekularbiologe Ryland Grace (Ryan Gosling) gerät fast zufällig in das Projekt „Hail Mary“. Dessen Ziel ist nichts weniger als die Rettung der Menschheit: Außerirdische Mikroorganismen drohen, die Sonne zu verdunkeln. Eva Stratt (Sandra Hüller) von der Europäischen Weltraumorganisation erklärt dem überforderten Wissenschaftler, dass nur eine elf Jahre dauernde Reise zu einem Stern, der der Bedrohung standhält, die Entwicklung einer Lösung ermöglichen könne. Nachdem einiges nicht nach Plan verlaufen ist, findet sich Grace auf sich gestellt im All wieder, wo er sich als unfreiwilliger Held beweisen muss. Dabei stellt er fest, dass er nicht allein ist.
„Dark Star“, „Moon“, „Spaceman“, natürlich „Der Marsianer“ – die Liste der Science-Fiction-Robinsonaden, in die sich „Der Astronaut – Project Hail Mary“ einreiht, ist lang und bietet einiges an Sehenswertem. Mit dem Letztgenannten teilt der Film sich den Autor der Buchvorlage: Beide sind nach Romanen von Andy Weir entstanden. Wo der „Marsianer“ aber eher vergleichsweise realistisch den Überlebenskampf des Protagonisten zeigt, schwebt der „Astronaut“ eindeutig in phantastischen Sphären.
Und dabei zwischen zwei Welten, denn zum einen wird die Geschichte vom Kampf gegen die Apokalypse vergleichsweise locker und leicht erzählt. Grace überspielt Angst, Sorge und Einsamkeit mit lustigen Sprüchen und spätestens beim Auftauchen des Aliens (das schon im Trailer zu sehen ist), wird das Ganze zu einer Art Buddy-Komödie vor ernstem Hintergrund. Zum anderen zeigt vor allem Sandra Hüller, die erfreulicherweise in Hollywood angekommen ist, wie man die Story auch erzählen könnte. Nämlich als Drama, mit entsprechender Gravitas, als Psychogramm jener Menschen, die verzweifelt versuchen, alles Leben auf der Erde zu retten. Zwischen den Zeilen – also den Momenten der Familienunterhaltung – wird deutlich, dass auch Stratt im Grunde einsam ist und statt Humor eher eine gewisse Kälte als Maske trägt.
Ab und an mag man versucht sein, sich die Frage zu stellen, ob Gosling wirklich die richtige Wahl für die Hauptrolle ist. Aber er hält auch in den Szenen mit Hüller gut mit und nur ab und zu erinnert ein definierter Oberarm daran, dass hier jemand den Bücherwurm gibt, der eher für seine Physis bekannt ist. Definitiv zu aufgepumpt ist hingegen die Länge v0n „Der Astronaut“: 157 Minuten bieten reichlich Zeit für epische Kamerafahrten, aber Phil Lord und Chris Miller hätten sie besser dazu genutzt, das eine oder andere Logikloch zu schließen.
So bleibt der Film zwar durchaus beachtliches und unterhaltsames Frühlingskino, jedoch ohne sich konsequent auf eine der beiden Seiten zu schlagen: bunte Bilder und flotte Onliner hier, triste Stimmung und nahende Katastrophe dort. Dazwischen eine Ausnahmeschauspielerin, die das Ganze erdet, und ein sympathisches ungleiches Paar, von denen einer sich bemüht, nicht den Kopf zu verlieren, und der andere gar keinen hat. Immerhin gibt der Erfolg dieser Unentschlossenheit bislang Recht. Das tröstet – und macht Hoffnung darauf, dass Sandra Hüller sich nicht so bald wieder von der Traumfabrik verabschieden muss.