Neue Helden braucht das Land!

Neue Helden braucht das Land!

Der Cast von Ted Lasso
Der Cast von Ted Lasso. Copyright: Apple TV, all rights reserverd

Vielleicht ist die Ära der Anti-Helden vorbei. Vielleicht waren all die Versuche, die Marvel und DC im letzten Jahrzehnt unternommen haben, um ihre Helden wieder ins rechte Licht zu rücken, nur der Anfang. Vielleicht sind wir der Walter Whites, der Frank Underwoods und Gregory Houses müde geworden. Es kann gut sein, dass wir keine Lust mehr darauf haben, anderen in Fernsehserien beim Scheitern zuzusehen. Scheitern, das machen wir alle schon selbst im echten Leben. Gegen Pandemien, Kriege, Ignoranz und Dummheit. Und vielleicht startet langsam, aber wuchtig eine neue Ära der Bildschirm-Helden. Dabei sind es nicht die mit einem tollen Namen, einem Umhang, Superkräften oder sonstigen Fantasy- oder Science-Fiction-Elementen, tollen Autos oder speziellen Freunden. Es sind die aus der Mitte des Lebens. Die, die ihren Mut noch nicht verloren haben, ihre Hoffnung noch schüren, noch an etwas glauben. Und sich aufgemacht haben, dafür zu kämpfen. Einer von ihnen ist Ted Lasso.

Ja, wie immer: I’m late to the party. Aber was das für eine Party ist, mein lieber Scholli! Jason Sudeikis als Fußballtrainer, der eigentlich vom Sport keine Ahnung, aber von den Menschen umso mehr hat, hat sich diese Rolle auf den Leib geschneidert. Aber eben nicht nur seine, sondern faktisch auch jede andere in dieser Serie, die in diesem Jahr zurecht reichlich Emmys abgeräumt hat (unter anderem als beste Comedy-Serie und auch für die Darsteller Sudeikis, Hannah Waddingham und Brett Goldstein).

Dabei sind wir fernsehguckendes Volk schon komplett verdorben von all dem traurig-melancholisch-düsteren Kram, der seit Jahren auf der Scheibe flimmert. Quasi minütlich erwartete ich bei Ted Lasso, dass irgendetwas Schlimmes passiert, ein Geheimnis enthüllt wird, ein Geist aus der Vergangenheit auftaucht, Ted sein wahres Ich enthüllt. IRGENDETWAS BÖSES. Weil wir gelernt haben, dass Serien grundsätzlich langweilig sein müssen, wenn der tragische Höhepunkt nicht spätestens Ende des zweiten Aktes erreicht ist. Damit wir dann in der Erlösung baden und uns gut gereinigt wieder wohlfühlen können. Doch genau so funktioniert Ted Lasso nicht.

Ted Lasso ist ein guter Mann. Ein guter Mensch. Frau und Kind hat er in den USA zurückgelassen. Nicht nur deshalb, um in England Trainer eines Premier-League-Clubs zu werden, sondern auch, um seiner Frau nach einer Ehekrise etwas Raum zu geben. Ted Lasso hat aber seinen Glauben über all das nicht verloren. Er hat einen besonderen Schwung im Schritt, er durchschaut seine Mitmenschen, ohne dass er das mitteilen muss – und ist deshalb oft zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Er hat von Fußball keine Ahnung, aber auch das scheint ihn weder zu beunruhigen noch zu stören. Mit all diesen Voraussetzungen, sollte man meinen, könnte eine Serie leicht ins Klamaukige abrutschen. Das tut sie aber nicht. Sie bleibt seltsam feinfühlig optimistisch, positiv. Niemand wird vorgeführt oder bloßgestellt. Stattdessen fühlt es sich an, als seien wir gemeinsam mit Team und Verein auf einer Art Teambuilding-Event. Ein GUTES Teambuilding, eins, das funktioniert. Eine Gruppentherapie, die uns lehrt, das am Ende nur ein paar ganz wenige Dinge wichtig sind im Leben: Empathie, Menschlichkeit, Liebe, Vertrauen und Vergebung.

Als Clubchefin Rebecca sich für einen wirklich krassen Fehler oder vielmehr für eine böswillige Entscheidung entschuldigt, da ist Ted, persönlich von dieser Entscheidung betroffen, nicht böse oder wütend oder zieht sich zurück. Nein, er sagt zu ihr: “If you care about someone and you got a little love in your heart, there ain’t nothing you can’t get through together.” Das ist Ted Lasso. Ted Lasso, der uns zeigt, worauf es in diesen dunklen Zeiten wirklich ankommt.

Gerade die erste Staffel fühlt sich so natürlich an, so fließend. Nichts wirkt konstruiert oder herbeigekünstelt, zurechtgeschrieben. Die Charaktere entwickeln sich, während die Geschichte einfach weitergeht, wie sie es im echten Leben tun würden. An keiner Stelle sitze ich da und denke: “Hä, was war das? Das ergibt keinen Sinn?!” Gerade in den Lockdowns der Pandemie muss Staffel 1 einige Gesichter vor den Bildschirmen aufgehellt haben. Die Serie vermittelt so viel positive Energie, das eigentlich nur zu hoffen bleibt, dass diese sich von Fans, Zuschauern auch auf andere Menschen überträgt. Beim Einkaufen, in Wartezimmern, in der Auto-Waschanlage, in der Werkstatt, in Büros, einfach überall da, wo Menschen zusammenkommen. Das jeder etwas mitnimmt von dem, wie Ted Lasso ist. Mit offenen Augen durch die Welt geht und niemandem die Tür versperrt. Das Gefühl, dass es immer noch einen Weg zurück gibt, Vergebung. Hoffnung. Glaube. Dass Clubchefin Rebecca zu Beginn niederträchtige Pläne schmiedet und im Laufe der Saison geläutert wird, ist glaubhaft. Denn schon von Beginn an merken wir, dass hinter der kalt wirkenden Fassade ein sehr warmherziger Mensch steckt, der nur aus Verletzung und Schmerz heraus anderen schaden will; nicht, weil ihr das etwa gefällt. Und auch sie kann schließlich nicht anders, als Ted dafür zu bewundern, dass er offenbar nicht auch nur einen einzigen bösen Knochen im Leib hat.

Besonders stark dabei ist, dass Ted Lasso kein klassischer Held ohne Fehl und Tadel ist. Dass sie dem Helden ihrer Serie ausgerechnet eine Panikstörung angedichtet haben: perfekt. Es ist so dermaßen an der Zeit, intensiv daran zu arbeiten, psychische Erkrankungen zu entstigmatisieren. Wie viele Leute, auch in meiner Generation, sind immer noch der Meinung, dass sie ja nicht verrückt seien und keinen Therapeuten bräuchten. Ach, doch, Kollegen, wir alle bräuchten einen. Und mit Verrücktsein hat das auch nichts zu tun. Ted hingegen ist zumindest einen Schritt weiter: Er weiß, dass er ein Problem hat. Aber er hat lange keinen Mut, sich um eine Behandlung zu kümmern, sich damit wirklich auseinanderzusetzen. Aus Angst, wie er später zugibt. Ted darf also, sofern man das so klassifizieren wollte, auch schwach sein. Und auch darüber reden – ohne, dass ihn das auch nur einen halben Zentimeter vom Thron stößt.

So viel Licht Staffel 1 hat: Das gilt nicht für die zweite Staffel. Vielleicht ist es die konsequente Fortführung der ersten Staffel, vielleicht gibt es eben doch nicht NUR Licht im Leben. Staffel 2 wirft einige Schatten auf die Erzählung, und in Teilen ist das auch in Ordnung so. Allerdings wirkt der zweite Teil der zweiten Staffel in dieser Hinsicht deutlich inkohärenter als Staffel 1 und weite Teile der ersten Hälfte von Staffel 2. Um ins Detail zu gehen: Ted, der zuvor stets anwesend, präsent, da war, ist so beschäftigt mit sich selbst, dass er eine maßgebliche Entwicklung einer ihm nahestehenden Figur nicht mehr mitbekommt. Als sich alles ein bisschen zuspitzt und er seinen Co-Trainer fragt, ob er was verpasst habe und dieser nur NEIN sagt, denke ich das erste Mal, dass hier gerade etwas konstruiert wird. Ein Konflikt, der später explodieren soll. Und genau so kommt es auch. Da sind sie dann leider doch wieder, die ausgetretenen Erzählpfade. Doch das ist vielleicht die einzige Schwäche, die ich nach dem Bingewatching von 22 Folgen an einem Wochenende feststellen konnte.

Ich bin verliebt in so gut wie alle Charaktere, die alle (bis auf dann jetzt einen, vermutlich) grundverschieden sind, aber doch eins gemeinsam haben: Sie haben noch nicht aufgegeben, sie stehen ein für das, was ihnen wichtig ist, sie blicken optimistisch in die Welt, sie setzen sich für ihre eigenen und andere Belange an. Ich kann immer noch nicht greifen, dass es Sudeikis gelungen ist, eine durch und durch positive Serie zu erfinden, die zu keinem Zeitpunkt albern wirkt. Sondern einfach nur liebenswert.

Ich könnte noch viel mehr über viele andere Charaktere schreiben, aber ehrlich gesagt: Schaut euch das lieber selbst an!

Ted Lasso läuft bei Apple+. Die ersten zwei Episoden der ersten Staffel gibt es dort kostenlos. Das Abo kostet 4,99 Euro/Monat.

 

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