“Star Trek: Discovery” – vier Augen sehen mehr als zwei

“Star Trek: Discovery” – vier Augen sehen mehr als zwei

Der Plot: Michael Burnham (Sonequa Martin-Green) ist der einzige Mensch, der unter Vulkaniern aufgewachsen ist. So steht sie zwischen anerzogener Logik und dem Wunsch nach Abenteuer und Reisen – eine Karriere bei der Sternenflotte scheint das Richtige für sie zu sein. Sie dient als Erster Offizier an Bord der USS Shenzou unter Captain Philippa Georgiou (Michelle Yeoh), die ihr auch eine mütterliche Freundin ist. Der aktuelle Auftrag der Crew: Sie sollen im Grenzgebiet der Föderation überprüfen, weshalb eine Relais-Station beschädigt wurde. Burnham trifft bei ihren Nachforschungen auf ein fast vergessenes – wir schreiben das Jahr 2324 – Kriegervolk: die Klingonen. Diese haben gerade alle Hände voll zu tun, ihre 24 zerstrittenen Familien zu vereinen, und reagieren aggressiv auf einen Satz, der für Star Fleet steht wie kein anderer: “Wir kommen in Frieden.”

Kirstens Meinung: Ich kenne kein anderes Franchise, das so kontrovers diskutiert wird wie Star Trek. Ja, auch bei Star Wars, Game of Thrones und Marvel geht es mitunter mal hoch her, aber mir ist es selten begegnet, dass so eine Leidenschaft, so eine Wut und gleichzeitig so viel Herzblut drinsteckten.

Jede neue Trek-Serie reißt alte Wunden auf. Die einen hätten doch gerne mal wieder so etwas wie TOS, andere brauchen es etwas behäbiger wie bei TNG (man erinnere sich daran, wie schwach die ersten zwei Staffeln waren). Ach, warum ist der neue Captain denn nicht ein bisschen mehr wie Sisko? Oder doch lieber Janeway? Es gibt keine andere Serie, die so viele Menschen schon so lange bewegt – immerhin schon mehr als 50 Jahre. Und sobald sich eine Modernisierung, etwas Neues auftut, das man bisher so noch nicht bei Star Trek gesehen hat, kommen sie aus ihren Ecken: die Nörgler, die Kritiker, die, die doch gerne alles hätten wie immer.

Aber was ist wie immer? Star Trek versteht es seit 50 Jahren, sich permanent zu erneuern und neu zu erfinden. Das haben sie mit TNG ab Staffel drei geschafft – und auch mit DS9, wo wir erstmals zu Gast auf einer Raumstation sein durften.

Nun also Discovery! Wieder mal ein Prequel, stöhnen die einen. Zu modern, klagen die anderen. Warum sehen die Klingonen so komisch aus? Ich durfte sogar die Klage lesen, es seien zu viele Frauen dabei. Die Lensflares nerven, das Licht war doof, wieso hat man die Discovery noch nicht gesehen, ach, und überhaupt ist das doch überhaupt nicht das Star Trek, was man kannte und liebte.

Doch, genau das ist es. Eben modern. 2017. Wenn wir es schaffen, das abzulegen, was wir kennen und erwarten, können wir es schaffen, Discovery als das zu sehen, was es ist: ein gelungener Versuch, Star Trek in unserer Gegenwart ankommen zu lassen. Die Darsteller überzeugen, die Effekte überzeugen. Mein einziger Kritikpunkt sind vielleicht ein paar Plotholes. Wieso schickt man zu Beginn nicht eine Sonde zu dem „Ding“, wieso muss der Erste Offizier dort per Jetpack hinfliegen? Diese Frage stelle ich mir jedenfalls beim Gucken. Klar, wegen der Effekte. Aber erzählerisch hat das keinen Sinn. Andere Dinge, mit denen viele sich bisher nicht anfreunden konnten, kann ich ignorieren.

Denn jetzt ist nun mal 2017 und nicht 1987. Hologramme, die mitten im Bereitschaftsraum auftauchen: klasse! Frauen, die nicht in kurzen Röckchen durch die Gänge spazieren: endlich! Und ich bin gespannt, was die Autoren noch so aus dem Hut zaubern. Ich bin nach zwei Folgen sehr angetan und freue mich auf den kommenden Montag. Auch deshalb, weil mit Kirsten Beyer eine Autorin zum Schreiberteam gehört, die viel drauf hat, die weiß, wie man Charaktere und Geschichten entwickelt und die mit Leidenschaft dabei ist.

Markus’ Meinung: Selten sind wir Nerds uns so einig, wie in der Einschätzung der beiden größten Franchises. Star Wars ist fürs Herz, Star Trek für das Hirn. Klar. Deswegen stört uns nicht, dass Laserstrahlen nach einem Meter einfach abbrechen, damit das Ganze wie ein Schwert aussieht – aber andererseits diskutieren wir uns die Köpfe heiß über die interne Logik zwischen den Sternen, wenn die Raumschiffe der Föderation dort unterwegs sind.

Daher ist es durchaus mutig, mit der Erwartungshaltung einiger Fans zu brechen und damit am Kanon zu rütteln. Ja, die Shenzou und die Discovery sehen in Sachen Inneneinrichtung moderner aus als Kirks Enterprise. Ja, das sind weder die Klingonen aus den 60er Jahren unserer Zeitrechnung noch die Variante aus den Kinofilmen und TNG noch die Version der Kelvin-Zeitlinie. Sie sehen anders aus. Sie sprechen ein durchaus anstrengendes “echtes” Klingonisch. Sie sind wilder, archaischer, mehr Stamm als Nation. Und ja, die Klamotten der Protagonisten auf beiden Seiten entsprechen unserem aktuellen Verständnis von Kleidung. Keine Hosenbeine mit Schlag oder Miniröcke hier, keine mongolischen Rüstungen oder zotteligen Frisuren dort.

Und warum ist das so? Weil wir 2017 haben und “Star Trek: Discovery” eine Science-Fiction-Serie ist. Ganz einfach. Ich teile den offensichtlichen Wunsch der Produzenten, ein neues Publikum zu erschließen, ohne das alte zu sehr zu verprellen. Willkommen an Bord, ihr Neulinge. Seid bereit für die Reise eures Lebens.

Und damit sind wir bei dem, was für mich Star Trek ausmacht, seit es als “Raumschiff Enterprise” in das Wohnzimmer meiner Kindheit flimmerte: Es geht um Aufbruch, um Abenteuer und Forschung, um Fernweh. Wir reisen dorthin, wo nie ein Mensch zuvor gewesen ist. Und seien wir ehrlich: Allein der Prolog auf dem Wüstenplaneten holt uns schon genau bei diesem Wunsch, dieser Hoffnung ab.

“Star Trek: Discovery” fühlt sich während des zweiteiligen Pilotfilms zu jeder Sekunde an wie Star Trek. Das ist so viel mehr, als ich im Vorfeld erwartet hatte. Ich gestehe: Ich hadere nach wie vor damit, es hier mit einem Prequel zu tun haben. Ich gehöre auch zu den Detailverliebten, die Plotholes diskutieren (von denen es hier einige gibt) und denen Kanon wichtig ist. Wir haben nie zuvor von Spocks Adoptivschwester gehört. Über ihr Aussehen reden nicht mal die Klingonen selbst besonders gern. Die Lensflares und die restliche Optik erinnern eher an das, was jüngere Trekker dank J.J. Abrams unter dem Franchise verstehen. Aber wisst ihr was? Das alles spielt überhaupt keine Rolle.

Wir erleben nämlich bereits in den 90 Minuten des Auftakts eine charismatische Hauptfigur mit interessanter Hintergrundgeschichte, eine funktionierende Chemie zwischen den Charakteren (und ihren Darstellern), das Gefühl von Spannung und Abenteuer, die Begeisterung für Technik und trotz des düsteren Gedankens an Krieg – der sicherlich auch gewollten Bezügen zum aktuellen politischen Geschehen geschuldet ist – den Optimismus, der das Franchise von jeher ausmacht. Wir erleben Star Trek. Mit reichlich Hirn – aber auch mit reichlich Herz.

 

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