„This“ is it: „The X-Files“ schlägt neue, alte Seiten auf

Was tun FBI-Agenten eigentlich in ihrer Freizeit, wenn sie sich erholen wollen von der Jagd nach Aliens und der Lösung geheimnisvoller Rätsel? Klar – sie sitzen schlafend auf dem Sofa. Scully (Gillian Anderson) und Mulder (David Duchovny) machen also nichts anderes als ihre Fans vor der Glotze. Bis ihnen plötzlich die Kugeln um die Ohren fliegen und beide beweisen müssen, dass sie notfalls auch Gewalt anwenden können. Denn ein alter Freund braucht ihre Hilfe. Ein Freund, der bereits seit 16 Jahren tot ist.

Manchmal muss man einfach damit leben, dass die Dinge sind, wie sie sind. Wunschhof, Ponykonzert – nicht immer ist das Leben, wie man es gerne hätte. Das gilt auch für so etwas Banales, für so etwas unheimlich Wichtiges wie eine Fernsehserie, die einen mal eben durch das halbe Leben begleitet hat. Hier hat Kirsten aufgeschrieben, wie sie die erste Folge der elften Staffel von „The X-Files“ fand, und dem ist nichts hinzuzufügen.

Also ergab ich mich in mein Schicksal und in das meiner beiden Helden. Ihr Schöpfer Chris Carter hatte sie zu einem langsamen und unwürdigen Sterben verurteilt. Die zweite Season nach dem Comeback wird vermutlich die letzte sein, definitiv aber die letzte mit Anderson. Wer Mulder und Scully ein glückliches Ende gewünscht hatte (und wer hatte das nicht), hat nur noch wenige Episoden bis zur finalen Enttäuschung. Und plötzlich kommt Regisseur Glen Morgan und rettet den Tag. Besser: die dunkle Nacht.

Mehr Action gab es in „Akte X“ eigentlich nie. Da fliegen auch schon mal die Fäuste: Mulder, Fox Mulder, zeigt, dass nicht nur britische Agenten über Leichen gehen. Und auch wenn mancher Meilenstein dieser Schnitzeljagd nicht besonders subtil sein mag: Immerhin morst hier kein Gehirn um Hilfe. Stattdessen taucht einer der beliebtesten Nebencharaktere wieder auf. Zumindest fast. Oder teilweise. Oder ganz anders. Inszenierung und Setting erinnern an eine weitere Kultfigur aus dem Königreich, nämlich Doctor Who: Es gibt eine absurde Idee, die konsequent umgesetzt wird und deswegen zu packen weiß. Und mittendrin in dieser gewalttätigen Verschwörung um „neue“ Techniken stecken die beiden Protagonisten, die vermutlich am liebsten noch ihre Stabtaschenlampen (und ihre Schulterpolster) aus der guten alten Zeit hätten. Ihr Gegenspieler diesmal: ein Doppelgänger von Bob aus „Twin Peaks“…

Was nicht so gut gelungen ist: Skinner (Mitch Pileggi) bleibt out of character, nachdem er doch spätestens in der Comeback-Staffel zum klaren Unterstützer seiner Agenten geworden war. Warum er nun wieder die Rolle des lediglich widerwillig unterstützenden Bremsklotzes übernimmt, war mir schon in „My Struggle III“ nicht ganz klar. Vermutlich kommt Pileggi – anders als Anderson und Duchovny – nicht besonders souverän gegen Carters wirre Dialoge und Drehbücher an. Das weht bis in die zweite Folge herüber.

Was natürlich super gelungen ist: Mulder und Scully, vor allem ihre Darsteller, bleiben das Genre-Traumpaar schlechthin. Die können gar nicht anders als großartig. Da fliegen die Funken. Da kracht es, wo es krachen muss. Und da klickt ineinander, was zusammengehört.

Es fliegen also Kugeln, Fäuste und Funken – und das ist soviel mehr, als Carter mit dem Staffelauftakt hinbekommen hat. „This“ hat Herz und Hirn, erinnert an früher und schafft neue Spannung, macht verdammt viel richtig. Ihr habt vergessen, warum ihr die X-Akten liebt? Die zweite Folge der elften Staffel wird euch dran erinnern.

My struggle III: Wie eine große Liebe (Akte X) stirbt

Sie war meine erste große Liebe, eine, die niemals enden wollte und sollte und auch gar nicht konnte. Denn Chris Carter hatte sie mit einem einigermaßen annehmbaren Serienende und einem schlechten zweiten Kinofilm schiedlich-friedlich irgendwie zu Grabe getragen. Mit diesem Ende konnte ich leben. Nicht alles wurde wiedergekäut, manche Dinge waren in Stein gemeißelt. Wir, sie und ich, machten uns auf, Hand in Hand Richtung Sonnenuntergang zu laufen, in das ewige Nichts des Vergessens. So konnte ich sie im Herzen tragen, meine große Liebe. Sie würde niemals sterben. Bis… ja, bis… Chris Carter, Fox und irgendwelche Irren beschlossen, sie wiederzubeleben und erneut zu töten, diesmal richtig langsam und qualvoll. Die Rede ist von, klar, Akte X, The X-Files.

Ich will mich gar nicht lange an einem Rückblick zu Staffel 10 aufhalten, doch die schmeckte im Nachgang gar nicht mehr so gut wie beim ersten Gucken. Viele Folgen waren viel zu schnell, zu verwirrend, zu unlogisch, zu wenig Akte X, viel zu wenig Mulder und Scully. Es wirkte, als wollte man in sechs Folgen packen, was man acht Jahren Pause schließlich nicht erzählen konnte. Die Mythologie war allenfalls eine Randnotiz – oder eher etliche Randnotizen. In verwaschener Schrift, einiges durchgestrichen, neu entworfen, zurückgespielt, ausradiert und so weiter. Sehr sehr frustrierend, dass Chris Carter uns am Ende wieder mit einem Cliffhanger zurückließ. Scully, die auf ein UFO blickt. Diesmal mussten es also die Aliens sein…

Ob es jemals eine elfte Staffel geben würde, war lange unklar. Dann die Erlösung: Ja, Staffel 11 kommt. Bitte, bringt den Kram doch endlich zum Abschluss. 25 Jahre, über 200 Folgen, ein Mythologie-Labyrinth ohne Ein- und Ausgang. Ich betete schon früh darum, dies möge bitte das Ende sein. Es reicht! Denn Chris Carter macht seit Jahren nur noch eins: es immer schlimmer.

Meine Erwartungen an Staffel 11 sind dementsprechend gering. Letzte Nacht also der Start mit Folge 1: My Struggle III. Diese Folge ist die Fortsetzung des ersten und letzten Teils von Staffel 10 – und auch erzählerisch steht die Folge den ersten beiden in nichts nach. Es ist hektisch, schnell, irgendwie billig, wenn Fox Mulder in einer Verfolgungsjagd einen Wagen abhängt, um diesen dann selbst zu verfolgen. Die einzige Möglichkeit, den UFO-Twist aufzulösen, ohne wirklich ein UFO zu zeigen, hat Chris Carter aus dem Ärmel geschüttelt – DAS war also durchaus vorhersehbar. Es war auch vorhersehbar, dass Chris Carter seinen Charakteren, irgendwann mal mit viel Liebe und Leidenschaft ins Leben gerufen, keine Ruhe gönnen würde.

Nach knapp 41 Minuten ist es dann auch schon wieder vorbei mit dem ersten von insgesamt zehn Intermezzos, es bleibt ein fader Beigeschmack. Wo will Chris Carter hin? Was möchte er uns noch erzählen?

Ohne zu viel vorwegzunehmen: Am Ende dieser ersten Folge setzt er die Zuschauer über eine Wahrheit in Kenntnis, von der Mulder und Scully nichts wissen. Wir werden also nun wohl eine ganze Staffel einen Wissensvorsprung vor den Hauptfiguren haben und jedes Mal darum kämpfen, nicht den Fernseher anzubrüllen, dass sie doch bitte dies oder jenes tun oder nicht tun sollen. Es ist eine Wahrheit, die einen der größten Twists der Serie auflöst, alles auf den Kopf stellt, was bisher als Wahrheit gelten konnte, alles neu erzählt. Eine Wahrheit, die Carter schon 1999 kannte, und die er uns erst jetzt mitteilen wollte. Eine unglaubliche Wahrheit. Dies könnte die Staffel retten, dies könnte sogar die Serie noch retten, der man einfach kein schönes Ende mit einem Spaziergang in den Sonnenuntergang gönnen wollte.

Unter dem Strich steht nach 41 Minuten vor allem eins: Ernüchterung. Nein, Chris Carter sollte einfach keine Folgen mehr schreiben. Er sollte endlich den Stift aus der Hand legen und andere machen lassen. Es ist leider gar nicht möglich, den Plot dieser Folge spoilerfrei wiederzugeben, daher wird an dieser Stelle darauf verzichtet. Ein paar Fakten: Scully geht es gar nicht gut, der Krebskandidat will die Menschheit auslöschen, Mulder soll das verhindern, Skinner gerät zwischen die Fronten. Der Plot um Walter Skinner könnte dabei noch der wichtigste dieser Staffel werden.

Für mich und meine große Liebe im Herzen bleibt nur eins: warten, von Woche zu Woche hangeln, hoffen, dass alles besser ist als vor zwei Jahren. Dass es endlich einen Abschluss gibt. Dass Chris Carter es danach bitte entweder sein oder seine Schöpfung mit einem Kracherfilm einfach explodieren lässt.

2017 – so war’s / 2018 – so wird’s

Rück-Sicht

2017 liegt in den letzten Zügen – es ist die beschauliche Zeit des Jahres, in der man einen Blick zurück wagt. Und einen nach vorn. Ähnlich wie sein Vorgänger war das ablaufende Jahr nicht besonders aufregend, was Film und Fernsehen angeht. Fast könnte man nörgeln: solide. Aber gehen wir ruhig mal ins Detail (die ausführlichen Rezensionen sind wie immer verlinkt)…

Ich habe diesmal relativ viele vorgebliche „Pflichtfilme“ ganz bewusst ausgelassen. Dazu gehörte selbstverständlich „Wonder Woman“, weil mir DC spätestens mit „Suicide Squad“ endgültig den Spaß an seinen hilflosen Versuchen, ein neues Kino-Universum zu etablieren, ausgetrieben hatte. Angeblich habe ich dadurch wirklich was verpasst. Aber mein wohlmeinender Besuch von „Justice League“ ließ mich daran zweifeln. Endgültiges Aus für die Unterhosen-Fraktion aus dem Hause „Detective Comics“ von meiner Seite (und wohl auch von offizieller).

Marvel-Fan fürs Leben – und stolz darauf: Vor allem „Logan“ machte mir das dieses Jahr sehr einfach. Der letzte Film mit Hugh Jackman in der Titelrolle zeigt Wolverine endlich als das, was er in den Comics seit Jahrzehnten ist: ein Einzelgänger, ein Antiheld und doch der letzte Aufrechte, wenn es hart auf hart kommt. „Deadpool“ sei Dank gehen Superheldenfilme eben auch mit etwas mehr Blut und Eingeweiden. Hoffen wir, dass sich daran nicht allzu viel ändert, wenn Marvel (alias Disney) von Fox übernimmt.

Denn das war auf den letzten Metern meine persönliche Nerd-Nachricht des Jahres: Dank dieser Übernahme werden die X-Men und die Fantastic Four endlich Teil des Marvel Cinematic Universe. Ohnehin MCU: „Guardians Of The Galaxy Vol. 2“ machte mich glücklich, „Spider-Man: Homecoming“ zumindest zufrieden, und dank „Thor: Tag der Entscheidung“ zog Ironie in die Welt der kaputten Helden ein. Alle drehten sie das Rad des größten Film-Projekts der Geschichte souverän weiter. Wer bin ich, mich darüber zu beklagen?

Grundsätzlich blieb Hollywood auch im vergehenden Jahr seinem Hang zu Fortsetzungen und Reboots treu. So erfuhr der Alien-Mythos nach dem vergurkten „Prometheus“ (2012) dank „Alien: Covenant“ einen erfreulichen Schubs zurück in Richtung Horrorfilm. „Kingsman: The Golden Circle“ setzte gut gelaunt dort an, wo der erste Teil wuchtige Spuren hinterlassen hatte. Und „Planet der Affen: Survival“ schloss (vorläufig) eine der besten Trilogien der vergangenen Kinojahre ab. Cleverer geht Science Fiction kaum.

Das wurde dem Zuschauer auch schmerzlich bewusst, wenn er sich „Valerian – Die Stadt der tausend Planeten“ ansah. Die titelgebende Weltraum-Metropole ist zwar unterhaltsam in Szene gesetzt, wegen der mediokren Hauptdarsteller und der eher flachen Story wurde aus dem angekündigten Meisterwerk allerdings eher Mittelmaß.

Als kleiner, aber sehr feiner SF-Film hingegen erwies sich „Passengers“. Sollte man gesehen haben, wenn man sich hinterher die Köpfe heiß diskutieren möchte. Denn dazu ist die Story bestens geeignet (und das ist ein Lob).

Zwei weitere Versuche, eine eigenes Film-Universum à la MCU auf den Weg zu bringen, endeten unterschiedlich. Während „Kong: Skull Island“ nach der relativ schwachbrüstigen „Godzilla“-Neuauflage von 2014 durchaus mit Action und Schauwerten zu punkten wusste, wurde der Neuaufguss von „Die Mumie“ auch und gerade wegen Tom Cruise zum Rohrkrepierer. Das Ergebnis lautet 1:0 für die Riesenmonster – aus der Reihe um die klassischen Universal-Ungeheuer wird vorerst nichts.

Die größte Fortsetzung des Jahres war selbstredend „Star Wars: Die letzten Jedi“ – wenngleich Teil zwo der dritten Trilogie die Fans spaltet. Mich ließ er nach anfänglicher Skepsis schlicht begeistert zurück, andere jedoch können mit der Neuausrichtung der Saga nichts anfangen. Mutig ist der Film allemal – und damit eigenständig in einer Flut von Streifen, die eher auf Nummer sicher gehen.

Zwei Kinofilme habe ich mir erst später über die einschlägigen Streaming-Dienste angeguckt: „John Wick: Kapitel 2“ ist gekonnte Arthouse-Action wie das erste Kapitel, „Life“ längst nicht so schlecht, wie er mitunter gemacht wird – stellt euch vor, „Das Ding aus einer anderen Welt“ trifft auf „Das Kondom des Grauens“…

Damit (mit den Streaming-Diensten, nicht mit dem Kondom) sind wir auch schon beim Fernsehen – das für mich nach wie vor nicht mehr linear stattfindet. Gefühlt habe ich die Hälfte des Jahres vor der Glotze verbracht und dabei ausgetestet, wo die Grenzen von Amazon Video und Netflix liegen. Was einige überraschen wird: Man erreicht sie erstaunlich schnell. Letztlich besteht das (Standard-)Angebot beider Dienstleister aus lange bekannten Filmen und den erfolgreichsten Serien. Soll heißen: Cineasten entdecken kaum Neues, wer jedoch gerne in Archiven wühlt, wird unter Umständen belohnt.

Übrigens gelingt es mir gedanklich kaum noch, die beiden Anbieter meiner Wahl zu unterscheiden. Anders als im Fall klassischer Fernsehsender ist dies für mich einfach „das“ neue Fernsehen. Mit kleinen Einschränkungen: Hin und wieder klicke ich mich durch die Mediatheken der Saurier, ich habe zwei günstige Zusatzkanäle bei Amazon gebucht, und die populären Eigenproduktionen habe ich auch (buchstäblich) auf dem Schirm.

In Sachen Bekanntheitsgrad vorne mit dabei: „You Are Wanted“. Wie erwartet hielt der Mehrteiler dem Hype nicht stand – Stangenware statt Ereignis. Auch zwei schrägere Serien enttäuschten mich, die eine mehr, die andere weniger: „American Gods“ habe ich nach wenigen Folgen aufgegeben – zu plump, pompös und langweilig kam die Geschichte daher. Die freudig erwartete Fortsetzung von „Preacher“ hingegen wollte ich so gut finden wie die erste Staffel. Das gelang mir leider nur teilweise: Es ist schlicht unverständlich, warum etwas, das so sehr für ein Road Movie prädestiniert ist, derart in Stagnation erstickt wird. Da wäre mehr drin.

Auch mit „Orange Is The New Black“ haderte ich, unter anderem wegen der ungewohnten Erzählart der aktuellen Staffel. Kirsten konnte das nicht recht glauben und hatte ihrerseits Probleme mit dem vieldiskutierten Drama „Tote Mädchen lügen nicht“ (auch mit dessen deutschem Titel) sowie den wandernden Toten. Und in der Tat: Staffel 7 von „The Walking Dead“ darf getrost als Tiefpunkt der Zombie-Serie angesehen werden, die sich allerdings mit der aktuellen Season 8 souverän erholt. Eventuell sollten die Macher hinter den Kulissen mal ein Praktikum bei den Verantwortlichen der Tochterserie machen: „Fear The Walking Dead“ nahm nämlich ordentlich Fahrt auf und bot einige der besten Folgen des gesamten Franchise.

Als quicklebendig erwies sich „Sherlock“, von allen geliebt, von mir jedoch mittlerweile leicht skeptisch beäugt. Doch das (derzeitige) Finale der Reihe erwies sich als komplexe und kluge Abenteuergeschichte voller raffinierter Wendungen und verschaffte den „Baker Street Boys“ den erhofften großen Abgang. Ebenfalls ein Liebling der Massen: die Retro-Mystery „Stranger Things“, die in der zweiten Staffel eisenhart die Geschichte der erfolgreichen ersten aufwärmte. Großartige Unterhaltung, klar – aber beim dritten Mal darf es gerne wieder etwas origineller werden.

Durchaus originell kommt „Star Trek: Discovery“ daher, mit dem nach zu vielen Jahren eine der erfolgreichsten Science-Fiction-Geschichten aller Zeiten auf den Bildschirm zurückkehrte. Unser Vier-Augen-Test fiel begeistert aus, bei näherem Hingucken tauchten jedoch erste Fragen auf – und davon viele. Trotzdem: Dranbleiben lohnt sich. Das wird schon.

Regelmäßige Leser und alle, die diesen Beitrag von Anfang an verfolgt haben, kennen meine unsterbliche Liebe zum MCU. Und tatsächlich hatte ich weder über „Iron Fist“ noch über „The Punisher“ viel zu meckern. Dass „The Defenders“ mich gleichfalls großteils begeisterten, überrascht da niemanden mehr.

Zwei kleine Geheimtipps: Im Film „David Brent: Life On The Road“ erzählt der große Ricky Gervais die Lebensgeschichte seiner titelgebenden Figur nach dem Ende der Serie „The Office“ (dem Original zu „Stromberg“) weiter. Aus dem Schreibtischtäter ist ein erfolgloser Vertreter geworden, der verzweifelt versucht, seinen Traum von einem Leben als Rockstar zu verwirklichen. Das Ganze ist saukomisch, tieftraurig und bricht sämtliche Rekorde im Fremdschämen.

Ähnliches gilt für „Wet Hot American Summer“, einen Film, der nicht ganz leicht zu beschreiben ist. Also: In dieser Parodie der amerikanischen Teenage-Klamotten der späten 70er und frühen 80er aus dem Jahr 2001 stellen erfolgreiche Schauspieler und Komiker wie Amy Poehler und Paul Rudd die kaum volljährigen Bewohner eines Feriencamps dar. Das Prequel „Wet Hot American Summer: First Day Of Camp“ wurde 14 Jahre später gedreht und behandelt als Serie (!) den ersten Tag (!) der Sommerferien. Und der im Folgejahr veröffentlichte Achtteiler „Wet Hot American Summer: Ten Years Later“ spielt – ganz genau – zehn Jahre später, also in den 90ern. Wer jetzt noch mitkommt, sollte sich das unbedingt anschauen – absurder und unterhaltsamer geht’s eigentlich nicht.

Vor-Sicht

Nachdem wir uns bei der Rückschau durch mein wirres Kleinhirn gearbeitet haben, gehen wir den Blick in die Zukunft mal etwas strukturierter an. Was bringt das neue Jahr?

Januar: Na endlich! Als alter Pastewka- und „Pastewka“-Fan halte ich es kaum noch aus bis zum 26. Januar. Dann nämlich hat Amazon Video alle zehn Folgen der brandneuen achten Staffel im Programm. Gut so, denn die Staffeln 1 bis 7 kann ich längst mitsprechen. (Wahre Fans haben nämlich das Mitspracherecht. ‚tschuldigung.) Ebenfalls mit Spannung erwartet (und das natürlich auch von Kirsten): die neuen Folgen von „The X-Files“. Hoffen wir, dass Chris Carter die Schwächen der vergangenen Season ausbügelt – bereits ab 3. Januar wissen wir mehr.

Februar: Ab ins Kino – das MCU wird am 15. Februar mit „Black Panther“ fortgesetzt. Da Hollywood nach wie vor erschreckend rassistisch ist, sind Thema und Cast eine durchaus mutige Wahl. Ich freu mich drauf und erwarte wie immer Großes. Nachdem man „Hellboy“ aus Guillermo del Toros verzweifelten Fingern gewunden hat, macht dieser einfach quasi seinen eigenen Ape-Sapien-Film: Der Trailer von „Shape Of Water“ sieht beeindruckend aus, die Story klingt interessant, der 15. Februar wird also noch einmal unterstrichen.

März: Am 15. März kehrt Lara Croft auf die Leinwand zurück. Nach den beiden relativ schwachen Verfilmungen mit Angelina Jolie erscheint alles, was man bislang vom neuen „Tomb Raider“ sehen konnte, ungleich besser. Am 29. März startet Steven Spielbergs „Ready Player One“, zu dem wir mal den Trailer sprechen lassen:

April: Die Geschichten um Marvels Mutanten sind ja seit jeher komplett verworren und unsortiert, was ihre Verfilmungen angeht. Ab 12. April läuft nun „X-Men: The New Mutants“, der drei Probleme mit sich bringt: Das Franchise dürfte nach der Übernahme durch Disney in den letzten Zügen liegen, kaum jemand außer uns Comic-Nerds kennt die Titelhelden, und das Ganze soll ungewöhnlicherweise ein Gruselfilm werden. Hatte ich eigentlich mal meine Begeisterung für das MCU erwähnt? Keine Frage, dass ich am 26. April im Kino sitze, wenn endlich „Avengers: Infinity War“ zu sehen ist, der erste große Höhepunkt der Saga! (Und ziemlich sicher der erfolgreichste Film des Jahres 2018.)

Mai: Da kann nicht mal „Solo: A Star Wars Story“ mithalten, der zweite „kleine“ Sternenkriegsfilm nach „Rogue One“. Am 24. Mai ist Starttermin für Han, Lando und den „Falken“. Nette Dreingabe: die Videospiel-Verfilmung „Rampage“ ab 10. Mai. Riesenaffe! Riesenechse! Riesenwolf! The Rock!

Juni: Apropos Videospiel: „Jurassic World: Das gefallene Königreich“ hat einen Trailer, der sehr an „Dinorun“ erinnert. Trotzdem werden wieder viele ab dem 21. Juni in die Lichtspielhäuser pilgern, um sich den mittlerweile fünften Teil der Saurierreihe anzugucken.

Juli: Am 5. Juli geht es schon weiter mit dem MCU, wenn „Ant-Man And The Wasp“ die Geschichte um Ameisenmann Scott Lang fortsetzt.

November: „X-Men: Dark Phoenix“, der zweite Film um Marvels Mutantentruppe in diesem Jahr, läuft am 1. November an und dürfte das Ende dieser Interpretation einläuten. Schade, aber schön.

Die Rückkehr der Gänsehaut: Warum „Die letzten Jedi“ die Rettung für „Star Wars“ ist

Die Erste Ordnung hat die Galaxis übernommen. Dem Widerstand ist es nicht gelungen, die Nachfolger des Imperiums aufzuhalten. Im All herrschen Unterdrückung und Dekadenz – es sind düstere Zeiten, Kriegszeiten, Zeiten der Verzweiflung. Auch auf Seiten der einstigen Allianz, die sich wieder in die Rolle der Rebellen gedrängt sieht. Die abenteuerlustige Waise Rey (Daisy Ridley) hat auf der Suche nach ihrer Bestimmung den letzten Jedi-Meister Luke Skywalker (Mark Hamill) aufgesucht, in der Hoffnung, Antworten auf die Frage nach ihrer Herkunft zu finden und den verbitterten Veteranen dazu zu bewegen, sich dem Widerstand unter der Führung seiner Schwester Leia (Carrie Fisher) anzuschließen. Der einstige Stormtrooper Finn (John Boyega) macht sich unterdessen – getrieben von seiner Sorge um Rey – auf einen Alleingang, wobei er auf die tapfere Mechanikerin Rose (Kelly Marie Tran) trifft. Und Pilotenass Poe (Oscar Isaac) stellt fest, dass es im Kampf gegen den übermächtigen Gegner nicht immer gut ist, auf seinen Hitzkopf zu hören. Alle drei Helden gehen ihren Weg, zunächst getrennt, später vereint – um zu erkennen, dass nicht alles so klar ist, wie sie hofften. Dass die Grenzen zwischen der dunklen und der hellen Seite der Macht verschwimmen. Und bis jeder endgültig versteht, wer auf wessen Seite ist, will manch bittere Lektion gelernt sein.

Willkommen zurück in der fernen Sternenwelt, in der vor langer Zeit ein ewiger Krieg den Weltraum erschütterte. Nachdem J.J. Abrams vor zwei Jahren erfolgreich alte und neue Anhänger vereint hat, indem er der Sternensaga ein Kapitel hinzufügte, das mehr als einmal an frühere Geschichten erinnerte, waren Fans in aller Welt durchaus angespannt. Wie würde die Story weitergehen? Wie lauten die Antworten auf die drängenden Fragen, mit denen uns die Cliffhanger von „Das Erwachen der Macht“ zurückließen? Und wird es Star Wars schaffen, uns noch einmal zu überraschen, oder verkommt das Epos gar zur wohligen Familienunterhaltung?

Ganz ehrlich: Ich war skeptisch, sehr skeptisch sogar. Nichts, aber auch wirklich gar nichts, was über die Handlung von Episode 8 bekannt wurde, war dazu angetan, mich zu begeistern. Nach dem letzten Trailer vor dem Kinostart hatte ich sogar die Sorge, eventuell enttäuscht zu werden. Das sah doch verdächtig nach „Das Imperium schlägt zurück“ aus. Wo blieb die Spannung zum Drama, das Abenteuer zum Bombast? Ich glaubte, zu wissen, was mich erwartet – und das wirkte langweilig.

Doch in Wahrheit wusste ich gar nichts.

Selten hat ein Trailer das potenzielle Publikum so sehr auf die falsche Fährte geführt. Noch nie hat es ein etabliertes Franchise geschafft, seine Anhänger derart zu überraschen. Und niemals zuvor wurde eine über mehrere Filme ausgedehnte Geschichte so konsequent weitergedreht, hat sich gleichzeitig auf links gezogen und erneuert, um sich dann doch selbst treu zu bleiben. Dieser Film hat mich daran erinnert, warum ich seit meinem vierten Lebensjahr Star-Wars-Fan bin. Und weshalb ich das immer bleiben werde.

Es ist schlicht nicht möglich, diese kryptisch skizzierte Euphorie in Worte zu fassen, ohne zuviel über die Handlung zu verraten. Deshalb nur soviel: Regisseur und Drehbuchautor Rian Johnson („Looper“) nimmt sich sämtliche Versatzstücke und Klischees der Saga vor, sogar den Hype, den sie im realen Leben verursacht, um sie entweder ironisch zu brechen oder mit lautem Krachen in ihre Bestandteile zu zerlegen. Weil er dabei die klassischen Definitionen von Gut und Böse deutlich in Frage stellt, modernisiert er den Sternenkrieg, ohne ihm dabei seinen Charme oder seine Atmosphäre zu nehmen. Der Mann ist selbst Fan – das merkt man jeder Minute dieses Meisterwerks an. (Und es sind einige Minuten. 152, um genau zu sein. Aber es sind epische, sehenswerte Minuten.) Was wir sehen, holt uns ab, um uns dann an Orte zu bringen, an denen wir noch nicht gewesen sind. Wir können die Verwirrung der drei (eigentlich vier) neuen Helden nachvollziehen, wir verstehen auch die Beweggründe für das Handeln ihrer alten Wegbereiter, selbst die Antagonisten bekommen neuen Schwung. Vor allem das letzte Drittel von „Die letzten Jedi“ ist ein Festival der Twists. Und alle funktionieren sie, passen perfekt zusammen, ergeben am Ende ein großes Ganzes. Wer bei der letzten Szene keine Gänsehaut bekommt, ist vermutlich klinisch tot.

Jeder der Protagonisten hat seinen heroischen Moment, seine ganz besondere Situation, die er auf jene Weise durchlebt, für die wir ihn lieben. Mein Favorit ist Finn, der „Fehler im System“, der unfreiwillige Held zwischen den Fronten. Er hat einen der besten Dialoge des gesamten Franchises. Fisher (in ihrer letzten Rolle) und Hamill sind die perfekten gealterten, vernarbten, weisen Schlachtrösser. Beide strahlen diese ganz besondere Würde aus, die das Produkt auch harter Zeiten ist, die überstanden werden mussten.

Schlachten zwischen den Planeten, Duelle mit dem Lichtschwert, bizarre Kreaturen, die Musik von John Williams… keine Sorge, das ist alles da. Aber dazu gibt es noch so viel mehr. Dies ist ein beeindruckendes Gesamtkunstwerk. Der beste Film des Jahres. Und (mir ist bewusst, was ich damit sage): „Die letzten Jedi“ ist der beste Star-Wars-Film seit „Eine neue Hoffnung“ (der für mich immer „Krieg der Sterne“ heißen wird).

Weil er mit Erwartungen bricht, wo der (historisch) erste Film der Reihe noch keine voraussetzte. Weil er seine Zuschauer in ein Abenteuer zieht, das der erste Film erfunden hat. Weil er sich der Tradition des ersten Films voll bewusst ist. Weil er Star Wars buchstäblich lebt und atmet und damit rettet, und weil das mehr ist, als wir erwarten durften.

Und weil das hier im Grunde noch immer eine Geschichte um Freundschaft und Zusammenhalt ist, in der das Böse übermächtig ist, aber das Gute niemals aufgibt.

Nach dem Regen: Die „Justice League“ reißt’s nicht raus

Superman (Henry Cavill) ist tot. Der Mann, der nach der Zerstörung einer halben Großstadt mit ungezählten Opfern zum Idol für die Welt wurde. Der Held, den alle verehrten, nachdem man ihm aus diffusen Gründen eine Schießerei in Afrika vorgeworfen hatte. Am meisten trauert natürlich Batman (Ben Affleck), schließlich hatte er versucht, den Mann aus Stahl zu töten, war aber in dessen letzten Lebensminuten dessen bester Freund geworden, weil ihre Mütter den gleichen Vornamen hatten. Auf der Heimatinsel von Wonder Woman (Gal Gadot) taucht derweil der Computerspiel-Level-Endgegner Steppenwolf (vermutlich Hesse- oder Maffay-Fan, auf jeden Fall aber born to be wild) auf und sucht drei MacGuffins, die aussehen wie der Tesserakt aus dem ersten „Avengers“-Film. Die Amazonen versuchen, einen davon zu retten, scheitern aber trotz aller Mühe. Kein Wunder: Im Rückblick sehen wir, dass der mittelmäßig animierte Grafikbösewicht vor einiger Zeit ein ganzes Heer aus Amazonen, Atlantern, Green Lanterns und Göttern (die sicher nicht grundlos aussehen wie Shazam) niedergemacht hat. Das ist allerdings tausend Jahre her.

Etwa genau so lange brütet der Fledermausmann über einem überschaubar cleveren Plan, den er nun endlich in die Tat umsetzt. Nachdem er und Prinzessin Diana in „Batman V Superman“ streng geheime Daten über andere übernatürlich begabte Zeitgenossen gestohlen haben und er sich zur Sicherheit das Ganze in „Suicide Squad“ nochmal in gedruckter Form besorgt hat, sammeln sie nun endlich ihre drei künftigen Heldenkollegen ein. Arthur Curry – „der“ Aquaman (Jason Momoa) – und Victor Stone (Ray Fisher), ein Cyborg, haben allerdings zunächst kein großes Interesse an einer Zusammenarbeit. Der leicht autistische Barry Allen (Ezra Miller), der sich mit Lichtgeschwindigkeit bewegen kann, ist begeistert, betont jedoch ständig seine Zweifel am Gelingen der Mission.

Natürlich raufen sich alle fünf Verbrecherjäger letztlich zusammen, erkennen aber, dass Steppenwolf ungeachtet seines debilen Namens und seines albernen Aussehens ein unbesiegbarer Gegner für sie ist. Also basteln sie irgendwas aus einem der MacGuffins, dem kryptonischen Raumschiff und einem Blitz, den Barry bei Start erzeugt, und erwecken – milder Spoiler – Superman zu neuem Leben. Unser strahlender Champion setzt nahtlos an, wo er aufgehört hat, und schrottet erstmal ein Polizeiauto, ehe er seine neuen Freunde vermöbelt. Erst sein trauerndes Liebchen Lois Lane (Amy Adams) schafft es, den verwirrten Alienkrieger zu beruhigen: Sie nennt ihn in Gegenwart eines Cops bei seinem irdischen Vornamen und küsst ihn. Goodbye, Geheimidentität! Welcome, finale Schlacht gegen die finsteren Heerscharen!

Ihr merkt es: Ich kann „Justice League“ nicht ernst nehmen. Zuviel wurde durch die gurkigen Vorgängerfilme kaputtgemacht – vor allem „Dawn Of Justice“ hat sich als einer der schlechtesten Filme aller Zeiten etabliert und endgültig dafür gesorgt, dass das Kino-Universum aus dem Hause DC nicht aus dem Quark kommt. Sowie nebenbei die beiden Hauptcharaktere irreparabel beschädigt. Das Interessante: Die Macher hinter den Kulissen wissen das. Offenbar haben sie jeden fiesen Verriss gelesen, jedes gemeine YouTube-Video gesehen – und dann versucht, daraus zu lernen. Dass Regisseur Zack Snyder wegen eines privaten Schicksalsschlags auf halber Strecke durch Marvel-Überläufer Joss Whedon ersetzt wurde, scheint dieser Idee in die Karten gespielt zu haben. Man sieht die Lötstellen überdeutlich: Whedon kann Humor und Pathos, beides braucht ein Superheldenfilm. Und sein mühevolles Engagement hat den ursprünglich mal wieder düster geplanten Streifen zumindest auf ein mediokres Hellgrau gehievt.

Da der Film schon eine Weile im Kino zu sehen ist, gibt’s hier ausnahmsweise ein paar Spoiler als Beispiele. Here we go: Batman wird endlich Batman genannt, nicht mehr „Bat of Gotham“. Seine Heimatstadt wird als eigenständiger Moloch präsentiert, nicht mehr als Anhängsel von Metropolis. Seine Geschichte wird zumindest ein wenig gelüftet: Er macht den Heldenjob seit 20 Jahren, die Polizei verlässt sich auf ihn, missbilligt aber mitunter seine Methoden. Wir sehen Superman, wie er die klassischen Superman-Dinge tut, also Menschen retten und dabei strahlend lächeln. Er spricht mit jungen Fans und hat so gar nichts vom arroganten Wüterich aus BvS. Seine Mutter Martha (Diane Lane) und Lois haben ein sichtbares und glaubhaftes Freundschaftsverhältnis. Lois‘ junger, gut gelaunter Kollege wird kurz gezeigt – augenscheinlich ein Ersatz für den freudlos dahingemetzelten Jimmy Olsen. Arthur, Victor und Barry haben auserzählte Hintergrundgeschichten – der Letztgenannte lebt in Central City, anders als in „Suicide Squad“ wird also nicht einfach ein Städtename aus den Comics verwendet, ohne ihm eine Funktion zu geben. Und Wonder Woman ist als Charakter ohnehin etabliert: Gal Gadot schafft es natürlich mühelos, in jeder Szene wunderschön zu sein, sie verleiht ihrer Figur aber zudem reichlich Charme und Substanz.

Ohnehin merkt man den Schauspielern an, dass sie alles geben, um den ersten (einzigen?) Auftritt der Gerechtigkeitsliga zu etwas Besonderem zu machen. Man schließt sie tatsächlich ein wenig Herz, den schlecht gelaunten, aber herzensguten Cyborg, den arroganten, aber mutigen Wassermann und Flash, den nerdy Blitz. Zudem funktionieren alle sechs Helden als Team tatsächlich gut – ähnlich wie seinerzeit die Avengers wächst hier zusammen, was in den Herzen der Fans zusammengehört. Also alles gut? Reißt „Justice League“ das Ruder rum? Kann DC zum ewigen Konkurrenten Marvel aufschließen?

Dreimal nein. Dazu ist die Story viel zu beliebig, sind die Dialoge teils schmerzhaft schlecht, ist der Widersacher zu austauschbar, sind die Spezialeffekte überraschend unterirdisch… Und es hakt wie immer an Kleinkram. Warum musste J.K. Simmons (J. Jonah Jameson in Sam Raimis „Spider-Man“-Trilogie) als Commissioner Gordon gecastet werden? Warum hat sich „Holzscheit“ Cavill nicht einfach seinen Schnauzbart abrasiert statt ihn überdeutlich durch CGI entfernen zu lassen? (Da werden wirklich Erinnerungen an Cesar Romero als 60er-Jahre-Joker mit überschminktem Schnorres wach. Oder an die „annoying Orange“.) Warum wird an manchen Stellen mal wieder nichts erklärt? Hat irgendjemand da draußen wirklich verstanden, wie genau Supes wiedererweckt wird?

Da hilft es auch nicht, nach „Wonder Woman“ – dessen Handlung sehr an den ersten „Captain America“-Film erinnert – ein weiteres Mal beim Marvel zu klauen: Der übermächtige Mitbewerber schickt im Frühjahr den Superbösewicht Thanos ins Rennen, da kündigt DC natürlich den sehr ähnlichen Despoten Darkseid an…

Eigentlich ist es schade, denn man hätte diese charismatische Truppe gern in weiteren Abenteuern gesehen. Aber Einspielergebnis und Kritikerstimmen lassen vermuten, dass aus dem geplanten DC-Kino-Universum nichts wird. Am Himmel über Metropolis und Gotham hat es sich demnächst ausgeflattert. Nuff said.

Strauchelnde Ein-Mann-Armee: „The Punisher“ ist nichts für Weicheier

Wenn sie seinen Namen hören, zittern selbst die härtesten Burschen der Unterwelt: Monatelang hat sich Frank Castle (Jon Bernthal), der „Punisher“, in den Reihen des organisierten Verbrechens ausgetobt, hat Rache genommen für das Massaker an seiner Familie und mit brutaler Gewalt jeden auf seiner Liste ausgelöscht. Nun ist der Kriegsveteran mit seiner Vendetta am Ende – und auch mit seiner Kraft. Symbolisch verbrennt er sein Logo, den Totenschädel, er lässt die Waffen sinken und taucht in New York unter. Als bärtiger Aushilfsarbeiter schwingt Castle den Vorschlaghammer, um seine noch immer aufgestauten Aggressionen abzubauen. Er hat keine Freunde, kaum Kontakt zu anderen Menschen – ein Einzelgänger in der anonymen Großstadt. Der Bestrafer ist nicht mehr, auch die Medien haben das Interesse am umstrittenen Racheengel verloren.

Franks Leben erhält eine Wendung, als er es doch nicht schafft, sich aus den Ungerechtigkeiten in seinem Umfeld herauszuhalten. Die Gangster der Stadt werden auf ihn aufmerksam. Und als Hacker „Micro“ (Ebon Moss-Bachrach) seinen Weg kreuzt, gerät er ins Sperrfeuer einer geheimen Schlacht, die mehr mit ihm und seiner Militärvergangenheit zu tun hat, als er zunächst ahnt. Mit dem Rücken zur Wand, verraten von einstigen Kameraden und allein gegen alle muss der Punisher zurückkehren, um seinen Kreuzzug zu beenden. Am Ende steht zwischen den Hintermännern einer weitreichenden Verschwörung und den Unschuldigen, die sie bedrohen, nur ein strauchelnder Einzelgänger. Das letzte Gefecht wird blutig.

Verdammt blutig sogar: Wer Marvels legendären Selbstjustiz-Superhelden in der Netflix-Reihe „Daredevil“ kennen gelernt hat, wird glauben, auf einiges vorbereitet zu sein. Die Comic-Verfilmungen des Bezahlsenders sind seit jeher nicht zimperlich inszeniert. Doch während Daredevil, Jessica Jones, Luke Cage und Iron Fist zwar hart, aber letztlich choreografiert zuschlagen, ist der Kollege der Defenders doch ein anderes Kaliber. Hauptdarsteller Bernthal ist den meisten aus „The Walking Dead“ bekannt – mit dem Blut- und Eingeweide-Gehalt dieser Serie kann sein erster Alleingang locker mithalten. Krieg ist kein Spaß.

Der Punisher gehört seit seinem ersten Auftritt vor mehr als 40 Jahren zu den umstrittensten Marvel-Figuren. Anders selbst als vergleichbare Wüteriche wie Wolverine ist der schwerbewaffnete Ex-Soldat nämlich nicht mal ein Anti-Held, sondern streng genommen klar auf der falschen Seite des Gesetzes zu verorten. Recht und Gerechtigkeit zählen für ihn letztlich nicht – es geht ihm nicht einmal um Rache. In den Augen des angeknacksten Veteranen sind seine Taten nur die Strafe für das Vergehen der bösen Buben. Jon Bernthal spielt den gebeutelten Gangsterschreck mit massivem Körpereinsatz, er schwitzt, weint und blutet.

Wie bei Netflix üblich werden einige Elemente des Comics nur angerissen, andere recht nah an der Vorlage umgesetzt. Das macht die MCU-Serien des Streaming-Anbieters relativ realistisch – sie sind eher düstere Thriller als hochglänzende Helden-Abenteuer. Im Großstadtdschungel bleibt allenfalls Zeit für einen zynischen Spruch – ansonsten gilt: Sei schneller und härter als dein Gegner, wenn du überleben willst.

Was überrascht, sind die Elemente eines Polit-Dramas, mit denen die Produzenten die Geschichte der Ein-Mann-Armee versetzt haben. Castle bekommt es mit bestens aufgestellten Einrichtungen zu tun, deren intellektueller Kraft er nur physische Gewalt entgegenzusetzen hat. Es ist die bekannte Mär vom einsamen Wolf, der sich der Übermacht entgegenstellt – dieser David schießt aus allen Rohren, und notfalls schlägt, tritt und beißt er, um Goliath in die Knie zu zwingen.

Der verkrustete kleine Bruder von „24“, die blutige Variante von „Homeland“ – „The Punisher“ ist große Fernsehunterhaltung für Marvel-Fans, aber auch interessierte Allesgucker. Vorausgesetzt, sie haben einen starken Magen.

 

„Star Trek: Discovery“: Wohin geht die Reise?

Zwei Herzen schlagen, ach, in meiner Brust: Einerseits gehöre ich zu jenen Star-Trek-Fans, die der neuen Serie „Discovery“ unbedingt eine Chance geben wollten und sich nach der Pilot-Doppelfolge durchaus in ihren Hoffnungen bestätigt sahen. Andererseits haben wir mittlerweile das Midseason-Finale erreicht – die Hälfte dieser ersten Staffel ist also rum -, und noch immer drängen Fragen in meinen Kopf, der sich doch eigentlich nur mit einer unterhaltsamen SF-Geschichte beschäftigen sollte. Es sind nicht einmal wenige Fragen, und ich wäre sehr froh, auf zumindest einige davon in absehbarer Zeit eine Antwort zu bekommen. Sollte dies nicht passieren, wird mein Gesichtsausdruck vermutlich so finster wie der von Captain Lorca. Denn dann könnte es sein, dass die Freude darüber, dass Netflix uns endlich wieder eine Serie aus dem Trek-Universum beschert hat, durchaus getrübt wird. Dass dunkle Schatten sich ins Bild drängen, dessen erste Skizzen doch von Optimismus und Wohlwollen geprägt sind.

Aber der Reihe nach und zum besseren Verständnis: Ich habe überhaupt kein Problem damit, dass einiges, was in „Star Trek: Discovery“ passiert, möglicherweise nur unter einiger Anstrengung in den Kanon geräumt werden kann. Es stört mich überhaupt nicht, dass Uniformen, Klingonen-Physiognomie und Technik nicht so ganz in die Zeit passen, in der die Story spielt. (Das war bei den Star-Wars-Prequels ja durchaus ähnlich.) Aber es stößt mir spätestens seit zwei Folgen sauer auf, dass vieles unklar bleibt und nicht erklärt wird. Wohin geht die Reise der „Discovery“?

Ich gehe davon aus, dass jeder, der das hier liest, die Serie verfolgt. Wer mag, kann ja hier nochmal nachlesen, wie Kirstens und mein erster Eindruck vom Auftakt war. Daher im Folgenden einfach meine offenen Fragen zu „Star Trek: Discovery“:

  1. Was ist das Konzept? Anfangs war ich relativ sicher, die Serie zeige quasi die dunklen Flecken in der Vergangenheit der Föderation. Starfleet im Krieg gegen die Klingonen – hier geht es nicht darum, zu erforschen, was nie ein Mensch zuvor erforscht hat, sondern darum, einen mächtigen Feind zu besiegen. So habe ich auch das runderneuerte Aussehen der Klingonen verstanden: Zum Zeitpunkt der Handlung sind diese nämlich eher fremdartige Monster als mögliche Verhandlungspartner oder gar eventuelle Verbündete. Aber dann wird eben doch immer wieder der Expeditionsaspekt der Mission betont. Lorca sagt sogar ganz deutlich, er habe es zunächst mit „freundlichen Forschern“ zu tun gehabt, die nun aber Krieger seien. Funktioniert die Sternenflotte wirklich so? Man wird an Bord eines Raumschiffs eingesetzt, dessen Funktion sich nach Belieben des Captains oder den Anforderungen des Einsatzes ändert? Dachten Crew-Mitglieder und Besatzung anfangs, dass sie eine spannende, aber überschaubar gefährliche Forschungsreise ins All unternehmen, und finden sich plötzlich auf dem Schlachtfeld wieder? Und was genau hat es mit besagter Crew auf sich? Zunächst begegnen sie Michael, der vermeintlichen Verräterin, relativ feindselig. Als Zuschauer fühlt man sich wie in „Moby Dick“, inklusive eines sinistren Kapitäns. Später dann scheint die Atmosphäre nicht anders zu sein als in anderen Serien des Franchise, in einer Folge wird gar ausgelassen gefeiert. Und kurz darauf bricht wieder die triste Stimmung der latenten Bedrohung durch die Klingonen herein. Ich verstehe nicht, was das Ganze soll: Ist das die Geschichte der ausgestoßenen Heldin an Bord eines Geisterschiffs mit unsicherem Kurs, das Kriegsabenteuer à la spätes „Deep Space Nine“ oder doch die klassische Trek-Reise zum Horizont? Ist die „Discovery“ nun eher „Pequod“, U 96, „Titanic“ oder „Enterprise“?
  2. Ist Lorca Freund oder Feind? Der Captain der „Discovery“ ist ein Arschloch. Darauf können sich die meisten Zuschauer sicher einigen. Er gibt sich auch ganz bewusst keine Mühe, etwas an diesem Eindruck zu ändern – im Gegenteil zelebriert er sogar das Image des Düstermannes. (Man wartet förmlich darauf, dass an der Orgel sitzt und Bachs Toccata und Fuge in d-Moll spielt.) Auch ist er unter den Star-Trek-Captains am deutlichsten ein Soldat. Anders als Weltraum-Cowboy Kirk, der gütige Vater Picard, Pionier Archer, aber selbst als die hartgesottene Janeway und der zunehmend finstere Sisko geht Lorca buchstäblich über Leichen. Und zwar nicht nur über die des Gegners, sondern skrupellos auch über die von Kameraden. Er opfert eine einstige Geliebte, er lässt einen verhassten Ganoven in den Händen der Klingonen – kurz: Diesem Captain sollte man nicht in die Quere kommen. Andererseits macht er seinen Job eher nachlässig: Mehrfach äußert er, Entscheidungen seiner Crew seien ihm egal. Dass er so starrköpfig sein Ziel verfolgt, macht ihn zum SF-Ahab, sein ebenso unerschrockener Einsatz für die Mannschaft wiederum zu jemandem, den man in der Nähe haben will, wenn es hart auf hart kommt. Die Sternenflotte lässt ihm dabei erstaunlich viel durchgehen. Da wurde mancher schon für weniger auf einem Eisplaneten ausgesetzt… Ich frage mich nur, welche Funktion der Captain der „Discovery“ für die Geschichte hat. Ist er heimlich eine Art Mentor für Michael, an deren Mitarbeit ihm ja zu liegen scheint? Oder ist der große böse Boss, die Bedrohung von innen, die die Situation in Krisenzeiten noch komplizierter macht?
  3. Sie wurden bereits mehrfach erwähnt: Was hat es mit den neuen Klingonen auf sich? Wie geschrieben: Ich komme damit klar, dass sich die Optik dieser Kriegerrasse von allem unterscheidet, was uns seit den 60er Jahren gezeigt wurde. Sie sehen nicht mal aus wie die Neuinterpretation von J.J. Abrams. Das kann den Grund haben, dass man heute noch einmal mehr Möglichkeiten hat, fremde Wesen von anderen Planeten darzustellen, als zu seligen TNG-Zeiten. Bloß: Die Masken sind eher schlecht. Während an anderer Stelle augenscheinlich viel Geld angefasst wurde und mancher Spezialeffekt durchaus Kino-Niveau hat, nehmen die Gesichtsprothesen der Klingonen-Darsteller ihnen jegliche Mimik. Daher vermute ich, der Grund für das geänderte Aussehen wird uns doch noch gezeigt. Mancher Dialog deutet darauf hin, dass wir es hier mit einer archaischen Splittergruppe zu tun haben… Vielleicht haben deren Mitglieder sich auch optisch eventuellen Anpassungen verweigert? Einmal mehr können die Zuschauer nichts anderes tun als Theorien zu diskutieren. Die Produzenten lassen uns auch an dieser Stelle im Nebel stochern.
  4. Das gilt allerdings nicht nur für die Klingonen: Wer ist die Crew? Ganz ernst gemeinte Frage, und wer kurz darüber nachdenkt, wird meine Verwirrung teilen. Bislang wurden uns die Protagonisten einer Star-Trek-Serie immer auf die eine oder andere Weise vorgestellt. Auf der „Discovery“ jedoch tun Leute ihren Dienst, denen wir nie sehr nah kommen – und deren Schicksal uns deswegen vergleichsweise egal ist. Ausgerechnet der exotischste Charakter unter ihnen ist die Ausnahme: Saru ist nicht der ängstliche C-3PO, als der er im Piloten eingeführt wurde. Er bekommt nach und nach Profil, auch sein ambivalentes Verhältnis zu Michael wird erklärt. Glücklicherweise steht er auch nicht in direkter Tradition der superschlauen Exoten, ist also kein Nachfahre (oder Urahn) von Spock, Data, Odo, dem Holo-Doc oder T’Pol. Nur: Wer verdammt sitzt da noch rum? Ich verzichte bewusst darauf, die Namen zu googeln, denn eine Handlung sollte erzählt werden und keine Sekundärliteratur erfordern: Da haben wir die dunkelhäutige Frau mit dem Iro, die vernarbte Rothaarige (die ihre Verletzungen Michael anlastet) und die Dame, die aussieht wie irgendetwas zwischen einem außer Kontrolle geratenen Geordie La Forge und einem Prä-Borg. Zumindest die Geschichte der Letztgenannten würde mich durchaus interessieren, und ich kann nur hoffen, die Crew besteht nicht aus etwas wichtigeren Redshirts… (Deutlich besser sieht es übrigens an anderer Stelle der „Discovery“ aus, aber zum Positiven komme ich noch.)
  5. Ist Tyler ein Klingone? Diese Theorie (da haben wir es wieder) wird seit geraumer Zeit diskutiert, und tatsächlich spricht einiges dafür. Fast schon zuviel, so plump kann kein Drehbuch sein. Eventuell weiß der Gute nicht mal, dass er ein Klingone ist, und seine Gefühle für Michael sind echt. Oder ist er einfach „nur“ das Opfer anhaltender Folterungen und Vergewaltigungen? Dies ist die einzige Frage, die ich noch eine Weile hinnehmen würde, denn immerhin scheint sie Teil einer Story-Idee zu sein und macht die Figur dieses tapferen Soldaten durchaus spannend.
  6. Wann kommt der Showrunner aus dem Urlaub zurück? Okay, das ist böse. Aber ein bisschen habe ich wirklich den Eindruck, „Star Trek: Discovery“ fehle eine ordnende Hand. Jemand, der den Überblick behält und vor allem ein Ziel im Auge. Der die teils offenen Handlungsstränge sortiert, die Figuren in Bahnen lenkt und dem Ganzen eine Struktur verpasst. Aktuell wirkt nämlich leider einiges, als ob da zu viele Köche den Löffel geschwungen hätten. Manches davon würde ich einer anderen Serie sogar durchgehen lassen. Aber: Dies ist Star Trek!

Ist denn wirklich alles schlecht? Nein, natürlich nicht, ganz im Gegenteil. Die Abenteuer der „Discovery“ sind grundsätzlich spannend anzuschauen. Die Optik ist nicht nur gemessen am Fernsehstandard teils sensationell. Die Schauspieler geben alles, und mancher Charakter wächst mir bereits ans Herz. Dazu gehört natürlich Michael Burnham, die Außenseiterin, hin- und hergerissen zwischen ihrer anerzogenen vulkanischen Logik, der Freude am Abenteuer und einer tiefen Empathie für andere. Sonequa Martin-Green gibt den Wanderer zwischen den Welten, die Frau ohne Zukunft, sehr überzeugend und mit reichlich Charisma. (Und ist dabei – Entschuldigung – immer ein Hingucker.) Aber auch Paul Stamets, der Pilz-Experte, ist eine spannende Figur: Seine Eloquenz macht ihn sogar in den weniger sympathischen Momenten unterhaltsam, seine zunehmend positivere Einstellung gegenüber Michael wird glaubhaft dargestellt. Und weil das immer wieder Thema ist: Ich finde es gut, dass seine Beziehung mit Dr. Hugh Culber so unaufgeregt und als das gezeigt wird, was sie ist – nämlich stinknormal. Weshalb sollte ein homosexuelles Paar perfekt oder krisengeschüttelt sein? Weshalb sollte das noch immer prätentiös thematisiert werden? Wir haben 2017 – es gibt in Serien auch nicht mehr die klassische Anti-Rassismus-Folge wie einst bei den „Waltons“… Anthony Rapp spielt den neugierigen Wissenschaftler jedenfalls beseelt und mit Elan. Mein dritter Favorit: Saru. Die Gründe dafür habe ich weiter oben bereits angerissen – hinzu kommt, dass mich schlicht freut, Doug Jones mal in einer Serienrolle zu erleben. Es bleibt spannend, was aus seinem Charakter wird.

Grundsätzlich gilt das auch für „Star Trek: Discovery“ als Ganzes. Ich werde jedenfalls weiterhin so begeistert wie aufmerksam zuschauen. Dabei verspreche ich jedoch eins: Bekomme ich nicht zeitnah ein paar Antworten, sollten die Produzenten lieber ihrem Sporenantrieb die… äh, Sporen geben.

„Stranger Things 2“: Zurück in einer kleinen Stadt

Ein Jahr danach hat sich im fiktiven Städtchen Hawkins/Indiana, aber auch in der realen Welt der Serien und Streaming-Dienste die Aufregung gelegt. „Stranger Things“ war der große Überraschungserfolg des Sommers 2016 – und das zurecht. Mit einer cleveren Mischung aus 80er-Jahre-Nostalgie, klassischem Grusel und Retro-SF hatten die Duffer-Brüder (Idee und Produktion) voll ins Schwarze getroffen. Die tapferen Freunde des verschwundenen Will (Noah Schnapp) waren die legitimen Nachfolger der „Goonies“, ihr Heimatkaff erinnerte an die Handlungsorte der besseren King-Geschichten, und überhaupt wimmelte es vor Anspielungen und Huldigungen auf Genre-Klassiker und -Klischees.

Das machte Spaß und war enorm erfolgreich – eine Fortsetzung daher rasch beschlossene Sache. Zurück zur Handlung: Besagte Ruhe ist trügerisch. Will ist wieder da, aber „Eleven“ (Millie Bobby Brown) nun verschwunden. Der Kampf gegen den „Demogorgon“ hat unsere Helden verändert, die Verluste haben Spuren hinterlassen. Und die geheimnisvolle Organisation, der „Eleven“ ihre Tätowierung und ihre besonderen Fähigkeiten verdankte, ist immer noch aktiv. Das bekommen Will und seine Freunde deutlich zu spüren, als eine neue Bedrohung am nachtschwarzen Himmel auftaucht: Die Visionen des Jungen scheinen einen realen Ursprung zu haben. Etwas ist dort draußen, und es hat schlechte Laune. Auf wen können sich die Jungen und ihre neue Freundin Max (Sadie Sink) verlassen? Auf Wills leicht hysterische Mutter (Winona Ryder)? Auf deren neuen Lebensgefährten, den braven Bob (Sean Astin)? Oder auf Sheriff Hopper (David Harbour), der ein Geheimnis zu haben scheint? So viel sei verraten: Es ist genau dieses Geheimnis, das der Gang in ihrer Not zur Seite steht…

Was einmal funktioniert, klappt auch beim zweiten Mal: Die skizzierte Mischung schmeckt nicht abgestanden, allerdings nicht mehr ganz so überraschend wie vor einem Jahr. Setting und Ausstattung, Musik und Story versetzen den Zuschauer rasch wieder in das bunteste aller Jahrzehnte, sparen aber auch dessen dunkle Seiten nicht aus. Wir hören nicht nur Devo und Duran Duran, wir erleben auch, wie die Angst vor dem Kalten Krieg die Bewohner von Hawkins im Griff hat. Da hat die übernatürliche Bedrohung leichtes Spiel, ihren Opfern eine Gänsehaut zu verpassen.

Viel Liebe zum Detail, gute Schauspieler – allen voran erneut Millie Bobby Brown -, durchaus spannende Momente… aber letztlich zündet die zweite Staffel nicht ganz so wie die erste. Das liegt daran, dass Duffer und Duffer diesmal etwas zu sehr auf Nummer sicher gehen. Beim nächsten Mal – und es wird hoffentlich eine weitere Fortsetzung geben – dürfen sie ruhig etwas mutiger an die Handlung und deren Umsetzung herangehen. Spaß und Spannung kommen allerdings auch auf kreativer Sparflamme nicht zu kurz. Das wird Original-„Goonie“ Sean Astin bestätigen, der hier mit dem einstigen Slacker-Darling Winona Ryder die schauspielerische Meta-Flagge schwenkt. Zurück in die Vergangenheit, zurück in eine kleine Stadt – Steven und Stephen hätten ihre Freude daran.

„Kingsman: The Golden Circle“ glänzt zurecht

Das geht ja gut los: Während Agenten-Altvater James Bond sich in seinem jüngsten Abenteuer eine vergleichsweise hüftlahme Verfolgungsjagd mit seinen Gegnern lieferte, stellt die erste Szene des zweiten „Kingsman“-Abenteuers mal eben lässig fast alles in den Schatten, was an rasanten Szenen in diesem Kinojahr bislang zu sehen war… Ein Jahr nach den Ereignissen von „Kingsman: The Secret Service“ ist „Eggsy“ Unwin (Taron Egerton) ein etablierter Agent des geheimsten aller geheimen Geheimdienste. Unter dem Codenamen seines ermordeten Mentors „Galahad“ Harry Hart (Colin Firth) gehört er jener modernen Tafelrunde an, die sich verborgen vor den Augen der Öffentlichkeit um den Schutz der Menschheit kümmert. Anders als unter vergleichbaren Superagenten üblich ist er zudem nach wie vor mit einem love interest, der schwedischen Prinzessin Tilde (Hanna Alström), zusammen.

Eines Tages attackiert ihn sein alter Widersacher Charlie Hesketh (Edward Holcroft), der Eggsys ersten Einsatz überlebt hat und zudem nun über einen mechanischen Arm verfügt. Zu den Klängen von Prince‘ „Let’s Go Crazy“ jagen sich die beiden durch London und prügeln sich in Galahads Spezialfahrzeug – und das ist dermaßen passgenau und packend choreografiert, dass man es gesehen haben sollte.

Der Rest der Geschichte erinnert an nichts so sehr wie an den ersten Teil: Wieder werden sämtliche Kingsman-Agenten – inklusive Eggsys bester Freundin „Lancelot“ Roxy (Sophie Cookson), seines Hundes und eines alten Kumpels – ausgelöscht. Erneut überleben nur Galahad und Techniker „Merlin“ (Mark Strong). Einmal mehr wird der Anführer der Bösewichte von einem renommierten Schauspieler mit Mut zur Selbstparodie gespielt – diesmal von Julianne Moore. Und zum zweiten Mal werden harmlose Bürger von einer globalen Bedrohung attackiert, die sich glücklicherweise durch einen einzigen Schritt ausschalten lässt.

Soviel zu Bond-Parodie, Sixties-Charme und großartigem, weil übertriebenen Knallbumm. Neu allerdings sind die „Vettern“ der Kingsman-Spione aus Übersee: In Amerika sind nämlich die „Statesman“-Agenten zu Hause, angeführt von „Champ“ Champagne (Jeff Bridges). Zu ihnen gehören die Technikerin Ginger Ale (Halle Berry), der Draufgänger Tequila (Channing Tatum) und der arrogante Whiskey (Pedro Pascal). Anders als ihre britischen Mitstreiter tarnen sie sich nicht hinter einer edlen Schneiderei, sondern einer erfolgreichen Whisky-Destillation – und statt Schirm, Charme und Melone kommen Lasso, Colt und Messer zum Einsatz.

Mark Millar ist einfach ein Guter. Vor allem im Team mit Matthew Vaughn schafft er es, flüssig erzählte Geschichten voller Action und bar jeder Langeweile rauszuhauen. Das gilt für seine Comic-Storys wie für seine Filmdrehbücher. Mit „Kick-Ass“ hat er die Marschroute vorgegeben und gleichzeitig die Messlatte hoch gelegt. Und er erreicht sie seitdem locker und am laufenden Meter. Die „Kingsman“-Reihe (ein dritter Teil ist fest geplant) bietet alles, was die Handschrift des kreativen Kopfs ausmacht: Dieses Spionage-Abenteuer ist sich seiner Tradition bewusst, parodiert sie liebevoll und ballert ansonsten aus allen Rohren. Brutal und bunt, saulustig und spannend – wer ins Kino geht, um unterhalten zu werden, wird diese Fortsetzung ins Herz schließen und den Abschluss der Trilogie kaum erwarten können. Manchmal ist eben doch Gold, was glänzt.

„Star Trek: Discovery“ – vier Augen sehen mehr als zwei

Der Plot: Michael Burnham (Sonequa Martin-Green) ist der einzige Mensch, der unter Vulkaniern aufgewachsen ist. So steht sie zwischen anerzogener Logik und dem Wunsch nach Abenteuer und Reisen – eine Karriere bei der Sternenflotte scheint das Richtige für sie zu sein. Sie dient als Erster Offizier an Bord der USS Shenzou unter Captain Philippa Georgiou (Michelle Yeoh), die ihr auch eine mütterliche Freundin ist. Der aktuelle Auftrag der Crew: Sie sollen im Grenzgebiet der Föderation überprüfen, weshalb eine Relais-Station beschädigt wurde. Burnham trifft bei ihren Nachforschungen auf ein fast vergessenes – wir schreiben das Jahr 2324 – Kriegervolk: die Klingonen. Diese haben gerade alle Hände voll zu tun, ihre 24 zerstrittenen Familien zu vereinen, und reagieren aggressiv auf einen Satz, der für Star Fleet steht wie kein anderer: „Wir kommen in Frieden.“

Kirstens Meinung: Ich kenne kein anderes Franchise, das so kontrovers diskutiert wird wie Star Trek. Ja, auch bei Star Wars, Game of Thrones und Marvel geht es mitunter mal hoch her, aber mir ist es selten begegnet, dass so eine Leidenschaft, so eine Wut und gleichzeitig so viel Herzblut drinsteckten.

Jede neue Trek-Serie reißt alte Wunden auf. Die einen hätten doch gerne mal wieder so etwas wie TOS, andere brauchen es etwas behäbiger wie bei TNG (man erinnere sich daran, wie schwach die ersten zwei Staffeln waren). Ach, warum ist der neue Captain denn nicht ein bisschen mehr wie Sisko? Oder doch lieber Janeway? Es gibt keine andere Serie, die so viele Menschen schon so lange bewegt – immerhin schon mehr als 50 Jahre. Und sobald sich eine Modernisierung, etwas Neues auftut, das man bisher so noch nicht bei Star Trek gesehen hat, kommen sie aus ihren Ecken: die Nörgler, die Kritiker, die, die doch gerne alles hätten wie immer.

Aber was ist wie immer? Star Trek versteht es seit 50 Jahren, sich permanent zu erneuern und neu zu erfinden. Das haben sie mit TNG ab Staffel drei geschafft – und auch mit DS9, wo wir erstmals zu Gast auf einer Raumstation sein durften.

Nun also Discovery! Wieder mal ein Prequel, stöhnen die einen. Zu modern, klagen die anderen. Warum sehen die Klingonen so komisch aus? Ich durfte sogar die Klage lesen, es seien zu viele Frauen dabei. Die Lensflares nerven, das Licht war doof, wieso hat man die Discovery noch nicht gesehen, ach, und überhaupt ist das doch überhaupt nicht das Star Trek, was man kannte und liebte.

Doch, genau das ist es. Eben modern. 2017. Wenn wir es schaffen, das abzulegen, was wir kennen und erwarten, können wir es schaffen, Discovery als das zu sehen, was es ist: ein gelungener Versuch, Star Trek in unserer Gegenwart ankommen zu lassen. Die Darsteller überzeugen, die Effekte überzeugen. Mein einziger Kritikpunkt sind vielleicht ein paar Plotholes. Wieso schickt man zu Beginn nicht eine Sonde zu dem „Ding“, wieso muss der Erste Offizier dort per Jetpack hinfliegen? Diese Frage stelle ich mir jedenfalls beim Gucken. Klar, wegen der Effekte. Aber erzählerisch hat das keinen Sinn. Andere Dinge, mit denen viele sich bisher nicht anfreunden konnten, kann ich ignorieren.

Denn jetzt ist nun mal 2017 und nicht 1987. Hologramme, die mitten im Bereitschaftsraum auftauchen: klasse! Frauen, die nicht in kurzen Röckchen durch die Gänge spazieren: endlich! Und ich bin gespannt, was die Autoren noch so aus dem Hut zaubern. Ich bin nach zwei Folgen sehr angetan und freue mich auf den kommenden Montag. Auch deshalb, weil mit Kirsten Beyer eine Autorin zum Schreiberteam gehört, die viel drauf hat, die weiß, wie man Charaktere und Geschichten entwickelt und die mit Leidenschaft dabei ist.

Markus‘ Meinung: Selten sind wir Nerds uns so einig, wie in der Einschätzung der beiden größten Franchises. Star Wars ist fürs Herz, Star Trek für das Hirn. Klar. Deswegen stört uns nicht, dass Laserstrahlen nach einem Meter einfach abbrechen, damit das Ganze wie ein Schwert aussieht – aber andererseits diskutieren wir uns die Köpfe heiß über die interne Logik zwischen den Sternen, wenn die Raumschiffe der Föderation dort unterwegs sind.

Daher ist es durchaus mutig, mit der Erwartungshaltung einiger Fans zu brechen und damit am Kanon zu rütteln. Ja, die Shenzou und die Discovery sehen in Sachen Inneneinrichtung moderner aus als Kirks Enterprise. Ja, das sind weder die Klingonen aus den 60er Jahren unserer Zeitrechnung noch die Variante aus den Kinofilmen und TNG noch die Version der Kelvin-Zeitlinie. Sie sehen anders aus. Sie sprechen ein durchaus anstrengendes „echtes“ Klingonisch. Sie sind wilder, archaischer, mehr Stamm als Nation. Und ja, die Klamotten der Protagonisten auf beiden Seiten entsprechen unserem aktuellen Verständnis von Kleidung. Keine Hosenbeine mit Schlag oder Miniröcke hier, keine mongolischen Rüstungen oder zotteligen Frisuren dort.

Und warum ist das so? Weil wir 2017 haben und „Star Trek: Discovery“ eine Science-Fiction-Serie ist. Ganz einfach. Ich teile den offensichtlichen Wunsch der Produzenten, ein neues Publikum zu erschließen, ohne das alte zu sehr zu verprellen. Willkommen an Bord, ihr Neulinge. Seid bereit für die Reise eures Lebens.

Und damit sind wir bei dem, was für mich Star Trek ausmacht, seit es als „Raumschiff Enterprise“ in das Wohnzimmer meiner Kindheit flimmerte: Es geht um Aufbruch, um Abenteuer und Forschung, um Fernweh. Wir reisen dorthin, wo nie ein Mensch zuvor gewesen ist. Und seien wir ehrlich: Allein der Prolog auf dem Wüstenplaneten holt uns schon genau bei diesem Wunsch, dieser Hoffnung ab.

„Star Trek: Discovery“ fühlt sich während des zweiteiligen Pilotfilms zu jeder Sekunde an wie Star Trek. Das ist so viel mehr, als ich im Vorfeld erwartet hatte. Ich gestehe: Ich hadere nach wie vor damit, es hier mit einem Prequel zu tun haben. Ich gehöre auch zu den Detailverliebten, die Plotholes diskutieren (von denen es hier einige gibt) und denen Kanon wichtig ist. Wir haben nie zuvor von Spocks Adoptivschwester gehört. Über ihr Aussehen reden nicht mal die Klingonen selbst besonders gern. Die Lensflares und die restliche Optik erinnern eher an das, was jüngere Trekker dank J.J. Abrams unter dem Franchise verstehen. Aber wisst ihr was? Das alles spielt überhaupt keine Rolle.

Wir erleben nämlich bereits in den 90 Minuten des Auftakts eine charismatische Hauptfigur mit interessanter Hintergrundgeschichte, eine funktionierende Chemie zwischen den Charakteren (und ihren Darstellern), das Gefühl von Spannung und Abenteuer, die Begeisterung für Technik und trotz des düsteren Gedankens an Krieg – der sicherlich auch gewollten Bezügen zum aktuellen politischen Geschehen geschuldet ist – den Optimismus, der das Franchise von jeher ausmacht. Wir erleben Star Trek. Mit reichlich Hirn – aber auch mit reichlich Herz.