Die Stimmung macht die Musik

Darüber, welches die besten Soundtracks der Film- und Fernsehgeschichte sind, streiten sich Fans und Gelehrte seit Generationen. Zwei Namen fallen in diesem Zusammenhang natürlich immer wieder: John Williams und Ennio Morricone. Quasi die beiden großen alten Männer der klassischen Filmmusik. Und es ist ja auch was dran – beispielsweise schafft es niemand, so bedrohlich wie Williams zu klingen, wenn er Leinwandbösewichten eigene Themen auf den Leib schreibt.

Also so:

Oder so:

Aber es gibt zwei Titelmelodien zu Fernsehserien, die es mit dem Meister in Sachen Düsternis eventuell aufnehmen können…

Mark Snow ist einer der meistbeschäftigten Fernsehkomponisten überhaupt. Als Beispiele für sein umfangreiches Schaffen seien an dieser Stelle nur die Themen von „Hart, aber herzlich“ (1979) und „Cagney & Lacey“ (1981 – übrigens ist er mit der Schwester der Hauptdarstellerin Tyne Daly verheiratet) genannt. Die meisten verbinden mit ihm aber die Melodie für eine Serie der 90er Jahre, die praktisch Geschichte geschrieben hat. Mal ehrlich – unheimlicher geht es kaum:

Angelo Badalamenti ist in der Branche durchaus vielbeschäftigt. Auf sein Konto gehen unter anderem die Scores für die wichtigsten Filme von David Lynch, darunter „Blue Velvet“ (1986) und „Wild At Heart“ (1990). Da war es wenig überraschend, dass Lynch den Komponisten 1990 auch für seine Fernsehserie engagierte. Herzlich willkommen in Twin Peaks – mal schauen, wer über Nacht bleibt:

Kluge Sprüche und harte Prügel: „Iron Fist“ ist viel besser als sein Ruf

„Der Frosch im Brunnen wird nie das Meer verstehen.“ Wer mit derartigen Glückskeks-Sprüchen etwas anfangen kann, dem dürfte der leicht oberflächliche Umgang mit fernöstlicher Philosophie kaum sauer aufstoßen, mit dem „Marvel’s Iron Fist“ die Vorgeschichte zur lang erwarteten Netflix-Serie „The Defenders“ beendet. Seien wir ehrlich: Substanzielle Dialoge sind es nicht, mit denen die 13 Folgen punkten. Das ist aber auch schon das größte Manko – es bleibt schleierhaft, weshalb die Kritiker sich bereits im Vorfeld derart auf die neue Serie eingeschossen haben, dass sie schon vor dem Start als schlechteste unter den Netflix-Marvel-Reihen galt.

Denn eine derart harsche Beurteilung hat die Eisenfaust wirklich nicht verdient: Die Mischung aus leicht seifigem Familiendrama und packender Martial-Arts-Action weiß nämlich durchaus zu unterhalten. Und allein das macht sie schon besser als den Vorgänger „Marvel’s Luke Cage“.

Worum geht’s? Milliardärssohn Danny Rand (Finn Jones) ist scheinbar von den Toten zurückgekehrt. Tatsächlich hat er den Flugzeugabsturz überlebt, der seine Eltern das Leben kostete, und die vergangenen 15 Jahre in einem abgelegenen Kloster verbracht. Nun ist er zurück in New York und bereit, das Unternehmen seines Vaters zu übernehmen. Dem stehen jedoch seine einstigen Jugendfreunde Joy und Ward Meachum (Jessica Stroup, Tom Pelphrey) entgegen. Das Geschwisterpaar genießt die Macht, die seine Führungspositionen in der Firma mit sich bringen. Ward hat noch einen weiteren Grund, sich am Chefsessel festzukrallen: Im Hintergrund zieht sein Vater Harry (David Wenham) die Fäden. Und der aggressive Patriarch ist tatsächlich aus dem Jenseits heimgekehrt – dank einer geheimnisvollen Organisation namens „Die Hand“.

Gut, dass Rand junior sich auf drei knallharte Frauen verlassen kann: Kampfsporttrainerin Colleen Wing (Jessica Henwick), Anwältin Jeri Hogarth (Carrie-Anne Moss) und Krankenschwester Claire Temple (Rosario Dawson). Den beiden Letztgenannten kommt zugute, dass sie bereits über Erfahrung im Umgang mit schlagkräftigen Verbrechensbekämpfern verfügen. Denn der naiv wirkende Danny wurde von den Mönchen nicht nur in Kung Fu ausgebildet, sondern verfügt über eine ganz besondere Eigenschaft: Er kann die so genannte Macht der „Iron Fist“ abrufen. Und so fliegen zwischen den Glaspalästen der High Society und den dunklen Gassen von China Town schon bald Füße, Fäuste und Wurfsterne…

Nachdem die eher betulich inszenierten Abenteuer von Luke Cage eine Hommage an das afroamerikanische Krimi-Kino der 70er waren, steht „Iron Fist“ wie erwartet in der Tradition knackiger Kampfsport-Schinken der gleichen Ära. Im Unterschied dazu wird das Gerangel um das Milliardenerbe eher im Stil von „Dallas“ oder „Dynasty“ dargestellt. Das ist ein bewusster Gegensatz, und er funktioniert erstaunlich gut. Die Actionszenen gehen in ihrer drastischen Optik zurück zur ersten Netflix-Marvel-Serie „Daredevil“, haben aber einen ganz eigenen Stil. Danny Rand ist „die lebende Waffe“, er bewegt sich schnell und zielsicher, deutlich eleganter als der boxende Straßenkämpfer Matt Murdock.

Das alles kann sich sehen lassen, es ist zu keiner Sekunde langweilig, und insgesamt ist „Iron Fist“ nicht nur deutlich besser als sein voreiliger Ruf, sondern er landet nach „Daredevil“ und „Jessica Jones“ und vor „Luke Cage“ souverän auf dem dritten Platz der „Defenders“-Vorgeschichten. Finn Jones macht seine Sache gut, vor allem die Chemie zwischen ihm und Jessica Henwick stimmt. Man freut sich schon jetzt auf das Zusammentreffen mit seinem geplanten Duettpartner Mike Colter – Luke Cage und Iron Fist sind ja quasi die Antwort des Marvel-Universums auf Bud Spencer und Terence Hill.

Versprochen: Lasst euch von den grundlos negativen Kritiken nicht davon abhalten, der Serie eine Chance zu geben. Ihr verpasst sonst was.

Gut gebrüllt, Affe: „Kong: Skull Island“ ist eine Reise wert

Wir schreiben das Jahr 1972. Bill Randa (John Goodman) ist überzeugt: Monster existieren. Zwar nicht direkt mitten unter uns, sondern versteckt vor der Zivilisation, aber hinter manchem Mythos verbirgt sich eine unheimliche Wahrheit. Um Beweise zu sammeln, bereist der Leiter der Regierungsorganisation „Monarch“ entlegene Gebiete in aller Welt, und sein nächstes Ziel trägt den vielversprechenden Namen „Skull Island“. Unterstützt von einer kleinen Reisegruppe, der unter anderem die Truppe um Vietnamveteran Lieutenant Colonel Packard (Samuel L. Jackson), Fotografin Mason Weaver (Brie Larson) und Abenteurer James Conrad (Tom Hiddleston) angehören, erforscht Randa die geheimnisvolle Insel. Die wagemutigen Reisenden müssen nicht lange suchen: Ein gigantischer Gorilla greift die Forscher und Soldaten an. Und der Riesenaffe ist nicht das einzige Ungeheuer auf dem Totenkopf-Eiland…

Es geht voran mit großen Schritten: Nachdem 2014 die japanische Riesenechse Godzilla ein Comeback erlebte, ist nun der bekannteste Monsteraffe der Welt an der Reihe. Das Ziel: Schuppentier und Primat sollen in einem spektakulären Zweikampf aufeinander treffen. Und bis dahin werden beide in Neuauflagen ihrer Kinoabenteuer wiederbelebt. Dabei orientiert sich „Godzilla“ ebenso wenig an den traditionellen Kaiju-Filmen oder an Roland Emmerichs Beitrag aus dem Jahr 1998 wie „Kong: Skull Island“ irgendetwas mit dem Original (1933), dem Remake (1976) oder der Version von Peter Jackson (2005) zu tun hat. Wir erleben klassische Reboots, die sich durchaus an eine neue Generation von Kinogängern wenden.

Im Fall des Ungetüms aus Japan war das Ergebnis eher durchwachsen: Die Entscheidung, Gareth Edwards als Regisseur zu verpflichten, erwies sich als fatal. Anders als in seinem sehenswerten Werk „Monsters“ genügt es für ein Godzilla-Abenteuer eben nicht, den Protagonisten meist nur anzudeuten. Wenn das legendäre Monster wütet, will man das auch sehen – und zwar überlebensgroß, deutlich und reichlich. Alles andere ist Humbug – daran ist schon Guillermo del Toros verregneter „Pacific Rim“ gescheitert.

Nicht zuletzt deshalb gehen die Produzenten von „Kong: Skull Island“ offenbar auf Nummer sicher. Wir beobachten den Riesenaffen – der übrigens eine ganze Ecke größer ist als gewohnt, damit er gegen Godzilla anstinken kann – bei zahlreichen spektakulären Kämpfen gegen die furchterregende Fauna seiner Heimat und gegen die unliebsamen Besucher aus Übersee. Und das ist grandios inszeniert: Der wilde Ritt durch den Dschungel lohnt definitiv den Kauf der Kinokarte.

Hinzu kommt, dass die Atmosphäre der frühen Siebziger gut eingefangen wurde, nicht zuletzt durch stimmige Songs jener Ära. Und wenngleich sie nicht viel mehr tun, als davonzulaufen oder gefressen zu werden: Die namhaften Darsteller machen ihre Sache natürlich gut.

Das kann also was werden mit dem Duell der Kino-Ungeheuer – wenn zuvor noch ein, zwei Drehbuch-Falten geglättet werden. (Zum Beispiel spielt „Godzilla“ in der Gegenwart, was ein Aufeinandertreffen der menschlichen Charaktere quasi verhindert.) Nach dem Ausflug auf Skull Island ist zumindest klar, dass das dann nicht so aussehen wird:

„You are wanted“: Hack(er)-Brötchen statt Champagner-Frühstück

Als das Licht wieder angeht, ist die Welt von Manager Lukas Franke (Matthias Schweighöfer) nicht mehr dieselbe – er weiß es nur noch nicht. Erst langsam dämmert dem Berliner Familienvater, dass Unbekannte sich buchstäblich in sein Dasein gehackt haben und der Stromausfall, der die Hauptstadt an Frankes Geburtstag überrascht hat, nur der Anfang war. Die Online-Terroristen nehmen ihm nach und alles, was ihm lieb und teuer ist: den gut bezahlten Job, die Bilderbuch-Familie, seine gesamte Existenz. Wer steckt hinter der Verschwörung? Und was kann ein Durchschnittsbürger wie Franke tun, um sich gegen den unsichtbaren und vermeintlich unbesiegbaren Gegner zur Wehr zu setzen?

Schweighöfer goes Amazon Video – man kam in den vergangenen Wochen kaum umhin, den mit viel Getöse angekündigten Sechsteiler „You are wanted“ wahrzunehmen, mit dem der Versandhaus-Riese und das ewige Wunderkind des deutschen Kinos erstmals gemeinsame Sache machen. Vor allem online – thematisch durchaus passend – rührten der Schauspieler und seine neue vorläufige Heimat die Werbetrommel.

Hat sich das Warten gelohnt? Oder ist der Mehrteiler nur ein bemühter Abklatsch eines bekannten Erfolgsformats aus Hollywood („Der Staatsfeind Nr. 1“)? Die Antwort auf beide Fragen ist ein klares „Ja, aber“.

Zunächst mal steht „You are wanted“ nicht nur in Sachen Namensgebung durchaus in der Tradition von „Who am I“, der vor zweieinhalb Jahren Kritiker und Kinogänger überzeugte. Das bedeutet: Alles ist sehr wertig, die Kamera ist teilweise sogar spektakulär gut, die Schauspieler (neben Schweighöfer sind unter anderem Alexandra Maria Lara als Frankes Frau und Tom Beck als undurchsichtiger Geschäftsmann zu sehen) machen ihre Sache erwartungsgemäß souverän. Die knapp sechs Stunden gucken sich flott weg, da hakt nichts, die Handlung bleibt spannend, und letztlich sollte man von einem Thriller auch nicht mehr erwarten als gute Unterhaltung. Die wir hier auf hohem Niveau zu sehen kriegen, daran besteht kein Zweifel.

Allein: Wie manche deutsche Produktion verhebt sich die Miniserie ein wenig an ihrem Anspruch. Hollywood bleibt in weiter Ferne, „You are wanted“ ist zu jeder Minute ein gut gemachter Krimi aus dem Land der Kehrwoche und der Bratkartoffeln. Das ist nicht schlimm, aber das hat eben nichts mit dem viel beschworenen Weltformat zu tun, das uns in der Werbung versprochen wurde. Oder anders: Ihr mögt den „Tatort“? Dann freut euch darauf, einen sechsteiligen Fall mit höheren Produktionskosten zu sehen.

Herausragend in der Darstellerriege ist übrigens Catrin Striebeck als knallharte Kommissarin, die mal an der Kettenraucher-Kippe, mal am Asthma-Inhalator zieht. Fast ein Symbol für die zwei Seiten der Qualitätsmedaille, die diese Serie hat.

Hinzu kommt, dass das passiert, was immer passiert, wenn es um Internet-Kriminalität geht. Da wird manches Klischee bedient, ständig schwirren Zahlenkolonnen über den Schirm, haut irgendjemand beherzt in die Tasten, geht es um Codeworte und irgendwelche Rätsel in Form von Formeln. Das erinnert dann mitunter schon ein wenig an sowas:

Und eine Frage bleibt nicht nur in dieser gewohnt spoilerfreien Rezension unbeantwortet: Warum zur Hölle verwandeln sich harmlose Familienväter im Notfall immer in smarte Detektive mit reichlich Talent im Nahkampf?

Fazit: Wer sich auf solides Spannungsfernsehen freut, wird gut bedient. Wer mit Überraschungen rechnet, möglicherweise enttäuscht. Und beides ist gar nicht schade.

 

Übrigens: Die beste deutsche Hacker-Serie bleibt „Bastard“ aus dem Jahr 1989, unter anderem mit Peter Sattmann und Gudrun Landgrebe. Die war wunderbar zeitgeistig, und es wird sicher interessant, sich „You are wanted“ in 20 Jahren mal anzuschauen. Vielleicht überkommt uns dann ein ähnlich heimeliges Gefühl von Nostalgie… Was das bedeutet? Na, hört (und schaut) euch mal den „Bastard“-Titelsong an:

Meisterhafter Abgesang für „Logan“: Der letzte Held zieht noch einmal in den Kampf

James Howlett (Hugh Jackman) hat schon bessere Zeiten erlebt. Vorbei die Jahre, in denen er als nahezu unbesiegbarer Wüterich Wolverine an der Seite der anderen, gleichfalls mutierten X-Men die Menschheit mehr als einmal vor dem Untergang bewahrte. Wir schreiben das Jahr 2029, und Logan – so der frühere Codename des ergrauten Berserkers – ist längst nicht mehr, wer er einmal war. Die meisten Mutanten sind Geschichte, die wenigen übrig gebliebenen Relikte einer fast vergessenen Ära. Logans alter Mentor Professor Charles X. Xavier (Patrick Stewart) vegetiert versteckt vor der Welt vor sich hin: Der einst mächtigste Mutant leidet an Alzheimer, rührend wird er betreut vom mürrischen Kanadier und dem schwächlichen Aushilfs-X-Mann Caliban (Stephen Merchant).

Logan hat sich längst aufgegeben. Angeschlagen und abgehalftert, versoffen und verbittert, verdingt er sich an der Grenze zu Mexiko als Chauffeur für fragwürdige Fahrgäste. Sein mutierter Körper heilt nicht mehr sofort wie früher und ist übersät von Narben; ein steifes Bein erinnert an verlorene Schlachten des alternden Kriegers. In dieses kaputte Dasein platzt das schweigende Mädchen Laura (Dafne Keen). Offensichtlich ist die Kleine ebenfalls eine Mutantin, und sie wird gejagt von sinistren Wissenschaftlern und gewalttätigen Schlägern. Eher widerwillig schleppt sich Logan ein letztes Mal in den Kampf. Zumal er ahnt, dass Xavier in einem seiner lichten Momente die Wahrheit erkannt hat: Die durchaus wehrhafte Laura und ihn verbindet nicht nur das Schicksal…

„Logan“ ist ein Western. Keiner mit Cowboys und Indianern – aber die Geschichte vom letzten Ritt des einsamen Revolverhelden ist einer der großen Mythen des alten Westens. Und Regisseur und Drehbuchautor James Mangold („Cop Land“, „Todeszug nach Yuma“) weiß, wie man sie inszenieren muss. Die Landschaft ist staubig und öde, die triste Stimmung wird nur durch brutale Gewalt zerrissen, es herrschen Resignation und Zynismus, weil es keine Helden mehr gibt. Bis ein dunkler Reiter kommt und mit letzter Kraft beweist, dass das nicht stimmt. Nicht umsonst spielt der Westernklassiker „Mein großer Freund Shane“ (1953) eine nicht unwichtige Rolle im Geschehen.

Handwerklich sitzt hier alles, denn nicht nur hinter der Kamera erleben wir das Können von Profis. Stewart und Jackman zeichnen ihre angestammten Charaktere mit schwarzen Kreidestrichen, überzeugen in den kammerspielartigen Szenen ebenso wie in den wuchtigen Actionsequenzen. Ihnen ebenbürtig: die elfjährige Dafne Keen. Und das ist umso beeindruckender, weil ihre Rolle praktisch ohne Dialog auskommt.

Fast schade ist, dass wir erst als Abgesang zum erstem Mal adäquat zu sehen bekommen, was Wolverine ausmacht. Die Figur ist unter Comiclesern ja nicht nur deswegen so beliebt, weil der grimmige Mann aus Kanada stets ein gebrochener Held war, sondern – seien wir ehrlich – auch wegen seines Wutproblems. Wenn Logan sauer wird, fliegen buchstäblich die Fetzen, nun eben auch auf der Leinwand. Wurde in den vorangegangenen X-Men-Filmen und seinen beiden Solo-Abenteuern die brutale Gewalt, mit der er agiert, eher behauptet, ist sie nun explizit zu sehen. Der Kämpfer mit den Krallen ist kein netter Kerl, endlich traut man sich, das auch zu zeigen. Dem Erfolg des Kollegen „Deadpool“ sei Dank.

Mehr als zwei Stunden dauert Logans letztes Abenteuer. Dank vieler ruhiger Momente und einer sorgfältigen Erzählweise fühlen die sich auch so an, was keinesfalls als Kritik verstanden werden sollte. Der Film nimmt sich Zeit für seine Akteure und deren Geschichte. Vermutlich macht auch das aus ihm, was er ist: definitiv der beste Film des Franchises. Und schlicht ein Meisterwerk.

 

Hintergrund: Lasst euch kein X für ein U vormachen – worum geht’s hier überhaupt?

Die Comics um die X-Men – eine bunte Truppe mutierter Superhelden – erscheinen im amerikanischen Verlag Marvel. Dieser hat die Filmrechte für einige seiner Charaktere verkauft: Während die Avengers um Captain America und Iron Man, aber inzwischen auch Spider-Man also im Namen ihrer literarischen Heimat im Kino Erfolge feiern, sieht das beispielsweise für die Schüler von Professor X etwas anders aus. Alles, was mit dem Thema Mutation zusammenhängt, spült Geld in die Kassen von Twentieth Century Fox. Mit teils kuriosen Konsequenzen: Der Charakter Quicksilver etwa ist sowohl ein Mutant als auch ein Mitglied der Avengers und war daher gleichzeitig in zwei verschiedenen Varianten auf der Leinwand zu sehen. (Übrigens in beiden Fällen gespielt von einem Darsteller aus „Kick-Ass“.)

Anders als Marvel, das mit dem „Marvel Cinematic Universe“ (MCU) längst Filmgeschichte geschrieben hat, weil sämtliche dazugehörigen Kinofilme und Fernsehserien ein zusammenhängendes Ganzes ergeben, pfeifen die Produzenten der X-Men-Abenteuer seit jeher auf Kontinuität. Charaktere bekommen mal eben eine neue Vorgeschichte oder ein verändertes Aussehen, die Beziehungen untereinander ändern sich auf mysteriöse Weise, erzählte Zeit und Erzählzeit kommen sich permanent ins Gehege… Dieses Video beispielsweise beschäftigt nur mit den Problemen bis „X-Men: First Class“, und die Situation ist in den vergangenen sechs Jahren nicht besser geworden:

Da ist es eigentlich nur konsequent, stillschweigend davon auszugehen, dass „Logan“ in einer alternativen Zukunft spielt. Soll heißen: Es könnte sein, dass so das Ende von Wolverine aussieht. Aber in der Traumfabrik ist alles möglich…

Blick zurück mit Argwohn: Warum klassisches Fernsehen nur selten das Einschalten lohnt

Regelmäßige Leser unseres Blogs erinnern sich: Ende April 2016 habe ich dem klassischen linearen Fernsehen Lebewohl gesagt. Mein Fernseher mag nicht clever sein, smart ist er seither jedenfalls. Das sieht man auch daran, dass er nur noch Netflix, Amazon Video, YouTube, Mediatheken und den Inhalt visueller Datenträger zeigt. „Normales“ Fernsehen, am besten noch privates? Vergesst es, braucht keiner, fehlt mir nicht.

Nun ergab es sich vor kurzem, dass ich für ein paar Tage einen Schritt zurück wagte – nicht nur einen Blick. Drei, vier Tage waren es, an denen ich die genannten Anbieter allenfalls per Tablet ansteuerte und die Glotze wieder mal das Programm der öffentlich-rechtlichen und privaten Fernsehsender abspielte. Was hatte sich seit meiner Flucht vor neun Monaten getan? Hatte sich das Angebot verändert? Hatte ich etwas verpasst und wurde nun schmerzlich darauf aufmerksam gemacht? Weiß man gar manches erst zu schätzen, wenn es nicht mehr da ist?

Ich zappte eher lustlos durch die Kanäle und brauchte handgestoppte anderthalb Minuten, um festzustellen, dass ich nichts verpasst hatte, weil sich in der flimmernden Ödnis der deutschen Fernsehlandschaft auch in Generationen nichts ändern wird. ProSieben strahlt mit arroganter Penetranz seine Endlosschleife an Comedy-Serien aus. Auf RTL und Sat.1 läuft wochentags der schlecht abgekurbelte Bodensatz der scripted reality. Und die Öffis halten eisern zu ihrer greisen Zielgruppe – gibt es sowas wie die Durchhörbarkeit beim Formatradio auch im Fernsehen? Nennt man das Durchschaubarkeit?

Um allerdings fair zu bleiben, seien der Vollständigkeit halber ein paar Reihen erwähnt, die notfalls das Einschalten des klassischen Fernsehens lohnen (wobei man sie meist auch in den entsprechenden Online-Archiven findet, also nicht zwingend dem vorgegebenen Programmablauf folgen muss):

  • Der „Tatort“ im Ersten (beziehungsweise in den Dritten) bleibt, was er ist, und das ist ausnahmsweise gut so – denn es gehört seit jeher zum Konzept des Sonntagabendkrimis, auch den Zeitgeist abzubilden. Einsteigern seien die Dortmund-Fälle empfohlen: Die sind oft düster, manchmal schwarzhumorig und haben Faber (Jörg Hartmann) und Bönisch (Anna Schudt).
  • Einer muss ja saubermachen, und „Der Tatortreiniger“ (Bjarne Mädel) macht das wie kein Zweiter. Grandiose Kammerspiele sind das, mit toller Kamera und ebensolchen Darstellern. Weshalb der NDR dieses Kleinod allerdings ungefähr in den frühen Morgenstunden und noch dazu in kryptischer Reihenfolge versendet, bleibt ein ungelöstes Rätsel.
  • Ebenfalls aus Norddeutschland kommt die Reportage-Reihe „7 Tage“ (nein, keine Köpfe). Sehr sehenswerte Dokus kommen dabei heraus, wenn die NDR-Kollegen sich eine Woche lang unter unterschiedliche Bevölkerungsgruppen wie Staubsaugervertreter oder Verbindungsstudenten mischen.
  • Wenn die C-Promis im australischen Dschungelcamp Eingeweide und Gemächte futtern, bin ich dabei. Das mag manchen überraschen, einige mögen es verachtenswert finden – aber #IBES ist ein sauber produziertes, extrem unterhaltsames Format, das man zwar moralisch hinterfragen kann, aber mit dem berühmten ironischen Abstand auch einfach mögen darf. Nach dem Ende der aktuellen Staffel widmen wir dem RTL-Quotenhit bestimmt mal einen eigenen Beitrag.
  • „Pufpaffs Happy Hour“ läuft auf 3Sat und ist Kabarett. Beides macht Fans wie mich zu überheblichen Bildungsbürgern, die gern mal schmunzeln. Wer reinguckt, merkt rasch, dass das Unsinn ist: Sebastian Pufpaff ist möglicherweise derzeit der beste Stand-Up-Comedian der Republik, seine Gäste sind ganz sicher ein bunter Querschnitt durch die Szene zwischen Polit-Kritik und Albernheiten.

Einsam im Weltraum: „Passengers“ ist eine angenehme Überraschung

Der Weltraum. Unendliche Weiten. Und manchmal halten sie Überraschungen für uns bereit. Wie beispielsweise „Passengers“, einen Film, den ich gar nicht auf dem Schirm hatte und der mich erfreulich beeindruckt hat.

Irgendwann in der Zukunft ist das Raumschiff „Avalon“ auf einer 120 Jahre dauernden Reise zum Kolonieplaneten Homestead II. An Bord funktioniert alles automatisch, denn Passagiere und Besatzung befinden sich im Tiefschlaf, um nicht unterwegs zu sterben, sondern am Ziel frisch aufgetaut ein neues Leben zu beginnen. Die vermeintlich perfekte Technik spinnt allerdings, und Passagier Jim Preston (Chris Pratt) erwacht 90 Jahre zu früh. Der findige Techniker findet sich relativ rasch zurecht, kann jedoch den Defekt nicht beheben und hat als einzigen Ansprechpartner einen Barkeeper-Roboter (Michael Sheen), der keine große Hilfe ist.

Ab und zu betrachtet er die schlafenden Fluggäste und wirft irgendwann ein Auge auf Schriftstellerin Aurora Lane (Jennifer Lawrence). Nachdem er ihre Bewerbungsvideos für die Reise durchs All gesehen hat, verliebt er sich in die New Yorkerin. Immer öfter spricht er mit Barmann Arthur über sein Dornröschen, und nach einem Jahr Einsamkeit entscheidet er sich, Aurora aufzuwecken – wohl wissend, ihr damit ebenfalls die Chance auf ein Leben auf Homestead II zu nehmen…

Erstaunlich, wie sehr eine Art Kammerspiel (faktisch agieren hier nur zwei Charaktere) seine Zuschauer so sehr in den Griff bekommt. Die Geschichte ist zudem ziemlich geradlinig, so dass ein Newcomer wie Regisseur Morten Tyldum zu keiner Zeit die Kontrolle verliert. Das Beeindruckende sind die Details: Unter anderem lockern immer wieder humorvolle Szenen die virtuose Mischung aus Sci-Fi-Drama und Liebesgeschichte auf, und auch die Spezialeffekte können sich sehen lassen, obwohl (oder eher noch: weil) sie recht behutsam eingesetzt werden. Das All übt auch visuell eine starke Faszination aus, ist unwirtlicher Todbringer und wunderschönes Versprechen gleichzeitig. Und wer schon immer mal sehen wollte, wie sich ein Swimmingpool in der Schwerelosigkeit verhält, bekommt hier die sehenswerte Antwort.

Die dichte Atmosphäre ist relativ ruhig, was die Katastrophen- und Dramatik-Ausbrüche umso wirkungsvoller macht. Und sie lebt von den guten Schauspielern: Lawrence und Pratt können Emotionen versprühen, haben Humor und Charme, die Chemie zwischen ihnen stimmt, und fit genug für Action sind sie auch.

„Passengers“ ist ein wirklich überzeugend cleverer „kleiner“ Film, der zum Diskutieren und Philosophieren einlädt und einen auch ein paar Stunden später nicht loslässt. Und dessen eigentlicher Hauptdarsteller (weiter oben wurde es bereits angedeutet) immer wieder in tollen Bildern gezeigt wird: der Weltraum.

Durch Himmel, Hölle und das Königreich mit „Sherlock“

Es war wie mit jeder „Staffel“ – besser: mit jedem Schwung neuer Filme. Die Vorfreude auf neue „Sherlock“-Abenteuer war groß, der Argwohn jedoch ebenfalls. So ganz hatten Steven Moffat und Co. es zuletzt ja nicht hinbekommen, den Geist der ersten beiden Seasons (bleiben wir einfach dabei) einzufangen. Diese ganz besondere Atmosphäre, die aus der Reihe einfach mehr macht als eine Fernsehserie. Die dafür sorgt, dass „Sherlock“ über allem anderen schwebt, in eigenen Sphären, mit ordentlich Abstand nach unten.

„Die Braut des Grauens“ sorgte unter Fans eher für stummes Stirnrunzeln als lauten Beifall. Zu sehr verzettelten sich die Produzenten des BBC-Erfolgs zwischen dem überbordenden Willen zur Innovation und der Begeisterung für das eigene Schaffen. Zu häufig hatten wir ihnen erzählt, wie toll sie sind. Nun wissen sie es, und das hatte Konsequenzen. Nicht nur gute.

„The Six Thatchers“, der Auftakt zum vierten Reigen, ließ mich denn auch verstört zurück. Mit einer einzigen Episode hatten die Autoren praktisch alles zerstört, was „Sherlock“ für mich ausmachte. Sie drehten ihr Serienuniversum auf links, brachen mit Bekanntem und Geliebtem, verloren den Fokus und zerbröselten die Charaktere. Einzig das Ende versöhnte mich ein wenig. Emotional war es, durchaus packend, und Martin Freeman lieferte die beste Leistung seiner Karriere ab. Trotzdem saß ich erschüttert vor dem Abspann. Und das war mein Glück, denn den sollte man sich unbedingt bis zum Schluss ansehen.

Teil zwei des Dramas trug den Titel „The Lying Detective“, und es fällt schwer, auch hier nicht auf den Inhalt einzugehen. Machen wir es daher kurz und kryptisch: Manche Taschenspielertricks funktionieren nur deshalb, weil sie mit der Erwartung ihres Publikums spielen. Man kann Erwartungen enttäuschen – um das Folgende noch strahlender erscheinen zu lassen. Die Jungfrau wurde gar nicht wirklich zersägt, liebe Leute. Der geht’s gut. (Und vermutlich ist sie auch keine Jungfrau.) „Sherlock“ hatte mich wieder, dem Drehbuch und Benedict Cumberbatch sei Dank.

Und er behielt mich auch mit der letzten Episode „The Final Problem“. Wirklich schwer, ohne Spoiler auszudrücken, was der Abschluss dieses vierten Serienblocks mit seinen Zuschauern macht… Ich jedenfalls erlebte ein Wechselbad der Gefühle, ausgelöst von Vollprofis, die genau wissen, was sie tun. Ich habe gelacht und gestarrt und den Kopf geschüttelt, und manchmal hat auch irgendjemand Zwiebeln gehackt. Es ist beinahe nicht zu fassen, wie unverschämt gut eine Fernsehserie sein kann, welche Emotionen sie auszulösen vermag. Ich habe wirklich schon eine Menge gesehen und ganz sicher auch viel Gutes. Aber diese dritte Episode erinnerte nicht nur an die glorreichen ersten beiden Staffeln, sie übertraf sie sogar. Und sämtliche Erwartungen noch dazu. Es ist eine ausgelutschte Phrase, doch noch nie stimmte sie so wie in diesem Fall: „Sherlock“ spielt in seiner eigenen Liga. Es mag euphorisch klingen, aber ich lege mich fest: Besser geht es nicht.

Kommen wir nun zu meinem persönlichen Twist: Ich möchte nicht, dass es weitere Folgen gibt. Aus zwei Gründen: Erstens kann es von hier aus praktisch nur noch bergab gehen. Und zweitens… das müsst Ihr selbst sehen. Es lohnt sich. Versprochen.

Neulich im Sternenkrieg: „Rogue One“ – ein leckerer Snack

Ich war skeptisch: In meinem Jahresrückblick habe ich bereits angedeutet, dass ich mich auf „Rogue One: A Star Wars Story“ natürlich nicht so sehr freue wie auf die tatsächliche Fortsetzung der Saga. Trotzdem saß ich durchaus gespannt vor der Leinwand. Würden meine Vorurteile bestätigt werden? Ohne zuviel vorwegzunehmen: Die Antwort ist ein zögerndes „Ja, aber“.

Eine brünette (Halb-)Waise mit mysteriöser Herkunft, deren Fähigkeiten ausschlaggebend sind im Krieg zwischen Rebellenallianz und Imperium? Die von einer zusammengewürfelten Gruppe unterstützt wird, der unter anderem ein Droide und ein zunächst eher unfreiwillig hineingezogener Ex-Imperiumssoldat angehören? Ein Todesstern, den es zu zerstören gilt? Wo habe ich das zuletzt gesehen… In Episode VII, verdammt nochmal! Bereits die Trailer zum ersten One Shot der Sternenkrieg-Reihe ließen mich daher wenig begeistert zurück. Ohnehin haderte ich ein bisschen mit dem Konzept, zwischen den eigentlichen Teilen der Geschichte etwas niedriger budgetierte Häppchen zu servieren. Inzwischen ist ein Jugendabenteuer von Han Solo beschlossene Sache, über einen einzelnen Boba-Fett-Film wird immer lauter nachgedacht. Verwässert das nicht die Grundidee? Sollte man sich nicht aufs Kerngeschäft konzentrieren, wenn man schon das Expanded Universe für nicht existent erklärt? Und überhaupt: Wer braucht eigentlich Prequels? Wir wissen doch alle, wie die Geschichte ausgeht.

Nun, zum einen wissen das leider nicht alle. Die jüngeren Star-Wars-Fans, deren Heldin Rey heißt, sollen daher natürlich mit einer recht ähnlichen Protagonistin ins Kino gelockt werden. Und zum anderen klaffen zwischen Episode III und IV ja schon massive zeitliche Lücken, die von mittlerweile drei Zeichentrickserien längst nicht komplett gefüllt werden.

Zur Geschichte des Films: Die junge Jyn (Felicity Jones) ist die Tochter von Galen Erso (Mads Mikkelsen), dem Konstrukteur des Todessterns, einer mondgroßen Raumstation mit nie gesehener Feuerkraft, mit der das Imperium die Rebellen endgültig auslöschen will. Saw Gerrera (Forest Whitaker), eine Art Freischärler und eher extremistischer Angehöriger der noch neuen Rebellenallianz, nimmt sich ihrer zunächst an, später jedoch muss sie sich allein in den Kriegswirren durchschlagen. Über Umwege kommt sie in Kontakt mit der Allianz, die zum Zeitpunkt der Handlung noch ein fragiles Konstrukt ist, zerstritten und kaum koordiniert.

Gemeinsam mit dem Rebellenoffizier Cassian Andor (Diego Luna), seinem umprogrammierten Imperiumsdroiden K-2SO (Alan Tudyk), dem früheren imperialen Frachterpiloten Bodhi Rook (Riz Ahmed), den beiden Attentätern Chirrut Imwe (Donnie Yen) und Baze Malbus (Jiang Wen) sowie einigen anderen Freiwilligen macht sich Jyn daher auf eine praktisch aussichtslose Mission. Sie wollen die Pläne des Todessterns bergen, auf denen ihr Vater die Schwachstelle der ansonsten unbesiegbaren Kriegsmaschine eingezeichnet hat, um auf diese Weise den Rebellen zum Sieg in der entscheidenden Schlacht zu verhelfen. Auf der Gegenseite: der ehrgeizige Imperiumsdirektor Orson Krennic (Ben Mendelsohn) und zwei für die Zuschauer alte Bekannte, einer ein hartherziger Militarist, der andere der mächtigste Lord der Sith…

Ich gebe zu: „Rogue One“ fühlt sich zu jeder Sekunde an wie Star Wars, und das will was heißen. Und auch die Merchandising-Maschinerie, die aufgefahren wird, steht den „großen“ Filmen kaum nach: Zwischen Actionfigur und Zahnputzbecher gibt es alles, was das Fan-Herz begehrt, und auch dafür steht das Franchise. Die Handlung allerdings, wie erwähnt zeitlich vor dem allerersten Film aus dem Produktionsjahr 1977 angesiedelt, verortet das vermeintliche Spin-Off klar als Zwischenmahlzeit. Es wäre nämlich nicht nötig gewesen, das zu zeigen, was uns auf der Leinwand präsentiert wird. Es hätte – und hat – gereicht, es bei dem Hinweis zu belassen, dass Rebellen ihr Leben gelassen haben, um die Pläne des Todessterns zu besorgen. Aber selbstverständlich ist es völlig okay, diesen Satz filmisch auszuformulieren. Solange ein unterhaltsames Produkt dabei herauskommt – warum nicht? Und unterhaltsam ist „Rogue One“ allemal.

Es braucht jedoch ein paar Minuten, bis der Film seinen Rhythmus findet. Die erste halbe Stunde hat ihre Längen, manches wirkt zu geschwätzig, anderes zu sehr angerissen. Sobald jedoch die Mission startet, ist überraschend, wie mitreißend und spannend hier etwas inszeniert wird, dessen Ausgang die meisten Kinobesucher kennen. Visuell und akustisch wird einiges aufgefahren – der Snack ist so lecker gewürzt wie ein Hauptgang. Es gibt halsbrecherische Verfolgungsjagden im All, es gibt sauber choreografierte Scharmützel am Boden – und gerade dabei zeigt „Rogue One“, was er ist. Ein Kriegsfilm nämlich, kein Märchen – hier ist kaum Platz für weise Sprüche über die beiden Seiten der Macht, hier wird blutig am Strand verreckt. Man hört es knacken und sieht es brennen, das philosophische Element, die Fantasy bleibt fast gänzlich außen vor. Einzig Chirrut darf von den Jedi erzählen, die es ja vor Episode IV faktisch nicht mehr gibt. Das nimmt dem Sternenkrieg natürlich ein wichtiges Element, um sich auf ein anderes zu konzentrieren, und es ist klar, dass das nicht jeder gutheißen wird. Es ist aber auch so mutig wie konsequent, quasi den dreckigen Job der Kämpfer im Hinter- und Untergrund zu zeigen, statt die pathetisch inszenierten Abenteuer der Helden.

Dabei verhebt sich der Film keineswegs, alles ist geschmeidig und souverän inszeniert. Man schließt die kleine Gruppe Aufrechter rasch ins Herz und wünscht ihnen alles Gute – wohl wissend, dass ihr Schicksal längst entschieden ist. K-2 ist eine wohltuende Ausnahme in der Riege der plappernden oder piepsenden Droiden: Er sagt, was er denkt, und das ist meist zynisch, aber unterhaltsam. Schade, dass er in der deutschen Synchro beinahe klingt wie C-3PO. Chirrut und Baze, der blinde Philosoph und der beinharte Soldat, sind ein tolles Gespann, eine überzeugende Hommage an vergleichbare Protagonisten alter Martial-Arts-Filme. Bodhi ist der sympathische Nerd mit einem guten und mutigen Herzen, das er zunächst noch entdecken muss. Und Cassian und Jyn sind das klassische Actionfilm-Paar, sie raufen und sie mögen sich, liefern sich verbale Gefechte, um die echten mal ausblenden zu können. Man mag diese bunte Truppe einfach – und das wird (milder Spoiler) ziemlich schmerzhaft.

Der Auftritt von Darth Vader ist nicht unerwartet, aber beeindruckend. Gerade bei einer derart ikonischen Figur, die entsprechend oft verfremdet und parodiert wurde in den vergangenen fünf Jahrzehnten, ist es wichtig, die Zuschauer daran zu erinnern, mit wem sie es hier zu tun haben. Mit dem absolut Bösen nämlich, dem gefallenen Engel, der personifizierten zerstörten Hoffnung – einer Kreatur, die in der Lage ist, mit bloßen Gedanken zu töten, und ihre Opfer notfalls in Scheiben schneidet. Das ist Darth fuckin‘ Vader, verflucht – und genau so wird er auch gezeigt.

Es gibt (auch das ein milder Spoiler) ungezählte Hinweise auf frühere Filme und einige Cameo-Auftritte. Das ist schön, aber schade. So spricht nichts dagegen, beispielsweise den Droiden RA-7 kurz zu zeigen oder K-2 ein Han-Solo-Zitat andeuten zu lassen. Aber dass man gewissermaßen in jeder größeren Menschenmenge auf Dr. Cornelius Evazan und Ponda Babba stößt, ist eher albern und macht das Star-Wars-Universum unnötig klein. George Lucas hat sowas auch gerne verbockt, und seine Ära wollten wir doch eigentlich hinter uns lassen. Unverzichtbar natürlich die Darstellung von Wedge Antilles, eigenartig und diskussionswürdig jedoch die CGI-Auftritte eines verstorbenen und eines gealterten Darstellers. Dazu an dieser Stelle nur: Es ist beeindruckend, dass so etwas funktioniert. Es ist beruhigend, dass so etwas noch nicht perfekt funktioniert. Und es muss darüber geredet werden, wie man damit umgeht, wenn es in absehbarer Zeit perfekt funktionieren wird. „Casablanca II – The Return Of Rick“ und „Denn sie wissen noch immer nicht, was sie tun“ rücken in greifbare Nähe, Freunde…

Zwei Punkte sind es, die „Rogue One“ eben doch sinnvoll machen: Zum einen erfahren wir, warum eine Superwaffe wie der Todesstern eine relativ einfach auszunutzende Schwachstelle hat. Zum anderen wird angedeutet, weshalb in „Krieg der Sterne“/“A New Hope“ nur menschliche Piloten in den X-Flüglern sitzen. Noch ein kleiner Spoiler: Die frisch gegründete Allianz besteht anfangs fast nur aus Menschen (Corellianern etc.) und Mon Calamari (die eher Strategen in zweiter Reihe sind). Das ist stimmig und macht aus zwei eher unangenehmen Relikten der 70er erklärbare Teile der Handlung. Ähnliches gilt für den erneuten Einsatz einer starken Frauenfigur und das vergleichsweise multikulturelle Ensemble – in beiden Fällen hat Star Wars einiges nachzuholen.

Insgesamt bleibt festzuhalten: „Rogue One: A Star Wars Story“ ist genau das, was uns versprochen wurde. Nicht mehr, aber auch nicht weniger als ein leckerer Snack nämlich, der Appetit auf das nächste Hauptgericht machen soll. Davon darf es gerne noch ein paar geben, solange die eigentlichen Gänge nicht vernachlässigt werden. Twinkle, twinkle, little star.

2016 – so war’s: Legenden, Loser und ein bisschen Leerlauf

unbenanntOhne gleich an Anfang des Endes die Luft rausnehmen zu wollen: Besonders aufregend war es nicht, das viel gescholtene Jahr 2016. Ich war relativ selten im Kino, habe mehr oder weniger absichtlich den einen oder anderen vermeintlichen Pflichtfilm ausgelassen, ohne es zu bereuen. Dafür habe ich mein Heimkino aufgerüstet, also die Glotze endlich smart gemacht (die abenteuerliche Geschichte dazu könnt Ihr hier nachlesen). Und das hat mein Fernsehverhalten deutlich verändert.

Linearfernsehen ist Geschichte. Nur sehr, sehr selten riskiere ich mal wieder einen raschen Blick ins Angebot der Öffentlich-Rechtlichen – und dann über die App des „Fire TV Sticks“. Zuletzt übrigens, als ZDFneo den Piloten der Miniserie „Tempel“ in die Mediathek gestellt hatte. Besonders viel lässt sich dazu noch nicht sagen, aber die erste Runde des Boxer-Dramas mit Ken Duken war durchaus sehenswert.

Das galt natürlich auch für das Comeback von „Sherlock“. Comeback? Tatsächlich klaffen zwischen den einzelnen Blöcken der Kultserie derart große zeitliche Lücken, dass man praktisch jedesmal von einer Rückkehr sprechen kann. „Die Braut des Grauens“ war eine relativ aufwändig gedrehte Einzelgeschichte, noch dazu leicht überfrachtet mit einer Zeitreise, die keine war… oder doch? Man wünscht sich jedenfalls, dass die Produzenten die Zeit bis zu den nächsten neuen Folgen nutzen, um sich darauf zu besinnen, was vor allem die ersten Teile so großartig gemacht hat. Zuletzt gerieten die Abenteuer des Meisterdetektivs bisweilen doch arg selbstverliebt.

Selbst den „Tatort“ habe ich in diesem Jahr häufiger ausgelassen als gewohnt – und das, obwohl sich unsere sonntägliche Twitter-Begleitung des jeweils neuen Falls unter @kartoffelsitz zunehmender Beliebtheit erfreut. Das zweite „Taxi nach Leipzig“ – die 1000. Folge der Reihe – war natürlich gesetzt und erwies sich als grandioser Fernsehkrimi, dem Anlass durchaus würdig. Und selbstverständlich halte ich Faber die Treue – wenn der kaputte Einzelgänger durch Dortmund streift, sitze ich im Fernsehsessel.

Auch der SchleFaZ auf Tele 5 findet mein Wohlwollen – in den vergangenen Monaten allerdings nur einmal. Und das ausgerechnet bei „Sharknado 4“, der ja eigentlich gar kein Trash ist, sondern bewusst für die Zielgruppe produziert. Laune macht das bekloppte Fisch-Gemetzel trotzdem, selbst in der vierten Auflage noch. Ob ich eine fünfte brauche, bin ich allerdings nicht ganz sicher.

Beim Gedanken an SchleFaZ-Altvater Oliver Kalkofe fällt mir eine Serie ein, die ich in dieser Aufzählung fast vergessen hätte: Mit „Morgen hör ich auf“ versuchte sich Kalkmans in Ungnade gefallener Sidekick Bastian Pastewka nach dem endgültigen Aus für „Tripple WixXx“ und der zugrunde liegenden Freundschaft als ernstzunehmender Schauspieler. Kirsten hat ja hier bereits erklärt, warum das ZDF sich mit der Marketing-Idee, den Fünfteiler als „das deutsche Breaking Bad“ zu verkaufen, keinen Gefallen getan hat. Ich persönlich warte bei Pastewka irgendwie immer auf eine Pointe, die es in diesem Fall natürlich nicht gab. Das liegt nicht an ihm (er macht seinen Job als überforderter Verlierer wirklich gut), sondern an mir. Zu tief sitzt der Schmerz, dass ich auf eine achte Staffel seiner Serie „Pastewka“ wohl vergeblich warte.

Schau ich mir halt die alten Folgen wieder und wieder auf Netflix an. Der Bezahlfernsehen-Riese hat in mir ohnehin einen treuen Kunden gefunden. Die vierte Staffel von „Orange Is The New Black“ hat mich wie erwartet aus den Socken gehauen – warum ich ein Fan bin, habe ich hier ja bereits ausführlich erläutert. Ebenfalls beeindruckt hat mich „Stranger Things“, eine Serie, der ich den unfassbaren Erfolg wirklich gönne. Der unheimliche Trip in die 80er ist liebevoll gemacht, hat tolle Schauspieler und relativ gute Spezialeffekte. (Zur spoilerfreien Rezension geht es hier entlang.)

Nicht ganz so mitgerissen wurde ich leider von „Marvel’s Luke Cage“. Zu bleischwer stampfte der Ghetto-Verteidiger durch sein Viertel, zu betulich wird seine Geschichte erzählt. Wie ich hier bereits dargelegt habe, habe ich die 13 Folgen eigentlich nur ertragen, damit mir als beinhartem MCU-Fanatiker nichts entgeht, was für die Entwicklung der Saga wichtig sein könnte. Schade, da wäre mehr drin gewesen.

Auch Amazon Video darf sich freuen, in mir einen Anhänger gefunden zu haben. Vor allem die lizensierten Serien aus dem Hause AMC haben es mir angetan – dort traut man sich in der Regel, den entscheidenden Schritt weiter zu gehen, weiter in Richtung Kinostil, aber auch in Richtung Gewalt und Witz. „Preacher“ beispielsweise wurde den Vorschusslorbeeren tatsächlich gerecht: Die Story um den schlagkräftigen Geistlichen und seine mörderischen Partner brauchte ein wenig, um Fahrt aufzunehmen, fesselte dann jedoch mit drastischen Szenen und schwarzem Humor. Mit ersteren geizen natürlich auch „The Walking Dead“ und der Ableger „Fear The Walking Dead“ nicht. Leider kommt die Mutterserie mit Staffel 7 etwas fußlahm im Leerlauf daher – Kirsten bringt es hier auf den Punkt. Dafür punktete die Tochter vor allem in der zweiten Hälfte ihrer zweiten Staffel mit grandiosen Ideen und Entwicklungen, die auch langjährige Beobachter der Untoten so noch nicht gesehen haben dürften. Hier erkläre ich das etwas genauer.

„Lucifer“ fand ich recht unterhaltsam, wenngleich es mit der Comic-Vorlage nicht mehr viel zu tun hat. Letztlich ist der Einsatz des Gehörnten als Aushilfs-Cop in der Stadt der Engel jedoch kaum aufregender als all die klassischen Krimiserien, die bei uns im Privatfernsehen laufen. Oder anders: Diese teuflische Variante von „The Mentalist“ ist nicht direkt höllisch scharf. (Meine Kritik dazu und zu „Preacher“ kann man hier nochmal nachlesen.) Ähnliches gilt für „The Night Manager“, wobei die Miniserie eigentlich alles richtig macht: mit Hugh Laurie und Tom Hiddleston großartig besetzt, gedreht an Originalschauplätzen, sorgfältig inszeniert – und stinklangweilig. Ich bin einfach kein Fan von John le Carré, und diese sechs Folgen haben es nicht geschafft, etwas daran zu ändern.

Mein persönlicher Höhepunkt des Fernsehjahres war trotz aller berechtigten Kritik, dass die X-Akten wieder geöffnet wurden. Die zehnte Staffel von „The X-Files“ haben wir hier, hier und hier bereits episch gewürdigt, daher soll es an dieser Stelle dabei belassen werden: Es war nicht alles perfekt, aber wenn es gut war, war es großartig. Wie das mit langen Beziehungen nun mal so ist.

Auf den letzten Drücker hat mich Kirsten noch mit „Designated Survivor“ angefixt, das auf Netflix läuft. Kiefer Sutherland spielt den unfreiwilligen US-Präsidenten Tom Kirkman als Antithese zu Kevin Spaceys Frank Underwood („House Of Cards“) – macht süchtig und hält die Spannung des ersten halben Dutzend Folgen hoffentlich über die volle Distanz von 22.

Zwei Serien, in die ich nur reingeschaut habe, sind „The Shannara Chronicles“ und „Legends Of Tomorrow“. Während mir die Verfilmung der Romanreihe von Terry Brooks etwas zu sehr auf eine juvenile Zuschauerschaft zugeschnitten zu sein schien, war mir die neueste Serie aus dem DC-Fernseh-Universum ein bisschen zu bunt. Sicher, sämtliche TV-Reihen des Comic-Verlags scheuen sich nicht davor, eine überdrehte Alternative zur eher düsteren Ausrichtung des ewigen Konkurrenten Marvel anzubieten. Aber im Vergleich zu „Arrow“ oder „Flash“ sind die Zeitreisen der zusammengewürfelten Zweitligisten doch ein bisschen sehr hysterisch geraten, ganz im Geiste ihrer Vorlage. Sollte es sie demnächst als Teil meiner Amazon- oder Netflix-Abos geben, hole ich sie gerne nach. Bis dahin kann ich als Marvel-Fanboy zunächst verzichten.

Apropos DC (und damit blicken wir zurück auf das Kinojahr): 2016 habe ich den schlechtesten Film aller Zeiten gesehen – sein Name ist „Batman v Superman: Dawn Of Justice“. Die ersten zehn Minuten lang war ich noch ganz angetan davon, was uns da als Fortsetzung von „Man Of Steel“ präsentiert wurde. Aber mit fortschreitender Handlung wurde ich zunehmend fassungsloser: Ich begreife einfach nicht, wie etwas derart Unterirdisches es auf die große Leinwand schaffen konnte. Das Drehbuch ist eine einzige Aneinanderreihung von Logiklöchern, keiner der Charaktere tut auch nur im Ansatz etwas Nachvollziehbares, die Inszenierung ist so ungelenk wie unstrukturiert – kurz: Dieser Drecksfilm ist ein derart hemmungsloses Fiasko, dass ich quasi seit Verlassen des Kinosaals aus dem Kopfschütteln nicht mehr herauskomme. Und nein, ich richte nicht deshalb so gnadenlos, weil ich dieses „düstere Meisterwerk“ nicht verstanden habe (so argumentieren nämlich die wenigen zufriedenen Zuschauer gern). Sondern weil dieser Schlag ins Gesicht eines jeden normal begabten Kinobesuchers es einfach nicht besser verdient hat. Grandiose Grütze, völlig zurecht nicht der erhoffte kommerzielle Erfolg und ebenso zurecht mit Folgen für die weiteren Kinopläne des Hauses DC. Ich bin auf jeden Fall raus, was künftige Filme dieser Reihe angeht. (Lest ruhig nochmal hier meinen Verriss und gönnt euch ein paar der 4738 vernichtenden Kritiken auf YouTube.)

Nun würde ich natürlich in diesem Zusammenhang gerne berichten, dass Marvel es besser, vielleicht sogar alles richtig gemacht hat. Aber leider wäre das gelogen. Allerdings muss man differenzieren: Das MCU bleibt weiterhin unangetastet. Wir sprechen über das größte Kino- und Fernsehprojekt in der Geschichte der bewegten Bilder – das ist bereits jetzt Legende, und nach wie vor gibt es daran allenfalls Kleinigkeiten zu bekritteln. Während DC den finsteren Flattermann und den außerirdischen Pfadfinder aufeinanderhetzte, brachte Marvel in „The First Avenger: Civil War“ praktisch alle seine bisher auf der Leinwand etablierten Helden in Stellung. Nur Thor und der Hulk gönnen sich eine Auszeit – vermutlich wäre die Schlacht sonst zu schnell entschieden. Die Hintergründe für den Konflikt unter den Avengers werden glaubhaft dargestellt, alle Beteiligten wissen, was sie tun – und die finale Auseinandersetzung machte aus mir einen glücklichen Zwölfjährigen. Einzig die Frage, weshalb Marvel seinen Bürgerkrieg als Fortsetzung der Captain-America-Filme verkauft, bleibt ungeklärt. (Bitte hier entlang zur ausführlichen Besprechung.)

Der zweite MCU-Film in diesem Jahr war „Doctor Strange“. Wie ich hier bereits beschrieben habe, gibt Benedict „Sherlock“ Cumberbatch den zaubernden Mediziner erwartungsgemäß stilsicher. Hinzu kommen fantastische Bilder, die einmal mehr vieles von dem, was Genrefans bislang auf der Leinwand gesehen haben, überbieten. Sollte man am besten in 3D und mit Dolby Atmos gucken (und sich eventuell vorher etwas gegen Seekrankheit einwerfen). So kann es gerne weitergehen auf dem Weg zu den „Infinity Wars“. Und ich bin sicher: Das wird es.

Nicht alle Comichelden aus dem Marvel-Verlag sind in den hauseigenen Filmen zu sehen. Die X-Men und alles, was mit dem Thema „Mutation“ zusammenhängt, werden von 20th Century Fox zum Leben erweckt. Und bislang geschah das durchaus sehenswert: Zwar pfiffen die Produzenten mit zunehmender Laufzeit der Mutantensaga auf ein zusammenhängendes Konzept und innere Logik, dennoch kam stets ein weiteres überzeugendes Abenteuer von Professor X und seinen Schülern dabei heraus. Es fällt mir schwer, das zuzugeben: Das hat nun ein Ende. „X-Men: Apocalypse“ macht seinem Namen auf unfreiwillige Weise alle Ehre. Ich hatte angesichts der wirren, lauten Trailer bereits Bedenken und schaute mir zum ersten Mal einen X-Men-Film nicht im Kino, sondern später auf Blu-ray an. Und um es kurz zu machen: Das genügt auch völlig. Es knallt und zischt, passieren tut nischt – jedes bisschen an Charme und Sozialkritik (zwei wichtige Eckpfeiler der Mutantenabenteuer) wird durch wüste Actionszenen beiseite gewischt. Das Ganze kommt derart seelenlos daher, dass man fast hofft, der fürs Frühjahr angekündigte „Logan“ möge der letzte Film der Reihe sein. (Zumal er in einer anderen Zeitlinie spielt – Konzept, Logik, Ihr wisst schon…) Das Beste wäre es, Marvel würde übernehmen, damit zusammenwächst, was zusammen gehört.

Das wird allerdings auf absehbare Zeit nicht passieren, und das ist schade, aber schön. Denn der Grund dafür ist ein Film, der im X-Men-Universum spielt, allerdings als dreckiger kleiner Bruder des überkandidelten „Weltuntergangs“ daherkommt: „Deadpool“ war der Überraschungshit des Kinojahres. Und das völlig zurecht. Mit einem erstaunlich niedrigen Budget und einem noch niedrigeren Verständnis von Moral inszenierten die Produzenten einen lustigen und brutalen, charmanten und anarchistischen Thriller, der die Messlatte für Gewaltdarstellungen im Superhelden-Genre mal eben ein paar Meter nach oben wuchtete. Es ist zu erwarten, dass bereits Blut spritzt, wenn „Logan“ zuschlägt, denn ähnlich wie Wolverine gehört Deadpool zu den brutaleren Zeitgenossen unter den maskierten Verbrecherjägern. Der quasselnde Söldner wurde derart adäquat ins Kino geschossen, dass man nur inständig hoffen kann, dass für die gesicherte Fortsetzung nichts an dieser Ausrichtung geändert wird. Genau so muss man das machen und auf keinen Fall anders.

So etwas Ähnliches dachte ich auch, als ich das Kino verließ, nachdem ich „Star Trek Beyond“ gesehen hatte. Erst später kam mir der Gedanke, dass man doch ein bisschen was an der Fortsetzung des Reboots aussetzen könnte: Die Story vom Kampf der Kirk-Crew gegen einen mysteriösen Despoten ist ein klein wenig zu geradlinig und fühlt sich daher etwas zu sehr nach einer sehr aufwändigen Serienfolge an. Wobei ich auch verstehen könnte, wenn jemand gerade diesen Aspekt als positiv wahrnimmt. Meine ausführliche Rezension gibt es hier – natürlich ist das immer noch Star Trek, also von Haus aus großartig, vielleicht sogar etwas mehr als beim ersten „neuen“ Film.

Mein letzter Kinobesuch in diesem Jahr wird wohl „Rogue One: A Star Wars Story“ werden. Ich bin ein wenig skeptisch, immerhin reden wir hier über ein Prequel zu jenem Filmklassiker, der für mich immer „Krieg der Sterne“ heißen wird, „A New Hope“ hin, „Episode IV“ her. Was, wenn mir die Figuren ans Herz wachsen? Dann sehe ich sie trotzdem nie wieder, denn in den folgenden Filmen spielen sie ja keine Rolle. Und warum ist die Protagonistin schon wieder ein toughes Mädchen? Sollen damit die neuen Fans eingefangen werden? Ich lasse mich überraschen und rechne zumindest mit großartiger Optik. Während ich mich deutlich mehr auf „Episode VIII“ freue – also auf nächstes Jahr.