3 Dez

2016 – so war’s: Legenden, Loser und ein bisschen Leerlauf

unbenanntOhne gleich an Anfang des Endes die Luft rausnehmen zu wollen: Besonders aufregend war es nicht, das viel gescholtene Jahr 2016. Ich war relativ selten im Kino, habe mehr oder weniger absichtlich den einen oder anderen vermeintlichen Pflichtfilm ausgelassen, ohne es zu bereuen. Dafür habe ich mein Heimkino aufgerüstet, also die Glotze endlich smart gemacht (die abenteuerliche Geschichte dazu könnt Ihr hier nachlesen). Und das hat mein Fernsehverhalten deutlich verändert.

Linearfernsehen ist Geschichte. Nur sehr, sehr selten riskiere ich mal wieder einen raschen Blick ins Angebot der Öffentlich-Rechtlichen – und dann über die App des „Fire TV Sticks“. Zuletzt übrigens, als ZDFneo den Piloten der Miniserie „Tempel“ in die Mediathek gestellt hatte. Besonders viel lässt sich dazu noch nicht sagen, aber die erste Runde des Boxer-Dramas mit Ken Duken war durchaus sehenswert.

Das galt natürlich auch für das Comeback von „Sherlock“. Comeback? Tatsächlich klaffen zwischen den einzelnen Blöcken der Kultserie derart große zeitliche Lücken, dass man praktisch jedesmal von einer Rückkehr sprechen kann. „Die Braut des Grauens“ war eine relativ aufwändig gedrehte Einzelgeschichte, noch dazu leicht überfrachtet mit einer Zeitreise, die keine war… oder doch? Man wünscht sich jedenfalls, dass die Produzenten die Zeit bis zu den nächsten neuen Folgen nutzen, um sich darauf zu besinnen, was vor allem die ersten Teile so großartig gemacht hat. Zuletzt gerieten die Abenteuer des Meisterdetektivs bisweilen doch arg selbstverliebt.

Selbst den „Tatort“ habe ich in diesem Jahr häufiger ausgelassen als gewohnt – und das, obwohl sich unsere sonntägliche Twitter-Begleitung des jeweils neuen Falls unter @kartoffelsitz zunehmender Beliebtheit erfreut. Das zweite „Taxi nach Leipzig“ – die 1000. Folge der Reihe – war natürlich gesetzt und erwies sich als grandioser Fernsehkrimi, dem Anlass durchaus würdig. Und selbstverständlich halte ich Faber die Treue – wenn der kaputte Einzelgänger durch Dortmund streift, sitze ich im Fernsehsessel.

Auch der SchleFaZ auf Tele 5 findet mein Wohlwollen – in den vergangenen Monaten allerdings nur einmal. Und das ausgerechnet bei „Sharknado 4“, der ja eigentlich gar kein Trash ist, sondern bewusst für die Zielgruppe produziert. Laune macht das bekloppte Fisch-Gemetzel trotzdem, selbst in der vierten Auflage noch. Ob ich eine fünfte brauche, bin ich allerdings nicht ganz sicher.

Beim Gedanken an SchleFaZ-Altvater Oliver Kalkofe fällt mir eine Serie ein, die ich in dieser Aufzählung fast vergessen hätte: Mit „Morgen hör ich auf“ versuchte sich Kalkmans in Ungnade gefallener Sidekick Bastian Pastewka nach dem endgültigen Aus für „Tripple WixXx“ und der zugrunde liegenden Freundschaft als ernstzunehmender Schauspieler. Kirsten hat ja hier bereits erklärt, warum das ZDF sich mit der Marketing-Idee, den Fünfteiler als „das deutsche Breaking Bad“ zu verkaufen, keinen Gefallen getan hat. Ich persönlich warte bei Pastewka irgendwie immer auf eine Pointe, die es in diesem Fall natürlich nicht gab. Das liegt nicht an ihm (er macht seinen Job als überforderter Verlierer wirklich gut), sondern an mir. Zu tief sitzt der Schmerz, dass ich auf eine achte Staffel seiner Serie „Pastewka“ wohl vergeblich warte.

Schau ich mir halt die alten Folgen wieder und wieder auf Netflix an. Der Bezahlfernsehen-Riese hat in mir ohnehin einen treuen Kunden gefunden. Die vierte Staffel von „Orange Is The New Black“ hat mich wie erwartet aus den Socken gehauen – warum ich ein Fan bin, habe ich hier ja bereits ausführlich erläutert. Ebenfalls beeindruckt hat mich „Stranger Things“, eine Serie, der ich den unfassbaren Erfolg wirklich gönne. Der unheimliche Trip in die 80er ist liebevoll gemacht, hat tolle Schauspieler und relativ gute Spezialeffekte. (Zur spoilerfreien Rezension geht es hier entlang.)

Nicht ganz so mitgerissen wurde ich leider von „Marvel’s Luke Cage“. Zu bleischwer stampfte der Ghetto-Verteidiger durch sein Viertel, zu betulich wird seine Geschichte erzählt. Wie ich hier bereits dargelegt habe, habe ich die 13 Folgen eigentlich nur ertragen, damit mir als beinhartem MCU-Fanatiker nichts entgeht, was für die Entwicklung der Saga wichtig sein könnte. Schade, da wäre mehr drin gewesen.

Auch Amazon Video darf sich freuen, in mir einen Anhänger gefunden zu haben. Vor allem die lizensierten Serien aus dem Hause AMC haben es mir angetan – dort traut man sich in der Regel, den entscheidenden Schritt weiter zu gehen, weiter in Richtung Kinostil, aber auch in Richtung Gewalt und Witz. „Preacher“ beispielsweise wurde den Vorschusslorbeeren tatsächlich gerecht: Die Story um den schlagkräftigen Geistlichen und seine mörderischen Partner brauchte ein wenig, um Fahrt aufzunehmen, fesselte dann jedoch mit drastischen Szenen und schwarzem Humor. Mit ersteren geizen natürlich auch „The Walking Dead“ und der Ableger „Fear The Walking Dead“ nicht. Leider kommt die Mutterserie mit Staffel 7 etwas fußlahm im Leerlauf daher – Kirsten bringt es hier auf den Punkt. Dafür punktete die Tochter vor allem in der zweiten Hälfte ihrer zweiten Staffel mit grandiosen Ideen und Entwicklungen, die auch langjährige Beobachter der Untoten so noch nicht gesehen haben dürften. Hier erkläre ich das etwas genauer.

„Lucifer“ fand ich recht unterhaltsam, wenngleich es mit der Comic-Vorlage nicht mehr viel zu tun hat. Letztlich ist der Einsatz des Gehörnten als Aushilfs-Cop in der Stadt der Engel jedoch kaum aufregender als all die klassischen Krimiserien, die bei uns im Privatfernsehen laufen. Oder anders: Diese teuflische Variante von „The Mentalist“ ist nicht direkt höllisch scharf. (Meine Kritik dazu und zu „Preacher“ kann man hier nochmal nachlesen.) Ähnliches gilt für „The Night Manager“, wobei die Miniserie eigentlich alles richtig macht: mit Hugh Laurie und Tom Hiddleston großartig besetzt, gedreht an Originalschauplätzen, sorgfältig inszeniert – und stinklangweilig. Ich bin einfach kein Fan von John le Carré, und diese sechs Folgen haben es nicht geschafft, etwas daran zu ändern.

Mein persönlicher Höhepunkt des Fernsehjahres war trotz aller berechtigten Kritik, dass die X-Akten wieder geöffnet wurden. Die zehnte Staffel von „The X-Files“ haben wir hier, hier und hier bereits episch gewürdigt, daher soll es an dieser Stelle dabei belassen werden: Es war nicht alles perfekt, aber wenn es gut war, war es großartig. Wie das mit langen Beziehungen nun mal so ist.

Auf den letzten Drücker hat mich Kirsten noch mit „Designated Survivor“ angefixt, das auf Netflix läuft. Kiefer Sutherland spielt den unfreiwilligen US-Präsidenten Tom Kirkman als Antithese zu Kevin Spaceys Frank Underwood („House Of Cards“) – macht süchtig und hält die Spannung des ersten halben Dutzend Folgen hoffentlich über die volle Distanz von 22.

Zwei Serien, in die ich nur reingeschaut habe, sind „The Shannara Chronicles“ und „Legends Of Tomorrow“. Während mir die Verfilmung der Romanreihe von Terry Brooks etwas zu sehr auf eine juvenile Zuschauerschaft zugeschnitten zu sein schien, war mir die neueste Serie aus dem DC-Fernseh-Universum ein bisschen zu bunt. Sicher, sämtliche TV-Reihen des Comic-Verlags scheuen sich nicht davor, eine überdrehte Alternative zur eher düsteren Ausrichtung des ewigen Konkurrenten Marvel anzubieten. Aber im Vergleich zu „Arrow“ oder „Flash“ sind die Zeitreisen der zusammengewürfelten Zweitligisten doch ein bisschen sehr hysterisch geraten, ganz im Geiste ihrer Vorlage. Sollte es sie demnächst als Teil meiner Amazon- oder Netflix-Abos geben, hole ich sie gerne nach. Bis dahin kann ich als Marvel-Fanboy zunächst verzichten.

Apropos DC (und damit blicken wir zurück auf das Kinojahr): 2016 habe ich den schlechtesten Film aller Zeiten gesehen – sein Name ist „Batman v Superman: Dawn Of Justice“. Die ersten zehn Minuten lang war ich noch ganz angetan davon, was uns da als Fortsetzung von „Man Of Steel“ präsentiert wurde. Aber mit fortschreitender Handlung wurde ich zunehmend fassungsloser: Ich begreife einfach nicht, wie etwas derart Unterirdisches es auf die große Leinwand schaffen konnte. Das Drehbuch ist eine einzige Aneinanderreihung von Logiklöchern, keiner der Charaktere tut auch nur im Ansatz etwas Nachvollziehbares, die Inszenierung ist so ungelenk wie unstrukturiert – kurz: Dieser Drecksfilm ist ein derart hemmungsloses Fiasko, dass ich quasi seit Verlassen des Kinosaals aus dem Kopfschütteln nicht mehr herauskomme. Und nein, ich richte nicht deshalb so gnadenlos, weil ich dieses „düstere Meisterwerk“ nicht verstanden habe (so argumentieren nämlich die wenigen zufriedenen Zuschauer gern). Sondern weil dieser Schlag ins Gesicht eines jeden normal begabten Kinobesuchers es einfach nicht besser verdient hat. Grandiose Grütze, völlig zurecht nicht der erhoffte kommerzielle Erfolg und ebenso zurecht mit Folgen für die weiteren Kinopläne des Hauses DC. Ich bin auf jeden Fall raus, was künftige Filme dieser Reihe angeht. (Lest ruhig nochmal hier meinen Verriss und gönnt euch ein paar der 4738 vernichtenden Kritiken auf YouTube.)

Nun würde ich natürlich in diesem Zusammenhang gerne berichten, dass Marvel es besser, vielleicht sogar alles richtig gemacht hat. Aber leider wäre das gelogen. Allerdings muss man differenzieren: Das MCU bleibt weiterhin unangetastet. Wir sprechen über das größte Kino- und Fernsehprojekt in der Geschichte der bewegten Bilder – das ist bereits jetzt Legende, und nach wie vor gibt es daran allenfalls Kleinigkeiten zu bekritteln. Während DC den finsteren Flattermann und den außerirdischen Pfadfinder aufeinanderhetzte, brachte Marvel in „The First Avenger: Civil War“ praktisch alle seine bisher auf der Leinwand etablierten Helden in Stellung. Nur Thor und der Hulk gönnen sich eine Auszeit – vermutlich wäre die Schlacht sonst zu schnell entschieden. Die Hintergründe für den Konflikt unter den Avengers werden glaubhaft dargestellt, alle Beteiligten wissen, was sie tun – und die finale Auseinandersetzung machte aus mir einen glücklichen Zwölfjährigen. Einzig die Frage, weshalb Marvel seinen Bürgerkrieg als Fortsetzung der Captain-America-Filme verkauft, bleibt ungeklärt. (Bitte hier entlang zur ausführlichen Besprechung.)

Der zweite MCU-Film in diesem Jahr war „Doctor Strange“. Wie ich hier bereits beschrieben habe, gibt Benedict „Sherlock“ Cumberbatch den zaubernden Mediziner erwartungsgemäß stilsicher. Hinzu kommen fantastische Bilder, die einmal mehr vieles von dem, was Genrefans bislang auf der Leinwand gesehen haben, überbieten. Sollte man am besten in 3D und mit Dolby Atmos gucken (und sich eventuell vorher etwas gegen Seekrankheit einwerfen). So kann es gerne weitergehen auf dem Weg zu den „Infinity Wars“. Und ich bin sicher: Das wird es.

Nicht alle Comichelden aus dem Marvel-Verlag sind in den hauseigenen Filmen zu sehen. Die X-Men und alles, was mit dem Thema „Mutation“ zusammenhängt, werden von 20th Century Fox zum Leben erweckt. Und bislang geschah das durchaus sehenswert: Zwar pfiffen die Produzenten mit zunehmender Laufzeit der Mutantensaga auf ein zusammenhängendes Konzept und innere Logik, dennoch kam stets ein weiteres überzeugendes Abenteuer von Professor X und seinen Schülern dabei heraus. Es fällt mir schwer, das zuzugeben: Das hat nun ein Ende. „X-Men: Apocalypse“ macht seinem Namen auf unfreiwillige Weise alle Ehre. Ich hatte angesichts der wirren, lauten Trailer bereits Bedenken und schaute mir zum ersten Mal einen X-Men-Film nicht im Kino, sondern später auf Blu-ray an. Und um es kurz zu machen: Das genügt auch völlig. Es knallt und zischt, passieren tut nischt – jedes bisschen an Charme und Sozialkritik (zwei wichtige Eckpfeiler der Mutantenabenteuer) wird durch wüste Actionszenen beiseite gewischt. Das Ganze kommt derart seelenlos daher, dass man fast hofft, der fürs Frühjahr angekündigte „Logan“ möge der letzte Film der Reihe sein. (Zumal er in einer anderen Zeitlinie spielt – Konzept, Logik, Ihr wisst schon…) Das Beste wäre es, Marvel würde übernehmen, damit zusammenwächst, was zusammen gehört.

Das wird allerdings auf absehbare Zeit nicht passieren, und das ist schade, aber schön. Denn der Grund dafür ist ein Film, der im X-Men-Universum spielt, allerdings als dreckiger kleiner Bruder des überkandidelten „Weltuntergangs“ daherkommt: „Deadpool“ war der Überraschungshit des Kinojahres. Und das völlig zurecht. Mit einem erstaunlich niedrigen Budget und einem noch niedrigeren Verständnis von Moral inszenierten die Produzenten einen lustigen und brutalen, charmanten und anarchistischen Thriller, der die Messlatte für Gewaltdarstellungen im Superhelden-Genre mal eben ein paar Meter nach oben wuchtete. Es ist zu erwarten, dass bereits Blut spritzt, wenn „Logan“ zuschlägt, denn ähnlich wie Wolverine gehört Deadpool zu den brutaleren Zeitgenossen unter den maskierten Verbrecherjägern. Der quasselnde Söldner wurde derart adäquat ins Kino geschossen, dass man nur inständig hoffen kann, dass für die gesicherte Fortsetzung nichts an dieser Ausrichtung geändert wird. Genau so muss man das machen und auf keinen Fall anders.

So etwas Ähnliches dachte ich auch, als ich das Kino verließ, nachdem ich „Star Trek Beyond“ gesehen hatte. Erst später kam mir der Gedanke, dass man doch ein bisschen was an der Fortsetzung des Reboots aussetzen könnte: Die Story vom Kampf der Kirk-Crew gegen einen mysteriösen Despoten ist ein klein wenig zu geradlinig und fühlt sich daher etwas zu sehr nach einer sehr aufwändigen Serienfolge an. Wobei ich auch verstehen könnte, wenn jemand gerade diesen Aspekt als positiv wahrnimmt. Meine ausführliche Rezension gibt es hier – natürlich ist das immer noch Star Trek, also von Haus aus großartig, vielleicht sogar etwas mehr als beim ersten „neuen“ Film.

Mein letzter Kinobesuch in diesem Jahr wird wohl „Rogue One: A Star Wars Story“ werden. Ich bin ein wenig skeptisch, immerhin reden wir hier über ein Prequel zu jenem Filmklassiker, der für mich immer „Krieg der Sterne“ heißen wird, „A New Hope“ hin, „Episode IV“ her. Was, wenn mir die Figuren ans Herz wachsen? Dann sehe ich sie trotzdem nie wieder, denn in den folgenden Filmen spielen sie ja keine Rolle. Und warum ist die Protagonistin schon wieder ein toughes Mädchen? Sollen damit die neuen Fans eingefangen werden? Ich lasse mich überraschen und rechne zumindest mit großartiger Optik. Während ich mich deutlich mehr auf „Episode VIII“ freue – also auf nächstes Jahr.

19 Nov

Eine Pause von den laufenden Toten

Ich fühlte mich fast ein bisschen aussätzig in den vergangenen Jahren, wenn ich auf Facebook und Twitter stets sämtliche Staffeln von The Walking Dead verteidigte.

Nein, das ist nicht langweilig. Doch, da gibt es eine Charakterentwicklung. Nein, die Handlung wiederholt sich genau genommen nicht. Ja, ich hätte auch gerne, dass sie endlich in Washington ankommen, aber die Geschichte ist immer noch spannend. 

Gebannt saß ich auch bei den Staffeln 4, 5 und 6 vor der Glotze und bingte die Folgen nur so weg. Ich wollte unbedingt wissen, wie es weitergeht. Mir war einfach nicht klar, wie man das langweilig finden konnte. Klar, genau genommen, ist das Schema immer das Gleiche. Die Gruppe findet eine sichere Zuflucht, dann kommen böse Menschen, dann kommen viele Walker, dann gibt es Tote. Man begibt sich auf die Suche nach der nächsten Zuflucht und der Kreislauf beginnt von vorne.

Es gab ein paar Folgen, die ich tatsächlich auch damals schon extrem langweilig fand. Als die Autoren die Gruppe trennten und sich alle unabhängig voneinander auf den Weg nach Terminus machten, bin ich vor Langeweile auf dem Sofa fast eingegangen. Die Geschichte ging in Zeitlupentempo voran, aber ich hatte Vertrauen, und das Vertrauen wurde belohnt. Ja, es wurde wieder spannend.

Am Ende der sechsten Staffel jedoch, als ich erstmals den Trailer für den Auftakt der siebten Staffel sah, dachte ich zum ersten Mal: What the fuck?

Da ist Negan, okay, ein wirklich böser Mensch, noch böser als der Governor, weil völlig skrupellos und empathielos. Gut, war klar, es muss ja immer böser, skrupelloser, brutaler und abgefahrener werden, wie will man sich sonst in den kommenden Jahren noch steigern?

Dann tauchte der Tiger auf und ich schüttelte fassungslos den Kopf. Ernsthaft? Ich habe die Comics nie gelesen, sie interessieren mich auch jetzt überhaupt nicht. Es ist mir egal, ob der Tiger da auch auftaucht. Es ist einfach am Thema vorbei.

Weil ich diese Serie nun aber schon seit Jahren schaue, bin ich drangeblieben und habe mir die ersten beiden Folgen der siebten Staffel angesehen. Und zum ersten Mal denke ich: Geht es noch langweiliger? Immer und immer wieder die gleiche Geschichte. Nur brutaler muss es werden, damit die Leute nicht endgültig abschalten. Ja, ich bin vermutlich jetzt an dem Punkt, an dem andere schon vor Jahren waren. Vermutlich war es bei mir die Hoffnung auf irgendeine Neuerung.

Negans Grausamkeit ist vorhersehbar, berechenbar, unüberwindbar. Für eine lange Zeit wird Ricks Gruppe keine Chance haben, sich gegen Negan zur Wehr zu setzen. Und zum ersten Mal interessiert es mich nicht, wie sie es schaffen werden, wie lange es dauert und welche Opfer die Aktion fordern wird. Können wir bitte vorspulen?

Nach Folge eins wollte ich aber nicht aufgeben. Ein bisschen hat mich doch interessiert, was sich die Autoren für den weiteren Verlauf ausgedacht haben.

Also Folge zwei: an! Nach zehn Minuten wollte ich zum ersten Mal abschalten. Schon wieder wurde also die Gruppe getrennt, damit man die Geschichte schön in die Länge ziehen kann. Schon wieder gibt es mehrere Handlungsstränge, schon wieder sieht es so aus, als gäbe es keinen Ausweg.

Folge drei liegt seit sechs Tagen ungeguckt rum. Ich habe keine Lust. Ich weiß schon, wie es weitergeht.

Die Gruppe überlegt sich tolle Pläne. Menschen sterben. Negan bleibt ein Arschloch. Noch mehr Konflikte kochen hoch. Dummheiten passieren, Millionen Walker kommen aus dem Nichts vorbei und bedrohen Alexandria, irgendwas brennt ab. Maggie wird die Oberchefin.

Während sich in den sozialen Netzwerken alle überschlagen vor Begeisterung, weil sie hoffen, dass mit Königreich, Tiger und Negan jetzt alles besser wird, sitze ich da und denke: Ich brauche eine Pause. Ich mag nicht mehr weitergucken. Aber zum Glück muss ich das auch nicht.

31 Okt

Seltsame Reise für starke Mägen und helle Köpfe

Doctor StrangeDr. Stephen Strange (Benedict Cumberbatch – Sherlock Holmes in „Sherlock“) hat alles, was er will: reichlich Geld, ein flottes Auto, schicke Klamotten, eine nette Ex-Freundin (Rachel McAdams – die Freundin von Sherlock Holmes in „Sherlock Holmes“) und vor allem Erfolg im Beruf. Das arrogante Genie gilt als einer der besten Neurochirurgen der Welt, übernimmt jedoch mit Vorliebe jene Fälle, die ihn auf der Karriereleiter weiterbringen.

Unerwartet reißt ein schwerer Verkehrsunfall, den der Arzt selbst verschuldet hat, diesen aus seinem wohlgeordneten Leben. Seine Hände werden verletzt, er wird nie wieder arbeiten können. Unfähig, sich mit seinem Schicksal abzufinden, sucht Strange den Rat einer geheimnisvollen Frau (Tilda Swinton) in Tibet. Gemeinsam mit Meister Mordo (Chiwetel Ejiofor) und Bibliothekar Wong (Benedict Wong – nein, das ist kein Scherz) weiht sie den skeptischen Narziss in die Geheimnisse der Magie ein. Der kühle Logiker lernt, dass es mehr zwischen Himmel und Erde gibt, als er bislang ahnte. Und dass Erde und Himmel keine Grenzen darstellen. Sein neu gewonnenes Wissen muss Doctor Strange schnell anwenden: Der sinistre Kaecilius (Mads Mikkelsen), ein früherer Student der Ältesten, will dem Dämon Dormammu (Benedict Cumberbatch als „Max Headroom“) den Weg zur Erde ebnen. Gut, dass der Doktor verdammt clever ist. Und sein neuer Mantel verdammt schlagkräftig…

Alle paar Jahre erschüttert ein Film die Nerds dieser Welt mit völlig neuen Bildern. Als besonders markantes, weil erfolgreiches Beispiel sei „Matrix“ genannt, dessen visuelle Strahlkraft extrem stilprägend für die folgende Generation der Genrefilme war. Jahrelang flogen Pistolenkugeln nur noch in Zeitlupe. „Doctor Strange“ ist ein solcher Film.

Wer angesichts des wenig begeisternden Trailers eine „Inception“-Kopie erwartet, wird schon bald eines Besseren belehrt. Dieser Film stellt die Welt, wie wir sie kennen, nicht nur auf den Kopf oder kippt sie zur Seite. Er krempelt sie von innen nach außen, lässt sie explodieren und setzt sie neu zusammen. Es gibt Szenen, die man so ganz einfach noch nicht im Kino gesehen hat. Allenfalls in Fieberträumen. In 3D und mit Dolby Atmos braucht man mitunter einen starken Magen – es gibt keinen Fixpunkt, keinen Horizont, wenn der Doc durch die Dimensionen reist.

Grundsätzlich macht Marvel mal wieder alles richtig. Das MCU ist und bleibt der größte Abenteuerspielplatz der Filmgeschichte. Die Dialoge sitzen, haben Humor und Grips, die Charaktere sind gewohnt gut ausgearbeitet, der Showdown ist einer der ungewöhnlichsten seit langer Zeit. Und wer künftig an Doctor Strange denkt, denkt an Benedict Cumberbatch. Die Story um den geläuterten Egomanen, der zum zaubernden Beschützer der Welt wird, hält sich erwartet eng an die Comic-Vorlage von Stan Lee. (Der natürlich seinen üblichen Cameo-Auftritt hat.) Das bedeutet: Während man optisch in neue Welten vordringt, bleibt es in Sachen Drehbuch bei der klassischen origin story. Das ist aber völlig in Ordnung, denn diese verzahnt sich reibungslos mit den bisherigen Kinofilmen und Serienfolgen, und das will angesichts des Mammutprojekts schon etwas heißen. Ohnehin war nicht zu erwarten, dass Magie als Bestandteil des MCU tatsächlich funktioniert – tut sie aber. Stephen Strange ist charakterlich gar nicht so weit weg von Tony Stark (Robert Downey jr. – Sherlock Holmes in „Sherlock Holmes“), hat aber eine völlig andere Ausrichtung als der technikbegeisterte Milliardär. Es dürfte spannend werden, die beiden demnächst zusammen zu erleben.

31 Okt

Insert name here: Magnolia

Logo_testKlar: Mit Filmen und Serien kennen wir uns aus. Und doch haben Kartoffeln manchmal Löcher, Sitzkartoffeln also auch: Wissenslücken. Wer kennt schon jeden Klassiker? Wir jedenfalls nicht. Wollen wir aber. Also rufen wir uns gegenseitig die Titel von Meisterwerken der Filmgeschichte zu, die das Gegenüber noch nie gesehen hat. Und nun gucken muss – und darüber schreiben (natürlich ohne Google).

Kirsten rief: Magnolia.

Markus‘ erster Gedanke: What the frog?

Es werde Frösche regnen, kündigte Kirsten an, schwieg sich aber ansonsten natürlich über den Inhalt dieses mir völlig unbekannten Films aus. Ich ahnte also nicht, was mich in den folgenden drei Stunden erwarten würde.

Und auch danach kann ich leider nicht recht in Worte fassen, was ich gesehen habe. Während der ersten Viertelstunde hatte ich jedenfalls das dringende Bedürfnis, mir die Haut vom Gesicht und in kleine Fetzen zu reißen. Man hört nämlich ein sehr schönes Lied von Aimee Mann und darüber die Dialoge und Geräusche des Films – alles etwa gleichlaut. Dazu erzählt eine Stimme aus dem Off zunächst absurde Geschichten über merkwürdige, teils tödliche Zufälle, und die Protagonisten werden zwar nicht vorgestellt, aber zumindest gezeigt. Das alles überfordert selbst stabile Nervensysteme, meines jedoch lag nach etwa anderthalb Minuten in Trümmern. Zuviel Informationen, zu viele Töne übereinander, warum kann man den Film nicht einzeln gucken und das Lied gesondert hören, hab ich was am Blu-ray-Player falsch eingestellt, es nimmt kein Ende, ist der ganze Film so, Hilfe, holt mich hier raus!

Nach diesem extrem anstrengenden Intro, also nach einer gefühlten Ewigkeit, beginnt der eigentliche Film. Und der ist nicht viel weniger verwirrend. Ein alter Mann (Jason Robards) liegt im Sterben. Ein anderer alter Mann ist ebenfalls todkrank. Julianne Moore ist traurig und tablettensüchtig. Tom Cruise spielt einen unsympathischen Macho-Coach, William H. Macy einen unsympathischen ehemaligen Kinderstar, Philip Seymour Hoffman einen unsympathischen Krankenpfleger und John C. Reilly einen unsympathischen Polizisten. Ein Junge macht sich vor laufenden Fernsehkameras in die Hose. Es gibt Sex und Gewalt, meist ist es dunkel, es wird viel über den Tod und Gott geredet. Ich habe nicht die geringste Ahnung, wie all diesen Szenen und Figuren zusammenhängen, und ganz ehrlich: Ich habe den Film bis zum Schluss schlicht nicht verstanden.

Kurz vor besagtem Ende regnet es tatsächlich Frösche. Nicht metaphorisch, sondern ganz real. Eigentlich sogar extrem realistisch dargestellt, mit Blut und Glasscherben und so. Warum das passiert, kann ich natürlich nicht sagen, ich bin nicht mal sicher, ob das überhaupt erklärt wird beziehungsweise ob es von Bedeutung ist.

Ich schätze, ein paar der Protagonisten sind die Kinder der Figur von Jason Robards. Und John C. Reillys Cop verliebt sich in eine Junkie-Braut, vermutlich ebenfalls Teil der Familie.

Die Musik ist gut. Ich war überrascht, wie viele Lieder von Aimee Mann ich kannte, ohne zu wissen, dass sie von Aimee Mann sind. Unbedingt mal ohne diesen Film anhören.

Denn „Magnolia“ ist pure Folter. Oder etwas freundlicher formuliert: Dieser sicher gut gespielte und anspruchsvolle Film war die bislang größte Herausforderung für mich, seit wir „Insert name here“ gestartet haben. Zeitweise wollte ich ihn nicht einfach ausmachen, ich wollte weglaufen. Respekt für jeden, der ihn erträgt. Gerne nie wieder.

25 Okt

Insert name here: Notting Hill

Logo_testKlar: Mit Filmen und Serien kennen wir uns aus. Und doch haben Kartoffeln manchmal Löcher, Sitzkartoffeln also auch: Wissenslücken. Wer kennt schon jeden Klassiker? Wir jedenfalls nicht. Wollen wir aber. Also rufen wir uns gegenseitig die Titel von Meisterwerken der Filmgeschichte zu, die das Gegenüber noch nie gesehen hat. Und nun gucken muss – und darüber schreiben (natürlich ohne Google).

Kirsten rief: Notting Hill.

Markus‘ erster Gedanke: Hugh Grant, die alte Klimperfresse? (Würde Bastian Pastewka jetzt fragen.)

Das ist doch..? Klar, da singt Elvis Costello. Aber was zur Hölle singt er da? Das klingt derart zuckrig und pathetisch, dass es unmöglich eine Eigenkomposition sein kann. Vermutlich ein ironisch gemeintes Cover. Oder schlimmer noch: ein bewusst unironisches Cover. Auf jeden Fall hören wir die Stimme eines meiner alten Helden, während uns Hugh Grant aus dem Off erzählt, wo wir sind. Nämlich in Notting Hill.

Dort leben, so erfahren wir, lauter einst erfolgreiche Menschen, die lieber glückliche Menschen sein wollten. Deswegen machten sie sich in anderen Berufen selbstständig. Parallel dazu muss es in Notting Hill irgendeine Einrichtung geben, die diesen Leuten den Lebensunterhalt finanziert, denn obwohl permanent erwähnt wird, wie schlecht beispielsweise die Reisebuchhandlung des Protagonisten läuft, sind alle immer schick angezogen und leben in nett renovierten Altbauwohnungen. Man ahnt also bereits jetzt: Dies ist ein Märchen.

Selbiges lebt auch die zweite Hauptfigur, gespielt von Julia Roberts. Diese steht vor der Herausforderung, einen Hollywood-Star verkörpern zu müssen, und macht das erstaunlich charmant. Eines Tages betritt sie – leidlich getarnt mit Hut und Sonnenbrille – den Buchladen unseres Helden und kommt mit diesem ins Gespräch. Das findet vor allem er ganz gut, ist er doch ein großer Fan der Schönen. Sie findet offenbar ebenfalls Gefallen am schusseligen Briten, und zum Abschied küsst sie ihn. Soweit, so erwartbar. Was mich jedoch massiv stört: Natürlich ist Hugh Grant kein ungeschickter Typ, der stets das Falsche sagt, sondern er ist ein gut aussehender ungeschickter Typ, der auf sympathische Art stets das Falsche sagt. Das hier ist ein Märchen, schon vergessen?

Wann immer Grant dämlich guckt (und seine Rolle erfordert, dass er das alle paar Minuten tut), verspüre ich den Drang, ihm einen schweren Gegenstand über die sorgfältig zerwühlte Frisur zu ziehen. Beispielsweise einen Stuhl oder auch gern etwas Schwereres. Der weitere Verlauf der Geschichte ist rasch erzählt: Die beiden treffen sich wieder, sie lernt seine – problembeladene, aber selbstverständlich extrem einnehmende – Familie kennen, er kurz darauf ihren Freund (Alec Baldwin)… Ihren Freund? Ganz genau. Den hat sie im Eifer des verbalen Gefechts vermutlich völlig vergessen, auf jeden Fall aber nicht erwähnt. Diese Stars! Da guckt der Hugh nicht mehr dumm aus der Wäsche, sondern ganz traurig.

Natürlich können die zwei Verliebten nicht voneinander lassen, sie trennt sich, er tut alles, um sie doch noch zu überreden, die Seine zu werden. Für erstaunlich unterhaltsame Momente sorgen dabei seine erwähnte Familie (die es – versprochen – so nett wirklich nur im Märchen gibt) und sein walisischer Mitbewohner (Rhys Ifans). Der ist übrigens der Einzige in diesem Film, der nicht schick gekleidet ist, denn die lustige Nebenfigur trägt selbstverständlich lustige T-Shirts.

Wer zwischen den Zeilen liest, hat es längst bemerkt: Ich mache mich durchaus lustig darüber, dass dieser Film voller Klischees ist und konsequent auf einen Subtext verzichtet. Was mich allerdings überrascht: Gerade deshalb, gerade wegen der unaufgeregten und kein bisschen zynischen Erzählweise funktioniert „Notting Hill“ ganz hervorragend. Wie immer im Märchen geht natürlich alles gut aus, und ich ertappe mich dabei, wie ich mich darüber wirklich freue.

Ich bin ziemlich sicher, dass es Ende der 90er bereits Filme gab, die mit den hier benutzten Allgemeinplätzen gebrochen haben, die eine Metaebene unter eine derart romantische Handlung schoben, deren glücklicher Ausgang durch irgendetwas relativiert wurde… Aber muss das denn immer sein? Kann man sich nicht einfach mal von einer sicher schlichten, aber dicht erzählten Geschichte unterhalten lassen? Natürlich kann man, sollte man vielleicht sogar öfter mal. Außerdem: Die Dialoge sind lustig, die Darsteller souverän, die Musik passt immer – handwerklich läuft hier alles richtig. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann sitzen sie noch heute auf ihrer Holzbank und lesen.

9 Okt

Insert name here: Der Vorleser

Logo_testKlar: Mit Filmen und Serien kennen wir uns aus. Und doch haben Kartoffeln manchmal Löcher, Sitzkartoffeln also auch: Wissenslücken. Wer kennt schon jeden Klassiker? Wir jedenfalls nicht. Wollen wir aber. Also rufen wir uns gegenseitig die Titel von Meisterwerken der Filmgeschichte zu, die das Gegenüber noch nie gesehen hat. Und nun gucken muss – und darüber schreiben (natürlich ohne Google).

Kirsten rief: Der Vorleser.

Markus‘ erster Gedanke: Ah, das klingt nach Action – dem Titel nach irgendwas mit Verfolgungsjagden und Schießereien.

Ganz ehrlich: Wie man meinem ironischen ersten Gedanken entnehmen kann, hatte ich Vorurteile. Deswegen habe ich es auch sehr lange vor mir hergeschoben, mir den Film anzuschauen. Als ich das dann schließlich doch tat, wurde ich nicht enttäuscht. Oder eben doch. Aber der Reihe nach…

Der Film spielt auf mehreren Zeitebenen, zwischen den 50er und 90er Jahren. Die Geschichte in der Nachkriegszeit erzählt von einem Jugendlichen (David Kross), der sich erstmal übergibt. Dadurch lernt er eine etwas ältere Frau (Kate Winslet) kennen. Diese verführt ihn, und die beiden beginnen eine Affäre, die aus zwei Gründen ungewöhnlich ist: Erstens ist sie wie erwähnt älter als er (ich schätze ihn auf 16, sie auf Mitte 30) und zweitens gewöhnen sie sich an, dass er ihr vor dem Poppen etwas vorliest (das erklärt wohl auch den Titel des Films, sonst wäre dieser vielleicht „Der Beischläfer“ oder so).

Vorlesen ging auch in den 50ern ganz okay, nehme ich an, aber der Altersunterschied dürfte seinerzeit gesellschaftlich nicht recht akzeptiert gewesen sein. An einer Stelle hält eine Kellnerin die Dame sogar für die Mutter des Jungen. Also tun die beiden, was man mit einer Affäre ohnehin meist macht: Sie halten sie einigermaßen geheim. Warum nur einigermaßen? Wir werden Zeuge einer gemeinsamen Radtour inklusive eines deutlichen Kusses in der Öffentlichkeit (der besagte Kellnerin erst recht irritiert). Diese Passage ist übrigens während des gesamten Films ungefähr die einzige Gelegenheit, zu der die Protagonisten lachen und die Sonne scheint.

Ansonsten herrscht eine ziemlich trübe Stimmung, auch in den wilden 60ern (der zweiten Zeitebene), als unser junger Freund seine inzwischen verschollene Liebe im Gerichtssaal wiedersieht. Sie sitzt auf der Anklagebank, weil sie im Dritten Reich als KZ-Aufseherin gearbeitet hat. Während dieser Tätigkeit hat sie unter anderem Häftlinge genötigt, ihr vorzulesen – weil sie das schlicht nicht kann. In den 70ern – die so mausgrau dargestellt werden wie die vorangegangenen Jahrzehnte – nimmt der inzwischen gereifte Vorleser (Ralph Fiennes) Kontakt zu seiner inhaftierten Jugendliebe auf. Und damit sind wir an der einzigen Stelle, die mich emotional berührt hat: Er schickt ihr selbst aufgenommene Cassetten, um ihr düsteres (klar) Dasein ein wenig zu erhellen. Allerdings stellt er erwartungsgemäß keinen Musikmix zusammen, wie das der eine oder die andere vielleicht kennt. (Die Möglichkeiten! Elvis‘ „Jailhouse Rock“! Johnnys „Folsom Prison Blues“!) Sondern natürlich liest er ihr wie einst Bücher vor – und das hat schon was anheimelnd Romantisches.

In den 80er (trist und deprimierend wie erwartet) treffen sich die beiden schließlich während der Besuchszeiten im Knast wieder. Damit der Film nicht zu fröhlich wird, nimmt sich die Frau kurz vor ihrer Entlassung das Leben. Ihr Vorleser bekommt per Testament den Auftrag, das Geld aus ihrem Nachlass einer jüdischen Organisation zukommen zu lassen – quasi eine Art Wiedergutmachung aus dem Jenseits.

In den 90ern schließlich steht der Mann mit seiner Tochter (Hannah Herzsprung) am Grab der Guten, wo er dem Nachwuchs die ganze traurige Geschichte erzählt. Boshaft ausgedrückt: „How I Met Your Mother“ hätte noch schlimmer enden können, Freunde.

Ich kann mir wirklich keine Situation vorstellen, in der ich den Drang verspüre, mir einen Film wie diesen anzusehen – einen Film, der so sehr unter der eigenen bleischweren Last zerdrückt wird. Man kommt ja auch nicht nach Hause und denkt sich: „Jetzt mal schön ein paar blutige Autounfälle angucken.“ Andererseits gibt es für beide Fälle sicher Menschen, die genau das tun – Voyeurismus auf der einen Seite, eine Begeisterung für Drama auf der anderen. Ich persönlich bin da einfach nicht Teil der Zielgruppe. Mir war nach gefühlten 48 Stunden (realen zwei) in der Gewalt der quälenden Tristesse zumindest sehr nach einer Runde alberner Witze oder wenigstens etwas Sonnenlicht. Aber vielleicht bin auch einfach zu doof und habe keine Ahnung von großer Kinokunst.

7 Okt

Insert name here: Singles

Logo_testKlar: Mit Filmen und Serien kennen wir uns aus. Und doch haben Kartoffeln manchmal Löcher, Sitzkartoffeln also auch: Wissenslücken. Wer kennt schon jeden Klassiker? Wir jedenfalls nicht. Wollen wir aber. Also rufen wir uns gegenseitig die Titel von Meisterwerken der Filmgeschichte zu, die das Gegenüber noch nie gesehen hat. Und nun gucken muss – und darüber schreiben (natürlich ohne Google).

Markus rief: Singles

Kirstens erster Gedanke: Bunt, laut, witzig?

Nein, ich kannte nicht mal den Titel. Ich hatte die Wahl zwischen drei Filmen, die Markus mir mitgebracht hatte und entschied mich für den vermeintlich „leichtesten“ aufgrund des Klappentextes. Matt Dillon war dann auch der einzige mir bekannte Name.

Ich bin nach diesen tatsächlich relativ locker und luftig verbrachten 90 Minuten weder positiv noch negativ angetan. „Singles“ ist ein gewöhnlicher Film. Menschen Mitte 20 auf der Suche nach der großen Liebe. Irgendwie ist es eine frühe Version von „American Pie“. Nicht ganz so schlüpfrig, nicht ganz so lustig, nicht ganz so getrieben. Alles irgendwie „nicht so ganz“.

Nach etwa zehn Minuten erkenne ich eine der Hauptdarstellerinnen dann doch. Am Mund. Man glaubt es kaum. Kyra Sedgwick, der Name sagt mir tatsächlich überhaupt nichts, aber ich weiß dennoch sofort, dass das Hauptdarstellerin in „Closer“ ist – da bin ich öfter mal abends bei VOX hängengeblieben.

Die Handlung ist dann aber auch so banal, dass ich sie jetzt, knappe 48 Stunden später, schon wieder vergessen habe. Irgendwie: Kennenlernen im Club, scheues Weib, schüchterner Kerl, große Liebe, alte Verletzungen, Verliebtheit, Schwangerschaft, Verlust des Kindes, Trennung, Wiedervereinigung. So die eine Geschichte. Die andere: verliebte graue Maus, dümmlicher Pseudo-Rockstar, der sich seiner Gefühle erst klar wird, als die graue Maus feststellt, dass sie allein gar nicht mehr so grau ist.

Was mich ebenso wie in Radio Rock Revolution stört, ist, dass jedes Lied im Film etwa 20 bis 30 Sekunden angespielt wird, mehr aber auch nicht. Ich finde das extrem nervig. Wenn Musik, dann bitte wenigstens eine Minute.

Dies ist dann jetzt auch deshalb eine Kurzrezension, weil mir zu diesem Film gar nichts einfällt. Er hat mich weder vom Hocker gehauen noch hat er mich besonders entsetzt oder enttäuscht. Es ist ein mittelmäßiger Film aus den Neunzigern, wie es viele von ihm gibt. Er besticht weder durch einen außergewöhnlichen noch durch herausragende schauspielerische Leistungen. Ein „weder noch“-Film, der mich schulterzuckend zurücklässt.

Würde ich ihn noch mal ansehen? Sicherlich. Würde ich ihn anderen Leuten empfehlen? Nein, ich denke nicht.

Ich würde so gerne in irgendein Detail gehen, aber ich wüsste einfach nicht, in welches. Markus klärte mich nach dem Gucken noch darüber auf, dass „Touch me, I’m dick“ eine Anspielung auf den Mudhoney-Song „Touch me I’m sick“ ist. Tja, ich kenne den Song nicht und frage mich sicherlich, was in dem Film sonst noch so zu finden ist. Aber dazu bin ich zu wenig bewandert. Es spielt vermutlich nicht mal eine Rolle. Ich tauche nur dann intensiv in Filme/Serien ein, wenn sie mir etwas bedeuten. Dann mache ich mir Gedanken über Songs, Szenen, Dialoge.

Beim nächsten Mal vielleicht wieder..

5 Okt

Kein Held für alle: Wie kugelsicher ist Luke Cage?

Luke CageAlle lieben Luke Cage – und das ist ein Grund zur Freude. Es ist schön, dass sich Qualität durchsetzt und Marvel mit seinen durchaus mutigen (weil relativ düsteren und brutalen) Netflix-Serien genau so punktet wie mit dem restlichen MCU. „Daredevil“ stieß die Tür auf, durch die „Jessica Jones“ und nun eben „Luke Cage“ gehen konnten – nach „Iron Fist“ im kommenden Frühjahr steht dann das große Crossover der Straßenhelden an – „The Defenders“.

Der Erfolg von „Luke Cage“ bei Fans und Kritikern ist trotz der Vorlage der beiden Vorgängerserien aber auch überraschend. Denn diese Serie ist anders. Sogar ganz anders.

Nachdem wir den kugelsicheren Hünen (Mike Colter) als Kampf- und Bettgenossen von Jessica Jones kennen gelernt haben, zieht es ihn in seiner eigenen Netflix-Reihe fort von Hell’s Kitchen in einen anderen Stadtteil von New York: Harlem. Dort versucht Luke zunächst wie gehabt, Auseinandersetzungen aus dem Weg zu gehen. Aber erwartungsgemäß gerät er rasch zwischen die Fronten einer korrupten Polizei, intriganten Lokalpolitikern und den örtlichen Gangstern. Und so wird aus dem einsamen Außenseiter der Held des Ghettos, die letzte Hoffnung für alle, die den Glauben an das Gute längst verloren hatten.

„Luke Cage“ orientiert sich sehr an afroamerikanischer Kultur: Treffpunkt für den schweigsamen Riesen und seine Freunde ist ein Barbershop, im Nachtclub des Antagonisten spielen Funk-Bands, und vor allem am Soundtrack merkt man als Zuschauer, wie sehr wir uns daran gewöhnt haben, was Hollywood uns vorsetzt. Statt Rockballaden gibt es sanften Soul, wenn es emotional zugeht, statt Dubstep-Rhythmen hören wir HipHop-Grooves, wenn es knackiger wird. Grundsätzlich ist die ganze Serie eine einzige große Hommage ans Blaxploitation-Kino der 70er: Cage ist der moderne Shaft, ebenso wie sein Vorbild ist er ein Frauenheld, und ebenso wie einst Foxy Brown oder Cleopatra Jones sind diese Frauen knallhart und selbstbewusst. Die stärksten weiblichen Charaktere sind die machthungrige Politikerin „Black Mariah“ (Alfre Woodward) auf der einen Seite und die aufrechte Polizistin Misty Knight (Simone Missick) auf der anderen. Comic-Fans ahnen angesichts dieser Namen, dass der literarischen Vorlage liebevoll Tribut gezollt wird – und auch die stammt aus den 70ern.

Also alles ziemlich alte Schule in Harlem? Allerdings. Und nun kommt der große (Kinn-)Haken: Auch Drehbuch und Inszenierung muten an, als sei in den vergangenen 40 Jahren nichts passiert. Das bedeutet, die Geschichte wird relativ langatmig und redselig erzählt. Ohnehin würde es den Netflix-Marvel-Serien ja mitunter nicht schaden, sich vielleicht auf zehn Folgen zu beschränken. Diesmal jedoch wird die Sache vor allem für Bingewatcher regelrecht langweilig – zumal die Story nach der Hälfte kurz Luft holt, um dann im zweiten Teil das gleiche behäbige Tempo vorzulegen. Besonders auffällig ist die ungewohnte Geschwindigkeit bei den ohnehin nicht besonders häufigen Actionszenen: Meist stampft Luke in ein heruntergekommenes Gebäude, lässt sich von den Schergen des Gangsterbosses Cottonmouth (Mahershala Ali) erfolglos beschießen und schubst sie dann ein wenig herum. Oder anders: Wer ähnlich durchchoreografierte Kampfsequenzen wie bei „Daredevil“ erwartet, wird definitiv enttäuscht.

Um es klarzustellen: Das ist kein Fehler. Es ist den Produzenten nicht versehentlich passiert, sondern diese detailfreudige Serie soll genau diese Atmosphäre haben, und wer Freude an „The Wire“ oder den erwähnten Kultfilmen hat, mag das vermutlich sogar als Stärke sehen. Andere konzentrieren sich auf die offensichtlicheren Pluspunkte wie etwa die gute Besetzung (neben den Genannten sticht Theo Rossi als Killer Shades heraus) oder den Umstand, dass die Story etwas weiter in Richtung „Defenders“ gedreht wird und wir mehr über die Lukes Hintergründe erfahren.

Die Verbindung zu den anderen Serien erfolgt übrigens wie gewohnt über Krankenschwester Claire Temple (Rosario Dawson) – an einer Stelle nimmt sie sich die Werbung für eine Kampfsportschule mit… Hoffen wir, dass die Abenteuer von „Iron Fist“ im März etwas flotter daherkommen. Und freuen wir uns bis dahin über eine ungewöhnliche neue Facette im MCU mit einem immerhin charismatischen Helden.

29 Sep

Insert name here: Die Farbe Lila

Logo_testKlar: Mit Filmen und Serien kennen wir uns aus. Und doch haben Kartoffeln manchmal Löcher, Sitzkartoffeln also auch: Wissenslücken. Wer kennt schon jeden Klassiker? Wir jedenfalls nicht. Wollen wir aber. Also rufen wir uns gegenseitig die Titel von Meisterwerken der Filmgeschichte zu, die das Gegenüber noch nie gesehen hat. Und nun gucken muss – und darüber schreiben (natürlich ohne Google).

Kirsten rief: Die Farbe Lila.

Markus‘ erster Gedanke: Der erste Film von Whoopi Goldberg. Und Danny Glover war noch nicht zu alt für diesen Scheiß.

Ein Sticker auf der DVD-Hülle bestätigt Kirstens Warnung: Dies ist ein Frauenfilm. Aber es hilft nichts – Blog ist Blog, die Pflicht ruft und überhaupt…

Protagonistin und Erzählerin ist Celie, eine junge Afroamerikanerin, die Anfang des vorletzten Jahrhunderts im Süden der Vereinigten Staaten aufwächst. Ihr Dasein besteht eigentlich hauptsächlich aus Schmerz: Unter anderem hat sie im Alter von 14 bereits zwei Kinder zur Welt gebracht, die aus dem Missbrauch durch ihren Vater, einen Prediger, stammen. Die Familie ist arm, Gewalt und Rassismus an der Tagesordnung, und recht schnell wird dem Zuschauer klar, dass ein Leben, vor allem das einer Frau oder eines Mädchens, in jenen Tagen und an diesem Ort nichts wert ist. Ernsthaft: Die ersten paar Minuten sind wirklich schwer zu ertragen. Mir schießen zwei Gedanken durch den Kopf: Erstens frage ich mich, weshalb eine Bevölkerungsgruppe, die soviel Leid erfahren musste, sich untereinander derart grauenerregende Dinge antut. Weshalb halten die Leute nicht mal in ihren Familien zusammen? Warum tun sich Menschen überhaupt gegenseitig so etwas an? Mein zweiter Gedanke: Wenn dies ein Frauenfilm ist, bestätigt das meine Theorie, dass Frauen verdammt nochmal das starke Geschlecht sind. Glaubt es mir einfach, Jungs: Trotz aller Muckis – Frauen sind uns intellektuell und emotional schlicht überlegen. Und das ist schon okay.

Celies Vater nimmt ihr ihre gemeinsamen Kinder kurz nach der Geburt weg und verkauft sie. Ihre Mutter stirbt. Ihre jüngere Schwester muss sich dagegen wehren, dass ihr der verwitwete Nachbar (Danny Glover) nachstellt. Und ausgerechnet diesem Kerl wird Celie schließlich als Ehefrau verkauft. Niemand hinterfragt das – es scheint durchaus üblich zu sein, dass Männer sich minderjährige Mädchen als Frau halten und dafür deren Eltern bezahlen. In ihrem neuen Zuhause wird Celies Leben nicht besser (und der Film also nicht fröhlicher): Ihre etwa gleich alten Stiefkinder schikanieren sie, ihr neuer Ehemann schlägt und vergewaltigt sie, ihr Alltag besteht nur aus harter Arbeit. Einzig der Kontakt zu ihrer Schwester ist ein Silberstreif – als die sich jedoch erfolgreich gegen einen Vergewaltigungsversuch durch Celies Mann zur Wehr setzt, jagt dieser sie aus der Stadt.

Wir werden Zeuge, wie aus Celie (nun gespielt von Whoopi Goldberg) eine junge Frau wird. Durch unerschütterlichen Überlebenswillen hat sie es geschafft, nicht völlig zu zerbrechen. Ab und an blitzt nun sogar etwas Humor auf, wenn sich ihr Gatte mal wieder als völliger Trottel im Haushalt erweist. In der Sängerin Shug – ausgerechnet der Geliebten ihres Mannes – findet Celie zudem eine Freundin und vielleicht sogar etwas mehr. Shug zieht ebenfalls in das Haus der unterdrückten Familie ein, und trotz dieser eigenartigen Konstellation sorgt die Lebensfreude der Sängerin dafür, dass der triste Tagesablauf in der staubigen Hütte ein wenig aufgelockert wird.

Was mich sehr überrascht hat: Zwar ist Celie eindeutig die Hauptfigur, aber es gibt spannende und charismatische Nebencharaktere, die fast genau so wichtig sind. Neben Shug ist das zum Beispiel Sofia, die Frau von Celies Stiefsohn, eine patente, schwergewichtige und sehr selbstbewusste Person, die einem gerade wegen ihres Querkopfs sofort sympathisch ist. Fast ebenso überrascht war ich, wer sie spielt: Einige Jährchen jünger, einige Kilos schwerer – aber das ist eindeutig Oprah Winfrey, heute längst bekannt als erfolgreichste Talkshow-Moderatorin der Welt. Und sie macht das wirklich unglaublich überzeugend.

Das gilt auch für die anderen Schauspieler. Man nimmt Danny Glover den verachtenswerten Macho ab, man ist grundsätzlich schnell heimisch unter der drückenden Sonne des amerikanischen Südens, man lebt und leidet mit diesen Menschen. Und doch – und ich kann das kaum deutlich genug betonen – das alles verblasst angesichts der schieren Urgewalt von Whoopi Goldberg. Die Frau hat bereits in ihrem ersten Film eine derartige Präsenz, dass sie einfach jede Szene beherrscht. Dabei spricht sie gar nicht so viel, sind ihre Gesten eher sparsam. Es ist mehr, was sich in ihrem Gesicht abspielt, wie sie es schafft, uns an ihren Gedanken teilhaben zu lassen. Vergesst „T. Rex“, vergesst auch „Sister Act“ – das hier ist die pure Whoopi, und daran sollte man sie messen. (Übrigens bin ich fast sicher, dass sich ein Hauch ihrer Celie in einer durchaus ähnlich gelagerten Figur wiederfindet – „Die Farbe Orange“, anyone..?)

Die meisten von euch kennen den Film vermutlich, die anderen spanne ich nicht länger auf die Folter: Alles wird gut. Celie entkommt ihrer Ehe-Hölle, ihr Vater war gar nicht ihr Vater, sie darf ihre Kinder und ihre Schwester in die Arme schließen, und am Ende ist alles Jazz und Gospel und schön. Verdammt, wer schneidet denn hier Zwiebeln?!

Ich geb’s zu: Ich bin ein verdammtes Weichei, wie man schon am verweifelten Versuch erkennt, durch zu häufigen Gebrauch des Wörtchens „verdammt“ davon abzulenken. Das ist ein Frauenfilm? Prima, ich mag Frauen. Und ich fühlte mich nicht nur gut unterhalten, sondern sogar emotional berührt, Kitsch hin, Pathos her. Steven Spielberg weiß einfach, wie man sowas macht. Und jetzt wird gefälligst der Aufkleber vom Cover geknibbelt, ich fühle mich schon ganz ausgegrenzt!

28 Sep

Insert name here: Radio Rock Revolution

Logo_testKlar: Mit Filmen und Serien kennen wir uns aus. Und doch haben Kartoffeln manchmal Löcher, Sitzkartoffeln also auch: Wissenslücken. Wer kennt schon jeden Klassiker? Wir jedenfalls nicht. Wollen wir aber. Also rufen wir uns gegenseitig die Titel von Meisterwerken der Filmgeschichte zu, die das Gegenüber noch nie gesehen hat. Und nun gucken muss – und darüber schreiben (natürlich ohne Google).

Markus rief: Radio Rock Revolution

Kirstens erster Gedanke: Radio Rock? Rock Radio? Revolution Rock?

Noch nie hat ein Film länger gedauert. Radio Rock Revolution sprengt alle Grenzen und stellt neue Rekorde auf. Die Filmdauer liegt irgendwo bei 2:15 Stunden, doch ich brauche mehr als drei Stunden, ehe ich diese schwer verdauliche Kost im Magen habe. Stinklangweilig, denke ich schon nach etwa zehn Minuten. Was wollen sie mir sagen? Wo wollen sie hin? Was ist der Sinn? Sich und das Leben feiernde Kerle, die gerne Alkohol trinken, vögeln und Rockmusik hören, schippern irgendwo auf der Nordsee vor Großbritannien rum und haben einen Piratensender. Es ist 1966. Wilde, junge Mädchen in bunten Kleidern sitzen daheim mit roten Wangen und Ohren an den Geräten und schwärmen für die heißen Kerle, die sie noch nie gesehen haben. Dann der Plot: Die Regierung mag keine Rockmusik und will den Piratensender loswerden. Vielleicht ist das auch gar nicht der Plot. Wer weiß. Vielleicht geht es nur darum, 130 Minuten lang bekannte Pop- und Rockmusik aus den Sechzigern zu spielen.

Mein Minutenprotokoll des Grauens.

Minute 10: Ich habe bereits vergessen, was in den ersten neun Minuten passiert ist. Ich weiß noch, dass ich mich fragte, was der kleine Junge ganz am Anfang, der dann das Radio unters Kissen legt, mit dem Plot zu tun hat. Gar nichts, wie mir aufgeht, aber das ist mir am Anfang nicht klar. Und der Junge verfolgt mich irgendwie. Während ich über das Kind nachgrüble, verpasse ich irgendwas von dem, was gerade abgeht. Ich kriege noch so eben mit, dass ein Halbwüchsiger auf einem Schiff ankommt und seinen Patenonkel begrüßt. Ich begreife, dass die Herren dort leben und Radio machen.

Minute 24: Ein nackter, dicker Mann erklärt dem Halbwüchsigen das Vögeln. Dabei hält er sich schützend die Hand vor den Schniedel. Ich möchte das nicht. Das ist nicht schön. Es ist vielleicht das normale Leben, aber ich möchte nicht, dass nackte, dicke Männer jungen Kerlen erklären, wie das Vögeln geht. Verstörend. Ich hoffe, es ist wichtig für den Plot. Wie sich später rausstellt, ist es zumindest nicht unwichtig. Haben sich die Qualen also gelohnt.

Minute 26: Mein Hund steht im Flur und will Gassi gehen. Ich überlege kurz, ob ich den Film anhalten soll, habe aber nicht das Gefühl, dass ich was verpassen könnte. Außerdem weiß ich, dass ich in spätestens sechs Minuten wieder da bin, denn dieser Blick sieht nach dringendem Geschäft aus. Als 14 Jahre alte Hündin kann es halt schon mal drücken. Ich lasse den Film laufen und gehe Gassi.

Minute 33: Genau, ich bin keine Minute wieder im Wohnzimmer, habe aber bereits das Handy in der Hand und surfe auf Twitter rum. Inzwischen sitze ich auch auf dem Heimtrainer, weil ich denke, dass es nicht schaden kann, sich ein bisschen zu bewegen, wenn man schon mit einem derart langweiligen Film seine Lebenszeit vergeudet. Jedenfalls finde ich auf Twitter ein Video von Jürgen Klopp. Der muss sich am Montagabend bei einer Fußballsendung in Großbritannien derart gut verkauft haben, dass alle ihn lieben. Ich klicke auf den Link und stoppe damit unfreiwillig den Film, denn ich streame Amazon Prime über mein Apple-Handy auf den Fernseher. Der neue Klick überschreibt diesen Befehl aber und spielt stattdessen Klopp ab. Ich schaue also mal eben 15 Minuten eine englische Fußballsendung weiter. Ganz interessant, was der Mann da so über Fußball-Taktik erzählt. Gutes Englisch spricht er auch.

Minute 36: Nach 15 Minuten Klopp-Interview mache ich den Film wieder an. Ich schaue drei Minuten, als These Arms Of Mine angespielt wird. Genau, angespielt. Wie jedes andere verdammt gute Lied in diesem Film. Können die nicht wenigstens mal EINEN Song ausspielen? Ich bin genervt. Fühle mich wie in einer Radiosendung der späten 80er-Jahre, wo sich die Moderatoren immer besonders geil fühlten, wenn sie in den Song reinquatschen konnten.

Minute 39: Mein Festnetztelefon klingelt. Ich lasse den Film weiterlaufen. Viel passiert ist inzwischen ohnehin nicht. Weiber kamen und gingen, es wurde gevögelt, gesoffen und gefeiert und sich geil gefunden. Alles wie am Anfang.

Minute 50: Ich bin inzwischen komplett raus aus der „Handlung“ und nehme mir entschieden vor, jetzt wieder aufzupassen. Dass die Musik genial ist, reißt die stinkende Langeweile aber zu keinem Zeitpunkt raus. Es fällt mir echt schwer, dranzubleiben, und ich spiele erstmals mit dem Gedanken, einen Film abzubrechen. Da Markus aber auch „Die fabelhafte Welt der Amélie“  zu Ende geguckt hat, muss ich jetzt wohl da durch.

Minute 67: Zwei Kerle hängen an einem Mast. Dass Philip Seymour Hoffman mitspielt, ist übrigens ein Riesenpluspunkt für diesen Streifen. Er hängt jedenfalls am Mast, gemeinsam mit einem Typen, der wiederum mit der Frau eines anderen geschlafen hat. Es geht offenbar um Mut, Feigheit und Angsthasentum. Ich habe kurz etwas Höhenangst, es sieht unfassbar hoch aus, wie sie da so hängen. Ist der blonde Typ Rhys Ifans? Ernsthaft? Wie auch immer. Eine Stunde und sieben Minuten sind vergangen und ich muss sagen: Das ist die bisher beste Szene des Films! Genial.

Minute 86: Nee, wer hätte es gedacht, der Halbwüchsige entdeckt unter den Radiomoderatoren seinen Vater, den er bis dato nicht kannte. Welch ein Zufall! Herrschaftszeiten. Hagel und Granaten! Spannung, Tränen, Emotionen.

Minute 91: Noch 43 Minuten und jetzt schon die Wendung zum dramatischen Ende? Ich bin inzwischen vom Heimtrainer runter und warte auf irgendwas Tolles. Aber nichts passiert.

Minute 100: Ich sitze nun neun Minuten geschwitzt auf dem Sofa und mir wird langsam kalt. Ich stoppe den Film diesmal und gehe erst einmal heiß duschen. Derzeit passiert ohnehin nichts, von dem ich denke, dass es entscheidend für die „Handlung“ ist.

Minute 108: Nach einer Stunde und 48 Minuten habe ich den Blick zum zweiten Mal gebannt auf dem Schirm. Der Kahn sinkt? Krass. Und das zu Whiter Shade of Pale. Gigantisch.

Minute 120: Wie lange will dieser Kutter denn noch untergehen? Das nimmt ja schon Titanic-Ausmaße an. Es wirkt aber so, als ginge es hier gut aus.

Ende: Geschafft. Endlich. Eine Qual sondergleichen. Das Ende war allerdings gut, allein deshalb bin ich doch froh, drangeblieben zu sein. Ich kategorisiere wirklich ungern, aber hier denke ich: Ein Männerfilm. Eventuell auch einfach ein Männertraum. So würden sie gerne leben. Rockmusik, Weiber, wann und wenn man sie will, Alkohol und ein Boot. Der feuchte Traum aller vermeintlich Junggebliebenen.

Würde ich auf so einem Schiff landen, ich würde mir die nächste Schwimmweste suchen und mein Heil in der Nordsee suchen. Kann nicht viel schlimmer sein.