Getöse in der Grabkammer: „Die Mumie“ tritt daneben

Nick Morton (Tom Cruise) und sein Kumpel Chris Vail (Jake Johnson) sind Soldaten von Beruf und Grabräuber aus Leidenschaft. Darum können sie auch die Begeisterung der kühlen Archäologin Jenny Halsey (Annabelle Wallis) nicht teilen, als das Trio eher durch Zufall eine alte Grabkammer öffnet – die beiden denken allenfalls an den monetären Wert der Fundstätte. Die Stimmung unter ihnen ist ohnehin leicht gereizt: Nick hat Jenny die Karte zum Grab nach einem One Night Stand gestohlen und Chris keine rechte Lust auf ein Abenteuer.

Selbiges gerät in Fahrt, als er im Grab von einer Spinne gebissen wird und sich nach einem unbedacht abgegebenen Schuss von Nick das Heiligtum öffnet, um seinen Inhalt preiszugeben. Jenny ahnt Böses und warnt, die vermeintliche Grabstätte sei eigentlich ein Gefängnis. In der Tat: Die Gefangene ist die ägyptische Prinzessin Ahmanet (Sofia Boutella), die einst nach einer Reihe grausamer Morde und einem Pakt mit dem Totengott Set (manchmal auch mit „h“) lebendig mumifiziert wurde.

Schon bald sorgt die wiedererweckte Mumie mittels Magie für reichlich Chaos. Ihr Ziel: Chris soll Seth seinen Körper zur Verfügung stellen. Wer der missgestimmten Königstochter dabei im Weg ist, hat Glück, wenn er selbst zur Mumie wird. London – wohin Ahmanets Sarkophag gebracht wurde – wird zum Schauplatz der Hetzjagd. Und dann mischt sich auch noch der geheimnisvolle Dr. Henry Jekyll (erstaunlich wurstig: Russell Crowe) ein…

Soviel zu dem, was ein halbes Dutzend Drehbuchautoren sich als Handlung für das Reboot der klassischen Filmsaga um eine wandelnde Mumie ausgedacht haben. Was in den vergangenen Monaten an Zwischenberichten vom Set (ohne h) zu hören war, ließ bereits Übles befürchten. Vor allem die Nachricht, Tom Cruise habe sich massiv in Story und Dreharbeiten eingemischt, sorgte für Stirnrunzeln. Dabei stand einiges auf dem Spiel: Schon viel zu lange – nämlich seit knapp zehn Jahren – bastelt Universal an der Idee, seine alten Monsterfiguren in einem gemeinsamen Filmuniversum auftreten zu lassen. Startschuss des so genannten „Dark Universe“ sollte eigentlich „Dracula Untold“ (2014) werden, aber nachdem die Interpretation des Vampirgrafen als vorzeitlicher Superheld an den Kinokassen floppte, entschied man sich für einen erneuten Versuch. Nun soll also „Die Mumie“ retten, was zu retten ist. Und der wenig originell benannte Film wimmelt geradezu vor Verweisen auf das geplante große Ganze – angefangen vom eigens geschaffenen Logo über ungezählte Hinweise auf andere Universal-Monster bis hin zu Dr. Jekyll als verbindendem Charakter. Dumm nur: In den Vereinigten Staaten ist „The Mummy“ der Misserfolg der Saison. Und andernorts sieht es nur unwesentlich besser aus.

Kritiker und Kinogänger zeigen sich gleichermaßen unbeeindruckt von dem, was uns nach „Die Mumie“ (1932) mit Boris Karloff und „Die Mumie“ (1999) mit Arnold Vosloo als dritter Gang serviert wird. Kein Wunder: Nur selten blitzt ein Hauch der Unheimlichkeit des Originals oder des Charmes der Spät-90er-Abenteuerfilm-Version auf. Zudem wirkt vieles fahrig, ist einiges ungelenk inszeniert und manches nicht so recht nachvollziehbar. Dass wir es mit einer weiblichen Mumie zu tun bekommen, ist dabei noch die am ehesten akzeptable Entscheidung: Sofia Boutella verfügt durchaus über genügend Charisma, um die Titelrolle trotz Anflügen von Overacting zu meistern. Vermutlich hoffte sie, nach „Star Trek Beyond“ endlich den Durchbruch zu schaffen. Nächster Versuch: Knutschen mit Charlize Theron im anstehenden Spionage-Thriller „Atomic Blonde“.

Aber schauen wir uns die Probleme mal genauer an: Cruise‘ Nick taugt zum Beispiel kein bisschen als Protagonist. Er hat nicht den Lausbuben-Charme von Brendan Frasers Rick (!) aus den drei Mumien-Filmen der Jahrtausendwende, und der komplette Charakter funktioniert einfach nicht. Wir lernen ihn als unsympathischen Egomanen kennen, der erwartete Wandel zum Helden à la Han Solo wird durch einige unangenehme Dialoge relativiert bis ausgebremst, und das Ende (milder Spoiler) macht das alles dann noch weniger nachvollziehbar. Der Kerl vögelt mit einer Wissenschaftlerin, um ans große Geld zu kommen, und auch das Verhältnis zu seinem behaupteten besten Kumpel lässt ihn in keinem guten Licht dastehen. Ein ähnliches Problem hat Crowe mit seinem Jekyll: Was als Universal-Antwort auf Nick Fury gedacht sein mag, ist letztlich ein sinistrer Kopfmensch, dessen dunkle Seite (wir alle haben auf Mr. Hyde gewartet) zudem überraschend blutleer wirkt – und außerdem kaum böser als ihr Alter Ego.

Keine Minute kümmert es den Zuschauer, was aus den drei vermeintlich „Guten“ in dieser Geschichte wird. Ihr Schicksal könnte uns egaler kaum sein – wir können sie nicht leiden, also wäre es kein Drama, sollten die Mumien die Oberhand gewinnen. Diese wiederum können sich durchaus sehen lassen und sind als Antagonisten gar nicht übel: Nach „The Walking Dead“ war zu erwarten, dass wir keine flatternden Mullbinden, sondern staksende Untote zu sehen bekommen würden.

Ähnlich stolpernd ist jedoch die gezeigte Geschichte: Beide Prologe – das Familiendrama im alten Ägypten und ein royales Begräbnis in Britannien – werden gleich zweimal gezeigt, um ganz sicher zu gehen, dass auch jeder die wenig komplexen Hintergründe der Jagd nach einem magischen Dolch (a.k.a. der Weltherrschaft) verstanden hat. Dafür fühlt man sich am Schluss ein wenig allein gelassen. Ich glaube, das Ziel der Autoren verstanden zu haben und zu wissen, was uns bei einem möglichen Wiedersehen mit Nick Morton erwartet. Aber ganz sicher bin nicht, trotz Onkel Jekylls plumper Hinweise auf Monster, die Helden sein können.

Zu schlechter Letzt fängt Tom Cruise‘ Ehrgeiz langsam an zu nerven. In guten Momenten schafft der umstrittene Scientologe ja nicht zuletzt dadurch große Kino-Unterhaltung. In schlechten wie diesen wirkt er inzwischen albern. Ein Beispiel: Der Mann ist 54 und lässt sich vom ein Jahr jüngeren Russell Crowe attestieren, ein junger Mann zu sein.

Eigentlich muss Universal seine Pläne weiterverfolgen. Einen dritten Anlauf würde die Idee sicher nicht verkraften. Die Frage ist nur, ob das alles überhaupt nötig ist: Wer wartet denn sehnsüchtig darauf, die alten Filmmonster gemeinsam als Heldentruppe zu erleben? Vosloos „Mumie“ Seite an Seite mit Gary Oldman („Bram Stoker’s Dracula“, 1992), Robert De Niro („Mary Shelley’s Frankenstein“, 1994) und Benicio Del Toro („The Wolfman“, 2010) – das hätte ich mir angeguckt. Leider setzt das „Dark Universe“ ungefähr auf die größten Unsympathen Hollywoods:

Es ist ja verständlich, dass der kaum fassbare Erfolg des „Marvel Cinematic Universe“ neidisch macht. Aber wenn sich schon der andere große Comic-Verlag dabei verhebt, zu diesem in der Filmgeschichte einmaligen Projekt aufzuschließen, wieso sollte es einem Kino-Universum voller Riesenungeheuer (Godzilla, King Kong) oder klassischer Monster besser gehen? Außerdem sei allen potenziellen Konkurrenten des MCU geraten, sich mal genauer anzuschauen, was Marvel da macht. Erstens: Sie haben einfach ein Händchen für die richtigen Darsteller – wir erleben sympathische Helden und charismatische Schurken. Und zweitens: Sie haben sich verdammt nochmal Zeit gelassen! Das MCU feiert im kommenden Jahr sein Zehnjähriges – das ist ein Marathon, kein Kurzstreckenlauf.

Der „Mumie“ ist auf jeden Fall die Puste ausgegangen. Mal schauen, ob es „Frankensteins Braut“ in zwei Jahren besser ergeht.

 

Monster, versammelt euch!

Das „Dark Universe“ ist nicht der erste Versuch, die klassischen Monster der Schwarz-Weiß-Film-Ära zusammenzutrommeln:

The Monster Squad (1987): In dieser Komödie gerät eine Gruppe Kinder mit Dracula, Frankensteins Monster, dem Wolfsmann, der Mumie und dem Schrecken vom Amazonas einander. Insgesamt relativ billig inszenierter Versuch, den Erfolg der „Ghostbusters“ aus dem Vorjahr zu wiederholen – aber für Freunde des abseitigen Geschmacks durchaus so etwas wie ein Kultfilm.

Monster Force (1994): In den 13 Folgen dieser Trickfilmreihe bekämpfen ein paar junge Geisterjäger – darunter ein Werwolf – mit Hilfe von Frankensteins Kreatur eine düstere Truppe, bestehend aus Graf Dracula, dem Kiemenmann, der Mumie und einer Vampirin. Typisches Produkt der 90er – laut, bunt, naiv.

Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen (2003): Diese misslungene Verfilmung des preisgekrönten Comics von Alan Moore ist der Schlusspunkt hinter der Karriere von Sean Connery. Der schlägt sich als Allan Quatermain wacker, als er im Jahr 1899 einen maskierten Verschwörer jagt. Mit dabei: Tom Sawyer, Mina Harker, Dorian Gray, der Unsichtbare, Dr. Jekyll/Mr. Hyde und Kapitän Nemo. Ihr Gegenspieler Professor Moriarty wird übrigens gespielt von Richard Roxburgh, der in einer weiteren Gurke den Bösewicht gibt, nämlich in…

Van Helsing (2004): Der titelgebende Vampirjäger (Hugh Jackman) hat alle Hände voll zu tun, als Mr. Hyde, Dracula, das Frankenstein-Monster und ein Werwolf die Nacht unsicher machen. Das Absurde: Es ist nicht der Van Helsing – und leider auch nicht der Dracula. Fragt besser nicht…

Penny Dreadful (2014-2016): Charmant-schaurige Fernsehreihe, in der praktisch alle bekannten Gestalten der Gruselliteratur auftauchen. Wer Klischees wie London im Nebel akzeptiert, wird belohnt mit Dialogen à la: „Hallo, Dr, Frankenstein.“ – „Hallo, Dr. Jekyll.“

Aber wer erinnert sich noch daran?

Richtig, das ist „Frankensteins Tante“ (1986) – dürfte gern mal als DVD-Box veröffentlicht werden. Die Buchvorlage ist übrigens noch besser. Schmunzeln und gruseln… nennt man das grunzeln?

„Alien: Covenant“ – im Weltraum hört dich niemand seufzen

Ein Raumschiff gleitet einsam durch das All. Besatzung und Passagiere befinden sich im Tiefschlaf, bewacht vom Bordcomputer „Mutter“. Nein, dies ist nicht der Anfang des SciFi/Horror-Klassikers „Alien“ aus dem Jahr 1979. So beginnt vielmehr dessen mittlerweile siebte Fortsetzung (wenn man die „Alien vs. Predator“-Filme mitzählt). Und schon die ersten Szenen der eigentlichen Handlung zeigen, wohin für Regisseur Ridley Scott die Reise geht: in die Vergangenheit.

Zuvor allerdings erlebt der Zuschauer eine ruhige Sequenz mit durchaus philosophischen Ansätzen. Androide David (Michael Fassbender) diskutiert mit seinem Erbauer Peter Weyland (Guy Pearce) über Schöpfung und Vergänglichkeit. Und dieser Prolog wiederum zeigt, dass Scott die Reise zurück endlich nutzt, um lose Handlungsfäden zu verknüpfen. Doch dazu später mehr.

Die „Covenant“, so der Name des erwähnten Schiffs, hat die Mission, 2000 eingefrorene Kolonisten zum Planeten Origae-6 zu transportieren. Ein Unfall, den der diensthabende Android Walter (ebenfalls Michael Fassbender) nicht verhindern kann, weckt die Crew zu früh auf, was unter anderem den Captain (James Franco in der vermutlich winzigsten Rolle seiner Karriere) das Leben kostet. Die Astronauten müssen nun nicht nur den Raumtransporter reparieren, sondern auch mit der neuen Ordnung an Bord klar kommen. So trauert Kapitänswitwe Daniels (Katherine Waterston) um ihren Mann, während dessen Nachfolger, der gläubige Oram (Billy Crudup), von seiner neuen Verantwortung überfordert scheint. Einzig Pilot Tennessee (ungewohnt ernst: Danny McBride) bleibt auch in schwierigen Situationen cool.

In die ohnehin aufgeladene Stimmung platzt ein Funkspruch, offenbar ein Hilferuf, unterlegt von John Denvers „Take Me Home, Country Roads“. Die Nachricht lenkt die Aufmerksamkeit der Kolonisten auf einen scheinbar idyllischen Planeten, der als neues Ziel geeignet scheint. Doch aufmerksame Alien-Fans ahnen es bereits: Dem Funkspruch zu folgen, ist eine sehr dumme Idee…

Es gibt sie noch, die kleinen Wunder: Dann und wann sieht sich selbst ein dickköpfiger Kino-Nerd wie ich gezwungen, ein geliebtes Vorurteil zu überdenken. Nachdem ich „Prometheus – Dunkle Zeichen“ vor fünf Jahren nach einmaligem Gucken wegen brustkorbgroßer Logiklöcher in die gut gefüllte Schublade mit der Aufschrift „misslungene Prequels“ gepackt hatte, war das Alien-Franchise für mich erledigt. Dabei liebe ich die Reihe: Als der furiose Auftakt Ende der 70er die Zuschauer das Fürchten lehrte, hatte ich gerade lesen gelernt – und war beeindruckt, ohne den Film gesehen zu haben. „Im Weltraum hört dich niemand schreien“… Was mit einer Zeile wie dieser beworben wurde, musste mindestens so gut sein wie das Märchen mit dem schwarz gekleideten Maskenmann oder der Streifen, dessen Plakat ein Kerl mit Schlangen-Tattoo zeigte. Als ich „Alien“ dann später sah, wurde meine Hoffnung bestätigt: Ridley Scott hatte die perfekte Mischung aus Science-Fiction-Abenteuer und Monster-Horror geschaffen. Kein Wunder, dass in der Folge eine Flut italienischer Billig-Plagiate die Videotheken heimsuchte. Und kein Wunder auch, dass es nicht bei diesem einen Film blieb, sondern H.R. Gigers ikonischer Außerirdischer noch öfter auf der Leinwand zu sehen war.

Es folgten „Aliens – Die Rückkehr“ (1986), „Alien 3“ (1992) und „Alien – Die Wiedergeburt“ (1997), die allesamt die Story um die einzige Überlebende des ersten Teils weitererzählten. Sigourney Weavers Ripley wurde zur Kultfigur, ähnlich wie ihr ewiger Antagonist, und das muss man erstmal hinkriegen. Oder besser: „frau“. Denn als Ripley zum ersten Mal das Ungeheuer aus dem All besiegte, waren starke Frauenfiguren im Genre weniger als eine Seltenheit. (Einzig eine wehrhafte Prinzessin, die sich selbst rettete, hatte zwei Jahre früher die Fans begeistert.) Von Sarah Connor aus der „Terminator“-Reihe bis Buffy verdanken die Erbinnen der wehrhaften Astronautin ihrem Vorbild einiges.

Apropos „Terminator“: Das Franchise von James Cameron – der übrigens den zweiten Alien-Film inszeniert hat – hat mit dem Thema dieser Rezension durchaus etwas gemeinsam. Zum Beispiel: Nach etlichen Fortsetzungen und Prequels steigt niemand mehr so recht durch, was eigentlich genau wann passiert. „Alien: Covenant“ spielt elf Jahre nach „Prometheus“ und ist inhaltlich dessen direkte Fortsetzung. Die Handlung beider Filme ebnet also den Weg zu dem, was in „Alien“ zu sehen ist. Trotzdem plant Ridley Scott (der im November 80 wird) zwei weitere Filme: einen, der dort ansetzt, wo „Alien – Die Wiedergeburt“ aufhörte, also in weiterer Zukunft angesiedelt ist, und einen, der zwischen (!) „Prometheus“ und „Covenant“ spielt und diese Prequel-Trilogie abrunden soll. Um es vorwegzunehmen: Das hat sie auch nötig.

Denn perfekt ist das, was der greise Filmemacher hier abliefert, keineswegs. Zwar ist die Story in sich sehr stimmig – daher mein revidiertes Voraburteil -, aber ein, zwei Brüche gönnt sich Scott dann doch. Und im Rahmen der kompletten Saga wird mit vielen, vor allem wichtigen Handlungssträngen relativ achtlos umgegangen. Ihr habt euch geärgert, dass der Planet des „Konstrukteurs“ in „Prometheus“ gar nicht der Planet des „Space-Jockeys“ in „Alien“ ist, wie uns versprochen wurde? Dann schaut euch mal an, was Elizabeth Shaw (Noomi Rapace) und David am Ende ihrer im Vorgängerfilm begonnenen Reise erleben (oder eben nicht)… Der inhaltliche Anschluss erfolgt sauber, aber eigenartig. Das lässt einen schon mal zwischendurch enttäuscht seufzen.

Wie immer bleibt es hier weitgehend spoilerfrei, bei einem Film, der mit ein paar Twists aufwartet, ist das nur fair. Auf einen Aspekt muss allerdings eingegangen werden. Richtig – es geht um das Alien. Längst hat sich ja die Bezeichnung Xenomorph eingebürgert, aber ich bleibe lieber dabei, das Vieh gar nicht zu benennen oder eben nach dem Titel seines ersten Films. Denn: Ich persönlich hätte all die Hintergrundgeschichten, die uns mittlerweile aufgetischt wurden, nicht gebraucht. Es ist ein bisschen wie mit dem weiter oben erwähnten schwarzen Mann: Seit ich weiß, dass Darth Vader mal ein blondgelockter Jammerlappen war, hat ihm das einiges von seiner Ausstrahlung genommen. Manchmal ist es gerade das Geheimnisvolle, das Unerklärliche und Unerklärte, das einen Bösewicht zu dem macht, was er ist – zu einer unheimlichen Bedrohung, einer echten Gefahr für die Helden. Im fünften Jahrzehnt seiner fiktiven Existenz hat es das Alien umso schwerer, ein beeindruckendes Filmmonster zu bleiben. Doch kommen wir nun zur großen Stärke von „Alien: Covenant“: Ridley Scott schafft etwas, das ich so zuletzt in „Rogue One: A Star Wars Story“ erlebt habe. Dort wurde Vader, der in den vergangenen Jahrzehnten tausendfach imitiert und parodiert wurde, als jener unbesiegbare Unhold dargestellt, der er ist. Und Scott gibt uns nun das Alien zurück, das 1979 für schlaflose Nächte sorgte. Ein riesiges, hässliches Etwas, mit Klingen als Klauen, Säure als Blut, einem zweiten Maul als Zunge und einem giftigen Dorn am Schweif. Unaufhaltsam, unberechenbar. Oder kurz:

Das hier ist ein Horrorfilm, verdammt!

Dafür hat der alte Mann allen Respekt verdient, der ihm als Erfinder der Kreatur (neben erwähntem H.R. Giger und A.E. van Vogt, dem Autor der heimlichen Literaturvorlage) ohnehin zusteht. Auch inhaltlich geht Scott wie erwähnt zurück: Wir erleben vor allem in der zweiten Hälfte des Films ein klaustrophobisches Gruselabenteuer, während die erste Hälfte jenem philosophischen Gedanken nachhängt, den „Prometheus“ angerissen hat. Das ist spannend, für Cineasten mitunter ein wenig vorhersehbar, aber konsequent umgesetzt und weckt die Hoffnung darauf, dass das Franchise doch noch souverän den Bogen zum legendären Auftakt schlägt. So und nicht anders mag ich mein Alien – außen blutig, innen eiskalt. Beim nächsten Mal lässt Großvater Scott ja eventuell nochmal jemanden übers Drehbuch gucken, statt sich stur zu verzetteln. Hey – ich hab doch auch meinen Dickkopf überwunden!

Superhelden-Overkill-Paradies

„In den letzten drei, vier Jahren bin ich von einem großen Befürworter von Superhelden-Verfilmungen zu einem weitgehend schweigenden Kritiker geworden“, schreibt Torsten „Wortvogel“ Dewi in seinem aktuellen Blog-Beitrag, den er selbst „ein Pamphlet wider die Herrschaft der Superhelden“ nennt. Ihn treibe, so lässt er uns wissen, die Frage um, „ob wir in Welten flüchten, in denen alle Probleme von muskelbepackten Übermenschen gelöst werden können, während die tatsächlichen Probleme der Menschheit ungelöst bleiben“. Und stellt klar: „Die Welt braucht Erwachsene, die sich vor Problemen nicht im Kinderzimmer verstecken, sondern sie angehen.“

Das ist nicht die erste so interessante wie streitbare Theorie des Wortvogels, und er wird sie gewohnt eloquent verteidigen. (Genau genommen tut er das bereits – vornehmlich auf seiner Facebook-Seite.) Und weil ich weiß, dass das für ihn der halbe Spaß ist, vor allem aber, weil ich schlicht anderer Meinung bin, versuche ich im Folgenden, dagegen zu halten.

Da ich gerade fröhlich am Zitieren bin, verweise ich zum Einstieg auf den Text des Songs „Spider-Man und ich“ der Hamburger HipHop-Veteranen Fettes Brot, aus dem ich bereits an anderer Stelle zitiert habe: „Sie kaufte keine Medizin, sie kannte ihren Kleinen, denn zur Besserung gab’s ’n Heft von Spider-Man“, heißt es dort über die tröstende Mutter des Ich-Erzählers, „nichts half besser, nichts hatte ich lieber – der Typ ist so cool, der hilft sogar gegen Fieber.“ Und es folgt die wichtigste Zeile: „Bereit zum Abtauchen, alles startklar, weil Peter Parker als Spider-Man so stark war.“ Das ist der Punkt (und ab jetzt übernehme ich, versprochen): Es geht ums Abtauchen.

Ich habe etwa dieselbe kulturelle Sozialisation hinter mir wie die Brote, was vor allem daran liegt, dass wir der gleichen Generation angehören und in ähnlichen Verhältnissen groß geworden sind. Wer Anfang der 80er aufs Teenie-Alter zusteuerte und nach Ablenkung von den vermeintlichen Sorgen der Mittelschicht suchte, der griff gerne zu den bunten Heften, die damals übrigens tatsächlich noch Hefte waren und bunt sowieso, vor allem aber in den Augen der Erwachsenen bestenfalls zu beschmunzelnder Schund. Es war vielleicht mein erster rebellischer Akt, im Kiosk um die Ecke in DC-Comics zu schmökern, und er wurde ungleich rebellischer, wenn ich dann Marvel-Comics mit nach Hause nahm. Ich war von Anfang an ein Marvel-Fanboy: Der eingangs erwähnte Peter Parker hatte permanent mit Problemen zu kämpfen, die mich mitunter an meine erinnerten, und das machte ihn und seine ähnlich gebeutelten Bekannten ungleich sympathischer als die Riege der attraktiven, weißen, meist reichen Männer in Strumpfhosen, mit denen DC aufwartete. Ständig pleite, meist unglücklich verliebt, gestresst durch mehrere Jobs, immer leicht verpeilt – mit zehn, zwölf Jahren ahnte ich offenbar bereits, das mein künftiges Leben dem meines Helden (besser: Freundes) Peter nicht unähnlich sein würde.

Und doch behaupte ich, damals mit der klassischen Taschenlampe unter der ebenso klassischen Bettdecke etwas für besagtes Leben gelernt zu haben, das Parkers notorisch weise Tante May viele Jahre später in einer Verfilmung seiner Abenteuer so formulierte: Spider-Man hat mir gezeigt, wie man ein bisschen länger durchhält. Die Medien verteufeln ihn, sein Dasein ist eine einzige Tragödie – aber wenn es darum geht, das Richtige zu tun, dann tut er verdammt nochmal genau das. Der Biss einer Spinne gab ihm die Möglichkeit, für andere einzutreten, also macht er das auch – Kraft, Verantwortung, Ihr kennt die Geschichte. Klar wurde ich nie von einem radioaktiven Krabbeltier gebissen, natürlich weiß ich, dass man nicht an Fäden durch Hochhausschluchten schwingen kann, aber obwohl das pathetisch klingen mag: Jeden Tag durchhalten zu müssen – damit kennt sich ja wohl jeder aus. Also war mir der freundliche Netzkopf von nebenan ein guter Ratgeber in jenen Jahren des Lernens, mindestens so wertvoll, wie das für Altersgenossen ein Sportler oder meinetwegen gar ein Politiker gewesen sein mag. Mach dir nichts draus, wenn andere schlecht von dir denken – wichtig ist, dass du das Richtige tust. Und so waren Schundhefte meine Bibel.

Daran hat sich unfassbare 35 Jahre später nichts geändert. Oder doch: Ich lese eigentlich keine Comics mehr, und wenn, dann sind es keine Hefte, sondern überteuerte Sammelbände mit edler Cover-Gestaltung, in aufwändiger Druckqualität, und sie kommen auch nicht unter die Decke, sondern ins Bücherregal. Auch geht die Zahl derer, die sie nach wie vor als Schund bezeichnen würden, inzwischen gegen Null. (Eventuell findet sich in Bayern noch ein reaktionärer Geistlicher oder in irgendeinem hessischen Dorf ein rückständiger Deutschlehrer.) Meine Generation stellt heute die aktiven Intellektuellen, und wir wissen es einfach besser. Comics sind also Kunst… und Kommerz. Denn von ihrem Herkunftsland aus haben sie in den vergangenen zehn Jahren mit zäher Beharrlichkeit ein neues Medium erobert. Ich bin immer noch ein Nerd wie als Schüler, aber inzwischen verfolge ich die Abenteuer der Helden meiner Kindheit im Kino. Bereitwillig, eher begeistert schaue ich mir jeden Marvel-Film auf der Leinwand an, kaufe einige Monate später die Blu-ray, und was im Fernsehen läuft, wird selbstverständlich am Stück verschlungen, dafür darf sehr gerne mal ein langes Wochenende draufgehen. Ich liebe das Marvel Cinematic Universe mit der gleichen Wucht, mit der ich die albernen DC-Kino-Versuche hasse. Ich trage mit Mitte 40 stolz Deadpool- und Punisher-T-Shirts. Ich diskutiere ausführlich und kontrovers mit Gleichgesinnten über Fragen wie die nach dem einzig wahren Quicksilver-Darsteller. Und warum tue ich all das? Die Antwort ist gar nicht super, sondern furchtbar banal: Weil ich es kann.

Nochmal ein leichter Druck auf die Rückspultaste: Gar nicht so lange nach meinem ersten Kontakt mit der Welt der Sprechblasen geriet ich in Kontakt mit jener Welt, deren Existenz früher oder später jede Kindheit beendet – mit der Realität. Ich wurde erwachsen in der Ära des kalten Krieges, des Super-GAU, des sauren Regens. Die Probleme unserer Welt wurden in der Schule thematisiert, in den Nachrichten, in Gesprächen auf dem Pausenhof oder mit der Familie. Was heute Trump, war damals Reagan. Die 80er waren gar nicht so bunt wie ihre Klamotten. Erst recht nicht, wenn man jung war, vor allem nicht, wenn man der Mittelschicht angehörte. Und trotzdem behaupte ich, dass gerade meine Begeisterung für das Phantastische, das Irreale, das Andere mit dafür gesorgt hat, dass ich schon seinerzeit eher jemand war, der aufgestanden ist und laut wurde, statt still zu leiden. Die Protagonisten im Comic, aber auch in der SF- und Fantasy-Literatur waren nämlich in der Regel eher aktiv als passiv. Die beiden anderen Faktoren, die mich buchstäblich auf die Straße trieben, waren übrigens mein frühes Faible für im weitesten Sinne rebellische Musik und mein sozialdemokratisches Elternhaus. Zugespitzt: Bruce Springsteen und Joe Strummer, Herbert Wehner und mein jähzorniger Vater haben ebenso wenig die Klappe gehalten wie Spider-Man und Wolverine, die Helden von Lankhmar oder Han Solo. Meine späten 80er und frühen 90er habe ich häufig demonstrierend verbracht.

Worauf ich hinaus will: Torsten stellt die Theorie auf, dass die – zugegeben – drastische Fülle an Comic-Adaptionen in Film und Fernsehen die moderne Version von Brot und Spiele darstellt. Muskelmänner und -frauen, die einfache Lösungen anbieten, halten uns davon ab, uns der komplexen Realität zu stellen – die Avengers als Opium fürs Volk. Das sehe ich völlig anders. Und doch stimme ich dem zu.

Denn selbstverständlich ist mein Nerd-Dasein ein Eskapismus. Wenn ich im Kinosessel sitze oder ganze Serienstaffeln binge, blende ich die Realität für zwei bis 48 Stunden komplett aus. Das ist allerdings mein gutes Recht. Denn was ich weiter oben angerissen habe: Wer sich 24/7 mit der echten Welt beschäftigt, hat es verdient, sich gelegentlich eine Auszeit zu nehmen. Die Steuererklärung ist erledigt, der Müll rausgebracht, im Kühlschrank liegen einigermaßen ausgewogen gewählte Lebensmittel – ich habe mein Leben schon relativ gut im Griff. Möglich macht das (daher das „Können“) ein durchaus anspruchsvoller und fordernder Job, der mich jeden Tag bis zu 15 Stunden mit der knallharten Realität konfrontiert. Ich begeistere mich für meine Arbeit als Journalist ähnlich wie für meine Sprünge in andere, in fiktive Welten. Beides sind die viel zitierten Seiten jener Medaille, die mir als politisch bewusstem Erwachsenen am Hals baumelt. Und jetzt kommt die Stelle, an der ich dem Wortvogel zustimme: Ich habe ein Auge drauf, dass beide mal sichtbar sind. Zuviel Chaos in der Welt macht Chaos im Kopf, zuviel Flucht davor birgt die Gefahr, das Chaos zu vergessen. Beides wäre falsch.

Zugegeben: Ich schreibe hier nur für mich, einen kinderlosen Mittvierziger, parteipolitisch eher links, einigermaßen gut informiert und hoffentlich normal begabt. Ob sich andere tatsächlich geistesabwesend auf die prächtigen Sahnetorten stürzen, die ihnen Hollywood serviert, und sich dabei überfressen, weiß ich letztlich so wenig wie Torsten Dewi. Die Gefahr besteht sicher. Und doch bleibe ich dabei: Die Welt braucht Helden. Also Menschen wie Ghandi, King und Mandela, wie Muhammad Ali, Severn Suzuki und den Feuerwehrmann von nebenan – aber eben ab und zu auch wie Steve Rogers und Peter Parker.

„American Gods“ gilt als neue Kultserie

Eine gute und eine schlechte Nachricht hat der Gefängnisdirektor für Häftling Shadow Moon (Ricky Whittle): Zwar wird er einige Tage früher als geplant in die Freiheit entlassen – der Grund dafür ist jedoch der tödliche Unfall seiner Frau. Die Reise zur Beerdigung wird für den hinter Gittern geläuterten Betrüger und Schläger zum Abenteuer. So lernt er einen undurchschaubaren Fremden kennen, der sich Mr. Wednesday (Ian McShane) nennt und Shadow unbedingt als Handlanger engagieren will. Der Ex-Sträfling nimmt seinen neuen Job eher widerwillig an. Und spätestens, als er von einer Horde gesichtsloser Roboter zusammengeschlagen und aufgehängt wird, erkennt er, dass es im Knast bedeutend ruhiger zuging…

Blut spritzt, Körperteile fliegen meterhoch, Wikinger verstümmeln sich selbst, jemand wird von einer riesigen Vagina gefressen, ein Monsterbüffel hat glühende Augen, ein hünenhafter Leprechaun will sich prügeln, und ein Psychopath besteht aus lebenden Pixeln – die erste Folge von „American Gods“ wartet mit einer derart überbordenden Optik auf, dass man sich nach wenigen Minuten wie im Rausch fühlt. Visuell ist das alles so beeindruckend, dass es den Zuschauer atemlos zurücklässt, nachdem er mit weit aufgerissenen Augen das absurde Geschehen aufgesaugt hat.

Die neue Serie von Amazon Video startet mit reichlich Vorschusslorbeeren, was nicht zuletzt an der Vielzahl von Stars vor und hinter Kamera liegt. So stammt die Romanvorlage aus der Feder von Neil Gaiman, für seine Fans einer der größten Geschichtenerzähler der Gegenwart. Und mit Leuten wie McShane („Deadwood“) und Gillian Anderson („The X-Files“) ist das als Epos angekündigte Werk durchaus prominent besetzt.

Anders als im Fall von „Lucifer“, das sich eher lose an Gaimans Schaffen orientiert, versprechen die Produzenten zudem, dem grotesken Charme des zugrunde liegenden Buchs gerecht zu werden. Die erste Folge hat Amazon am 1. Mai in seinem Prime-Angebot zur Verfügung gestellt. Man muss nicht so belesen sein wie der Protagonist, um den Dreh der Geschichte zu verstehen: Die Zeit der alten Götter nähert sich ihrem Ende, weil die Menschen nicht mehr an sie glauben. Statt beispielsweise Allvater Odin (dessen wöchentlicher Feiertag der „Wodanstag“ ist…) zu huldigen, preisen sie neue Götzen wie die Technik oder die Medien. Und so kämpfen – vor den Menschen verborgen – alte und neue Gottheiten um die Macht auf Erden.

Nach der ersten Folge lässt sich noch nicht viel darüber sagen, wie sorgfältig die Charaktere ausgearbeitet wurden oder wie interessant die Story ist. Aber was Schauwerte angeht, setzt „American Gods“ offensichtlich neue Maßstäbe. Sollten die kommenden Teile dieses beeindruckende Niveau halten, haben wir es hier ziemlich sicher mit der aufwändigsten Serie aller Zeiten zu tun. Kleine Warnung allerdings: Allzu zimperlich sollte man nicht sein – mit drastischer Gewalt und explizitem Sex wird nicht gegeizt.

Mal abwarten, ob die Kritiker in aller Welt nur ums goldene Kalb tanzen oder ob die „American Gods“ wirklich zum Niederknien sind. Der furiose Auftakt verspricht zumindest einiges.

„Guardians Of The Galaxy Vol. 2“: Zuviel von allem ist genau richtig

Man gewöhnt sich an alles. Vermutlich auch daran, als Kind von Außerirdischen entführt worden zu sein und sich seither im All als (meist erfolgloser) Ganove und (überraschend erfolgreicher) Superheld durchzuschlagen. Peter Quill (Chris Pratt), der lieber auf seinen selbst gewählten Spitznamen Star-Lord hört, jedenfalls kommt mit dieser Art Leben gut klar. Nur eins wurmt den gebürtigen Erdling: Er hat seinen Vater niemals kennen gelernt und weiß nur, dass dieser nicht von der Erde stammt. Jemanden wie Peter, der gerne seiner Vergangenheit nachhängt, lässt das nicht los. Da ist es gut, dass sein Job – der zweitgenannte, ein bisschen aber auch der erste – ihn derzeit durchaus fordert. Immerhin kämpft er mit seiner Mannschaft gegen ein zähnefletschendes Ekelmonster und hat alle Hände voll zu tun. Lediglich ein Crew-Mitglied schenkt der im Hintergrund tobenden Schlacht kaum Beachtung: Groot (im Original gesprochen von Vin Diesel) tanzt lieber selbstvergessen zu Electric Light Orchestra. Das reinkarnierte Baumwesen ist in seinem aktuellen Entwicklungsstadium ja noch ein Baby…

Willkommen zurück in der Welt der „Guardians Of The Galaxy“! Als die Marvel Studios vor zwei Jahren das erste Kino-Abenteuer der wild zusammengewürfelten Weltraumhelden auf die Leinwand brachten, war zunächst nicht abzusehen, ob dies nicht vielleicht das Ende der Erfolgsgeschichte bedeuten würde. Bis dato hatte sich das Marvel Cinematic Universe (MCU) gerade wegen seines selbstbewussten Konzepts als wahre Gelddruckmaschine erwiesen. Aber ob man sich mit einer sauteuren Produktion über Charaktere aus der dritten Reihe nicht verzettelte? Für viele überraschenderweise ging der Streifen durch die Decke, machten die schrägen Figuren und der selbstironische Ton, die flapsigen Sprüche und die rasante Action, das alles untermalt von einem bewusst käsigen Soundtrack, ihn fast zum Kultfilm. Und für die Fans in aller Welt das Warten auf die Fortsetzung beinahe unerträglich. Zumal – da greift das Konzept des Comic-Riesen wieder – die Geschichten um Peter Quill und seine Freunde ein wichtiger Teil des MCU sind und auch dessen Handlungsrad entscheidend weiterdrehen.

Peterchens Mondfahrt wird mit „Vol. 2“ konsequent dort fortgeführt, wo der erste Teil endete: Die selbst ernannten Wächter der Galaxis haben sich als Team gefunden, fast sogar als Familie, denn jeder von ihnen hat diesbezüglich einige Defizite. Gamora (Zoe Saldana) ist nach wie vor getrieben vom Hass auf ihren Vater, den Despoten Thanos (Josh Brolin), und ihre mordlustige Schwester Nebula (Karen Gillan). Drax (Dave Bautista) trauert weiterhin um seine Familie, die Thanos auf dem Gewissen hat. Rocket (Originalstimme: Bradley Cooper) ist der einzige Vertreter seiner Art, was sicher zum Zynismus des anthropomorphen Waschbären beiträgt. Groot fängt buchstäblich von vorne an. Und Star-Lord treibt wie erwähnt die Suche nach seinem Vater um.

Als er und seine Kameraden diesen letztlich treffen, ist die Freude zunächst verhalten. Immerhin hat Ego (Kurt Russell) seine irdische Lebensgefährtin dereinst verlassen und seinen Nachwuchs nie kennen gelernt. Da hilft es wenig, dass er sich als lebender Planet outet und der graubärtige Raumfahrer dort lediglich eine Art selbst erschaffenes Hilfsmittel zur Kommunikation ist. Aber man gewöhnt sich ja an alles. Auch daran, dass extraterrestrische Völker häufig auf dem Kriegspfad sind – wie etwa die nach Perfektion strebenden „Sovereign“. Und sogar daran, dass Quills schlecht gelaunter Ziehvater Yondu (Michael Rooker) einfach nicht lockerlassen kann. Schon bald wird es zwischen den Planeten mal wieder laut und krachig, wenn Helden und Raumpiraten, Tyrannen und Sternengötter aufeinanderprallen.

„Guardians Of The Galaxy Vol. 2“ hat von allem zuviel. Zuviel Handlung, zuviel Action, zuviele Spezialeffekte. Viel zuviele Andeutungen und Anspielungen. Und erstaunlicherweise zuviel Emotion. Und das ist genau richtig: Zuviel von allem reicht gerade aus, um dieses schillernde, dröhnende, pulsierende Etwas von einem Film in den Griff zu bekommen. James Gunn entpuppt sich endgültig als der Rick Rubin unter den Regisseuren: Alle Regler auf zehn – oder am besten noch auf elf, wie einst bei Spinal Tap!

Die große Stärke dieses Films ist die große Stärke des MCU: Wir erleben, wie perfekt ausgesuchte Schauspieler sympathische Helden zum Leben erwecken. Die Guardians sind ein wirrer Haufen, den das Schicksal zusammengebracht hat – aber sie sind auch ein Team aus gebeutelten Einzelgängern, die sich raufen und zanken und füreinander jederzeit durch die Hölle gehen würden. Wir erleben jeden von ihnen in einer typischen Actionszene, jedoch eben auch in melancholischen Momenten.

Das macht diese Fortsetzung zu etwas Besonderem, selbst in der an Höhepunkten nicht armen Geschichte des MCU. Besser geht Eskapismus kaum. Fast ist man neidisch auf die jüngeren Kinogänger, denn vermutlich erleben sie gerade die Geburt der Helden ihrer Jugend. Star-Lord ist der neue Han Solo. Und er reist dorthin, wo nie ein Mensch zuvor gewesen ist.

Das hier ist nicht einfach großes Kino. Es ist überdimensionales Kino. Genau so und nicht anders muss man das machen.

 

Kleine Randbemerkung: „Guardians Of The Galaxy Vol. 2“ wartet mit einer noch nie gesehenen Fülle an Gastauftritten und Hommagen sowie gleich fünf Abspann-Szenen auf. Hier gibt es wie immer keine Spoiler, aber ausnahmsweise ein Augenzwinkern (mit dem falschen Auge – stimmt’s, Rocket?) für Insider und altgediente Comicleser. Letzte Chance – weiterlesen auf eigene Gefahr. Also: Die Jungs sind wieder in der Stadt. Wir werden beobachtet. Und da kommt was großes Goldenes auf uns zu.

13 vergeudete Stunden

Die letzten fünf Folgen habe ich im Schnelldurchlauf geguckt. Heißt: die Folge lief, ich ging auf „Vorspulen“ und die Untertitel zum englischen Originalton wurden trotzdem noch angezeigt. Das hatte den großen Vorteil, dass ich zwar immer noch sah, was in der jeweiligen Szene gesprochen und getan wurde, allerdings deutlich schneller, so dass die zahlreichen zähen Momente absolut entzerrt wurden. In der letzten Folge schaute ich dann teilweise wieder in Originalgeschwindigkeit, denn ein bisschen Spannung sollte ja auch aufkommen.

Um welche Serie geht es eigentlich? Es geht um die Netflix-Serie „13 reasons why“ oder auf Deutsch (übrigens eine selten dämliche Übersetzung) „Tote Mädchen lügen nicht“.

Die Serie wird hochgelobt, las ich. Alle, die darüber schrieben, fanden es extrem spannend. Ich konnte mir noch nicht vorstellen, wie etwas spannend sein konnte, wenn der Ausgang der Geschichte schon von Sekunde eins an feststand. Ich wurde überrascht, zumindest zu Beginn. Die erste Folge ist extrem unterhaltsam und spannend. Am Ende stellt sich der Zuschauer wirklich nur eine Frage: Was ist mit Hannah Baker passiert?

Dann geht es weiter, Hannah hat insgesamt 13 Kassetten besprochen – mit Gründen für ihren Selbstmord. Ich schreibe es mal läppisch so: Die ersten 9 Gründe sind lachhaft. Die Macher legen ja großen Wert darauf, zu erklären, dass eins das andere ergab. Dass die Verkettung dieser ganzen Umstände zu ihrem Selbstmord führen.

Aber am Ende lebt die Serie oder vielmehr die Geschichte nur von den üblichen Plattitüden: Menschen, die sich schämen, über etwas zu reden. Menschen, die sich nicht zur Wehr setzen, Menschen, die sich von Lappalien verunsichern lassen. Daraus resultieren dann Missverständnisse, Zufälle, Unfälle und noch mehr Missverständnisse. Was dazu führt, dass noch weniger geredet, aufgeklärt und weiterhin missverstanden wird. Kommt einem bekannt vor? Klar, das ist der Stoff einer jeden Seifenoper. Missverständnisse schüren, Intrigen spinnen, ein Opfer an die Wand drücken. Willkommen bei „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“.

Ich will hier keinesfalls Mobbing-Opfer oder vielmehr Mobbing verharmlosen. Ich wurde selbst in der Schule gemobbt, ein ganzes verdammtes Jahr lang. Und ich sage mal so: Bis Folge 9 kann ich definitiv mit Hannah mithalten. Ernsthaft – eine Liste, auf der man mit „best ass“ geführt wird, ist ein Problem? Dann rede doch verdammt noch mal darüber. Deine Freundin erzählt Lügen über dich? Ja, das passiert nun mal?

Die Serie bleibt so atemlos und unglaublich, weil Hannah Baker zu Beginn alles überdramatisiert und diese Dinge nicht aufklärt. Sind Menschen so? Vermutlich. Aber das hier ist mir einfach zu konstruiert, zu bemüht, zu gewollt. Nach acht bzw. neun Folgen bin ich soweit, die Serie einfach nicht weiterzugucken, weil es dermaßen an den Haaren herbeigezogen ist, dass ich nicht mehr folgen will.

Dann, endlich, ziehen die Autoren, ihre Trümpfe aus dem Hut. Die wirklich schlimmen Dinge. Achtung, Spoiler: ein tödlicher Unfall, zwei Vergewaltigungen, Demütigung ohne Ende. Ja, okay, endlich hat das alles irgendwie einen Sinn. Aber hier bin ich schon an dem Punkt, an dem ich nur noch wissen will, wieso sie sich letztlich das Leben nimmt. Ich schaue also alles im Schnelldurchlauf. Clay Jensen tut mir irgendwie leid, irgendwie auch nicht, steckt er doch in der Rolle des trotteligen und unbeholfenen Freundes, der am Ende Schuld trägt, weil er Hannah nicht sagen konnte, dass er in sie verliebt ist. Ernsthaft? Ich meine: WIRKLICH?

Die Serie hat mich unzufrieden zurückgelassen. Sie ist KEIN gutes Beispiel für junge Menschen. Weder, was den Umgang mit anderen Menschen angeht, noch, was das eigene Verhalten betrifft. Vermutlich soll sie aufrütteln. Am Ende sagt Clay deutlich, dass es darum geht, wie wir mit anderen Menschen umgehen. Schöner wäre gewesen, Hannah hätte diesen Menschen, die jeden Tag unter den Demütigungen ihrer Mitschüler leiden, einen Weg aufgezeigt, wie man es aus dieser Misere schafft. Indem man sich anderen anvertraut (das tut sie am Ende zwar, aber auch eher halbherzig und belässt es bei diesem einen sehr gewollten Versuch, von dem sie quasi erwartete, dass er scheitern würde), sich öffnet, mit seinen Eltern spricht, mit Lehrern – und vor allem mit der Polizei. All das tut sie nicht, wohl weil es spiegeln soll, wie es anderen Teenagern geht, die das ebenso machen. Der Ansatz bleibt trotzdem falsch.

Und trotz der ganzen Dramatik in den letzten vier Folgen bleibt der Eindruck der ersten Folgen, dass Hannah eine Drama Queen ist, sich übermäßig in alles reinsteigert, es durch Schweigen noch schlimmer macht – das macht mich derart zornig, vielleicht, weil ich damals einen anderen Weg eingeschlagen habe, dass ich dem Mädchen kaum zugucken kann. Sie nimmt 13 Kassetten auf, aber hinterlässt ihren Eltern keinen Abschiedsbrief? Geht es noch dramatischer? War das nötig?

Fazit: Nichts für mich. 13 Stunden vergeudet. Schade.

Als die Realität den „Tatort“ ermordete

Ab und an schreibe ich ja auch beruflich – leider viel zu selten. Aber zu den Themen, die ich mir nicht nehmen lasse, gehört die Vorabbesprechung des jeweils aktuellen „Tatort“-Falls aus Dortmund. Ich liebe Faber (Jörg Hartmann), den kaputten Griesgram, den einsamen Grenzgänger, den letzten Ruhrpott-Bullen.

„Sturm“ lautet der Titel des neuesten, des zehnten Falls für Faber und das, was manche sein Team nennen würden. Eigentlich sollte er am 1. Januar gezeigt werden. Er wurde jedoch verschoben, weil – so die Begründung der ARD – er inhaltlich zu viele Parallelen zum Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche am 19. Dezember aufweise.

Das ist nachvollziehbar. Zwölf Menschen haben an diesem Tag ihr Leben verloren, elf davon waren unschuldige Opfer. Sie alle – der fanatische Attentäter eingeschlossen – hatten Familie und Freunde, die mit Sicherheit einen schmerzlichen Verlust verarbeiten mussten. Der „Tatort“ orientiert sich seit jeher auch an aktuellem Geschehen. Doch wenn die Realität die Fiktion auf solch dramatische Weise einholt, muss eventuell auch mal auf einen Krimi-Abend vor der Glotze verzichtet werden.

Monatelang warteten Faber-Fans und andere „Tatort“-Gucker darauf, dass ein neues Ausstrahlungsdatum verkündet wurde. Dann die gute Nachricht: An Ostermontag sollte es soweit sein und „Sturm“ endlich gesendet werden.

Heute jedoch erscheint es durchaus möglich, dass diese Folge gar nicht gezeigt wird. Also nie. Denn Faber bekommt es in diesem „Tatort“ mit einem Bombenattentäter zu tun, der Dortmund bedroht. Und am heutigen Tag, am 11. April 2017, vor knapp einer Stunde hat tatsächlich jemand in Dortmund drei Sprengsätze gezündet.

Wir sollten wahrlich andere Sorgen haben als einen schnöden Fernseh-Krimi. Wir sind alle froh, dass es diesmal bei leichten Verletzungen blieb. Dass der Anschlag auf den Mannschaftsbus des BVB lediglich dafür sorgte, dass im Stadion die Fahne der Fairness hochgehalten und ein Fußballspiel verschoben wurde. Und wir sollten uns nicht an Spekulationen aller Art beteiligen. Denn zum jetzigen Zeitpunkt (es ist 20.55 Uhr) wissen wir praktisch noch gar nichts.

Es bleibt jedoch eine interessante Fußnote, über die sich die Feuilletonisten spätestens ab Ostern die Finger wund schreiben werden. Heute ist ein trauriger Tag für den Sport und für die Gesellschaft. Aber auch ein bemerkenswerter Tag für das Fernsehen. Denn heute wurde vielleicht ein „Tatort“ ermordet.

UPDATE: Oder auch nicht. 🙂

Von einem, der nicht auszog, um Monster zu jagen…

Manchmal bin ich durchaus in der Stimmung, mir mal einen Film anzugucken, der mit meinen mitteleuropäisch und amerikanisch geprägten Sehgewohnheiten bricht. Da darf es dann gern was Asiatisches sein – also durchaus etwas schräger und anderen Traditionen verpflichtet. So haben die Japaner ja gar kein Problem damit, dass „ihr“ Godzilla auch heute noch meist von einem Kerl im Gummianzug verkörpert wird. Die Kaiju haben in ihrer Ahnenreihe halt das Kabuki-Theater statt der Dramen von Shakespeare. Mit Animes kann man mich in der Regel jagen (Ausnahme: Frühwerke à la „Captain Future“), das sind mir dann doch zuviel glotzäugige Schulmädchen und schleimige Tentakel in technisch schlechten Trickfilmen. Manche Martial-Arts-Geschichten mag hingegen sehr gern, als neueres Beispiel sei „The Raid“ (Indonesien, 2011) genannt, und der südkoreanische Monsterstreifen „The Host“ (2006) ist sogar einer meiner Lieblingsfilme.

Amazon Prime Video hat nun ein Werk namens „Monster Hunt“ aus dem Jahr 2015 im Angebot, von dem ich nur wusste, dass er wohl der erfolgreichste chinesische Film aller Zeiten ist. Allein der Titel sorgte für stille Vorfreude: Monsterjagd. Das klang vielversprechend.

Die ersten anderthalb Minuten schienen dieses Versprechen auch einzulösen. Eine Stimme aus dem Off berichtete von fernen Zeitaltern, in denen Menschen und Monster friedlich zusammenlebten. Eines Tages vertrieben die Menschen jedoch die Monster, die seither in einer Art Reservat vor sich hinvegetierten. Untermalt wurde diese Vorgeschichte von durchaus stimmigen Aufnahmen dunkler Berge und Wälder. Unter den Monstern gab es nun ebenfalls Streit, und nach dem erfolgreichen Attentat auf ihren Gatten musste die alte Monsterkönigin fliehen, was wegen ihrer Schwangerschaft nicht ganz einfach war. (Alt, aber schwanger – so kenne ich dich, asiatisches Fantasy-Kino.) Also raschelte es im Gebälk, und der Zuschauer wurde Zeuge dieser Flucht. Dann schaltete ich den Film aus. Weshalb?

Ganz einfach: Man sah zum ersten Mal die Monster. Und sie sahen so aus:

Ernsthaft, Leute: Wozu relativ aufwändige Tricktechnik, wenn man damit die fuckin‘ Familie Barbapapa zum Leben erweckt?!

Das ist das Ende: „Suicide Squad“ klopft auf den Sargnagel

Manchmal sollte man auf seine innere Stimme hören. Eigentlich sogar meistens. Meine zum Beispiel hat mich im vergangenen Sommer davor gewarnt, mir „Suicide Squad“ im Kino anzugucken. Und dafür hatte sie einen ganz einfachen Grund. Sie konnte sich daran erinnern, dass wir uns gemeinsam den Vorgänger „Batman v Superman: Dawn Of Justice“ (BvS) angesehen hatten. Und das war immerhin der schlechteste Film, den meine innere Stimme und ich jemals ertragen mussten. (Mehr dazu gibt’s hier – aber es wird später auch noch ausführlicher erläutert.)

Zudem hörte man schlechte Nachrichten von den Dreharbeiten und vor allem vom Nachschnitt, und selbst die viel gelobten Trailer überzeugten mich nicht. Also sparte ich mir Geld und Ärger und nahm mir vor, den Streifen so lange wie möglich schlicht zu ignorieren.

Nun machte mir Amazon Video vor einigen Tagen ein Angebot, das ich kaum abschlagen konnte. Für nicht mal fünf Euro durfte ich mir das Selbstmordkommando 48 Stunden lang so oft anschauen, wie ich wollte. Um es vorwegzunehmen: Ich kam auf exakt ein einziges Mal. Meine innere Stimme hatte nämlich erwartungsgemäß Recht. Aber der Reihe nach…

Nach einem Dreivierteljahr kann man voraussetzen, dass jeder, der „Suicide Squad“ sehen wollte, dies auch getan hat. Daher enthält die folgende Rezension ausnahmsweise massive Spoiler.

Die Handlung: Nachdem Superman in „Man Of Steel“ und BvS relativ achtlos heftigste Kollateralschäden verursacht hat und ein fliegender Muskelprotz aus dem All vor allem der US-Regierung ohnehin suspekt ist, gründet die sinistre Geheimdienstchefin Amanda Waller (Viola Davis) die so genannte Task Force X, die aus Verbrechern mit gleichfalls ungewöhnlichen, teils übernatürlichen Fähigkeiten besteht. Unter anderem gehören der Truppe an: der Auftragskiller Deadshot (Will Smith), der niemals ein Ziel verfehlt, der australische Bankräuber „Digger“ Harkness (Jai Courtney) alias Captain Boomerang, der kannibalistische, verunstaltete Waylon „Killer Croc“ Jones (Adewale Akinnuoye-Agbaje) und das Gang-Mitglied Chato Santana (Jay Hernandez), den man wegen seiner Fähigkeit, Feuer zu erzeugen, auf den Straßen als „El Diablo“ kennt.

Bei all den teils durchgeknallten, teils durchtriebenen Schurken wird rasch klar, weshalb sie für Spezialaufträge zwangsrekrutiert werden. Mit einer Ausnahme: Dr. Harleen F. Quinzel (Margot Robbie), die sich selbst Harley Quinn nennt. Sie war einst als Psychiaterin dafür verantwortlich, den Superverbrecher Joker (Jared Leto) auf den Pfad der Tugend zurückzubringen. Das ging jedoch gründlich in die Hose, weil sich die Therapeutin in ihren unsympathisch-charismatischen Patienten verliebte und ihm zur Flucht verhalf. Nachdem dieser sie brutal gefoltert hatte, verlor auch sie den Verstand und… das war’s. Ihre Superkraft ist, eine psychopathische Mörderin zu sein. Aus diesem Grund wird die zierliche Blondine auch in einem Käfig gehalten, der besonderen Sicherheitsvorkehrungen unterliegt. Ähnlich wie einst Hannibal Lecter – und bei dem hatte ich damit seinerzeit ebenfalls Verständnisschwierigkeiten. Was macht einen alternden Analytiker oder eine 1,68 Meter große Frau zu einer derart unberechenbaren Gefahr, dass man sie in Ketten legen muss? Beziehungsweise – um zum Film zurückzukommen -, dass sie geeignet ist, besonders gefährliche Militäreinsätze zu bewältigen?

Es gibt auf diese Frage tatsächlich eine Antwort, aber damit sind wir schon beim ersten Problem von „Suicide Squad“: Nichts wird richtig auserzählt, vieles bleibt Andeutung oder setzt Insider-Wissen voraus. So sehen wir zum Beispiel, wie Harley von ihrem Liebsten gezwungen wird, in ein Becken mit Chemikalien zu springen. Er hüpft hinterher, und beide planschen in der giftigen Plörre. Offenbar – gesagt wird das nicht – verdankt sie diesem Bad ihre ungesunde Gesichtsfarbe und das Talent, ihren Baseballschläger deutlich kräftiger zu schwingen als der Durchschnittsgangster auf Gothams Straßen. Zumindest gibt es in den der Story zugrunde liegenden Comics einen Handlungsstrang, der das erläutert. Nur: Wer eine Geschichte ein einem bestimmten Medium erzählt, muss gefälligst dessen Gegebenheiten nutzen. Soll in diesem konkreten Fall heißen: Auch unbedarfte Zuschauer sollten erfahren, weshalb Harley ein Teil der Task Force X wird, und es sich nicht zusammenreimen müssen. Wer schleppt denn Sekundärliteratur mit in den Kinosaal?

Das zweite, ungleich größere Problem des Films wurde bereits erwähnt: Jared Leto. Keine Ahnung, was der Mann sich bei der Interpretation seiner Figur gedacht hat. Vermutlich war die Idee, nach Heath Ledger in „The Dark Knight“ noch einmal einen Hollywood-Schönling eine eher ungewöhnliche Variation des Charakters verkörpern zu lassen. Was einmal funktioniert hat… Aber verdammt nochmal: DAS IST NICHT DER JOKER! Schon klar: Er soll es sein. Aber seit Cesar Romero und seinem überschminkten Schnauzer in den 60ern hat niemand den Hintergrund dieser Comic-Ikone weniger verstanden als Leto. Zur Erinnerung (oder für Nicht-Comicleser): Der Joker ist eine tragische Figur, ein Getriebener, vom Wahnsinn geschüttelt, dessen Lachen nichts Lustiges hat, sondern so angsteinflößend ist wie seine Skrupellosigkeit. Sein Grinsen ist nicht zuletzt deshalb nicht etwa aufgemalt, sondern in sein Gesicht gemeißelt. Er ist „der Mann, der lacht“, das unfreiwillige Zerrbild eines Clowns (und damit Vorbild für alles zwischen Stephen Kings Pennywise und den geschminkten Trotteln, die vor einigen Monaten die Schlagzeilen unsicher machten). Und was macht Jared Leto daraus? Einen vergleichsweise fröhlichen Crack-Junkie mit Silberzähnen, gefärbter Haarbürste, albernen Tattoos und aufgesetzt irrem Blick. Nichts, aber auch wirklich nichts wirkt an diesem Joker bedrohlich. Wir erleben einen stinknormalen Mobster mit einem Faible für fragwürdige Mode-Entscheidungen, keinen faszinierend-bösartigen Anarchisten. BvS hat es geschafft, Superman und Batman für immer ihrer Funktion zu berauben, nun ist auch noch der Joker kaputt. Spätestens an dieser Stelle wurde mir beim Gucken klar, wie weise meine innere Stimme ist. (Damit mich niemand für ähnlich irre wie den Joker hält: Man darf auch Bauchgefühl oder Instinkt sagen – da quatscht niemand wirklich, keine Sorge.)

Zurück zur Handlung von „Suicide Squad“: Ihre erste Mission führt die Task Force X (den titelgebenden Spitznamen der Gruppe erwähnt übrigens nur Deadshot ein einziges Mal) gegen eine ursprünglich als weiteres Mitglied gedachte Hexe, die den Körper der Archäologin Dr. June Moone (Cara Delevingne) übernommen hat. Damit keiner der vorbestraften Nachwuchshelden wider Willen die Fahnenflucht antritt, hat Amanda Waller gleich drei Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Zum einen überwacht eine Militäreinheit um Moones Lover Colonel Rick Flagg (Joel Kinnaman) das Geschehen. Zum anderen wird jedem Mitglied eine Sprengstoffkapsel injiziert, ganz wie in John Carpenters „Die Klapperschlange – Flucht aus New York“. Und zu guter Letzt erhält Flagg Unterstützung von der maskierten Samurai-Dame Katana (Karen Fukuhara), in deren Katana (!) die Seelen ihrer Feinde wohnen.

Damit sind wir bei Problem Nummer drei: Was ist hier überhaupt los? Als der Comic-Verlag DC damit begann, seine Superhelden in einem eigenen Kino-Universum auf der Leinwand zu versammeln, um zum inzwischen übermächtigen Konkurrenten Marvel aufzuschließen, schickte man zuerst das Flaggschiff ins Rennen. In „Man Of Steel“ wird an keiner Stelle erwähnt, dass es außer Superman (Henry Cavill) noch andere Männer und Frauen mit übernatürlichen Fähigkeiten gibt. Die Welt schien vom Auftauchen des Kryptoniers und seiner gleichfalls aus dem All stammenden Gegner sehr überrascht, und als Zuschauer hatte man den Eindruck, die neue Welle der DC-Filme setze auf eine Art Realismus, wie ihn Christopher Nolans Batman-Trilogie propagierte. In BvS war dann plötzlich die Rede davon, dass Batman (und früher wohl auch sein Sidekick Robin) bereits seit Jahrzehnten gegen das Verbrechen kämpfen. Außerdem entdeckt „die Fledermaus“ (wie Bruce Waynes Alter Ego konsequent, aber unverständlicherweise genannt wird), dass es vier weitere so genannte Metawesen gibt: Wonder Woman (Gal Gadot), einen jungen Typen mit Supergeschwindigkeit (Ezra Miller), einen Kerl, der aussieht wie Poseidon (Jason Momoa), und einen an der Wand hängenden Torso (Ray Fisher), die Batman (Ben Affleck) sich im kommenden „Justice League“-Film (JLA) wie eine Boygroup zusammencastet. Den Flitzetypen sehen wir nun in „Suicide Squad“ im vollen Flash-Kostüm dabei, wie er Captain Boomerang dingfest macht. Zusammengefasst: Offenbar sind Superhelden, Monster und entstellte Verbrechergenies in dieser Filmwelt nicht so ungewöhnlich wie in unserer Realität. Das macht sämtliche Reaktionen von Passanten und Soldaten, Journalisten und Politikern in den bisher drei neuen DC-Filmen schlicht komplett unlogisch. Auf der einen Seite flippen alle aus, wenn eine Magierin aus einer anderen Dimension einen Bahnhof vernichtet – andererseits juckt es niemanden besonders, dass ein Massenmörder aussieht wie ein humanoides Krokodil oder dass eine japanische Kriegerin ein verzaubertes Schwert schwingt. Da passt nichts zusammen, nicht hinten, nicht vorne – schon allein der Hintergrund ist reines Stückwerk, nicht durchdacht, ohne Plan und Konzept.

Die Suicide Squad – bleiben wir der Einfachheit halber dabei – und ihre militärische Verstärkung machen sich also auf in die halb verwüstete Metropole Midway City. (In den Comics ist diese Stadt übrigens der Heimatort von Hawkman. Ob es den hier auch gibt? Oder in einem späteren Film? Keine Ahnung. Vielleicht hat er Urlaub. Ist mir inzwischen so wurscht wie den Produzenten.) Dort herrscht die Hexe mit ihrem gleichfalls erweckten Bruder über eine Art Zombie-Armee, bestehend aus Normalbürgern und Soldaten, alle versehen mit Köpfen, die an verkohlte Kartoffeln erinnern. It’s magic. Die seelen- und vermutlich leblosen Horden eignen sich prima als Kanonenfutter für die anrückenden Protagonisten. Die Kämpfe sind recht unspektakulär und überraschend hölzern inszeniert. Letztlich wird im Halbdunkel geballert, ab und an darf mal jemand die Fäuste oder eine Schlagwaffe einsetzen. Das ist nicht packend, zu keiner Sekunde spannend und dient nur dazu, die Handlung zentimeterweise voranzuschieben. Ein Mitglied der Suicide Squad darf bei dem verhaltenen Gemetzel übrigens nicht mitmachen: Slipknot (Adam Beach). Wer? Ganz genau – hier kommt Problem Nummer vier.

Ihr habt die Trailer gesehen? Die aufwändige Online-Werbung, inklusive lustigen Spielchen? Die Promo-Interviews? Die Kinoplakate? Vergesst das alles. Das hier ist eine DC-Verfilmung – das bedeutet (wir erinnern uns): Es gibt kein Konzept. Dass der Joker, die Hexe, Rick Flagg und Katana nicht zur Suicide Squad gehören, wurde ja nun erläutert und steht in krassem Kontrast zu dem, was die Marketing-Abteilung bereits Monate vor dem Filmstart behauptet hat. Aber was mit der Rolle von Adam Beach (übrigens einer der wenigen Natives in Hollywood) angestellt wurde, ist wirklich ein schlechter Witz. Slipknot ist angeblich eine Art Ausbrecherkönig, und so einen braucht man natürlich dringend für gewalttätige Spezialaufträge, wenn man bereits eine Psychiaterin und einen Tresorknacker im Team hat. Dementsprechend versucht der Gute – angestachelt vom zynischen Captain Boomerang -, schon bald, sich abzusetzen. Weshalb Colonel Flagg wie angekündigt die Bombe in seiner Halsschlagader zündet und ihn in die ewigen Jagdgründe katapultiert. Ob Mister Beach für seinen gefühlt anderthalbminütigen Auftritt die gleiche Gage bekommen hat wie die anderen Schauspieler? In jedem Fall ist das ein weiteres Beispiel für den unachtsamen Umgang der Filmemacher mit Handlung, Idee und Publikum.

Ein Großteil des weiteren Films besteht daraus, dass die Squad-Mitglieder plaudernd durch die Ruinen latschen. Kein Witz: Sie laufen minutenlang zwischen brennenden Autowracks und niedergemetzelten Hexensklaven die Straße entlang und unterhalten sich. Dabei kommt wenig Überraschendes zum Vorschein, denn sämtliche bereits deutlich gemachten Charaktereigenschaften werden lediglich unterstrichen: Deadshot meint es gar nicht so, Boomerang ist ein hämischer Sprücheklopfer, Harley ist verrückt, aber sexy, und Killer Croc ist hässlich. Nochmal durchzählen… Richtig, einer wurde bislang kaum erwähnt. Denn jetzt kommen wir zum einzigen Pluspunkt dieses Machwerks: Jay Hernandez.

El Diablo hat wie erläutert die Fähigkeit, Feuer zu erzeugen und zu kontrollieren. Er ist quasi eine Art menschlicher Flammenwerfer. Ganz praktisch, wenn man – sagen wir – eine Hexe, ihren bösartigen Bruder und Heerscharen von Zombies bekämpfen will. Nur: Chato Santana ist ein geläuterter Bösewicht. Er hat geschworen, seine Superkräfte nie wieder einzusetzen, und das aus gutem Grund. Wird er aggressiv, verliert er die Kontrolle über sein Feuer, und das hat meist fatale Folgen. Nachdem er in einem Wutanfall seine Frau und seine Kinder getötet hat, beschloss er, den Rest seines Daseins in schweigsamer Demut zu verbringen. Jetzt kommt’s: All das nimmt man Hernandez absolut ab. Man muss fairerweise sagen, dass sämtliche Darsteller alles geben: Margot Robbie spielt vermutlich die Rolle ihres Lebens, Jai Courtney passt sich nicht nur optisch seiner Figur an, und selbst Will Smith schafft es, den treusorgenden Vater hinter der Maske des Killers auftauchen zu lassen. Aber Jay Hernandez muss während der Dreharbeiten tatsächlich gedacht haben, dass das hier ein guter Film wird. Sein trauriger Teufelskerl ist ein gebrochener Mann, der nicht gelernt hat, viele Worte zu machen, und der sich trotz aller Tragik an einen Rest Würde und eiserne Regeln klammert. Seine bizarre Gesichtstätowierung ziert die Züge eines Menschen am Ende seiner Kraft. Umso dümmer, dass Drehbuch und Regie ihn im Showdown durch eine Computeranimation ersetzen.

Also zurück zur Handlung (wir haben’s bald hinter uns): Die Suicide Squad erfährt irgendwann den wahren Hintergrund ihrer Mission. Sie sollte Amanda Waller aus der Stadt retten, die unterdessen das ganze Vorhaben mit ungezählten Kameras beobachtet hat. Letztendlich treffen die Bösewichte auf die Hexe und ihren monströsen Bruder. Es kommt zu einem viel zu kurzen, dafür aber albernen Endkampf. El Diablo opfert sich für das Team, indem er sich in ein vier Monster großes Flammenmonster verwandelt und mit dem Hexenbruder ringt. Dessen Schwester wird ausgeschaltet, indem man ihr das Herz herausschneidet. Das übernimmt die hinterhältige Harley, die in einem lichten Moment nur so tut, als ob sie die anderen verraten wolle. Schließlich muss besagtes Herz aus irgendwelchen Gründen noch punktgenau geworfen werden. Dafür hat man natürlich Captain Boomerang dabei, denn der Australier arbeitet ja vorzugsweise mit jenen Wurfgeschossen, denen er seinen Namen verdankt. Aus diesem Grund befiehlt Rick Flagg selbstverständlich Killer Croc, den Wurf auszuführen. Verwirrt? Ich hab’s auch nicht verstanden, vermute aber, es gibt bei DC mittlerweile die Regel, dass nichts nachvollziehbar oder sinnvoll sein darf. Verbucht das ruhig als Problem Nummer fünf.

Problem Nummer sechs schließt sich direkt an: Wir werden nämlich Zeuge davon, dass die Mitglieder der unfreiwilligen Gemeinschaft nur schwer voneinander lassen können. Bislang konnten sie sich alle untereinander nicht besonders gut leiden, nun sind sie auf einmal BFF. Wie, wodurch und vor allem wann das passiert ist, wurde im Film nicht gezeigt. Natürlich nicht. Aber im DC-Universum geht sowas sehr schnell. Vermutlich haben sie off screen festgestellt, dass ihre Mütter alle Martha heißen.

Die Überlebenden werden wieder eingebuchtet, Deadshot darf allerdings nochmal seine Tochter sehen, und die Haftbedingungen für Killer Croc und Harley werden etwas verbessert. Letztere kommt allerdings gar nicht so richtig dazu dazu, das zu genießen, denn der Joker dringt mit seinen Schergen in den Hochsicherheitstrakt ein und befreit seine Gefährtin. Noch rasch ein paar Worte dazu, weshalb das Problem Nummer sechs ist: „Suicide Squad“ lässt den Eindruck zu, dass der Killerclown und sein Harlekin so etwas wie die große Liebe erleben. Dies wurde bereits weltweit dankbar von einigen unbedarften Cosplayern aufgenommen, die das vermeintliche Traumpaar verkörpern. Nur: Das stimmt nicht. Das Verhältnis zwischen dem Joker und Harley Quinn ist das zwischen einem Gewalttäter und seinem Opfer, das an einer extremen Ausprägung des Stockholm-Syndroms leidet. Der Joker quält und manipuliert seine einstige Therapeutin aufs Übelste und würde sie jederzeit ans Messer liefern. Sie ist eine Art besseres Schoßhündchen für ihn, auf das er aus reinem Sadismus vorerst nicht verzichten will. Daran ist nichts, aber wirklich überhaupt nichts romantisch!

Problem Nummer sieben wurde schamhaft als midcredit scene versteckt: Amanda Waller und Bruce Wayne treffen sich heimlich, und sie steckt ihm die Akten über Wonder Woman, Flash, Aquaman und Cyborg zu. Niemand weiß, wozu er die braucht, immerhin hat er WW bereits persönlich kennen gelernt – und wenn man dem JSA-Trailer und dem Flash-Auftritt zwei Stunden zuvor glauben darf, die übrigen ebenfalls. Warum hat man nicht wenigsten die Chance genutzt und ein paar neue Charaktere angekündigt – etwa Green Lantern oder den erwähnten Hawkman? Ach ja – das hätte ja Konzept und ist deswegen raus…

„Suicide Squad“ ist ein handwerklich schlecht gemachter Film, der zu keinem Zeitpunkt so etwas wie Spannung aufkommen lässt. Die Entscheidung, ihn noch einmal trailer-artig schneiden zu lassen, mag ihn im Vergleich zur angeblich recht dunklen Erstversion etwas aufgelockert haben, zerschmettert aber jedwede Dynamik. Alle paar Sekunden hört man einen anderen Rockklassiker im Hintergrund, ständig wechseln Perspektiven und Szenenaufbau. Vor allem in den Actionsequenzen – in einem Superhelden-, pardon: Superbösewichtfilm nicht unwichtig – wird das überdeutlich. Schade um die ambitionierten Darsteller, allen voran Jay Hernandez, und eigentlich sogar schade um die Grundidee.

Nicht so schade ist es um DC. Ich bleibe dabei: Das wird nichts mehr. Sie haben ihr eigenes Kino-Universum in Grund und Boden getrampelt, ehe es sich überhaupt richtig entfalten konnte. Lassen wir doch mal Revue passieren, was wir bislang gesehen haben:

Superman: Er ist eine Ikonie, eine der großen Figuren der amerikanischen Popkultur. Aus dem Streiter für Fairness und Gerechtigkeit wurde dank „Man Of Steel“ und vor allem BvS ein unnahbarer Wüterich, dem die Menschen, die er eigentlich beschützen sollte, vollkommen gleichgültig sind. Kein Wunder: Sein Vater und sein Ziehvater haben ihm beide beigebracht, dass es keine Rolle spielt, was aus den Erdbewohnern wird. Daher wählt er willkürlich aus, um wen er sich kümmert: Sein kreischendes Liebchen, die angebliche Pulitzer-Preisträgerin Lois Lane (Amy Adams), wird errettet, ihr Kollege Jimmy Olsen (Michael Cassidy) darf hingegen Minuten zuvor umgebracht werden. Weshalb man Superman die Schuld am anschließenden Massaker in Afrika gibt, ist völlig unklar – warum sollte er Schusswaffen benutzen? Ebenfalls undeutlich ist das Verhältnis der Bevölkerung zum Mann aus Stahl: Einerseits scheint er ab und an mal jemanden vor einem Hochwasser zu beschützen oder abgestürzte Raketen abzufangen, weshalb für ihn eine Statue gebaut wurde und man ihm huldigt (was er mit unbewegter Mine hinnimmt). Andererseits traut sich niemand, ihn dafür zur Verantwortung zu ziehen, dass er im Kampf gegen General Zod (Michael Shannon) mal eben halb Metropolis in Schutt und Asche legt und zahlreiche Tote in Kauf nimmt.

Batman: Die „Fledermaus“, wie er stets genannt wird (anscheinend hat sich sein Markenname nie recht durchgesetzt), ist offenbar schon seit etlichen Jahren im Einsatz. Es gibt das berühmte Bat-Signal, mit dem man ihn rufen kann, dennoch haben Polizisten augenscheinlich Angst vor ihm. Kein Wunder, denn im Gegensatz zu seiner Comic-Version bringt dieser Bruce Wayne seine Gegner (besser: Opfer) gleich reihenweise um die Ecke, am liebsten mit großkalibrigen Schusswaffen. Weshalb er auch nach 20 Jahren (oder so) noch immer ein Mysterium für die Öffentlichkeit ist, bleibt ebenso unklar, wie der Grund dafür, dass Verbrecher wie Lex Luthor (Jesse Eisenberg) oder Agenten wie Amanda Waller offenbar relativ einfach seine Geheimidentität aufdecken können. Für den größten Detektiv der Welt benimmt er sich zudem bisweilen recht einfältig. Dafür schließt er rasch Freundschaften: Nachdem sich Superman und er zunächst stundenlang den Garaus machen wollten, genügt der Verweis darauf, dass beider Mütter den Vornamen Martha trugen, um aus ihnen die allerbesten Kumpels zu machen.

Wonder Woman: In BvS wird angedeutet (es wird ziemlich viel angedeutet, dafür wenig erzählt), dass sie eine Weile aus dem Superhelden-Geschäft raus war – vermutlich seit dem Ersten Weltkrieg. Nun mischt sie aber wieder mit, als sich die beiden Trottel Supes und Batsy ein wenig schwer tun im Kampf gegen den Höhlentroll, den Lex Luthor aus seinem eigenen und dem Erbgut von General Zod gebrutzelt hat.

Aquaman: Liebt die Kamera, und die Kamera liebt ihn. Auf jeden Fall hat man diesen Eindruck, denn die „streng geheimen“ Dateien, die Batman an sich nimmt, zeigen minutenlange Unterwasseraufnahmen von ihm. Dabei sehen wir deutlich: Er sieht kein bisschen wie der Aquaman im Comic aus, sondern wie Poseidon oder Neptun. Irgendwann mal hat DC die anstehenden Versuche, die Justice League zu etablieren, mit seinem Bild und dem Slogan „Unite the seven“ beworben. Insgesamt kommen wir aktuell allerdings nur auf sechs, denn da sind ja noch…

Flash: Dem JLA-Trailer nach zu urteilen hat er gewisse autistische Züge. Das steht in deutlichem Gegensatz zu jenem leicht verpeilten, aber optimistischen Geschwindigkeitsfanatiker, den wir aus den Comics oder der aktuellen Fernsehserie kennen. Zeitlich lässt sich schlecht einordnen, was genau mit ihm passiert: In BvS kommt er mal kurz aus der Zukunft, um Batman vor wasauchimmer zu warnen, im Trailer trägt er noch kein Kostüm, in „Suicide Squad“ schon. Vermutlich hat sich wie immer niemand Gedanken darum gemacht.

Cyborg: Seien wir ehrlich: Auch wenn DC das seit einigen Jahren behauptet, gehört der Cyborg nicht zur Stammbesetzung der Justice League. Er wurde erst vor relativ kurzer Zeit hinzugefügt und seither als Gründungsmitglied vermarktet. Warum? Weil die ursprüngliche Gerechtigkeitsliga eine Ansammlung weißer, meist reicher Männer und einer Frau im Badeanzug war. (Lassen wir den grünhäutigen J’onn J’onnz mal außen vor.) Schon immer war die Konkurrenz aus dem Hause Marvel da um einiges weiter: Erst mit Black Lightning (der übrigens demnächst eine eigene Fernsehreihe bekommt) wagte man sich bei DC an sozialkritischere Geschichten mit einem afroamerikanischen Helden auf den Spuren längst etablierter ähnlicher Figuren wie Black Panther. (Mehr dazu unter diesem Beitrag.) Sei’s drum – die Darstellung von Victor Stone, der zum Teil Maschine ist, wirkt zumindest auf den ersten Promo-Bildern durchaus sehenswert, im Trailer leider unfertig bis altmodisch.

Mit dieser Gurkentruppe voller frühzeitig vom Sockel geschubster Superhelden, einem sehr unscharfen Konzept und getrieben von den auch finanziellen Misserfolgen ihrer ersten drei Filme will DC gegen etwas punkten, mit dem Marvel seit fast einem Jahrzehnt Filmgeschichte schreibt? Das kann und wird nicht funktionieren, darin hat mich „Suicide Squad“ bestätigt. Das Marvel Cinematic Universe ist unbesiegbar, das schreibt ein Marvel-Fanboy aus Überzeugung, der gerne eines Besseren belehrt worden wäre.

 

Hintergrund: Hä? Was will er?

Für Uneingeweihte erkläre ich kurz den Unterschied zwischen Marvel und DC. Im Grunde ist es ganz einfach: DC (ursprünglich: Detective Comics) hat die Idee des Superhelden praktisch erfunden. Alles, was Ihr vor Augen habt, wenn Ihr den Begriff hört, wurde von diesem amerikanischen Comic-Verlag etabliert. Hier gibt es die Helden in bunten Unterhosen, mit wehenden Capes und großen Gesten. Die Guten erkennt man am markanten Kinn, die Bösen an den kräftigen Augenbrauen. Dies ist die Heimat von Superman, Batman, Green Lantern, Wonder Woman, Aquaman und was es sonst noch an attraktiven Strahlemännern und -frauen zwischen den Sprechblasen zu sehen gibt. Erst vergleichsweise spät passte sich DC dem Zeitgeist an, wurden die Geschichten düsterer, die Helden gebrochener, verschwammen die einst so deutlichen Grenzen zwischen der hellen und der dunklen Seite. Inzwischen gilt DC dank Großtaten wie Frank Millers „Dark Knight“ als rehabilitiert und hat zumindest im ursprünglichen Medium qualitativ zum ewigen Mitbewerber aufgeschlossen.

Marvel Comics war immer ein bisschen abseitiger unterwegs. Als Kind der 60er trennen das Geburtsjahr der ersten Ausgaben zwar drei Jahrzehnte vom einstigen Riesen DC, dafür gab und gibt es hier die spannenderen Charaktere. Spider-Man, die Fantastic Four, der Hulk, die X-Men um Wolverine – häufig haben wir es mit Außenseitern zu tun, mit Geächteten am Rande der Gesellschaft, die trotzdem alles dafür geben, diese vor dem Chaos zu bewahren. Schon immer wurden Kriegsangst und Rassismus, zwischenmenschliche Probleme und globale Katastrophen thematisiert. Ganz simpel auf den Punkt gebracht: Der bekannteste Held von DC ist ein fliegender Außerirdischer – der von Marvel ist ein problembeladener Teenager, der von einer Spinne gebissen wurde.

Die Stimmung macht die Musik

Darüber, welches die besten Soundtracks der Film- und Fernsehgeschichte sind, streiten sich Fans und Gelehrte seit Generationen. Zwei Namen fallen in diesem Zusammenhang natürlich immer wieder: John Williams und Ennio Morricone. Quasi die beiden großen alten Männer der klassischen Filmmusik. Und es ist ja auch was dran – beispielsweise schafft es niemand, so bedrohlich wie Williams zu klingen, wenn er Leinwandbösewichten eigene Themen auf den Leib schreibt.

Also so:

Oder so:

Aber es gibt zwei Titelmelodien zu Fernsehserien, die es mit dem Meister in Sachen Düsternis eventuell aufnehmen können…

Mark Snow ist einer der meistbeschäftigten Fernsehkomponisten überhaupt. Als Beispiele für sein umfangreiches Schaffen seien an dieser Stelle nur die Themen von „Hart, aber herzlich“ (1979) und „Cagney & Lacey“ (1981 – übrigens ist er mit der Schwester der Hauptdarstellerin Tyne Daly verheiratet) genannt. Die meisten verbinden mit ihm aber die Melodie für eine Serie der 90er Jahre, die praktisch Geschichte geschrieben hat. Mal ehrlich – unheimlicher geht es kaum:

Angelo Badalamenti ist in der Branche durchaus vielbeschäftigt. Auf sein Konto gehen unter anderem die Scores für die wichtigsten Filme von David Lynch, darunter „Blue Velvet“ (1986) und „Wild At Heart“ (1990). Da war es wenig überraschend, dass Lynch den Komponisten 1990 auch für seine Fernsehserie engagierte. Herzlich willkommen in Twin Peaks – mal schauen, wer über Nacht bleibt: