Vor dem Endspiel geht’s in die 90er: “Captain Marvel” ist die Heldin für heute

Vor dem Endspiel geht’s in die 90er: “Captain Marvel” ist die Heldin für heute

Vers (Brie Larson) hadert mit ihrem Leben als Kriegerin der Kree, einer außerirdischen Rasse übernatürlich begabter Wesen. Nachts quälen sie Alpträume, die in einer Vergangenheit spielen, an die sie sich nicht erinnert. Und tagsüber muss sie sich als Soldatin im Krieg gegen die Skrull behaupten, eine befeindete Spezies echsenartiger Gestaltwandler. Auch die Herrscherin der Kree, eine künstliche Intelligenz (Annette Bening), die in unterschiedlicher Gestalt erscheint, kann die Selbstzweifel der knallharten Kämpferin nicht zerstreuen. Als diese nach einem Einsatz zunächst den Skrull in die Hände und schließlich durch das Dach einer Videothek auf der Erde fällt, beginnt für Vers ein Abenteuer, das ihr Leben für immer verändern soll. Zwischen den Fronten der intergalaktischen Streitmächte und gestrandet auf einem relativ primitiven Planeten kann sie sich nur auf wenige Verbündete verlassen. Dazu gehören der abgebrühte Spezialagent Nick Fury (Samuel L. Jackson) und dessen unerfahrener Partner Phil Coulson (Clark Gregg), aber auch die mutige Pilotin Maria Rambeau (Lashana Lynch), eine Katze, die mehr als eine Katze ist, und eine geheimnisvolle Frau namens Mar-Vell. Auf dem blauen Planeten der 90er Jahre entbrennt ein Kampf um Frieden und Gerechtigkeit – und um eine Heldin wider Willen, die beweisen muss, was in ihr steckt.

Wow! Ließen die Trailer darauf schließen, dass Marvel mit dem letzten Film vor dem Meilenstein “Avengers: Endgame” eher auf Spezialeffekte statt eine schlüssige Story setzt, überrascht der erste Alleingang von Captain Marvel mit einer auserzählten Geschichte, für die er sich durchaus Zeit lässt. Phasenweise wird die anfangs recht komplexe Handlung sogar fast ruhig vorangeschoben, während es in den Kampfszenen dafür umso wilder kracht. Der von Anfang an als Blockbuster geplante Film setzt ganz auf seine Hauptdarstellerin. Und das ist genau richtig: Brie Larson hat genug Charisma, aber auch Ecken und Kanten, um glaubwürdig eine zerrissene Persönlichkeit zu verkörpern, die ihren eigenen Weg finden muss und sich dabei nicht unterkriegen lässt. Vor allem im Zusammenspiel mit dem dank Computereinsatz überzeugend verjüngten Samuel Jackson sorgt das dafür, dass wir die kosmische Superheldin rasch ins Herz schließen. (Die beiden standen ja bereits für “Kong: Skull Island” gemeinsam vor der Kamera.)

Dieser Captain Marvel tut am falschen Ort und zu falscher Zeit das Richtige – das macht die Marvel-Helden seit jeher aus und unterscheidet sie von den glatt gebügelten Charakteren des ewigen Konkurrenten DC. Dieser dürfte angesichts dieses rundum gelungenen Kino-Abenteuers übrigens einmal mehr große Augen machen: Offenbar ist es nämlich doch möglich, einen klassischen Superhelden, inklusive Muckis und Flugfähigkeit, sympathisch in Szene zu setzen. Apropos “falsche Zeit”: Da die Handlung ein Jahrzehnt vor dem denkwürdigen Treffen von Fury und Tony Stark (Robert Downey jr.) spielt, hagelt es erwartungsgemäß Anspielungen auf die glorreichen 90er. Man hört Garbage und No Doubt, trägt T-Shirts der Nine Inch Nails, benutzt Pager, und das Öffnen einer einfachen Audiodatei dauert schon mal ein bisschen…

Hinzu kommt, dass sich “Captain Marvel” (mit einer kleinen Ausnahme) nicht nur perfekt in das große Ganze des “Marvel Cinematic Universe” einfügt, sondern zudem ungezählte Hinweise auf die Comic-Vorlage enthält. So ist der erste Auftritt der Weltraum-Kriegerin mehr als nur ein buntes Action-Feuerwerk. Es ist die Geschichte einer Heldin, der ständig gesagt wurde, sie sei nicht gut genug: zu klein, zu jung, nur eine Frau, nur ein Mensch. Und die immer wieder aufsteht und weiterkämpft. Wie Helden das nun mal tun. Das Endspiel kann beginnen. Und Thanos sollte sich warm anziehen.

 

Hintergrund: O Captain! My Captain!

Für Uneingeweihte ein paar kurze Infos zum Comic-Charakter Captain Marvel: Dieser tauchte zum ersten Mal 1967 auf den bunten Seiten auf. Damals verbarg sich hinter dem Namen ein Außerirdischer namens Mar-Vell in silbern-grüner Rüstung (auch im Film zu sehen), der von den Kree ausgesandt worden war, um die Invasion der Erde vorzubereiten. Letztlich trat er jedoch seinen eigenen Leuten entgegen und wurde im klassischen blau-roten Kostüm zum Beschützer seiner neuen Wahlheimat. Nach seinem Tod übernahm zunächst eine Polizistin namens Monica Rambeau den Namen und kämpfte an der Seite der Avengers (auch sie spielt einer Nebenrolle – mit der potenziellen Option auf eine vergleichbare Entwicklung). Vor ein paar Jahren schließlich trat Carol Danvers das Erbe des Captains an, bislang unter dem Pseudonym Ms. Marvel bekannt. Der Film “Captain Marvel” beschränkt sich auf ihre Geschichte, deutet die adaptierte Vergangenheit der Figur jedoch immer wieder an. Wer sich übrigens wundert, dass ein Verlag namens Marvel einen fast gleichnamigen Charakter sein Eigen nennt (klingt ja erstmal nicht besonders originell), dem sei gesagt, dass dies nur durch eine Auseinandersetzung unter Konkurrenten möglich war. Denn DC hatte bereits jahrzehntelang Storys um einen Helden dieses Namens veröffentlicht, ehe man nachgeben musste und jenen Captain in Shazam umbenannte (demnächst übrigens ebenfalls auf der Leinwand zu sehen).

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