Solider Schocker: “Wir” könnte besser sein

Solider Schocker: “Wir” könnte besser sein

Adelaide (Lupita Nyong’o) und ihr Mann Gabe (Winston Duke) verbringen mit ihren Kindern den Sommer im Ferienhaus in Kalifornien. Die gute Stimmung wird dadurch überschattet, dass die junge Mutter immer wieder von düsteren Visionen heimgesucht wird, die ihren Ursprung in ihrer Kindheit haben. Damals war sie am gleichen Strand, in dessen Nähe sie nun den Urlaub verbringt, auf ein Mädchen getroffen, das genau so aussah wie sie.

In der ersten Nacht im Urlaubsdomizil steht plötzlich eine weitere vierköpfige Familie vor dem Haus. Gabe reagiert zunächst aggressiv auf die schweigenden Gestalten in der Dunkelheit. Als diese jedoch in das Gebäude eindringen, stellt die Familie mit Entsetzen fest, es mit Doppelgängern ihrer selbst zu tun zu haben. Und diese sind äußerst boshaft und völlig durchgeknallt. Adelaides Familie muss um ihr Leben kämpfen. Und sie zudem um ihren Verstand.

Die Erwartungen an das neue Werk von Regisseur Jordan Peele hätten höher kaum sein können. Für seinen ersten Film “Get Out” wurde er mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Oscar für das beste Drehbuch. Und tatsächlich wusste die teils satirische, teil groteske Gruselgeschichte durchaus zu überzeugen. Ähnlich wie Marvels “Black Panther” (aus dessen Darstellerriege sich Peele erneut bedient) war sie zudem ein wichtiger Meilenstein in der Geschichte des afroamerikanischen Kinos.

Nun also setzt der frühere Comedian tatsächlich durchgehend auf Horror: “Us” (so der Originaltitel) will Peele eher als Hommage an klassische Genre-Vertreter verstanden wissen statt als mit parodistischen Elementen durchzogene Weiterführung wie den Vorgänger. Und das funktioniert zu weiten Teilen auch ganz gut: Wer sich mit Humor auskennt, versteht was von Timing – und das merkt man vor allem den Schockmomenten auch an. Allein: Allzu oft schimmert dann doch die Vergangenheit des einstigen Komikers durch, wird es zunächst absichtlich, in der Folge jedoch auch unfreiwillig lustig. Da der Regisseur zudem weitgehend auf allzu blutiges Gemetzel verzichtet, ist “Wir” ein Home-Invasion-Thriller, der auch für zarte Gemüter geeignet ist. Oder anders: Dieser Film ist nicht annähernd so unheimlich, wie der atmosphärische Trailer verspricht.

Es gibt zwei Ausnahmen: Shahadi Wright-Joseph hat als Doppelgängerin von Tochter Zora das fieseste Grinsen seit Jack Nicholson. Diesem wahnsinnigen Meuchel-Teenie möchte man wirklich nicht im Dunkeln begegnen. Und Lupita Nyong’o macht noch einmal deutlich, wofür sie vor einigen Jahren mit dem Oscar belohnt wurde. Die gebürtige Kenianerin ist eine der besten Schauspielerinnen ihrer Generation und lässt sich von Hollywood hoffentlich nicht als pretty face in halbgaren Kassenschlagern verheizen, sondern bleibt bei der Auswahl ihrer Filme wählerisch.

Denn alles in allem ist “Wir” ziemlich gelungenes Gruselkino – allerdings mit einigen Macken, die in der verständlichen Euphorie über das Talent aller Beteiligten leider etwas untergehen. Hauptproblem ist das Drehbuch: Einerseits setzt Jordan Peele auf ungezählte Details, die das nahende Grauen andeuten – angefangen bei der VHS-Cassette des Klassikers “C.H.U.D.” in der ersten Einstellung über den Einsatz von Schatten am Strand bis hin zur bewussten Kopie der Autoszene aus “Funny Games”. Andererseits leistet er sich derart massive Logiklöcher, dass das Ergebnis nicht so gut ausfällt wie erhofft. Um das zu erläutern, folgen jetzt einige massive

SPOILER!

Ihr habt den Film gesehen? Dann dürft ihr weiterlesen. Folgende Fragen stellt man sich als Zuschauer: Wie ist es Red gelungen, Hunderttausende von Doppelgängern mit roten Overalls, Lederhandschuhen und goldenen Scheren auszustatten? Wenn die “Verketteten” Nachfahren von vergessenen Klonen sind, weshalb haben auch sie dann überhaupt Gegenstücke in der Oberwelt? Funktioniert Klontechnik wirklich über Generationen auf diese Art? Warum hat Red – die ja eigentlich keiner der “Verketteten” ist – den anderen Doppelgängern nicht das Sprechen beigebracht, sondern im Gegenteil offenbar selbst jahrzehntelang darauf verzichtet? Weshalb ist sie trotzdem derart eloquent? Warum setzen sich die anderen Menschen in Santa Cruz und dem Rest der Vereinigten Staaten nicht genau so zur Wehr wie Adelaides Familie? Aus welchem Grund fährt Gabes Doppelgänger mit ihm aufs Wasser raus, wenn doch scharfe Scheren unter seinen Leuten die Waffe der Wahl sind? Wieso verhalten sich zwei Minderjährige in einer Nacht des Schreckens plötzlich wie Bruce Willis? Und warum leben die “Verketteten” immer exakt dort in der Kanalisation, wo sie nicht weit entfernt von ihren Gegenstücken sind – nur Reds Familie und die Doppelgänger der Nachbarn wohnen unter dem Urlaubsort?

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