Neulich im Sternenkrieg: „Rogue One“ – ein leckerer Snack

Ich war skeptisch: In meinem Jahresrückblick habe ich bereits angedeutet, dass ich mich auf „Rogue One: A Star Wars Story“ natürlich nicht so sehr freue wie auf die tatsächliche Fortsetzung der Saga. Trotzdem saß ich durchaus gespannt vor der Leinwand. Würden meine Vorurteile bestätigt werden? Ohne zuviel vorwegzunehmen: Die Antwort ist ein zögerndes „Ja, aber“.

Eine brünette (Halb-)Waise mit mysteriöser Herkunft, deren Fähigkeiten ausschlaggebend sind im Krieg zwischen Rebellenallianz und Imperium? Die von einer zusammengewürfelten Gruppe unterstützt wird, der unter anderem ein Droide und ein zunächst eher unfreiwillig hineingezogener Ex-Imperiumssoldat angehören? Ein Todesstern, den es zu zerstören gilt? Wo habe ich das zuletzt gesehen… In Episode VII, verdammt nochmal! Bereits die Trailer zum ersten One Shot der Sternenkrieg-Reihe ließen mich daher wenig begeistert zurück. Ohnehin haderte ich ein bisschen mit dem Konzept, zwischen den eigentlichen Teilen der Geschichte etwas niedriger budgetierte Häppchen zu servieren. Inzwischen ist ein Jugendabenteuer von Han Solo beschlossene Sache, über einen einzelnen Boba-Fett-Film wird immer lauter nachgedacht. Verwässert das nicht die Grundidee? Sollte man sich nicht aufs Kerngeschäft konzentrieren, wenn man schon das Expanded Universe für nicht existent erklärt? Und überhaupt: Wer braucht eigentlich Prequels? Wir wissen doch alle, wie die Geschichte ausgeht.

Nun, zum einen wissen das leider nicht alle. Die jüngeren Star-Wars-Fans, deren Heldin Rey heißt, sollen daher natürlich mit einer recht ähnlichen Protagonistin ins Kino gelockt werden. Und zum anderen klaffen zwischen Episode III und IV ja schon massive zeitliche Lücken, die von mittlerweile drei Zeichentrickserien längst nicht komplett gefüllt werden.

Zur Geschichte des Films: Die junge Jyn (Felicity Jones) ist die Tochter von Galen Erso (Mads Mikkelsen), dem Konstrukteur des Todessterns, einer mondgroßen Raumstation mit nie gesehener Feuerkraft, mit der das Imperium die Rebellen endgültig auslöschen will. Saw Gerrera (Forest Whitaker), eine Art Freischärler und eher extremistischer Angehöriger der noch neuen Rebellenallianz, nimmt sich ihrer zunächst an, später jedoch muss sie sich allein in den Kriegswirren durchschlagen. Über Umwege kommt sie in Kontakt mit der Allianz, die zum Zeitpunkt der Handlung noch ein fragiles Konstrukt ist, zerstritten und kaum koordiniert.

Gemeinsam mit dem Rebellenoffizier Cassian Andor (Diego Luna), seinem umprogrammierten Imperiumsdroiden K-2SO (Alan Tudyk), dem früheren imperialen Frachterpiloten Bodhi Rook (Riz Ahmed), den beiden Attentätern Chirrut Imwe (Donnie Yen) und Baze Malbus (Jiang Wen) sowie einigen anderen Freiwilligen macht sich Jyn daher auf eine praktisch aussichtslose Mission. Sie wollen die Pläne des Todessterns bergen, auf denen ihr Vater die Schwachstelle der ansonsten unbesiegbaren Kriegsmaschine eingezeichnet hat, um auf diese Weise den Rebellen zum Sieg in der entscheidenden Schlacht zu verhelfen. Auf der Gegenseite: der ehrgeizige Imperiumsdirektor Orson Krennic (Ben Mendelsohn) und zwei für die Zuschauer alte Bekannte, einer ein hartherziger Militarist, der andere der mächtigste Lord der Sith…

Ich gebe zu: „Rogue One“ fühlt sich zu jeder Sekunde an wie Star Wars, und das will was heißen. Und auch die Merchandising-Maschinerie, die aufgefahren wird, steht den „großen“ Filmen kaum nach: Zwischen Actionfigur und Zahnputzbecher gibt es alles, was das Fan-Herz begehrt, und auch dafür steht das Franchise. Die Handlung allerdings, wie erwähnt zeitlich vor dem allerersten Film aus dem Produktionsjahr 1977 angesiedelt, verortet das vermeintliche Spin-Off klar als Zwischenmahlzeit. Es wäre nämlich nicht nötig gewesen, das zu zeigen, was uns auf der Leinwand präsentiert wird. Es hätte – und hat – gereicht, es bei dem Hinweis zu belassen, dass Rebellen ihr Leben gelassen haben, um die Pläne des Todessterns zu besorgen. Aber selbstverständlich ist es völlig okay, diesen Satz filmisch auszuformulieren. Solange ein unterhaltsames Produkt dabei herauskommt – warum nicht? Und unterhaltsam ist „Rogue One“ allemal.

Es braucht jedoch ein paar Minuten, bis der Film seinen Rhythmus findet. Die erste halbe Stunde hat ihre Längen, manches wirkt zu geschwätzig, anderes zu sehr angerissen. Sobald jedoch die Mission startet, ist überraschend, wie mitreißend und spannend hier etwas inszeniert wird, dessen Ausgang die meisten Kinobesucher kennen. Visuell und akustisch wird einiges aufgefahren – der Snack ist so lecker gewürzt wie ein Hauptgang. Es gibt halsbrecherische Verfolgungsjagden im All, es gibt sauber choreografierte Scharmützel am Boden – und gerade dabei zeigt „Rogue One“, was er ist. Ein Kriegsfilm nämlich, kein Märchen – hier ist kaum Platz für weise Sprüche über die beiden Seiten der Macht, hier wird blutig am Strand verreckt. Man hört es knacken und sieht es brennen, das philosophische Element, die Fantasy bleibt fast gänzlich außen vor. Einzig Chirrut darf von den Jedi erzählen, die es ja vor Episode IV faktisch nicht mehr gibt. Das nimmt dem Sternenkrieg natürlich ein wichtiges Element, um sich auf ein anderes zu konzentrieren, und es ist klar, dass das nicht jeder gutheißen wird. Es ist aber auch so mutig wie konsequent, quasi den dreckigen Job der Kämpfer im Hinter- und Untergrund zu zeigen, statt die pathetisch inszenierten Abenteuer der Helden.

Dabei verhebt sich der Film keineswegs, alles ist geschmeidig und souverän inszeniert. Man schließt die kleine Gruppe Aufrechter rasch ins Herz und wünscht ihnen alles Gute – wohl wissend, dass ihr Schicksal längst entschieden ist. K-2 ist eine wohltuende Ausnahme in der Riege der plappernden oder piepsenden Droiden: Er sagt, was er denkt, und das ist meist zynisch, aber unterhaltsam. Schade, dass er in der deutschen Synchro beinahe klingt wie C-3PO. Chirrut und Baze, der blinde Philosoph und der beinharte Soldat, sind ein tolles Gespann, eine überzeugende Hommage an vergleichbare Protagonisten alter Martial-Arts-Filme. Bodhi ist der sympathische Nerd mit einem guten und mutigen Herzen, das er zunächst noch entdecken muss. Und Cassian und Jyn sind das klassische Actionfilm-Paar, sie raufen und sie mögen sich, liefern sich verbale Gefechte, um die echten mal ausblenden zu können. Man mag diese bunte Truppe einfach – und das wird (milder Spoiler) ziemlich schmerzhaft.

Der Auftritt von Darth Vader ist nicht unerwartet, aber beeindruckend. Gerade bei einer derart ikonischen Figur, die entsprechend oft verfremdet und parodiert wurde in den vergangenen fünf Jahrzehnten, ist es wichtig, die Zuschauer daran zu erinnern, mit wem sie es hier zu tun haben. Mit dem absolut Bösen nämlich, dem gefallenen Engel, der personifizierten zerstörten Hoffnung – einer Kreatur, die in der Lage ist, mit bloßen Gedanken zu töten, und ihre Opfer notfalls in Scheiben schneidet. Das ist Darth fuckin‘ Vader, verflucht – und genau so wird er auch gezeigt.

Es gibt (auch das ein milder Spoiler) ungezählte Hinweise auf frühere Filme und einige Cameo-Auftritte. Das ist schön, aber schade. So spricht nichts dagegen, beispielsweise den Droiden RA-7 kurz zu zeigen oder K-2 ein Han-Solo-Zitat andeuten zu lassen. Aber dass man gewissermaßen in jeder größeren Menschenmenge auf Dr. Cornelius Evazan und Ponda Babba stößt, ist eher albern und macht das Star-Wars-Universum unnötig klein. George Lucas hat sowas auch gerne verbockt, und seine Ära wollten wir doch eigentlich hinter uns lassen. Unverzichtbar natürlich die Darstellung von Wedge Antilles, eigenartig und diskussionswürdig jedoch die CGI-Auftritte eines verstorbenen und eines gealterten Darstellers. Dazu an dieser Stelle nur: Es ist beeindruckend, dass so etwas funktioniert. Es ist beruhigend, dass so etwas noch nicht perfekt funktioniert. Und es muss darüber geredet werden, wie man damit umgeht, wenn es in absehbarer Zeit perfekt funktionieren wird. „Casablanca II – The Return Of Rick“ und „Denn sie wissen noch immer nicht, was sie tun“ rücken in greifbare Nähe, Freunde…

Zwei Punkte sind es, die „Rogue One“ eben doch sinnvoll machen: Zum einen erfahren wir, warum eine Superwaffe wie der Todesstern eine relativ einfach auszunutzende Schwachstelle hat. Zum anderen wird angedeutet, weshalb in „Krieg der Sterne“/“A New Hope“ nur menschliche Piloten in den X-Flüglern sitzen. Noch ein kleiner Spoiler: Die frisch gegründete Allianz besteht anfangs fast nur aus Menschen (Corellianern etc.) und Mon Calamari (die eher Strategen in zweiter Reihe sind). Das ist stimmig und macht aus zwei eher unangenehmen Relikten der 70er erklärbare Teile der Handlung. Ähnliches gilt für den erneuten Einsatz einer starken Frauenfigur und das vergleichsweise multikulturelle Ensemble – in beiden Fällen hat Star Wars einiges nachzuholen.

Insgesamt bleibt festzuhalten: „Rogue One: A Star Wars Story“ ist genau das, was uns versprochen wurde. Nicht mehr, aber auch nicht weniger als ein leckerer Snack nämlich, der Appetit auf das nächste Hauptgericht machen soll. Davon darf es gerne noch ein paar geben, solange die eigentlichen Gänge nicht vernachlässigt werden. Twinkle, twinkle, little star.