“You are wanted”: Hack(er)-Brötchen statt Champagner-Frühstück

Als das Licht wieder angeht, ist die Welt von Manager Lukas Franke (Matthias Schweighöfer) nicht mehr dieselbe – er weiß es nur noch nicht. Erst langsam dämmert dem Berliner Familienvater, dass Unbekannte sich buchstäblich in sein Dasein gehackt haben und der Stromausfall, der die Hauptstadt an Frankes Geburtstag überrascht hat, nur der Anfang war. Die Online-Terroristen nehmen ihm nach und alles, was ihm lieb und teuer ist: den gut bezahlten Job, die Bilderbuch-Familie, seine gesamte Existenz. Wer steckt hinter der Verschwörung? Und was kann ein Durchschnittsbürger wie Franke tun, um sich gegen den unsichtbaren und vermeintlich unbesiegbaren Gegner zur Wehr zu setzen?

Schweighöfer goes Amazon Video – man kam in den vergangenen Wochen kaum umhin, den mit viel Getöse angekündigten Sechsteiler “You are wanted” wahrzunehmen, mit dem der Versandhaus-Riese und das ewige Wunderkind des deutschen Kinos erstmals gemeinsame Sache machen. Vor allem online – thematisch durchaus passend – rührten der Schauspieler und seine neue vorläufige Heimat die Werbetrommel.

Hat sich das Warten gelohnt? Oder ist der Mehrteiler nur ein bemühter Abklatsch eines bekannten Erfolgsformats aus Hollywood (“Der Staatsfeind Nr. 1”)? Die Antwort auf beide Fragen ist ein klares “Ja, aber”.

Zunächst mal steht “You are wanted” nicht nur in Sachen Namensgebung durchaus in der Tradition von “Who am I”, der vor zweieinhalb Jahren Kritiker und Kinogänger überzeugte. Das bedeutet: Alles ist sehr wertig, die Kamera ist teilweise sogar spektakulär gut, die Schauspieler (neben Schweighöfer sind unter anderem Alexandra Maria Lara als Frankes Frau und Tom Beck als undurchsichtiger Geschäftsmann zu sehen) machen ihre Sache erwartungsgemäß souverän. Die knapp sechs Stunden gucken sich flott weg, da hakt nichts, die Handlung bleibt spannend, und letztlich sollte man von einem Thriller auch nicht mehr erwarten als gute Unterhaltung. Die wir hier auf hohem Niveau zu sehen kriegen, daran besteht kein Zweifel.

Allein: Wie manche deutsche Produktion verhebt sich die Miniserie ein wenig an ihrem Anspruch. Hollywood bleibt in weiter Ferne, “You are wanted” ist zu jeder Minute ein gut gemachter Krimi aus dem Land der Kehrwoche und der Bratkartoffeln. Das ist nicht schlimm, aber das hat eben nichts mit dem viel beschworenen Weltformat zu tun, das uns in der Werbung versprochen wurde. Oder anders: Ihr mögt den “Tatort”? Dann freut euch darauf, einen sechsteiligen Fall mit höheren Produktionskosten zu sehen.

Herausragend in der Darstellerriege ist übrigens Catrin Striebeck als knallharte Kommissarin, die mal an der Kettenraucher-Kippe, mal am Asthma-Inhalator zieht. Fast ein Symbol für die zwei Seiten der Qualitätsmedaille, die diese Serie hat.

Hinzu kommt, dass das passiert, was immer passiert, wenn es um Internet-Kriminalität geht. Da wird manches Klischee bedient, ständig schwirren Zahlenkolonnen über den Schirm, haut irgendjemand beherzt in die Tasten, geht es um Codeworte und irgendwelche Rätsel in Form von Formeln. Das erinnert dann mitunter schon ein wenig an sowas:

Und eine Frage bleibt nicht nur in dieser gewohnt spoilerfreien Rezension unbeantwortet: Warum zur Hölle verwandeln sich harmlose Familienväter im Notfall immer in smarte Detektive mit reichlich Talent im Nahkampf?

Fazit: Wer sich auf solides Spannungsfernsehen freut, wird gut bedient. Wer mit Überraschungen rechnet, möglicherweise enttäuscht. Und beides ist gar nicht schade.

 

Übrigens: Die beste deutsche Hacker-Serie bleibt “Bastard” aus dem Jahr 1989, unter anderem mit Peter Sattmann und Gudrun Landgrebe. Die war wunderbar zeitgeistig, und es wird sicher interessant, sich “You are wanted” in 20 Jahren mal anzuschauen. Vielleicht überkommt uns dann ein ähnlich heimeliges Gefühl von Nostalgie… Was das bedeutet? Na, hört (und schaut) euch mal den “Bastard”-Titelsong an: