“Star Trek: Discovery”: Wohin geht die Reise?

Zwei Herzen schlagen, ach, in meiner Brust: Einerseits gehöre ich zu jenen Star-Trek-Fans, die der neuen Serie “Discovery” unbedingt eine Chance geben wollten und sich nach der Pilot-Doppelfolge durchaus in ihren Hoffnungen bestätigt sahen. Andererseits haben wir mittlerweile das Midseason-Finale erreicht – die Hälfte dieser ersten Staffel ist also rum -, und noch immer drängen Fragen in meinen Kopf, der sich doch eigentlich nur mit einer unterhaltsamen SF-Geschichte beschäftigen sollte. Es sind nicht einmal wenige Fragen, und ich wäre sehr froh, auf zumindest einige davon in absehbarer Zeit eine Antwort zu bekommen. Sollte dies nicht passieren, wird mein Gesichtsausdruck vermutlich so finster wie der von Captain Lorca. Denn dann könnte es sein, dass die Freude darüber, dass Netflix uns endlich wieder eine Serie aus dem Trek-Universum beschert hat, durchaus getrübt wird. Dass dunkle Schatten sich ins Bild drängen, dessen erste Skizzen doch von Optimismus und Wohlwollen geprägt sind.

Aber der Reihe nach und zum besseren Verständnis: Ich habe überhaupt kein Problem damit, dass einiges, was in “Star Trek: Discovery” passiert, möglicherweise nur unter einiger Anstrengung in den Kanon geräumt werden kann. Es stört mich überhaupt nicht, dass Uniformen, Klingonen-Physiognomie und Technik nicht so ganz in die Zeit passen, in der die Story spielt. (Das war bei den Star-Wars-Prequels ja durchaus ähnlich.) Aber es stößt mir spätestens seit zwei Folgen sauer auf, dass vieles unklar bleibt und nicht erklärt wird. Wohin geht die Reise der “Discovery”?

Ich gehe davon aus, dass jeder, der das hier liest, die Serie verfolgt. Wer mag, kann ja hier nochmal nachlesen, wie Kirstens und mein erster Eindruck vom Auftakt war. Daher im Folgenden einfach meine offenen Fragen zu “Star Trek: Discovery”:

  1. Was ist das Konzept? Anfangs war ich relativ sicher, die Serie zeige quasi die dunklen Flecken in der Vergangenheit der Föderation. Starfleet im Krieg gegen die Klingonen – hier geht es nicht darum, zu erforschen, was nie ein Mensch zuvor erforscht hat, sondern darum, einen mächtigen Feind zu besiegen. So habe ich auch das runderneuerte Aussehen der Klingonen verstanden: Zum Zeitpunkt der Handlung sind diese nämlich eher fremdartige Monster als mögliche Verhandlungspartner oder gar eventuelle Verbündete. Aber dann wird eben doch immer wieder der Expeditionsaspekt der Mission betont. Lorca sagt sogar ganz deutlich, er habe es zunächst mit “freundlichen Forschern” zu tun gehabt, die nun aber Krieger seien. Funktioniert die Sternenflotte wirklich so? Man wird an Bord eines Raumschiffs eingesetzt, dessen Funktion sich nach Belieben des Captains oder den Anforderungen des Einsatzes ändert? Dachten Crew-Mitglieder und Besatzung anfangs, dass sie eine spannende, aber überschaubar gefährliche Forschungsreise ins All unternehmen, und finden sich plötzlich auf dem Schlachtfeld wieder? Und was genau hat es mit besagter Crew auf sich? Zunächst begegnen sie Michael, der vermeintlichen Verräterin, relativ feindselig. Als Zuschauer fühlt man sich wie in “Moby Dick”, inklusive eines sinistren Kapitäns. Später dann scheint die Atmosphäre nicht anders zu sein als in anderen Serien des Franchise, in einer Folge wird gar ausgelassen gefeiert. Und kurz darauf bricht wieder die triste Stimmung der latenten Bedrohung durch die Klingonen herein. Ich verstehe nicht, was das Ganze soll: Ist das die Geschichte der ausgestoßenen Heldin an Bord eines Geisterschiffs mit unsicherem Kurs, das Kriegsabenteuer à la spätes “Deep Space Nine” oder doch die klassische Trek-Reise zum Horizont? Ist die “Discovery” nun eher “Pequod”, U 96, “Titanic” oder “Enterprise”?
  2. Ist Lorca Freund oder Feind? Der Captain der “Discovery” ist ein Arschloch. Darauf können sich die meisten Zuschauer sicher einigen. Er gibt sich auch ganz bewusst keine Mühe, etwas an diesem Eindruck zu ändern – im Gegenteil zelebriert er sogar das Image des Düstermannes. (Man wartet förmlich darauf, dass an der Orgel sitzt und Bachs Toccata und Fuge in d-Moll spielt.) Auch ist er unter den Star-Trek-Captains am deutlichsten ein Soldat. Anders als Weltraum-Cowboy Kirk, der gütige Vater Picard, Pionier Archer, aber selbst als die hartgesottene Janeway und der zunehmend finstere Sisko geht Lorca buchstäblich über Leichen. Und zwar nicht nur über die des Gegners, sondern skrupellos auch über die von Kameraden. Er opfert eine einstige Geliebte, er lässt einen verhassten Ganoven in den Händen der Klingonen – kurz: Diesem Captain sollte man nicht in die Quere kommen. Andererseits macht er seinen Job eher nachlässig: Mehrfach äußert er, Entscheidungen seiner Crew seien ihm egal. Dass er so starrköpfig sein Ziel verfolgt, macht ihn zum SF-Ahab, sein ebenso unerschrockener Einsatz für die Mannschaft wiederum zu jemandem, den man in der Nähe haben will, wenn es hart auf hart kommt. Die Sternenflotte lässt ihm dabei erstaunlich viel durchgehen. Da wurde mancher schon für weniger auf einem Eisplaneten ausgesetzt… Ich frage mich nur, welche Funktion der Captain der “Discovery” für die Geschichte hat. Ist er heimlich eine Art Mentor für Michael, an deren Mitarbeit ihm ja zu liegen scheint? Oder ist der große böse Boss, die Bedrohung von innen, die die Situation in Krisenzeiten noch komplizierter macht?
  3. Sie wurden bereits mehrfach erwähnt: Was hat es mit den neuen Klingonen auf sich? Wie geschrieben: Ich komme damit klar, dass sich die Optik dieser Kriegerrasse von allem unterscheidet, was uns seit den 60er Jahren gezeigt wurde. Sie sehen nicht mal aus wie die Neuinterpretation von J.J. Abrams. Das kann den Grund haben, dass man heute noch einmal mehr Möglichkeiten hat, fremde Wesen von anderen Planeten darzustellen, als zu seligen TNG-Zeiten. Bloß: Die Masken sind eher schlecht. Während an anderer Stelle augenscheinlich viel Geld angefasst wurde und mancher Spezialeffekt durchaus Kino-Niveau hat, nehmen die Gesichtsprothesen der Klingonen-Darsteller ihnen jegliche Mimik. Daher vermute ich, der Grund für das geänderte Aussehen wird uns doch noch gezeigt. Mancher Dialog deutet darauf hin, dass wir es hier mit einer archaischen Splittergruppe zu tun haben… Vielleicht haben deren Mitglieder sich auch optisch eventuellen Anpassungen verweigert? Einmal mehr können die Zuschauer nichts anderes tun als Theorien zu diskutieren. Die Produzenten lassen uns auch an dieser Stelle im Nebel stochern.
  4. Das gilt allerdings nicht nur für die Klingonen: Wer ist die Crew? Ganz ernst gemeinte Frage, und wer kurz darüber nachdenkt, wird meine Verwirrung teilen. Bislang wurden uns die Protagonisten einer Star-Trek-Serie immer auf die eine oder andere Weise vorgestellt. Auf der “Discovery” jedoch tun Leute ihren Dienst, denen wir nie sehr nah kommen – und deren Schicksal uns deswegen vergleichsweise egal ist. Ausgerechnet der exotischste Charakter unter ihnen ist die Ausnahme: Saru ist nicht der ängstliche C-3PO, als der er im Piloten eingeführt wurde. Er bekommt nach und nach Profil, auch sein ambivalentes Verhältnis zu Michael wird erklärt. Glücklicherweise steht er auch nicht in direkter Tradition der superschlauen Exoten, ist also kein Nachfahre (oder Urahn) von Spock, Data, Odo, dem Holo-Doc oder T’Pol. Nur: Wer verdammt sitzt da noch rum? Ich verzichte bewusst darauf, die Namen zu googeln, denn eine Handlung sollte erzählt werden und keine Sekundärliteratur erfordern: Da haben wir die dunkelhäutige Frau mit dem Iro, die vernarbte Rothaarige (die ihre Verletzungen Michael anlastet) und die Dame, die aussieht wie irgendetwas zwischen einem außer Kontrolle geratenen Geordie La Forge und einem Prä-Borg. Zumindest die Geschichte der Letztgenannten würde mich durchaus interessieren, und ich kann nur hoffen, die Crew besteht nicht aus etwas wichtigeren Redshirts… (Deutlich besser sieht es übrigens an anderer Stelle der “Discovery” aus, aber zum Positiven komme ich noch.)
  5. Ist Tyler ein Klingone? Diese Theorie (da haben wir es wieder) wird seit geraumer Zeit diskutiert, und tatsächlich spricht einiges dafür. Fast schon zuviel, so plump kann kein Drehbuch sein. Eventuell weiß der Gute nicht mal, dass er ein Klingone ist, und seine Gefühle für Michael sind echt. Oder ist er einfach “nur” das Opfer anhaltender Folterungen und Vergewaltigungen? Dies ist die einzige Frage, die ich noch eine Weile hinnehmen würde, denn immerhin scheint sie Teil einer Story-Idee zu sein und macht die Figur dieses tapferen Soldaten durchaus spannend.
  6. Wann kommt der Showrunner aus dem Urlaub zurück? Okay, das ist böse. Aber ein bisschen habe ich wirklich den Eindruck, “Star Trek: Discovery” fehle eine ordnende Hand. Jemand, der den Überblick behält und vor allem ein Ziel im Auge. Der die teils offenen Handlungsstränge sortiert, die Figuren in Bahnen lenkt und dem Ganzen eine Struktur verpasst. Aktuell wirkt nämlich leider einiges, als ob da zu viele Köche den Löffel geschwungen hätten. Manches davon würde ich einer anderen Serie sogar durchgehen lassen. Aber: Dies ist Star Trek!

Ist denn wirklich alles schlecht? Nein, natürlich nicht, ganz im Gegenteil. Die Abenteuer der “Discovery” sind grundsätzlich spannend anzuschauen. Die Optik ist nicht nur gemessen am Fernsehstandard teils sensationell. Die Schauspieler geben alles, und mancher Charakter wächst mir bereits ans Herz. Dazu gehört natürlich Michael Burnham, die Außenseiterin, hin- und hergerissen zwischen ihrer anerzogenen vulkanischen Logik, der Freude am Abenteuer und einer tiefen Empathie für andere. Sonequa Martin-Green gibt den Wanderer zwischen den Welten, die Frau ohne Zukunft, sehr überzeugend und mit reichlich Charisma. (Und ist dabei – Entschuldigung – immer ein Hingucker.) Aber auch Paul Stamets, der Pilz-Experte, ist eine spannende Figur: Seine Eloquenz macht ihn sogar in den weniger sympathischen Momenten unterhaltsam, seine zunehmend positivere Einstellung gegenüber Michael wird glaubhaft dargestellt. Und weil das immer wieder Thema ist: Ich finde es gut, dass seine Beziehung mit Dr. Hugh Culber so unaufgeregt und als das gezeigt wird, was sie ist – nämlich stinknormal. Weshalb sollte ein homosexuelles Paar perfekt oder krisengeschüttelt sein? Weshalb sollte das noch immer prätentiös thematisiert werden? Wir haben 2017 – es gibt in Serien auch nicht mehr die klassische Anti-Rassismus-Folge wie einst bei den “Waltons”… Anthony Rapp spielt den neugierigen Wissenschaftler jedenfalls beseelt und mit Elan. Mein dritter Favorit: Saru. Die Gründe dafür habe ich weiter oben bereits angerissen – hinzu kommt, dass mich schlicht freut, Doug Jones mal in einer Serienrolle zu erleben. Es bleibt spannend, was aus seinem Charakter wird.

Grundsätzlich gilt das auch für “Star Trek: Discovery” als Ganzes. Ich werde jedenfalls weiterhin so begeistert wie aufmerksam zuschauen. Dabei verspreche ich jedoch eins: Bekomme ich nicht zeitnah ein paar Antworten, sollten die Produzenten lieber ihrem Sporenantrieb die… äh, Sporen geben.