“Bohemian Rhapsody” ist Märchen und Melodram

“Bohemian Rhapsody” ist Märchen und Melodram

“We’re four misfits who don’t belong together, we’re playing for the other misfits. They’re the outcasts, right at the back of the room. We’re pretty sure they don’t belong either. We belong to them.”

Farrokh Bulsara (Rami Malek) schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch und genießt das Nachtleben im London der frühen 70er. Auseinandersetzungen mit seinen traditionsbewussten Eltern und dem Spott anderer wegen seiner Herkunft und seiner vorstehenden Vorderzähne begegnet er mit aufgesetzter Arroganz und zynischer Eloquenz, “Darling”. Doch im Inneren des jungen Mannes brodelt die Sehnsucht danach, etwas Besonderes zu sein. Auf dem letzten Konzert der Nachwuchsband Smile lernt er deren Gitarristen Brian May (Gwilym Lee) und Schlagzeuger Roger Taylor (Ben Hardy) kennen. Die beiden erkennen das Potenzial des sensiblen Möchtegern-Stars: Freddie – wie er sich selbst nennt – ist eine herausragende Bühnenpersönlichkeit und hat eine Singstimme wie kein Zweiter. Ergänzt um den ruhigen Bassisten John Deacon (Joseph Mazzello, der kleine Junge aus “Jurassic Park”) und unter dem neuen Namen Queen schickt sich die Band an, die Welt zu erobern…

Das ist sie also, die cineastische Umsetzung des Lebens einer Rocklegende. Auf niemanden trifft dieser Begriff so passgenau zu wie auf den 1991 verstorbenen Freddie Mercury – klar, dass ein solcher Film daher das ganz große Rad drehen muss. Und in der Tat: Die zunächst von Bryan Singer, nach den Missbrauchsvorwürfen gegen ihn von Dexter Fletcher in Szene gesetzte Geschichte kommt opulent daher, schwelgt in grandiosen Bildern und wartet natürlich mit einem ebensolchen Soundtrack auf. Seit Jahren wird über dieses Werk diskutiert, umso beeindruckender, dass es zumindest in Sachen Schauwerte den Vorschusslorbeeren gerecht wird und mahnenden Zweiflern den Wind aus den Segeln nimmt.

Also alles gut im Königinnenreich? Nein. Und zwar eindeutig nein. Einerseits werden die Zuschauer zwar Zeuge legendärer Ereignisse wie der Aufnahme des titelgebenden Song-Monsters oder des Siegeszugs der Truppe rund um den Erdball. Und dabei hagelt es Anspielungen für Insider und wahre Fans. Andererseits wird gerade deren Toleranz auf eine harte Probe gestellt. Denn “Bohemian Rhapsody” ist letztlich mehr Filmdrama als Biopic. Der Streifen hangelt sich an tatsächlichen und vermeintlichen Punkten in Mercurys Biografie entlang, erzählt aber im Grunde eine fiktive Geschichte. Das mag Konzept sein, das passt mitunter dazu, wie sich der Protagonist im wahren Leben selbst inszeniert hat. Aber es nervt auch sehr und macht aus einer ohnehin ungewöhnlichen Vita ein bloßes Märchen.

Nur zwei Beispiele (Achtung – milde Spoiler): Natürlich haben Queen ihre Hymne “We Will Rock You” nicht erst 1980 eingespielt, und “Another One Bites The Dust” war mitnichten Freddies Reaktion auf seine Entdeckung der schwulen Clubszene. Stattdessen ist der erstgenannte Song auf “News Of The World” aus dem Jahre 1977 zu finden, und der Disco-Ansatz schlug sich erst 1982 auf “Hot Space” sowie auf Freddies unglücklichem Solo-Album “Mr. Bad Guy” (1985) nieder. Alles allerdings harmlos im Vergleich zu folgender Verzerrung: Im Film wird dargestellt, dass besagter Alleingang das vorläufige Ende der Zusammenarbeit der vier Musiker bedeutet habe. Der legendäre “Live Aid”-Auftritt sei somit quasi das Comeback von Queen und vor allem ihres gesundheitlich bereits angeschlagenen Frontmanns gewesen. Das ist alles Unsinn: Tatsächlich lag die Band niemals auf Eis, zumal auch Taylor und May ihren Solo-Ambitionen nachgegangen sind. 1985 stand im Gegenteil eine weitere Tour an (zum aktuellen Album “The Works”) – und wichtiger noch: Freddie erfuhr erst danach von seiner HIV-Infektion.

Ein Leben ist eben nicht aufgebaut wie ein Drehbuch. Vermutlich deshalb setzten die Produzenten darauf, dem Drama um den schüchternen und zugleich selbstverliebten Ausnahmemusiker zusätzlichen Schub zu verpassen. Daran werden sich die meisten Zuschauer kaum stören. Sie freuen sich zurecht über den Gastauftritt von Mike “Wayne” Myers in der Rolle eines (natürlich fiktiven) Plattenbosses. Oder über die tatsächlich grandiosen letzten 20 Minuten, die den Abriss des Wembley-Stadions während “Live Aid” aus völlig neuen Perspektiven zeigen (und dabei ein bisschen Filmgeschichte schreiben). Oder über die Leistung von Malik, die ihm vermutlich einen Oscar einbringen wird, wenngleich ihm Lee mindestens ebenbürtig ist. Oder einfach über die zeitlosen Queen-Klassiker.

Echte Fans der Band allerdings wissen es besser. Die sehen die derart nacherzählte Lebensgeschichte ihres Idols mit einem weinenden Auge. Auf der anderen Seite: Freddie selbst hätte das vermutlich gefallen. The show must go on.

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