Meisterhafter Abgesang für “Logan”: Der letzte Held zieht noch einmal in den Kampf

James Howlett (Hugh Jackman) hat schon bessere Zeiten erlebt. Vorbei die Jahre, in denen er als nahezu unbesiegbarer Wüterich Wolverine an der Seite der anderen, gleichfalls mutierten X-Men die Menschheit mehr als einmal vor dem Untergang bewahrte. Wir schreiben das Jahr 2029, und Logan – so der frühere Codename des ergrauten Berserkers – ist längst nicht mehr, wer er einmal war. Die meisten Mutanten sind Geschichte, die wenigen übrig gebliebenen Relikte einer fast vergessenen Ära. Logans alter Mentor Professor Charles X. Xavier (Patrick Stewart) vegetiert versteckt vor der Welt vor sich hin: Der einst mächtigste Mutant leidet an Alzheimer, rührend wird er betreut vom mürrischen Kanadier und dem schwächlichen Aushilfs-X-Mann Caliban (Stephen Merchant).

Logan hat sich längst aufgegeben. Angeschlagen und abgehalftert, versoffen und verbittert, verdingt er sich an der Grenze zu Mexiko als Chauffeur für fragwürdige Fahrgäste. Sein mutierter Körper heilt nicht mehr sofort wie früher und ist übersät von Narben; ein steifes Bein erinnert an verlorene Schlachten des alternden Kriegers. In dieses kaputte Dasein platzt das schweigende Mädchen Laura (Dafne Keen). Offensichtlich ist die Kleine ebenfalls eine Mutantin, und sie wird gejagt von sinistren Wissenschaftlern und gewalttätigen Schlägern. Eher widerwillig schleppt sich Logan ein letztes Mal in den Kampf. Zumal er ahnt, dass Xavier in einem seiner lichten Momente die Wahrheit erkannt hat: Die durchaus wehrhafte Laura und ihn verbindet nicht nur das Schicksal…

“Logan” ist ein Western. Keiner mit Cowboys und Indianern – aber die Geschichte vom letzten Ritt des einsamen Revolverhelden ist einer der großen Mythen des alten Westens. Und Regisseur und Drehbuchautor James Mangold (“Cop Land”, “Todeszug nach Yuma”) weiß, wie man sie inszenieren muss. Die Landschaft ist staubig und öde, die triste Stimmung wird nur durch brutale Gewalt zerrissen, es herrschen Resignation und Zynismus, weil es keine Helden mehr gibt. Bis ein dunkler Reiter kommt und mit letzter Kraft beweist, dass das nicht stimmt. Nicht umsonst spielt der Westernklassiker “Mein großer Freund Shane” (1953) eine nicht unwichtige Rolle im Geschehen.

Handwerklich sitzt hier alles, denn nicht nur hinter der Kamera erleben wir das Können von Profis. Stewart und Jackman zeichnen ihre angestammten Charaktere mit schwarzen Kreidestrichen, überzeugen in den kammerspielartigen Szenen ebenso wie in den wuchtigen Actionsequenzen. Ihnen ebenbürtig: die elfjährige Dafne Keen. Und das ist umso beeindruckender, weil ihre Rolle praktisch ohne Dialog auskommt.

Fast schade ist, dass wir erst als Abgesang zum erstem Mal adäquat zu sehen bekommen, was Wolverine ausmacht. Die Figur ist unter Comiclesern ja nicht nur deswegen so beliebt, weil der grimmige Mann aus Kanada stets ein gebrochener Held war, sondern – seien wir ehrlich – auch wegen seines Wutproblems. Wenn Logan sauer wird, fliegen buchstäblich die Fetzen, nun eben auch auf der Leinwand. Wurde in den vorangegangenen X-Men-Filmen und seinen beiden Solo-Abenteuern die brutale Gewalt, mit der er agiert, eher behauptet, ist sie nun explizit zu sehen. Der Kämpfer mit den Krallen ist kein netter Kerl, endlich traut man sich, das auch zu zeigen. Dem Erfolg des Kollegen “Deadpool” sei Dank.

Mehr als zwei Stunden dauert Logans letztes Abenteuer. Dank vieler ruhiger Momente und einer sorgfältigen Erzählweise fühlen die sich auch so an, was keinesfalls als Kritik verstanden werden sollte. Der Film nimmt sich Zeit für seine Akteure und deren Geschichte. Vermutlich macht auch das aus ihm, was er ist: definitiv der beste Film des Franchises. Und schlicht ein Meisterwerk.

 

Hintergrund: Lasst euch kein X für ein U vormachen – worum geht’s hier überhaupt?

Die Comics um die X-Men – eine bunte Truppe mutierter Superhelden – erscheinen im amerikanischen Verlag Marvel. Dieser hat die Filmrechte für einige seiner Charaktere verkauft: Während die Avengers um Captain America und Iron Man, aber inzwischen auch Spider-Man also im Namen ihrer literarischen Heimat im Kino Erfolge feiern, sieht das beispielsweise für die Schüler von Professor X etwas anders aus. Alles, was mit dem Thema Mutation zusammenhängt, spült Geld in die Kassen von Twentieth Century Fox. Mit teils kuriosen Konsequenzen: Der Charakter Quicksilver etwa ist sowohl ein Mutant als auch ein Mitglied der Avengers und war daher gleichzeitig in zwei verschiedenen Varianten auf der Leinwand zu sehen. (Übrigens in beiden Fällen gespielt von einem Darsteller aus “Kick-Ass”.)

Anders als Marvel, das mit dem “Marvel Cinematic Universe” (MCU) längst Filmgeschichte geschrieben hat, weil sämtliche dazugehörigen Kinofilme und Fernsehserien ein zusammenhängendes Ganzes ergeben, pfeifen die Produzenten der X-Men-Abenteuer seit jeher auf Kontinuität. Charaktere bekommen mal eben eine neue Vorgeschichte oder ein verändertes Aussehen, die Beziehungen untereinander ändern sich auf mysteriöse Weise, erzählte Zeit und Erzählzeit kommen sich permanent ins Gehege… Dieses Video beispielsweise beschäftigt nur mit den Problemen bis “X-Men: First Class”, und die Situation ist in den vergangenen sechs Jahren nicht besser geworden:

Da ist es eigentlich nur konsequent, stillschweigend davon auszugehen, dass “Logan” in einer alternativen Zukunft spielt. Soll heißen: Es könnte sein, dass so das Ende von Wolverine aussieht. Aber in der Traumfabrik ist alles möglich…