Getöse in der Grabkammer: “Die Mumie” tritt daneben

Nick Morton (Tom Cruise) und sein Kumpel Chris Vail (Jake Johnson) sind Soldaten von Beruf und Grabräuber aus Leidenschaft. Darum können sie auch die Begeisterung der kühlen Archäologin Jenny Halsey (Annabelle Wallis) nicht teilen, als das Trio eher durch Zufall eine alte Grabkammer öffnet – die beiden denken allenfalls an den monetären Wert der Fundstätte. Die Stimmung unter ihnen ist ohnehin leicht gereizt: Nick hat Jenny die Karte zum Grab nach einem One Night Stand gestohlen und Chris keine rechte Lust auf ein Abenteuer.

Selbiges gerät in Fahrt, als er im Grab von einer Spinne gebissen wird und sich nach einem unbedacht abgegebenen Schuss von Nick das Heiligtum öffnet, um seinen Inhalt preiszugeben. Jenny ahnt Böses und warnt, die vermeintliche Grabstätte sei eigentlich ein Gefängnis. In der Tat: Die Gefangene ist die ägyptische Prinzessin Ahmanet (Sofia Boutella), die einst nach einer Reihe grausamer Morde und einem Pakt mit dem Totengott Set (manchmal auch mit “h”) lebendig mumifiziert wurde.

Schon bald sorgt die wiedererweckte Mumie mittels Magie für reichlich Chaos. Ihr Ziel: Chris soll Seth seinen Körper zur Verfügung stellen. Wer der missgestimmten Königstochter dabei im Weg ist, hat Glück, wenn er selbst zur Mumie wird. London – wohin Ahmanets Sarkophag gebracht wurde – wird zum Schauplatz der Hetzjagd. Und dann mischt sich auch noch der geheimnisvolle Dr. Henry Jekyll (erstaunlich wurstig: Russell Crowe) ein…

Soviel zu dem, was ein halbes Dutzend Drehbuchautoren sich als Handlung für das Reboot der klassischen Filmsaga um eine wandelnde Mumie ausgedacht haben. Was in den vergangenen Monaten an Zwischenberichten vom Set (ohne h) zu hören war, ließ bereits Übles befürchten. Vor allem die Nachricht, Tom Cruise habe sich massiv in Story und Dreharbeiten eingemischt, sorgte für Stirnrunzeln. Dabei stand einiges auf dem Spiel: Schon viel zu lange – nämlich seit knapp zehn Jahren – bastelt Universal an der Idee, seine alten Monsterfiguren in einem gemeinsamen Filmuniversum auftreten zu lassen. Startschuss des so genannten “Dark Universe” sollte eigentlich “Dracula Untold” (2014) werden, aber nachdem die Interpretation des Vampirgrafen als vorzeitlicher Superheld an den Kinokassen floppte, entschied man sich für einen erneuten Versuch. Nun soll also “Die Mumie” retten, was zu retten ist. Und der wenig originell benannte Film wimmelt geradezu vor Verweisen auf das geplante große Ganze – angefangen vom eigens geschaffenen Logo über ungezählte Hinweise auf andere Universal-Monster bis hin zu Dr. Jekyll als verbindendem Charakter. Dumm nur: In den Vereinigten Staaten ist “The Mummy” der Misserfolg der Saison. Und andernorts sieht es nur unwesentlich besser aus.

Kritiker und Kinogänger zeigen sich gleichermaßen unbeeindruckt von dem, was uns nach “Die Mumie” (1932) mit Boris Karloff und “Die Mumie” (1999) mit Arnold Vosloo als dritter Gang serviert wird. Kein Wunder: Nur selten blitzt ein Hauch der Unheimlichkeit des Originals oder des Charmes der Spät-90er-Abenteuerfilm-Version auf. Zudem wirkt vieles fahrig, ist einiges ungelenk inszeniert und manches nicht so recht nachvollziehbar. Dass wir es mit einer weiblichen Mumie zu tun bekommen, ist dabei noch die am ehesten akzeptable Entscheidung: Sofia Boutella verfügt durchaus über genügend Charisma, um die Titelrolle trotz Anflügen von Overacting zu meistern. Vermutlich hoffte sie, nach “Star Trek Beyond” endlich den Durchbruch zu schaffen. Nächster Versuch: Knutschen mit Charlize Theron im anstehenden Spionage-Thriller “Atomic Blonde”.

Aber schauen wir uns die Probleme mal genauer an: Cruise’ Nick taugt zum Beispiel kein bisschen als Protagonist. Er hat nicht den Lausbuben-Charme von Brendan Frasers Rick (!) aus den drei Mumien-Filmen der Jahrtausendwende, und der komplette Charakter funktioniert einfach nicht. Wir lernen ihn als unsympathischen Egomanen kennen, der erwartete Wandel zum Helden à la Han Solo wird durch einige unangenehme Dialoge relativiert bis ausgebremst, und das Ende (milder Spoiler) macht das alles dann noch weniger nachvollziehbar. Der Kerl vögelt mit einer Wissenschaftlerin, um ans große Geld zu kommen, und auch das Verhältnis zu seinem behaupteten besten Freund lässt ihn in keinem guten Licht dastehen. Ein ähnliches Problem hat Crowe mit seinem Jekyll: Was als Universal-Antwort auf Nick Fury gedacht sein mag, ist letztlich ein sinistrer Kopfmensch, dessen dunkle Seite (wir alle haben auf Mr. Hyde gewartet) zudem überraschend blutleer wirkt – und außerdem kaum böser als ihr Alter Ego.

Keine Minute kümmert es den Zuschauer, was aus den drei vermeintlich “Guten” in dieser Geschichte wird. Ihr Schicksal könnte uns egaler kaum sein – wir können sie nicht leiden, also wäre es kein Drama, sollten die Mumien die Oberhand gewinnen. Diese wiederum können sich durchaus sehen lassen und sind als Antagonisten gar nicht übel: Nach “The Walking Dead” war zu erwarten, dass wir keine flatternden Mullbinden, sondern staksende Untote zu sehen bekommen würden.

Ähnlich stolpernd ist jedoch die gezeigte Geschichte: Beide Prologe – das Familiendrama im alten Ägypten und ein royales Begräbnis in Britannien – werden gleich zweimal gezeigt, um ganz sicher zu gehen, dass auch jeder die wenig komplexen Hintergründe der Jagd nach einem magischen Dolch (a.k.a. der Weltherrschaft) verstanden hat. Dafür fühlt man sich am Schluss ein wenig allein gelassen. Ich glaube, das Ziel der Autoren verstanden zu haben und zu wissen, was uns bei einem möglichen Wiedersehen mit Nick Morton erwartet. Aber ganz sicher bin nicht, trotz Onkel Jekylls plumper Hinweise auf Monster, die Helden sein können.

Zu schlechter Letzt fängt Tom Cruise’ Ehrgeiz langsam an zu nerven. In guten Momenten schafft der umstrittene Scientologe ja nicht zuletzt dadurch große Kino-Unterhaltung. In schlechten wie diesen wirkt er inzwischen albern. Ein Beispiel: Der Kerl ist 54 und lässt sich vom ein Jahr jüngeren Russell Crowe attestieren, ein junger Mann zu sein.

Eigentlich muss Universal seine Pläne weiterverfolgen. Einen dritten Anlauf würde die Idee sicher nicht verkraften. Die Frage ist nur, ob das alles überhaupt nötig ist: Wer wartet denn sehnsüchtig darauf, die alten Filmmonster gemeinsam als Heldentruppe zu erleben? Vosloos “Mumie” Seite an Seite mit Gary Oldman (“Bram Stoker’s Dracula”, 1992), Robert De Niro (“Mary Shelley’s Frankenstein”, 1994) und Benicio Del Toro (“The Wolfman”, 2010) – das hätte ich mir angeguckt. Leider setzt das “Dark Universe” ungefähr auf die größten Unsympathen Hollywoods:

Es ist ja verständlich, dass der kaum fassbare Erfolg des “Marvel Cinematic Universe” neidisch macht. Aber wenn sich schon der andere große Comic-Verlag dabei verhebt, zu diesem in der Filmgeschichte einmaligen Projekt aufzuschließen, wieso sollte es einem Kino-Universum voller Riesenungeheuer (Godzilla, King Kong) oder klassischer Monster besser gehen? Außerdem sei allen potenziellen Konkurrenten des MCU geraten, sich mal genauer anzuschauen, was Marvel da macht. Erstens: Sie haben einfach ein Händchen für die richtigen Darsteller – wir erleben sympathische Helden und charismatische Schurken. Und zweitens: Sie haben sich verdammt nochmal Zeit gelassen! Das MCU feiert im kommenden Jahr sein Zehnjähriges – das ist ein Marathon, kein Kurzstreckenlauf.

Der “Mumie” ist auf jeden Fall die Puste ausgegangen. Mal schauen, ob es “Frankensteins Braut” in zwei Jahren besser ergeht.

 

Monster, versammelt euch!

Das “Dark Universe” ist nicht der erste Versuch, die klassischen Monster der Schwarz-Weiß-Film-Ära zusammenzutrommeln:

The Monster Squad (1987): In dieser Komödie gerät eine Gruppe Kinder mit Dracula, Frankensteins Monster, dem Wolfsmann, der Mumie und dem Schrecken vom Amazonas einander. Insgesamt relativ billig inszenierter Versuch, den Erfolg der “Ghostbusters” aus dem Vorjahr zu wiederholen – aber für Freunde des abseitigen Geschmacks durchaus so etwas wie ein Kultfilm.

Monster Force (1994): In den 13 Folgen dieser Trickfilmreihe bekämpfen ein paar junge Geisterjäger – darunter ein Werwolf – mit Hilfe von Frankensteins Kreatur eine düstere Truppe, bestehend aus Graf Dracula, dem Kiemenmann, der Mumie und einer Vampirin. Typisches Produkt der 90er – laut, bunt, naiv.

Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen (2003): Diese misslungene Verfilmung des preisgekrönten Comics von Alan Moore ist der Schlusspunkt hinter der Karriere von Sean Connery. Der schlägt sich als Allan Quatermain wacker, als er im Jahr 1899 einen maskierten Verschwörer jagt. Mit dabei: Tom Sawyer, Mina Harker, Dorian Gray, der Unsichtbare, Dr. Jekyll/Mr. Hyde und Kapitän Nemo. Ihr Gegenspieler Professor Moriarty wird übrigens gespielt von Richard Roxburgh, der in einer weiteren Gurke den Bösewicht gibt, nämlich in…

Van Helsing (2004): Der titelgebende Vampirjäger (Hugh Jackman) hat alle Hände voll zu tun, als Mr. Hyde, Dracula, das Frankenstein-Monster und ein Werwolf die Nacht unsicher machen. Das Absurde: Es ist nicht der Van Helsing – und leider auch nicht der Dracula. Fragt besser nicht…

Penny Dreadful (2014-2016): Charmant-schaurige Fernsehreihe, in der praktisch alle bekannten Gestalten der Gruselliteratur auftauchen. Wer Klischees wie London im Nebel akzeptiert, wird belohnt mit Dialogen à la: “Hallo, Dr, Frankenstein.” – “Hallo, Dr. Jekyll.”

Aber wer erinnert sich noch daran?

Richtig, das ist “Frankensteins Tante” (1986) – dürfte gern mal als DVD-Box veröffentlicht werden. Die Buchvorlage ist übrigens noch besser. Schmunzeln und gruseln… nennt man das grunzeln?