Strauchelnde Ein-Mann-Armee: „The Punisher“ ist nichts für Weicheier

Wenn sie seinen Namen hören, zittern selbst die härtesten Burschen der Unterwelt: Monatelang hat sich Frank Castle (Jon Bernthal), der „Punisher“, in den Reihen des organisierten Verbrechens ausgetobt, hat Rache genommen für das Massaker an seiner Familie und mit brutaler Gewalt jeden auf seiner Liste ausgelöscht. Nun ist der Kriegsveteran mit seiner Vendetta am Ende – und auch mit seiner Kraft. Symbolisch verbrennt er sein Logo, den Totenschädel, er lässt die Waffen sinken und taucht in New York unter. Als bärtiger Aushilfsarbeiter schwingt Castle den Vorschlaghammer, um seine noch immer aufgestauten Aggressionen abzubauen. Er hat keine Freunde, kaum Kontakt zu anderen Menschen – ein Einzelgänger in der anonymen Großstadt. Der Bestrafer ist nicht mehr, auch die Medien haben das Interesse am umstrittenen Racheengel verloren.

Franks Leben erhält eine Wendung, als er es doch nicht schafft, sich aus den Ungerechtigkeiten in seinem Umfeld herauszuhalten. Die Gangster der Stadt werden auf ihn aufmerksam. Und als Hacker „Micro“ (Ebon Moss-Bachrach) seinen Weg kreuzt, gerät er ins Sperrfeuer einer geheimen Schlacht, die mehr mit ihm und seiner Militärvergangenheit zu tun hat, als er zunächst ahnt. Mit dem Rücken zur Wand, verraten von einstigen Kameraden und allein gegen alle muss der Punisher zurückkehren, um seinen Kreuzzug zu beenden. Am Ende steht zwischen den Hintermännern einer weitreichenden Verschwörung und den Unschuldigen, die sie bedrohen, nur ein strauchelnder Einzelgänger. Das letzte Gefecht wird blutig.

Verdammt blutig sogar: Wer Marvels legendären Selbstjustiz-Superhelden in der Netflix-Reihe „Daredevil“ kennen gelernt hat, wird glauben, auf einiges vorbereitet zu sein. Die Comic-Verfilmungen des Bezahlsenders sind seit jeher nicht zimperlich inszeniert. Doch während Daredevil, Jessica Jones, Luke Cage und Iron Fist zwar hart, aber letztlich choreografiert zuschlagen, ist der Kollege der Defenders doch ein anderes Kaliber. Hauptdarsteller Bernthal ist den meisten aus „The Walking Dead“ bekannt – mit dem Blut- und Eingeweide-Gehalt dieser Serie kann sein erster Alleingang locker mithalten. Krieg ist kein Spaß.

Der Punisher gehört seit seinem ersten Auftritt vor mehr als 40 Jahren zu den umstrittensten Marvel-Figuren. Anders selbst als vergleichbare Wüteriche wie Wolverine ist der schwerbewaffnete Ex-Soldat nämlich nicht mal ein Anti-Held, sondern streng genommen klar auf der falschen Seite des Gesetzes zu verorten. Recht und Gerechtigkeit zählen für ihn letztlich nicht – es geht ihm nicht einmal um Rache. In den Augen des angeknacksten Veteranen sind seine Taten nur die Strafe für das Vergehen der bösen Buben. Jon Bernthal spielt den gebeutelten Gangsterschreck mit massivem Körpereinsatz, er schwitzt, weint und blutet.

Wie bei Netflix üblich werden einige Elemente des Comics nur angerissen, andere recht nah an der Vorlage umgesetzt. Das macht die MCU-Serien des Streaming-Anbieters relativ realistisch – sie sind eher düstere Thriller als hochglänzende Helden-Abenteuer. Im Großstadtdschungel bleibt allenfalls Zeit für einen zynischen Spruch – ansonsten gilt: Sei schneller und härter als dein Gegner, wenn du überleben willst.

Was überrascht, sind die Elemente eines Polit-Dramas, mit denen die Produzenten die Geschichte der Ein-Mann-Armee versetzt haben. Castle bekommt es mit bestens aufgestellten Einrichtungen zu tun, deren intellektueller Kraft er nur physische Gewalt entgegenzusetzen hat. Es ist die bekannte Mär vom einsamen Wolf, der sich der Übermacht entgegenstellt – dieser David schießt aus allen Rohren, und notfalls schlägt, tritt und beißt er, um Goliath in die Knie zu zwingen.

Der verkrustete kleine Bruder von „24“, die blutige Variante von „Homeland“ – „The Punisher“ ist große Fernsehunterhaltung für Marvel-Fans, aber auch interessierte Allesgucker. Vorausgesetzt, sie haben einen starken Magen.