Ohne Strumpfhosen: “The Boys” lassen es krachen

Ohne Strumpfhosen: “The Boys” lassen es krachen

Verbrecher haben es nicht leicht: Wann immer Unrecht geschieht, greifen mächtige Superhelden ein, die sich von Normalsterblichen durch besondere Fähigkeiten unterscheiden. Die beliebtesten unter ihnen sind “The Seven”, angeführt vom praktisch unbesiegbaren Homelander (Antony Starr). Die Bürger bewundern die Übermenschen nicht nur für ihre Taten, sondern vor allem dank der Marketing-Strategie des Konzerns “Vought” unter der Leitung der ausgebufften Managerin Madeline Stillwell (Elizabeth Shue). Es gibt eine breite Produktpalette vom Softdrink bis zur Actionfigur, um die Fans zufriedenzustellen. Und selbst die Einsätze der strahlenden Saubermänner und -frauen werden von der Firma koordiniert.

Dass sich hinter der perfekten Fassade allerdings Abgründe auftun, erfährt der junge Hughie Campbell (Jack Quaid) eines Tages sehr schmerzhaft: Seine Freundin wird ausgerechnet von seinem Lieblingshelden A-Train (Jessie Usher) bei einem Unfall buchstäblich zerfetzt. Hughie hadert mit der Heldenverehrung und seinem Leben, als der ruppige Einzelgänger Billy Butcher (Karl Urban) in Letzteres tritt. Der liebt wilde Flüche und großkalibrige Waffen – und eröffnet dem trauernden Normalo die Möglichkeit, sich zu rächen. Gemeinsam mit dem Ganoven Frenchie (Tomer Kapon) und dem ehemaligen Spezialagenten “Mother’s Milk” (Laz Alonso) machen sie als “The Boys” fortan Jagd auf die vermeintlich untadeligen Muskelprotze. Kompliziert wird es, als sich Hughie nach und nach in die hübsche Annie (Erin Moriarty) verliebt. Diese ist nämlich als Starlight das neueste Mitglied der “Seven”. Und hat selbst schon bittere Erfahrungen mit der düsteren Realität hinter dem schönen Schein gemacht.

Wow. Wer jemals den Trailer eines Films oder einer Serie gesehen hat, weiß, wie das Spiel funktioniert: Oft bekommt man die besten und aufwändigsten Szenen zu sehen, um dann später beim Gucken der Langversion leicht enttäuscht zu sein. (Ausnahmen bestätigen die Regel.) “The Boys” macht das anders. Wer sich bereits einen Eindruck davon verschafft hat, wie es hier zur Sache geht, dem sei gesagt: Genau so sind die kompletten acht Folgen der neuen Amazon-Reihe – und teilweise sogar noch heftiger. Wenn sinistre Superhelden auf grimmige Gesetzesbrecher treffen, fliegen im Wortsinn die Fetzen. Gegen dieses Gemetzel sind “The Walking Dead” und “Game Of Thrones” quasi “Tom & Jerry”.

Doch trotz spektakulärer Action: Das Großartige an dieser Geschichte ist die ungemein dichte Atmosphäre, die dem Erfolgs-Comic von Garth Ennis und Darick Robertson mehr als gerecht wird. Die Darsteller sind perfekt gecastet, allen voran der nach wie vor sträflich unterschätzte Karl Urban, der als Anführer der wilden Jungs seinen Ruf als König der Nerd-Franchises unterstreicht. Sein Billy ist einerseits ein knallharter Haudrauf, andererseits ein gebrochener Mann, der von einem tiefen Schmerz getrieben wird.

“The Boys” lebt von einer glaubhaft inszenierten Welt, in der Superhelden real sind, diese jedoch nichts gemein haben mit jenen Comic- und Filmfiguren, die auch in unserer Realität von vielen bewundert werden. Wir erleben, was passiert, wenn Superman quasi ein massenmordendes Muttersöhnchen ist, Flash ein krankhaft ehrgeiziger Junkie und Aquaman ein sexistischer Schwachkopf. Das ist zwar keine komplett neue Idee (siehe unten), ist als bösartige Variante von “Watchmen” aber sehr unterhaltsam in seiner Konsequenz. Diese ist eine weitere Stärke: Die viel beschworene goldene Ära der Serien wird bereits seit einiger Zeit dadurch relativiert, dass manche einfach jede noch so banale Drehbuchidee auf 13 Folgen auswalzen. Dadurch wird das Geschehen in der Glotze allerdings nicht spannender, sondern nur geschwätzig. Diese erste Staffel beschränkt sich jedoch dankenswerterweise auf knackige acht Folgen, die es in sich haben. Die Handlung wird stetig nach vorne getrieben und auf einen dramatischen Höhepunkt zu – nicht anders funktioniert eine filmische Erzählweise.

Der Vollständigkeit halber sei noch ein Plus erwähnt: Selten wurden Cameos, Gastauftritte und Anspielungen derart clever einge- und besetzt wie hier!

Wer mit drastischen Gewaltdarstellungen, viel schwarzem Humor und etwas explizitem Sex klarkommt, wer auf Superhelden steht oder sie hasst, wer sich einfach gut und spannend unterhalten lassen will, dem sei “The Boys” wärmstens ans Herz gelegt. Die gute Nachricht: Staffel zwei ist bereits bestätigt – die Jungs sind bald wieder zurück in der Stadt.

 

Bis dahin seien ein paar weitere Beispiele dafür empfohlen, wie der Superheldenmythos gebrochen wird:

BrightBurn (2019): Ein kinderloses Ehepaar nimmt das Baby auf, das es im Wrack eines Raumschiffs gefunden hat. Der Kleine entwickelt allerdings Superkräfte… Bis dahin kommt vielen die Geschichte sicher bekannt vor. Der Unterschied ist nur: Dies ist ein Horrorfilm. Und die Hauptfigur kein Held, sondern ein Psychopath.

Chronicle – Wozu bist du fähig? (2012): Nachdem drei Freunde einen geheimnisvollen Kristall entdeckt haben, bekommen sie plötzlich Superkräfte. Wie sollen sie diese nutzen – zum Guten oder zum Bösen? Beantwortet wird diese Frage in ungewöhnlicher Found-Footage-Optik.

Defendor (2009): Angetrieben von massiven psychischen Problemen und dem Glauben, ein Superheld zu sein, legt sich ein verwirrter Mann mit Gangstern an. Seine Geschichte zeigt auf traurige Weise, was wirklich einen Helden ausmacht.

Hancock (2008): Der versoffene Hancock ist nicht gerade der Superheld, auf den die Welt gewartet hat. Das ändert sich, als ein cleverer PR-Fachmann ihm unter die gestählten Arme greift. Beginnt als knallbunte Parodie und endet als vergleichsweise heftiges Action-Abenteuer.

Heroes (2006-2010, 2015): Verteilt über den Globus stellen völlig unterschiedliche Menschen fest, dass sie auf einmal über besondere Fähigkeiten verfügen. Und offenbar eint sie ein gemeinsamer Auftrag: Sie sollen einen Cheerleader retten – und die ganze Welt. Die Serie verliert zwar mit zunehmender Laufzeit etwas an Schwung, hat aber durchaus Fernsehgeschichte geschrieben.

Kick-Ass (2010): Ein Teenager fragt sich, weshalb noch niemand versucht hat, wirklich ein Superheld zu sein. Die Antwort fällt sehr blutig aus und ändert das Leben des selbst ernannten Verbrecherjägers von Grund auf. Das Drehbuch dieses vielleicht besten Films zum Thema entstand gleichzeitig mit dem gleichnamigen Comic. Die Fortsetzung (2013) greift die Idee der tatsächlich aktiven “Real Life Superheroes” (RLSH) auf.

Lux – Krieger des Lichts (2017): Eine fiktive Reportage erzählt aus dem Leben des deutschen Superhelden Lux, der zwischen seinem RLSH-Hobby und einem tatsächlichen Kampf gegen die Unterwelt nicht mehr unterscheiden kann. Interessantes Film-Experiment, beeindruckend in seiner souveränen Umsetzung des Konzepts.

Mirageman (2007): Auch in Chile versucht sich jemand als Held mit Maske und Kampfsport. Nicht die beste Gegend für dieses Vorhaben – das stellt er am eigenen Leib fest. Der exotische Beitrag zum Thema wird in unseren Breitengraden ungerechterweise als Plagiat von “Kick-Ass” vermarktet, ist jedoch eher ein blutiger Martial-Arts-Thriller in ungewohnter Familienvideo-Optik. Gucken kann man ihn übrigens unter anderem auf YouTube:

Misfits (2009-2013): Ausgerechnet ein halbes Dutzend Kids aus der britischen Unterschicht wird vom Blitz getroffen und erhält dadurch Superkräfte. Zunächst gehen sie recht lakonisch mit der ungewohnten Situation um. Doch schon bald wird diese sehr viel komplizierter. So spannendes wie schmuddeliges Crime-Drama, dessen beste Folgen auf reichlich schwarzen Humor setzen.

Mystery Men (1999): Sie haben nicht gerade die aufregendsten Superkräfte, aber als das Idol von Champion City entführt wird, rauft sich ein bunter Haufen von Drittliga-Helden zusammen, um das Böse zu bekämpfen und ihr großes Vorbild zu retten. Schrill, bunt und klamaukig, für eine Parodie jedoch überraschend liebevoll in den Details und Anspielungen.

My Superhero Family (2010-2011): Um das zerrüttete Familienleben zu kitten, fliegen Vater, Mutter und die beiden Kinder in den Amazonas. Nachdem sie den Absturz ihres Flugzeugs jedoch auf wundersame Weise überlebt haben, stellen die Vier fest, dass sie nun über Superkräfte verfügen. Das macht die Probleme untereinander nicht einfacher. Recht unterhaltsame Mischung aus Comedy und Drama, wurde leider schon nach einer Staffel abgesetzt.

Powers (2015): Ein ehemaliger Superheld und jetziger Privatdetektiv ermittelt in einer Mordserie, in die einige seiner einstigen Mitstreiter verwickelt zu sein scheinen. Ärgerlich allerdings, dass diese im Gegensatz zu ihm noch über ihre besonderen Fähigkeiten verfügen. Atmosphärisch und in Sachen Story ist diese Comic-Verfilmung gar nicht so weit weg von “The Boys”. Hoffen wir, dass diese nicht ebenfalls so früh abgesetzt werden.

Sie nannten ihn Jeeg Robot (2015): Auf den Straßen Roms schlägt sich ein (Tage-)Dieb mehr schlecht als recht durch. Als er nach einem Unfall feststellt, dass sich seine Körperkraft vergrößert hat und Verletzungen ungewöhnlich schnell heilen, wird er für eine Ausreißerin zur Reinkarnation ihres liebsten Manga-Helden. Um dieser Verantwortung gerecht zu werden und endlich Hoffnung in sein tristes Dasein zu bringen, nimmt er die Rolle an. Pfiffiges Sozialdrama aus Italien mit knackigen Superhelden-Elementen.

The Specials (2000): Für ihre Fans sind sie bewunderte Superhelden, die die Welt retten und Gutes tun. Doch eigentlich sind die “Specials” neurotische Nörgler, ständig zerstritten und gebeutelt von den Problemen des Alltags. (Also praktisch wie die meisten von uns.) Diese Independent-Produktion wartet natürlich nicht mit aufwändigen Spezialeffekten auf, ist aber teils saukomisch und lebt vom Herzblut der Beteiligten. Vorsicht: Die deutsche DVD hat eine kaputte Tonspur – also unbedingt im Original gucken.

Super – Shut up, Crime! (2010): Als ein Durchschnittstyp seine Frau an einen Gangsterboss verliert, knallen ihm die Sicherungen durch. Im Superhelden-Outfit und bewaffnet mit einer Rohrzange macht er sich auf, nicht nur seine Depressionen, sondern auch die Unterwelt zu bekämpfen. Recht spröder Mix aus Drama, Satire und Krimi – allerdings gut besetzt, unter anderem mit Rob Zombie als Gott.

Die Super-Ex (2006): Die neue Flamme eines Durchschnittstypen ist zwar heiß, aber auch furchtbar anstrengend. Leider bringt selbst die Trennung kaum Ruhe in sein Leben, denn die Holde ist eine Superheldin. Und will ihn mit allen Mitteln für sich behalten. In den wenigen ruhigen Momenten schimmert ein Hauch der Großstadt-Neurosen von Woody Allen durch, aber meist geht es wüst zur Sache in dieser Satire auf fliegende Menschen mit Umhängen.

The Tick (2001-2002, 2016-2019): Er ist groß und breit, hat ein riesiges Ego und überschätzt sich maßlos: The Tick ist allenfalls in seinen pathetischen Reden der unbesiegbare Superheld, für den er sich hält. Andererseits kann er notfalls wirklich zulangen, wobei allerdings mehr kaputtgeht als gerettet wird. Der zweite Versuch, den gleichnamigen Comic als Realserie umzusetzen, wurde kürzlich nach zwei Staffeln abgesetzt. Vielleicht war die Geschichte um den großmäuligen Hünen etwas zu speziell. Und jetzt bitte alle “The Boys” gucken (das läuft nämlich auch bei Amazon)!

The Umbrella Academy (2019): Das Ableben ihres Adoptivvaters bringt dessen mit Superkräften ausgestattete Kinder wieder zusammen. Als einer von ihnen schlechte Nachrichten aus der Zukunft mitbringt und eine andere genug hat von ihrer Rolle als Außenseiterin, müssen die Mitglieder der “Umbrella Academy” ihre Fähigkeiten dazu einsetzen, die Welt zu retten. Der Comic galt lange als unverfilmbar, aber als Netflix-Serie mit ausreichendem Budget und intelligenter Song-Auswahl im Soundtrack geht das eben doch. Die zweite Staffel der schrägen Story ist besiegelt.

Unbreakable (2000), Split (2016), Glass (2019): Ein übermenschlich starker Sicherheitsexperte, ein schizophrener Killer und ein Genie mit brüchigen Knochen sind Protagonisten und Antagonisten in M. Night Shymalans nicht unumstrittener Superhelden-Trilogie. Diese setzt auf düsteren Realismus, und so treffen die Drei erwartungsgemäß in der Psychiatrie aufeinander. Hätte sich der leicht selbstverliebte Regisseur für den dritten Teil mehr Zeit gelassen, hätte das was werden können. So fiebert man anfangs mit – und bedauert am Ende die ungenutzten Möglichkeiten.

Watchmen – Die Wächter (2009): “Ich bin hier nicht mit euch eingesperrt – ihr seid hier mit mir eingesperrt!” Zack Snyders kongeniale Verfilmung von Alan Moores Graphic Novel ist ein Meisterwerk – unter anderem, weil der Meister grandioser Bilder sich relativ eng an die Vorlage hält. Und so ist die Geschichte eines zerschlagenen Superhelden-Teams, das in den 80er Jahren einer alternativen Zeitlinie einer Verschwörung auf die Spur kommt, nichts weniger als ein atemberaubendes Epos.

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