Polizeiruf 110 aus Rostock: 21 Filme in 21 Tagen

Polizeiruf 110 aus Rostock: 21 Filme in 21 Tagen

Nachdem ich kürzlich in den Genuss des nächsten Rostocker Polizeirufs (“Der Tag wird kommen”) gekommen bin, aber sich der Film trotz ersehnten Herbeiguckens noch nicht im Presse-Vorführraum der ARD eingefunden hat, damit ich ihn erneut schauen und noch mal in Ruhe überdenken kann, habe ich beschlossen, alle vorherigen 20 Filme noch einmal zu schauen und darüber zu bloggen. Das wird also ein sehr sehr langer Blogeintrag, der alle paar Tage aktualisiert wird. Genau genommen kann ich nur 19 Filme schauen, denn “In Flammen”fehlt leider in meiner Sammlung, das wäre Nummer 17. Die ersten 16 Fälle habe ich übrigens bei Amazon Prime Video in HD-Qualität gekauft, wie wunderbar, dass das endlich geht! Die Fälle 18, 19 und 20 habe ich auf der Festplatte, da ich sie direkt selbst aufgenommen habe. Der sehr lange Beitrag wird am Ende mit einer Rangliste enden.


  • EINER VON UNS, Nummer 1

Es startet also mit Nummer 1, “Einer von uns”, bei Amazon Prime. Was ganz schnell auffällt: Ich hatte keine Erinnerung mehr daran, dass es Sascha Bukow ist, der “neu” ist. In meiner Erinnerung hatte sich festgesetzt, dass es die LKA-Beamtin ist, die dem Rostocker Kripo-Team zugewiesen wird. So ähnlich wird es am Ende an Folge 2 auch erzählt, um zu rechtfertigen, wieso LKA und Kripo nun zusammenarbeiten. In “Einer von uns” ist es aber erst einmal so, dass Bukow nach 17 Jahren zurückkommt nach Rostock. Das Drehbuch (von Eoin Moore, der die Figuren entwickelt hat und immer noch entwickelt) wirkt zwischendurch irgendwie konfus, obwohl die Auflösung, das Finden des Täters durchaus einen Wow-Effekt hat. Was auch direkt auffällt: die Chemie zwischen Anneke Kim Sarnau und Charly Hübner. Ich habe leider noch kein Interview darüber gefunden, wie man die beiden nun gecastet hat oder wusste, dass das passt. Ich weiß, dass Hübner feststand und Sarnau danach dazukam. Und so gesehen ist es unfassbar, was für ein glückliches Händchen man hier hatte. Oder es doch wusste? Sobald die beiden den Schirm miteinander teilen, ist die Luft elektrisiert. Ganz egal, ob sie sich noch gar nicht kennen, gerade nicht leiden können oder doch ganz toll finden. Bezeichnend, dass die erste gemeinsame Szene eine Verfolgungsjagd ist. Da fliegen in jeder gemeinsamen Szene Funken. Ein Blick, eine lange Pause vor einer Antwort auf eine Frage, eine Bewegung. Unglaublich authentische Dialoge. Und das Gefluche! Wie ich das Gefluche liebe. Das “Fuck” haben sie sich beibehalten. Oder wie Bukow hier auch schon mal bei einer überraschenden Festnahme sagt: “What the fuck?” Das ist einfach direkt aus dem Leben, und auch gerade diese Sätze machen Rostock aus. Niemand würde in so einer Situation sagen: “Oh, Frau König, wo kommen Sie denn her und wieso warten Sie nicht auf mich?” Allerdings muss ich zugeben: Die Haupthandlung habe ich nicht komplett verstanden. Wohl schon, wer wen ermordet hat und warum. Aber den ganzen kleineren T

Nettes Gimmick am Rande in “Einer von uns”. Aus dem Josef wurde in diesem Film ein Joseph.

eil rund um eine russische Drogenbande habe ich nicht komplett nachvollziehen können bzw. auch nicht, wieso das wichtig war. Maximal als Zerstreuungseffekt. Insgesamt ein guter Einstieg für das Team, gewohnt grau für Rostock, die wirklich strahlend bunten Farben sind die Kommissare dazwischen. Allerdings, kennt man die 19 anderen Filme, ist der erste sicher nicht in den Top 5 zu finden.

Die horizontale Geschichte: In “Einer von uns” wird auch der Grundstein für die erste horizontale Geschichte aus Rostock gelegt. Diese Hintergrundgeschichten umfassen meistens vier Filme, was bei der Konzeptionierung der Reihe mutig war, da man damals schon wusste, dass nur zwei Filme pro Jahr erscheinen. Man mutet dem Zuschauer also einiges zu. Klar, in jedem nachfolgenden Film wird die Handlung – meistens übrigens richtig smart und gar nicht plump – noch einmal zusammengefasst, bevor es weitergeht. Doch schon das scheint einige Zuschauer ordentlich zu überfordern. Ich habe letztens erst in einem Forum über Fall 20 “Söhne Rostocks” gelesen, dass man gar nicht mehr wisse, worum es bei König eigentlich ginge. Doch genau das wurde sehr sehr intelligent noch einmal erzählt. Man KANN folgen, wenn man will. Ein bisschen Hirnschmalz erfordert es aber nun mal auch. Nun, die horizontale Geschichte Nummer eins ist Königs Auftrag, Bukow zu beobachten, über ihn, vielleicht gegen ihn, zu ermitteln. Offensichtlich versucht man herauszufinden, was er in Berlin angestellt, wieso er sich von Ermittlungen gegen einen Mafiabanden-Boss zurückgezogen hat, kurz bevor man ihn erwischt hat. Man vermutet, dass er gekauft worden ist. Und König soll das herausfinden. Davon weiß nur Bukows Chef Henning Röder. Konfliktpotenzial ist also bereits ordentlich da. König hat ein Problem damit, dass sie mit Bukow gemeinsam ermitteln soll, während sie hinter seinem Rücken gegen ihn ermitteln soll. Das sagt sie Röder so auch, dennoch kommt es am Ende der 90 Minuten, wie es kommen muss: Bukow und König werden ein Team. Der spannende Start einer interessanten Geschichte, die in Aquarius weitergeht.


  • AQUARIUS, Nummer 2

Huch, was ist denn das? Schon im zweiten Film hat Bukow einen feuchten König-Traum? Nun gut, dieser wandelt sich relativ schnell zu einem Albtraum. Dennoch – überraschend ist das durchaus. Der zweite Film der Reihe weist ähnlich konfuse Zwischenszenen auf, die sich nicht so ganz passend in das Gesamtpuzzle einfügen. Unterhaltsam ist Aquarius allemal, hat jedoch auch irritierende Wetterwechsel gegen Ende. In quasi der gleichen Szene ist erst Herbst, viel Laub auf dem Boden. Ein paar Minuten erzählte Zeit später schneit es. Und wieder etwas später ist der Boden quasi mehrere Zentimeter hoch mit Schnee bedeckt. Klar, dafür kann keiner was, höhere Gewalt. Witzig ist es dennoch. Der Schnee tat der Szene allerdings gut, verleiht ihr noch etwas mehr Dramatik und Kälte. Ich bin allerdings froh, dass man sich im weiteren Verlauf der Reihe WEITGEHEND von Geschichten, die zu weit draußen sind, verabschiedet hat. Ehemalige Kampftaucher, die einen Goldschatz im Wasser versenken? Ähm, nein. Dass ein “einfaches” Familiendrama reicht, ein zwischenmenschliches Dilemma, zeigt Rostock später mehrfach. Aquarius ist daher sicherlich kein Kandidat für die Top 5.

Der beste Dialog ist dieser hier:
Bukow: Sie haben was vergessen.
König: Was denn?
Bukow: Sie haben die Flasche gedreht, also müssen Sie mich küssen.
König (lacht)
König: Sind Ihre Haare eigentlich getönt?
Bukow (lange Pause): Ja!
König: Wieso?
Bukow: Wieso nicht?

Und man möchte wetten, dass sie im nächsten Film nicht mehr getönt sind. Und wusste übrigens noch jemand, dass Thiesler eigentlich irgendwie eher was mit dem Drogendezernat zu tun hat als mit der Kripo? Und im dritten Film dann aber auf einmal auch Technik-Experte ist?

Die horizontale Geschichte: Das Verhältnis zwischen Bukow und König ist bereits ebenso dramatisch und frostig wie die Szenerie. Bukow weiß nun oder ahnt, dass König ihn im Blick behalten soll. Sie konfrontiert ihn offen mit ihren Fragen. Er antwortet schnippisch, wird beleidigend oder läuft wahlweise davon. Bukows Ehe mit Vivian leidet unter der Vergangenheit, er unterstellt seiner Frau Paranoia, ist aber selbst ganz und gar nicht ruhig. Hier wird perfekt und spannend weitergesponnen, was im ersten Teil begonnen hat. Und der Film endet mit überraschenden Gemeinsamkeiten. Zwischendurch hatte König Bukow vom Pink-Floyd-Album “Animals” erzählt, das Cover beschrieben – und den Inhalt dazu. Am Ende also nun legt sich Bukow nachts die Platte auf und studiert das Cover. Während König die Musik ebenfalls spielt; und bedrückende Post erhält und öffnet. Ja, in dieser Reihe sind es die kleinen Dinge, die das Gesamtkonzept groß machen. Vielleicht ist hier zwischen den Bildern schon mehr zu sehen als vermutet.


  • FEINDBILD, Nummer 3
Clevere, innovative Regie in dieser Szene. Schöne Schattenspiele mit Bukow und König.
Clevere, innovative Regie in dieser Szene. Schöne Schattenspiele mit Bukow und König.

Eindeutig DAS Zitat der Folge: “Alexander Bukow. Wie Tschechow. Oder Fuck Off.” Auf Platz zwei läuft ein (zu König): “Mit Ihnen möchte ich nicht verheiratet sein, Sie sind echt anstrengend.” Und später singend im Auto (zu König): “Erklär mir meine Rechte. Sperr mich ein. Ich will von dir verhaftet sein.” (Ja, Element of Crime). Und wiederum später eine clever gelöste Szene in einem Kellerraum. König knipst das Licht aus, es ist stockduster. Sie stellt den vermeintlichen Suizid des Toten nach und dann fest, dass es kein Suizid gewesen sein kann. Das Licht geht wieder an, Bukow und König reden miteinander, dann geht König zur Tür. Und Bukow kann es sich nicht verkneifen: “Und wenn Sie jetzt das Licht ausmachen, können wir noch ein bisschen knutschen.” Diese Sätze sind immer so knapp am Rande zur sexuellen Belästigung, wenn man aus heutiger Sicht daraufschaut. Stand 2010 mag es als plumpes Flirten durchgehen, vermutlich aber würde man solche Sätze nicht mal mehr Sascha Bukow in den Mund legen. Dennoch: Es ist passend, unfassbar witzig und schön zu sehen, wie wenig schlagfertig die sonst so schlagfertige König reagiert. Nämlich nicht.

Zum Fall: Es ist der dritte Fall, und zum ersten Mal so richtig verwebt Autor und Entwickler Eoin Moore die Krimi-Handlung mit der horizontalen.Miroslaw Badza wird tot aufgefunden. Der Mann, der heimlich Bukow und König beschattet hatte. Badza war im Auftrag von Bukows Widersacher Subocek unterwegs. Und nun hält König es nicht für komplett ausgeschlossen, dass Bukow in Badzas Ermordung verwickelt ist – ohne ihm das so direkt zu unterstellen. Ja, da ist direkt wieder eine granatengute Stimmung in Rostock. Parallel dazu muss sich Bukow von König ausgerechnet wegen der Subocek-Geschichte befragen lassen. König untersucht immer noch den Korruptionsvorwurf gegen ihren Kollegen. Allerdings findet sich schnell ein weiterer mutmaßlicher Täter, der wiederum einen privaten Feldzug gegen einen Pharma-Konzern und dessen Vorstand führt. An dieser Stelle wird es für mich dann tatsächlich etwas zu zufällig, etwas zu gewollt. Alle kannten sich irgendwie, alles ist miteinander verwoben – zusammen mit der Pharma-Impfstoff-Geschichte funktioniert das an dieser Stelle nicht so ganz reibungsarm und legt meine Stirn zwischendurch in tiefe Denkfalten. Die können allerdings auch daher rühren, dass ich meinen Rewatch zwischendurch unterbrechen muss, da die Arbeit (Corona und so) überhand nimmt. Eventuell liegt es also nur an meinem Kopf und wenn ich den Film noch mal schaue, wirkt alles anders. Badza aber nun war ein Cousin von Subocek, und Bukow ist sich sicher, dass der vermeintlich andere Täter damit auf Suboceks Abschussliste steht. Sein Konflikt führt dazu, dass er sich König endlich anvertraut und ihr von den Vorkommnissen in Berlin erzählt. Und ihr gesteht, dass er einen Kronzeugen verraten, Beweismaterial manipuliert und verschwinden hat lassen, um seinem Sohn das Leben zu retten. Auch diese Szene ist übrigens wunderbar inszeniert. Beide sitzen im Auto, sie auf der Rückbank, der Blickkontakt erfolgt lediglich über den Innenspiegel. Trotz der körperlichen Distanz und der Barriere durch den Sitz und das Hintereinandersitzen entsteht hier viel mehr Nähe, als wenn beide nebeneinander gesessen hätten. König eröffnet das erste offene Gespräch der beiden übrigens mit den netten Worten: “Jetzt kommen Sie, Sie wollen es doch auch..”

Würde er Subocek nun festnehmen, um den Täter vor Subocek zu schützen, wäre dies ein Todesurteil für ihn und seine Familie. Es endet dramatisch in Geigers Villa. Der Showdown hat es in sich und kann sich sehen lassen. Das macht die Irrungen und Wirrungen vorher wieder eindeutig wett. Die wunderbare Schluss-Szene zeigt Bukow am Bug eines Schiffs, beide haben die Hände verschränkt, beide stehen nebeneinander, in der exakt gleichen Pose – und man möchte uns wohl sagen, dass sie da jetzt nicht nur zusammen stehen, sondern gemeinsam. Ein schöner Schlussakkord. Aufgrund der extrem guten horizontalen Geschichte um Bukow und dessen inneren Konflikt landet FEINDBILD sicher nicht am Ende der Liste.


  • …UND RAUS BIST DU, Nummer 4
Witziger Name: Hans und Franz Klam. (Hans und Franz sind die Namen von Heidi Klums Brüsten.)

Hoppla, und dann kommt eine großartige Nummer vier um die Ecke! Ich schaue “Und raus bist du” nach einem 12-Stunden-Arbeitstag in der Corona-Krise. Und wenn ich diesen Blogbeitrag in ein paar Jahren wiederentdecke, oder ihr, dann muss das erwähnt sein an dieser Stelle, denn mein Gehirn ist eigentlich nur noch Brei. Und ich hatte bei den ersten drei Filmen (auch während sehr viel Arbeit während Corona geguckt) schon das Problem, dass ich mir nur seh schlecht merken konnte, was eigentlich passiert ist, weshalb ich irgendwann anfing, mir Notizen und tolle Zitate ins Handy zu tippen. Wie auch immer, völlig überarbeitet habe ich Film Nummer vier gestartet. Und nach 90 Minuten sage ich: Wie großartig war das denn bitte? Das ist sogar eigentlich ziemlich sensationell. Denn hier gibt es eine Szene, die im 20. Film (!!!) wieder aufgegriffen wird, und ich wette, dass das von den Zuschauern NIEMAND mehr weiß. Eine großartige Randnotiz des Autorenteams. Ich bin vor Verzückung fast vom Sofa gefallen.
Aber erst mal zur Handlung, die ich der Einfachheit halber von der Seite der ARD geklaut habe: Die Leiche eines Rentners wird im Kofferraum eines Schrottautos gefunden. Katrin König und Alexander Bukow tauchen bei ihren Ermittlungen in das Milieu von Müll- und Schrottsammlern ein. Dabei stoßen sie auf ein Geflecht von menschlichen Schicksalen. Was zunächst nach dem Mord an einem Obdachlosen aussieht, entpuppt sich als Erpressungsfall im Zusammenhang mit illegalen Sondermüll-Entsorgungen auf der Rostocker Mülldeponie. Doch wer erpresst hier wen, und wer hat ein Motiv, einen alten, mittellosen Rentner umzubringen?
Wolfgang Stauch hat ein wirklich sehr unterhaltsames, spannendes Drehbuch mit viel Tragik und Drama abgeliefert. Und zwischendurch schafft es Stauch (vermutlich auch zusammen mit Moore), König und Bukow weiter ihre zu diesem Zeitpunkt schon sehr seltsame Beziehung erforschen und vertiefen zu lassen. Die vordergründige Krimihandlung hat ein gutes Tempo, ist nachvollziehbar, die Besetzung ist gut, die Geschichte authentisch. Schon allein nur dieser Teil der 90 Minuten katapultiert “.. und raus bist Du!” an die Spitze der bisherigen vier Filme.
Kommen wir zu den zitierwürdigen Dialogen. Besonders schön fand ich, wie Pöschel und Thiesler vor dem Revier einen Grill aufgebaut und entspannt nach Feierabend Würste aufgelegt haben. Daraus folgte dieser Dialog:
Thiesler: “Das ist ein Scheißgrill, der zieht nicht.”
Pöschel: “Bist du Diplom-Schwenker oder was?”
Auch schön der Kommentar einer Antagonistin, nachdem sie Bukow gemustert hat: “Als Kind habe ich mir die Polizei anders vorgestellt.” Ja, Bukow, der Straßenköter. Zum Glück hat man ihn so konzipiert.

Bukow hat sowieso unheimlich viele gute Texte in diesem Film: Der unter Verdacht stehende Schrotthändler holt im Gespräch mit Bukow eine Waffe raus und legt sie demonstrativ auf den Tisch. Bukow entspannt: “Hast du zu oft Pulp Fiction geguckt?” Dann beugt er sich vor, packt den Mann am Kragen und ergänzt: “Bukow, police department Rrrrostock.”

Wunderbar auch die Dynamik in den ganz kurzen und herrlich authentischen Dialogen mit anderen Protagonisten.
Bukow: “Was kost’ denn das Haus?”
Margit Schütte: 110.000.
Kran Schütte: 110.000.
Bukow: 110.000?
König: 110.000!
Die Betonung macht den Meister!

Und natürlich sind die zahlreichen Dialoge zwischen Bukow und König mal wieder das besondere Salz in der Suppe. Schon zu Beginn, Bukow weiß immer noch nicht, ob er nun suspendiert wird, weil er Königs Bericht nicht kennt, ledert er los: “Was passiert mit mir? Werde ich suspendiert? Ne? Dann habe ich ja noch Zeit, Sie im Schlaf zu ersticken.” Königs lapidare Antwort: “Nicht witzig, Bukow.” Seine Entgegnung: “War auch nicht witzig gemeint, König.”

Und später sagt der immer noch angefressene Bukow zu ihr: “Wenn Sie mal jemanden zum Reden brauchen, wegen Ihrem Seelenleben und so, ich steh’ nicht zur Verfügung.” Und wir alle wissen wohl hier schon, dass er das genaue Gegenteil meint. Überragend!

Kommen wir nun zur eingangs erwähnten sensationellen Szene mit Bezug zu Film Nummer 20 “Söhne Rostocks”, der quasi NEUN JAHRE später lief. Offenbar erinnerte man sich noch an “.. und raus bist Du!”. Denn an einen Zufall mag ich nicht glauben. Und Achtung, alles, was jetzt kommt, ist ein ERBARMUNGSLOSER SPOILER!!

Die verdächtige Nathalie Schiecke ist eine ehemalige Mitschülerin von Sascha Bukow, war in der Parallelklasse. Und über sie sagt Bukow zu König: “Sie war der Champagner, ich war Dosenbier.” Schiecke war begehrt, hatte eine große Karriere vor sich. Und Bukow wohl damals ein wenig in sie verknallt, aber die Dame unerreichbar, siehe der Getränke-Vergleich. Nachdem die beiden Kommissare später bei Familie Schütte eingekehrt waren und Tüten-Rotwein konsumiert hatten, ging die Fahrt weiter. Nach dem Besuch dort landen Bukow und König an einem Punkt, der zu diesem Zeitpunkt noch gar keinen Namen hat. Aussicht übers Wasser, es ist leicht abschüssig, die beiden sitzen im Auto, Türen geöffnet.

Bukow beugt sich über König und sucht im Handschuhfach etwas. Schließlich holt er ein noch verpacktes alkoholisches Getränk raus. König: “Champagner?” Bukow: “Nein, aber auch kein Dosenbier.” Er holt eine Rotwein-Flasche aus der Verpackung. König: “Luxusgesöff für 2,50.” Bukow trinkt, dann trinkt König. Dann steigt sie aus, um an die Arbeit zurückzugehen. Bukow: “Wenn wir auf dem Sterbebett liegen, werden wir nicht sagen: Oh Gott, hätte ich bloß mehr gearbeitet in meinem Leben.” Darauf dreht sie noch einmal um, beugt sich in den Wagen und sagt: “Ich war der Rotwein damals.” In Anspielung auf den Champagner-Dosenbier-Vergleich. Dann geht sie. Bukow betrachtet die Flasche – und liebkost, anders kann man es nicht nennen, den Flaschenrand, der zuletzt ja an Königs Mund war. Meine Güte, in dieser Reihe sind es wirklich die vielen, vielen Details. Eventuell gibt das jetzt ein großes Rechte-Problem, aber ich MUSSTE das abfilmen. Es sind ja nur zehn Sekunden, Rechnung bitte an…

Was hat das alles nun mit dem 20. Fall “Söhne Rostocks” zu tun? Nun, noch steht er in der ARD-Mediathek, schaut euch den Anfang noch einmal an. Bukow befindet sich an der exakt gleichen Stelle mit seinem Wagen wie in Film Nummer vier und hat eine Flasche Rotwein dabei. So hinterlässt er König eine Nachricht auf deren Anrufbeantworter, die sinngemäß – vergebt mir, aber ich mag es nicht zitatgenau nachgucken – lautet: “Raten Sie mal, wo ich bin, Frau König. Rotwein, schiefe Ebene. Schlafen Sie schön.” Was ein cleverer, sensationeller Verweis. Und hoffentlich kein Zufall. Später im Film steht übrigens König an dieser Stelle und hört Bukows Nachricht ab. Ihre Art, Nähe zum Kollegen herzustellen, ohne ihn das wissen zu lassen.

Schlussakkord im vierten Film: Das permanente Eindringen in den “Raum” des anderen (physisch und/oder psychisch, hier wohl beides), macht die Reihe unter anderem so besonders. Funktioniert aber eben auch mit Sarnau/Hübner besonders gut, trotz guten 30 cm Größenunterschied.

Der Film endet so eindrucksvoll, wie er begonnen hat. Katrin König belügt einen Verdächtigen, damit er glaubt, er liege auf dem Sterbebett. Damit er dann beichtet. Genau so kommt es. Bukow ist ein bisschen verzaubert und lobt ihr gegenüber seinen guten Einfluss auf sie. Bedauernd, dass das ja nun bald vorbei sei, wo er suspendiert würde. Dabei hatten beide vorher in der Rotwein-Szene ja schon festgestellt, dass sie gerne miteinander arbeiten. Außerdem lässt König die obdachlose Schiecke vom Haken – hier wird übrigens schon der Grundstein für die nächste horizontale Geschichte gelegt, die sich um König drehen wird: Es geht um ihre eigene Adoption. Und Schiecke hatte in “.. und raus bist du!” die Rolle der obdachlosen Mutter, deren Tochter gerade in einer Pflegefamilie lebt. Königs Mitgefühl und Gerechtigkeitssinn siegt. Von beidem sehen wir in den kommenden Film auch noch reichlich. Es wirkt so, als habe Bukow das tatsächlich erst richtig freigesetzt.

In diesem Film stimmt wirklich alles. Danke! 9,5/10 Punkten. Den halben Punkt Abzug gibt es für die Szene in Schüttes Garten. Es ergibt irgendwie keinen Sinn, dass sie erst als potenzielle Hauskäufer auftreten, sich dann als Polizisten enttarnen, Schüttes aber nicht wütend werden und sie auch nicht rauswerfen. Das hätte man vielleicht eleganter lösen können, allerdings habe ich hierfür auch keine andere Idee. Es passt nicht so ganz ins Drehbuch, musste ja aber irgendwie gelöst werden.

 


  • EINER TRAGE DES ANDEREN LAST, Nummer 5

Und ich möchte gerne den Mantel des (Still)Schweigens über diesen Film hüllen. Nicht, weil er besonders schlecht ist, sondern mir natürlich meine Bukow/König-Szenen fehlen. Aufgrund von Anneke Kim Sarnaus Schwangerschaft legte man die Schauspielerin kurzerhand in ein künstliches Koma, also, ihre Rolle natürlich. Das ist durchaus clever gelöst, denn Bukow darf all seine emotionalen Aus- und Zusammenbrüche am Bett der Kollegin erleben: Wut auf sich selbst, schlechtes Gewissen, Sorge, Angst, Fürsorge. Immerhin taucht hier mal wieder seine Frau Vivian auf, doch zwischendurch fragt man sich schon, mit wem er so rein emotional eigentlich verheiratet ist. Unter anderem weiß seine Frau nichts von den Dingen, die er der Kollegin erzählt hat: über Berlin, Subocek, Fälschung von Beweismitteln. “Das hab’ ich ihr erzählt”, sagt er zu Vivian, “alles andere habe ich ihr auch erzählt”. Vivian ist baff und enttäuscht, offensichtlich weiß sie nichts oder nur sehr wenig. Das ist überraschend an dieser Stelle – oder vielleicht auch gerade nicht.

“Einer trage des anderen Last” brilliert einmal mehr durch einzigartige Schreibkunst. Die ersten fünf bis sieben Minuten werfen so viele Fragen auf, dass es für eine weitere Stunde fast keine Rolle spielt, dass Bukows wichtiger Gegenpart eigentlich nicht da ist. “Sascha, wo bist du”, wird Bukow am Telefon gefragt. Nun, der steht auf einer Landstraße und hilft Frau König bei einer Panne. “Ich schlepp’ gerade Frau König ab”, sagt er ins Telefon und grinst König an. Die parallel verlaufende Handlung zeigt einen Gefangenentransport, der erst von einem Polizeiwagen gestoppt und dann überfallen wird. Der Gefangene wird mitgenommen und zu Tode geprügelt – von Polizisten? Währenddessen werden König und Bukow vom Abschleppen zum Tatort beordert. (Den Grund dafür verstehe ich nicht so ganz, gibt es keine Streifen?) Dort angekommen nimmt König die Verfolgung auf und wird nicht nur angeschossen, sondern stößt sich übel “die schöne Turbine” an und wird ins Krankenhaus gebracht. Das Gerüst steht also schnell und mit ihm die folgenden Fragen: Was ist mit Frau König? Wer wurde da umgebracht? Wieso wurde umgebracht? Und was hat der Polizeiwagen damit zu tun?

Pöschel rückt in der Folge undercover im Gefängnis ein, denn die Spuren führen genau da hin. Und überhaupt; mal ein Wort zu Pöschel. Ich erinnere mich, dass ich beim ersten Mal, als ich alle Filme schaute (irgendwann letztes Jahr), relativ schnell relativ sehr davon genervt war, wie Pöschel geschrieben war. Der ultimative Macho, Draufgänger, weiß alles besser, kann alles besser, vor allem kann und weiß er alles allein. Der Held vom Erdbeerfeld, Gel in den Haaren und eine prollige Lederjacke an. Puh. Der Charakter schien mir in den ersten drei bis vier Jahren doch deutlich überzeichnet, und der Eindruck hält sich hier leider auch. Gut, dass die Autoren davon ein bisschen weggekommen. Genau genommen haben Pöschel und Thiesler im Vergleich zu diesen ersten Filmen nun erstaunlich wenig zu tun, aber das ist vielleicht nur mein Eindruck. Ich bin froh, dass das Team weiterhin zusammen ist nach all der Zeit. Dass niemand ausgestiegen ist. Damit meine ich nicht die Charaktere, sondern die Schauspieler. Solche Reihen leben von ihrer Konstanz.

Die ersten spannenden fünf Minuten wirklich nur die Spitze des Eisbergs. In der Folge strömen von allen Seiten weitere Handlungsfäden und Drehs hinein. So bleibt der Film dynamisch, spannend und unterhaltsam. Trotzdem: Ohne König macht es eben doch nur halb so viel Spaß. Ich vergebe 6/10 Punkten und weiß noch nicht, wo der Film am Ende landen wird.

Die horizontale Geschichte: Bukows Geschichte ist hier mehr oder weniger abgeschlossen. Während König im Koma liegt, sucht er in ihrer Wohnung nach ihrer Krankenkarte und findet ihre Akte zu seinem Fall auf ihrem Schreibtisch. Natürlich schaut er rein, und dann stellt er fest, dass die Kollegin all das, was er ihr im Vertrauen erzählt hat, nicht gegen ihn verwendet hat, aus der Akte gelassen hat. Es war eine gute Idee, diese Geschichte so zu erzählen, um das Vertrauen der beiden ineinander zu stärken. Es ist der Grundstein für alle weiteren horizontalen Geschichten, die dann noch kommen. Man hat die beiden Charaktere über eine Geschichte, die eigentlich nur einen betrifft, miteinander verbunden. Sie wurden in ein Boot geholt, man gab ihnen Paddel in die Hand. Und uns hat man dann dabei zusehen lassen, ob und wie sie gemeinsam in eine Richtung paddeln, ob nur einer paddelt oder ob einer versucht, dem anderen das Paddel wegzunehmen. Es war von allem etwas dabei. Eventuell ist das Boot zwischendurch sogar mal gekentert. Aber nass und zufrieden und mit allen Paddeln in der Hand haben sie das Ufer erreicht, an dem beide leben wollen und können.


  • STILLSCHWEIGEN, Nummer 6

Ich versuche wirklich immer, mich von alten Rollen der Schauspieler zu lösen. “Stillschweigen” habe ich jetzt allerdings bereits drei Mal gesehen, und hier gelingt es mir leider überhaupt nicht. Dirk Borchardt als Rockerbanden-Chef Bernd Tauber wird für mich leider ewig der “Pit” aus Danni Lowinski sein. Thomas Sarbacher als reuiger Rolf Wendland ist für mich Kneipenbesitzer “Rob” aus den Girlfriends. So sehr ich mich mühe, ich kann sie nicht umbesetzen. Das soll die schauspielerische Leistung der beiden nicht schmälern, ganz im Gegenteil. “Stillschweigen” liefert gewohnt gute Rostocker Qualität, wie immer ist vor allem der starke Einstieg die Grundlage für spannende 88 folgende Minuten. Es wird die richtige Frage gestellt: Wieso sterben eine Hebamme und ein Rocker auf einer entlegenen Landstraße?

Ach, Pöschel. Immer diese Alleingänge.

Die Situation spitzt sich zu, als Wendland erst festgenommen wird, dann aber einen Deal aushandeln will: Informationen zu seiner Gang, die deren Aus bedeuten würde. Im Gegenzug will er Zeugenschutz, Geld, ein Auto, ein Haus. Bukow und König ahnen zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass die Sache bis zum Himmel stinkt. Und wieder einmal offenbaren sich langsam und zaghaft weitere Schichten der Geschichte, deren Wurzeln bis tief ins Erdreich ragen. Es endet gewaltig und mit einer AK-47 an einem safe house. Der Film kann sich sehen lassen. Es ist spannend, verständlich, schnell, dramatisch. Alles, was ein Krimi braucht, hat dieser. Und trotzdem fehlt irgendetwas. Vielleicht wirken die Rocker etwas zu sehr nach Schablone geformt. Ein bisschen zu viel Klischee, ein bisschen zu wenig Sonderbarkeit. Der Rockerchef, der seine Frau verdrischt. Hier und da und allenthalben ein bisschen zu viel Dummheit. Allerdings wäre das ein Nörgeln auf sehr hohem Niveau.

Hatten wir übrigens schon was von Pöschel? Herrje, der Mann nervt. Wo wir gerade bei Abziehbildern waren: Auch Pöschel ist hier wirklich über dem, was er vielleicht mal sein sollte. Gibt es Männer, die wirklich SO sind? Nun, er hat ja in diesem Fall eine ordentliche Lektion erhalten. Und während er so gefoltert wurde, erinnerte ich mich, dass ihm doch in einem vorherigen Film mal der Finger abgerissen worden ist. Wird der Mann es noch lernen?

Zu den Zitaten. Auch diesmal gibt es wieder herrliche Dialoge. Hier wirklich nur ein paar wenige Auszüge.

Pöschel: So einen Verein kann man doch verbieten.
Bukow: Wir kriegen nicht mal die NPD verboten. Die halten alle dicht wie ein Schließmuskel.

König: Können wir abgleichen? Ich bin müde, ich möchte ins Bett.
Bukow: Danke für das Angebot, ich schlaf’ heut’ lieber allein.
König: Ehrlich? Schade. Vielleicht ein ander’ Mal.
Bukow: Gerne.

König: Arsch.
Bukow: Das hab’ ich gehört.
König: Kannst du auch ruhig, du Kacker.

Bukow (zeigt auf ein Bild): Ist das Ihr Vater?
König: Nee.
Bukow: Naja, der Bart ist ähnlich.

Bukow: Das ist der beste Räucherfisch im ganzen Norden. Nicht bio, aber legendär.
König: Ja, aber ich bin ja Vegetarierin.
Bukow: Ja, aber das ist ja Fisch.

Die horizontale Geschichte: In “Stillschweigen” beginnen zwei horizontale Geschichten. Einerseits die von Katrin König, die erzählt, dass sie mit vier Jahren adoptiert worden ist. Nun lernt sie, dass sie offenbar aber Wurzeln in der DDR hat. Bukow bringt sie nach Kühlungsborn, wo ein Foto mit ihr entstanden ist. Darüber hinaus zeigen sich erste Risse in Bukows Ehe. Vivian ist nicht sehr begeistert, dass Bukow im safe house übernachtet und den Kino-Abend verpasst. Kurzerhand schickt er den Kollegen Thiesler mit Vivian ins Kino. Er kann ja nun gar nicht ahnen, was das noch nach sich ziehen wird. Allerdings: So wie Bukow die Kollegin anschaut, ist es ja am Ende für alle besser so.


  • FISCHERKRIEG, Nummer 7

Wie lange braucht man, um einen knapp 90-minütigen Film zu schauen? Nun, ich habe das gestern mal getestet, bzw. vorgestern. Ich startete “Fischerkrieg” noch vor dem Schlafengehen, wollte wenigstens die ersten Minuten sehen. Das habe ich auch geschafft und nach etwa 15 Minuten abgeschaltet, um in einen tiefen, traumlosen Schlaf zu fallen. Gestern wollte ich den Film also zu Ende sehen. Allerdings ist “Fischerkrieg” so voller Details, dass ich mehrfach anhalten musste, um Notizen zu machen, um zurückzuspielen, um noch mal kurz inne zu halten. Ich hatte etwa gegen 20:30 Uhr mit dem Schauen begonnen – und war dann, zwischen Arbeiten, Zurückspulen, Gassi gehen und mich betrinken – doch schon um Mitternacht (!) fertig. Der Film lebt wirklich von den vielen Kleinigkeiten. Nicht alle fügen sich in ein großes Ganzes ein, aber irgendwie macht das auch gar nichts.

Zur Handlung: Im Hafen wird die Leiche des Fischers Thomsen gefunden. Während der Untersuchungen tauchen Ronny Brandt, den Bukow von früher kennt, und sein Vater Dieter am Tatort auf, verweigern aber jede Aussage. Dann erscheint auch noch eine Journalistin, die erstaunlicherweise weiß, mit welcher Waffe geschossen wurde. Und natürlich ist die Geschichte wieder viel tiefsinniger, zwielichtiger und dramatischer, als es auf den ersten Blick scheint. Auch Bukows Vater Veit scheint in die Sache verwickelt zu sein. Und Pöschel wittert mal wieder seine Chance, dem Chef symbolisch in die Eier zu treten. Er hängt sich an Veit Bukows Fersen. Diesmal bleibt er allerdings verschont und wird nicht zusammengeschlagen.

Eine sensationelle Einstellung: Manchmal ist weniger mehr.

Nun aber zu den vielen kleinen Details. Gleich zu Beginn hat Regisseur Alexander Dierbach einen wunderbaren Schuss von Anneke Kim Sarnau eingefangen. Gesicht unter Wasser, das Bild ist glasklar, Sarnau schaut direkt in die Kamera, ist aber durch das Wasser auch Welten entfernt. Ebenso wie ein ganz entfernt zu hörendes Telefonklingeln, das sie aus ihren Gedanken reißt. Schon, als ich den Film zum ersten Mal auf meinem damals neuen HD-Fernseher geschaut habe, hat mich diese kurze Einstellung massiv beeindruckt. Manchmal sind es wirklich ganz kleine Sequenzen, die über Qualität (oder eben nicht) entscheiden. Zuvor sah man die Ermittlerin bereits am Wasser stehen, als Kind. Und das ist die zweite Geschichte des Films: Königs Adoption und Flucht über die Ostsee. Hier hat Autor Florian Oeller es wunderbar geschafft, beide Handlungsfäden miteinander zu verknüpfen. Denn als schlussendlich König und Veit Bukow am Vernehmungstisch sitzen, ist König plötzlich wieder ganz nah an ihrer eigenen Geschichte dran, und sie kann es kaum ertragen. Das ist eine wunderbar intensive Szene, weil sie nun auch begreift, dass die Welt, die sie sich so schön einfach zurechtgebastelt hat, nur auf dem Papier Bestand hat, nicht im echten Leben. Klaus Manchen als Veit Bukow stellt überzeugend richtig, was für König eine ganze Weile falsch war.

Weitere kleine Details halte ich dann heute in Bild und Text fest:

Bisschen Hilfe wird ja erlaubt sein, gleich danach folgt die nächste Diskussion.

Bukow hilft der Kollegin erst galant auf einen Kutter, dann geraten die beiden auch schon wieder über das Thema Fangquote aneinander. Sie findet sie gut, weil die Ostsee sonst schon leergefischt wäre, sagt sie. Er findet sie schlecht, weil die Fischer kaum noch überleben können. Sie begründet ihr Argument mit Zahlen, daraufhin sagt der Kollege lapidar: “Sie sind gebildet, Sie haben studiert, Sie kaufen bio, Sie haben Recht.” Doch König weiß: “Dafür muss man nicht studiert haben.” Vermutlich haben beide ein bisschen Recht, weshalb es hier auch keinen Sieger gibt. Das Thema versandet dann auch recht schnell.

Szene Nummer zwei bringt uns vor Veit Bukows Klub. König vernimmt den Vadder, Bukow bleibt im Hintergrund. So richtig entlasten kann weder sie den Mann noch er sich selbst. Die beiden Kommissare verlassen daraufhin den Klub und unterhalten sich draußen. Bukow kann sich eine Anspielung auf Königs

Ich mag es, wie Bukow permanent in den persönlichen Raum der Kollegin eindringt. In Corona-Zeiten ist davon ja dringend abzuraten. Bukow macht das auch bei Zeugen, Verdächtigen, anderen Kollegen. Und ich mag das.

Familie nicht verkneifen, und ich mag es, dass er permanent total übergriffig in ihren persönlichen Raum eingreift, ihr auf die Pelle rückt. Nein, im echten Leben fände ich das richtig scheiße. Aber die Masche zieht, funktioniert in diesen Filmen übrigens auch mit Verdächtigen, anderen Kollegen, Zeugen. Das dürfte Charly Hübners unvergleichlicher Präsenz auf dem Schirm zu verdanken sein.

Nun denn: Nach dem Gespräch auf der Straße verlässt König die Szene, Bukow geht wieder hinein zu Vadder, beide trinken ein Bier. Und dann folgte eine Sequenz, die ich sagenhafte NEUN MAL zurückgespult habe, um zu verstehen, was Veit Bukow sagt. Ja, an dieser Stelle muss ich es leider sagen, und ich nörgle darüber sonst nicht: Es liegt nicht nur daran, dass Bukow Platt redet, es liegt auch daran, dass der Ton an einigen Stellen des Films unsagbar schlecht ist. Sehr sehr schade. Als ich auch beim neunten Mal nicht verstanden hatte, was er sagt, habe ich kurzerhand den Film in der ARD-Mediathek geöffnet und Untertitel eingeschaltet. Das geht bei Amazon Prime nämlich leider nicht. Und siehe da, die beiden Sätze, direkt nach der Befragung durch König, lauten so:
Veit Bukow: Du hast gekiekt. Ick häv nich’ kiekt. Nun hatte ich endlich verstanden, was er sagt, aber leider nicht, was er meint. Worauf bezieht sich das? Ist “kieken” hier wirklich nur gucken? Und was hat Sascha Bukow “geguckt”? Der grinste nämlich nur leicht verlegen und antwortete nicht darauf. Wer weiß es? Nicht, dass es wichtig wäre. Aber vielleicht auch doch?

Übrigens, hier noch ein paar weitere schöne Zitate aus “Fischerkrieg”:

König: “Leiden Sie unter stark eingeschränktem Sehvermögen?”
Journalistin: “Nö.”
König: “Die Absperrung da hinten ist Ihnen also aufgefallen?”

König: “An beiden Unterarmen finden sich zahlreiche Einstichnarben.”
Pöschel: “Respekt. Mitte 70 und immer noch drauf.”

“Du hast gekiekt. Ick häv nich kiekt.”

König: “Spuren einer Chemotherapie. Er hatte Hautkrebs im präfinalen Stadium und nach Angaben noch maximal zwei, drei Monate zu leben.”
Bukow: “Respekt. Mitte 30 und immer noch blöde.”
Ach, Pöschel.

Die horizontale Geschichte: Katrin König ist auf einer Spur. Sie hat Kontakt aufgenommen mit einem Verein, um mehr über ihre Geschichte zu erfahren. Doch sie landet schnell in einer Sackgasse, denn sie weiß nichts. Den Namen ihrer richtigen Eltern nicht, zu den Umständen ihrer Flucht in den Westen ebenso nichts. Kollege Bukow macht sich zwischendurch zwar immer ein wenig lustig über Königs DDR-Vergangenheit, wirkt aber ebenso besorgt darüber, was diese neuen Informationen mit der Kollegin anstellen könnten. Dass König am frühen Morgen Bukow aufsucht, um ihm zu erzählen, dass sie ihre Eltern sucht, ist zumindest ein erheblicher Vertrauensbeweis. Tatsächlich sieht man nie weitere Personen aus Königs Privatleben. Keine Freunde, keine Affären, keine entferntere Familie. Die Einzelgängerin ist genau das: allein. Aus der Sicht betrachtet vermutlich für sie schon ein Riesenschritt, sich dem Kollegen, den sie zu diesem Zeitpunkt gleichermaßen respektiert und verachtet, mag und nicht ausstehen kann, anzuvertrauen. Und dann ist da natürlich Thiesler, inzwischen am Telefon mit Vivien, ganz entspannt, im persönlichen Treffen mit Vivien, noch entspannter. Man wünschte, Bukow würde das sehen und eingreifen. Aber dann, ehrlich gesagt, auch wieder nicht. Ihr wisst schon…


  • ZWISCHEN DEN WELTEN, Nummer 8
Angeln in der Sommerhitze. Ein guter Start in den achten Film.

Bukow, beim nicht ganz so entspannten Angel-Ausflug mit seinen Jungs, gabelt mitten im Nirgendwo die kleine Franzi auf, die im quasi vor das Auto läuft. Er folgt dem Mädchen in den Wald und findet dort seine Mutter. Tot. Ja, da kommen doch sehr viele Zufälle zusammen. Ausgerechnet der Bulle findet das Kind und die Leiche, ausgerechnet in einem abgelegenen Waldstück, während er im Urlaub weilt. Zufällig glaubt das Kind, schuld am Tod der Mutter zu sein. Eine seltsam auffällige Parallele zu Katrin Königs Leben. Nein, also irgendwie werde ich so richtig warm damit nicht. Rostock hat an deren Stellen schon besser gezeigt, wie es gehen kann, die persönlichen Geschichten der Kommissare und die Krimi-Handlung zu verquicken. Hier gelingt das nur stellenweise. Beispielsweise dann, wenn König dem Kind erklärt, dass es kein Schuld am Tod der Mutter trägt, und dabei so betroffen und aufgebracht ist, dass man merkt, dass sie sich dieses Mantra auch gerade selbst zuspricht, sich das selbst sagt. Es funktioniert auch auf der nonverbalen Ebene, wenn erzählt wird, dass Franzis Mutter plante, sich abzusetzen, ganz vielleicht auch ohne Kind. Und dann, wenn Mutters Uni-Freundin erzählt, dass die Tote das Kind ohnehin nie wollte. Und Bukow darüber einen Wutanfall bekommt. Dann geht es um gewerblichen Sex, um Erpressung, um Nachbarschaften, um Affären. Insgesamt ist das schon stimmig, was wir hier sehen, schlicht, es sind zu Beginn zu viele Zufälle, wie bereits erwähnt.

Erst mal einen trinken.

Zu meinen Highlights gehört natürlich, hätte nun keiner gedacht, das gemeinsame Besäufnis von Bukow und König mit anschließendem Karaoke-Auftritt in einer Kneipe. Gesungen wird übrigens Nirvana, und ja, kein Song hätte wahrscheinlich besser gepasst als “Come as you are”. Und als Bukow nachts sturzbetrunken die heimischen vier – oder eher acht in seinem Zustand – Wände erreicht, ist Vivien nicht glücklich. Und sauer war sie ohnehin schon vorher, dass der Gatte die Söhne allein ließ, um sich um das Mädchen zu kümmern. Vermutlich trug zu ihrer Stimmung seine Erklärung, dass sich die Kollegin endlich geöffnet und er ihr dabei geholfen habe, auch nicht zur Stimmungssteigerung bei. Der Konflikt Vivien/Bukow/Thiesler ist bereits in vollem Gange und findet seinen Höhepunkt im ersten Kuss zwischen Thiesler und Vivian. Muss wohl sagen, als Thiesler da so allein auf der Straße steht, hätte ich ein kurzes “Mist”, “Scheiße” oder “verdammt” ganz gut gefunden. Kann nun mal nicht eine der besten Ideen sein, die Frau vom Chef zu knutschen. Und dass es kriselt beim Ehepaar Bukow, das merkt man auch schon früher. Da stehen Thiesler und die stinkwütende Vivian vorm Revier, als Thiesler sagt: “Du kennst doch Sascha lang genug. Wenn der sich erst mal wo reingegraben hat…” Woraufhin Vivian passend entgegnet: “Ich brauch’ einen Vater für meine Kinder und keinen Maulwurf.”

Die Entwicklung, das wachsende Vertrauen zwischen Bukow und König zu sehen, tut allerdings gut. Alles, was hier aufgebaut wird, ist das, was ihnen später, bei den nächsten Konflikten vermutlich geholfen hat, nicht vollends den Glauben in den anderen zu verlieren.

Dann ordentlich lüften.

Übrigens, es muss sehr heiß gewesen sein während der Dreharbeiten. Ich mag ja sowieso speziell an den Rostockern diese Beiläufigkeiten, diese Aktionen, die nebenbei passieren, ohne wichtig für die Handlung zu sein. Die aber alles unglaublich authentisch machen. Eine Szene, in der alle Kommissare anwesend sind und sich durch die Hitze quälen. Thiesler bugsiert Papierkügelchen in einen Mülleimer, Pöschel gibt wie immer den Proleten und stolziert durch den Raum, Katrin König trinkt Wasser, als gäbe es kein Morgen, Bukow lässt sich den Ventilator-Hauch unter sein T-Shirt wehen. Es ist herrlich. Genau davon lebt diese Reihe. Zwei weitere Beiläufigkeiten: Bukow gibt den Kampf mit seinem Handy auf und schmeißt es der Kollegin zu, die ihm doch damit bitte mal helfen soll. Später hält er es triumphierend in der Hand und deutet nonverbal an, dass er es jetzt doch auch mal selbst hingekriegt hat. Am Tatort greift er der Kollegin, die gerade telefoniert, einfach in die Handtasche und holt Handschuhe raus, weil er weiß, dass die da drin sind. Danke dafür!

Und dann mit einem fetten Kater Kaffee inhalieren und den Fall lösen. Diese Einstellung ist übrigens meine liebste in “Zwischen den Welten”.

Die horizontale Geschichte: Katrin König erfährt, dass sie mit ihrer Mutter über die Ostsee fliehen wollte, diese jedoch über Bord gegangen ist, um Königs Koffer zu retten, den sie nicht gut genug festgehalten hat. Das erzählt sie Bukow beim gemeinsamen Kampftrinken. Hier wirkt der ganze Strang ein wenig ziellos. Wo wollte man mit dieser Geschichte eigentlich hin? Hintergrund zu König geben, erklären, wieso sie ist, wie sie ist? Irgendwie fehlt mir hier ein winziges Stück Tiefe, ein Twist. Gerne dann auch wieder mit einem seltsamen Zufall einhergehend, haha. Währenddessen baut sich Strang Nummer zwei auf: Krise im Hause Bukow. Das ist extrem authentisch erzählt, sehr nachvollziehbar, was da passiert. Macht es nicht weniger dramatisch. Insgesamt wirklich ganz solide, was im achten Film passiert, mit kleineren Ungereimtheiten hier und da. Trotz der emotionalen, dramatischen Geschichte, die ich wirklich viel lieber mag als die großen Räder, die gerne in Krimis mal gedreht werden, nicht mein Lieblingsfilm. Aber: Ich wüsste auch nicht, wieso. Einfach nur eine Geschmacksfrage. Denn die Qualität passt; wie fast immer.

Abschließend ein Dialog aus der Säufer-Hölle.
Bukow: “War ein schöner Abend gestern. Sie können sich doch noch erinnern?”
König: “Du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich einen Filmriss hätte, Sascha.”
Pöschel: “Och nee, ist da etwa was gelaufen?”
König: “War ein Witz.”
Bukow: “Wirklich?”


  • LIEBESWAHN, Nummer 9
Symbolkraft: Bukow allein auf einem Krankenhausflur.

Schwere Kost, die  uns da auf den Tisch gelegt wird. Schon die Einstiegsszene war vermutlich nicht ganz so leicht um 20:15 Uhr zu platzieren. Dem Opfer wird die Zunge rausgeschnitten. Er kann sich zwar befreien und fliehen, stirbt dann aber auf der Rückbank eines Taxis. Eine blutige Angelegenheit, wegen der König Bukow nachts aus dem Bett klingelt. Wie so oft und gern gesehen in Rostock, laufen die Fäden der Handlungen eine ganze Weile parallel, bis sie schließlich ineinander übergehen und zu einem werden. Der Unterschied in “Liebeswahn” ist, dass der Zuschauer relativ schnell ahnen kann, wer der Täter ist. Mit ein bisschen Krimi-Gespür hat man es nach spätestens einer halben Stunde raus. So generiert sich die Spannung hier hauptsächlich über die Jagd nach dem Täter, dass man dabei zusehen darf, wie das Kommissaren-Gespann allmählich, Stück für Stück, die Puzzleteile zusammensetzt. Aufgrund der Inszenierung – die Musik/Ton an den passenden Stellen, der Schnitt – bewegen wir uns weg vom Krimi, hin zum Psychothriller. Das funktioniert deshalb gut, weil wir die Gefahr sehen, die Kommissare aber nicht. Der Titel ist übrigens auch eine Anspielung auf Thiesler/Vivian möchte man sagen. Denn während Papa Bukow Sohn Samuel ins Krankenhaus bringen muss, vergnügen sich die beiden in einem Hotel. Quasi kriegen wir mit der Vorschlaghammermethode erzählt, dass Vivian als schlechte Mutter erst mal fremdvögelt, während es dem Kind schlecht geht. Ja, also, ich hätte das auch etwas subtiler verstanden, was man mir da sagen will. Eventuell ist es auch am Thema vorbei, denn eigentlich ging es nur um Sascha Bukow, nie um Samuel. Irgendwie geht das alles nicht so ganz auf an der Stelle.

Was mich generell an Filmen stört, ist, wenn Szenen nach einem Nichts wieder einsetzen. Erst verhören Bukow/König eine Zeugin, die durchaus dubios ist, direkt in der Szene danach stehen sie am Haus des Toten. Und erst dort fragt König Bukow, was er von der Zeugin hielt. Es hätte es gar keine Autofahrt gegeben. Mal im Ernst: Wenn ich aus einem seltsamen Gespräch mit einem Kollegen komme und mit diesem dann ins Auto steige, ist doch so ziemlich das Erste, das ich tue, ihn auf das Gespräch anzusprechen. Und nicht erst, wenn ich am Zielort ankomme. Ich kann leider auch relativ schlecht über sowas hinwegsehen, das ist irgendwie schlampig. Und bei den sonst so authentischen Rostockern irgendwie zu gewollt.

Mit Vivian verkackt es Bukow spätestens, als abends das Telefon klingelt und er lieber mit der Kollegin telefoniert, als das wichtige Gespräch mit seiner Frau zu führen.

Im Übrigen ist mir leider erst nach 75 Minuten aufgefallen, dass Pöschel gar nicht da ist. Das liegt nicht an der Rolle, sondern an den ganzen verschiedenen, sehr spannenden Strängen wie Thiesler/Vivian, Täterin/Verfolgung, die dubiose Zeugin und natürlich Bukow/König. Vielleicht war es aber auch einfach mal ganz schön, das Proletengehabe nicht zu vermissen.

Bemerkenswerte Dialoge:
König (zur Zeugin): “Hatte er außergewöhnliche sexuelle Vorlieben?”
Zeugin: “Wie meinen Sie das?”
König: “Swinger-Clubs, BDSM, Bondage, Dominance, Sadism, Masochism, Kinky Sex?”
Bukow (flüsternd): “Frau Kollegin, Ihr Wissen lässt Sie in einem ganz neuen Licht erscheinen.”
König: “Kein Kommentar.”

Bukow: “Warum sehen Sie eigentlich morgens immer so unerträglich fit aus?”
König: “Frisch gepresster Gemüsesaft, fünf Kilometer joggen.”
Bukow: “Auf nüchternen Magen?”
König: “Ja.”
Bukow: “Das kann nicht gesund sein. Meine Frau hat das auch mal versucht. Täglich einen Minibecher frisch gepresster Kressesaft. Eklig grün. Schmeckt wie flüssiges Gras. Lieber jage ich mir ein frisches Steak durch den Mixer und trinke das.”
König: “Danke, reicht.”

Alle kriegen irgendwie ihr Fett weg. Bukows Zunge kurz vor dem Schnitt.

Bukow hat seine Ehe, im Gegensatz zu Vivian, noch nicht aufgegeben, und geht über in den Kämpfer-Modus. Dass er schon verloren hat, weiß er noch nicht. Trotzdem ist sein “auch wenn wir im Moment kein Traumpaar sind, ich geb uns nicht so schnell auf” wirklich süß.

Am Ende bleibt die Frage, wieso der Täter genau dorthin läuft, wo sein letztes Opfer auf ihn wartet und die Polizisten quasi direkt dorthin führt. Das ergibt irgendwie keinen Sinn. Wäre da wirklich so viel Hass im Spiel, hätte man das Opfer einfach auch an Ort und Stelle verrecken lassen können. Vermutlich wäre es nie gefunden worden. Aber eine niedergestochene König, die sich gerade einen Tag erholt hat, mit der Knarre durch ein Krankenhaus rennen zu sehen, hat natürlich Hochachtung verdient.

Insgesamt ein solider Film, der vielleicht nicht den Top 5 landen wird, auch wenn ich mich bei all den ganzen tollen Einstiegsszenen in die jeweiligen Filme nicht entscheiden könnte, ob dieser nur dafür doch noch wenigstens in die Top 7 käme. Wer allerdings “Familiensache” danach gesehen hat, der weiß, dass “Liebeswahn” etwas fehlt, das “Familiensache” in JEDER EINZELNEN Szenen hat.


  • FAMILIENSACHE, Nummer 10
Der wunderbare, grandiose Andreas Schmidt in einer, wie ich finde, Paraderolle als Arne Kreuz.

“Familiensache” ist mit Abstand mein Lieblingsfilm der ersten zehn. Klare Nummer eins, auch beim insgesamt dritten Gucken ändert sich der Eindruck nicht. Das liegt an vielerlei Komponenten, die hier eine geniale Mischung kreieren. Allem voran ist das Andreas Schmidt in der Rolle des Arne Kreuz, der Protagonist, oder eher Antagonist, der seine Rolle mit geballter Wucht vorträgt. Ein verzweifelter Familienvater, am Rande des Wahnsinns, immer zwischen Wutausbruch, Kontrollverlust und der Hoffnung, dass doch noch alles gutgeht – bis er merkt, dass definitiv nie wieder alles gutgeht. Dann dreht er durch. Schmidt war ein genialer Schauspieler, leider viel zu früh von uns gegangen. Er konnte das Dramatische, das dabei noch Liebevolle wie nur wenig andere. Dass man ihn in den Arm nehmen und trösten statt erschießen will, obwohl er in seiner Rolle gerade eine Dummheit begangen hat. Das ist wirklich herausragend.

Und ich persönlich verstehe gar nicht, wieso der Film in den Kritiken, ich hatte das mal gegoogelt, gar nicht mal SO gut weggekommen ist. Schmidt allein verdient hier schon die Bestnote. An dieser Stelle empfehle ich zum ersten Mal: Kauft den Film bei Prime, gönnt euch das. Er ist es wert!

Und ja, was ich andeutete: Es ist zum zweiten Mal in Folge eigentlich kein Krimi, sondern diesmal ein Familiendrama. Aus Sicht der Kommissare und aus Sicht des Täters erzählt. Wir befinden uns 80 Minuten lang auf einer Verfolgungsjagd, und Katrin König stellt kurz vor dem Ende nicht ganz unironisch fest: “Das ist die absurdeste Verfolgungsjagd, die ich je erlebt habe.” Und das sagt sie an einem Ort, der wirklich absurd ist. An dieser Stelle empfehle ich zum zweiten Mal: Kauft den Film bei Prime, gönnt euch das. Er ist es wert!

Ich liebe den Sinn fürs Detail: RostoCar. Grandios.

Wenn das denn nun schon alles wäre, aber nein. Bukows Ehe am Ende, alle wissen es, nur der große, schwere Mann nicht. Der, der abends lieber mit der Kollegin telefoniert hat, als mit seiner Frau zu sprechen. Der, der lieber ignoriert, weil es dann vielleicht nicht wahr ist. Erst Vivians Ansage, dass sie mit ihm reden will, lässt ihn aufwachen. Er wirkt immer ein wenig panisch, aber nicht hektisch. Verzweifelt, aber nicht hoffnungslos. Er ist ein bisschen das Gegenbild zu Arne Kreuz. Einmal fragt er überrascht, verständnislos seine Kollegin, wie jemand nur seine Frau umbringen kann, weil sie sich getrennt habe. Und sie antwortet lapidar, dass man manchmal die Katastrophe voraus zu spät erkenne und sich dann frage, wann das alles angefangen hat. Bukow fragt sich das, verdrückt eine Träne, als die Kollegin den Wagen nach diesem Gespräch verlässt. Die Spannung hat sich bereits vorher entladen, als Bukow erfährt, wer der Liebhaber seiner Gattin ist. Und ihn an einem Tatort, auf offener Straße, vor allen anderen Kollegen konfrontiert. Es ist eine irre aufgeladene Situation. Ich warte jedes Mal darauf, dass Bukow Thiesler eine reinhaut, Autoscheiben einschlägt oder laut rumschreit. Aber nichts davon. Er bleibt Profil, er weiß, dass er den Kollegen und Freund bei diesem Fall braucht. Auch wenn nun der Spannungsmoment raus ist, Bukow weiß Bescheid, zwischen den Zeilen bleibt es extrem aufgeladen, da sich Bukow ja nicht angemessen entladen konnte. Er ist ein trauriger, großer Held, der gerade seine Frau verloren hat. Obwohl er ihr noch eine Kampfansage mitgibt. Allein diese Szenen sind Gold! An dieser Stelle empfehle ich zum dritten Mal: Kauft den Film bei Prime, gönnt euch das. Er ist es wert.

Das Wunderbare an den Rostockern ist ja, dass die Filme alle miteinander verbunden sind durch ihre horizontale Geschichte, man sie aber auch versteht, wenn man die Vorgänger nicht gesehen hat. Man kann sie völlig unabhängig voneinander gucken und versteht trotzdem alles. Ich rate allerdings davon ab, denn das nimmt leider das Emotionale komplett raus.

Zu den Zitaten, bzw. Zitat. Ich beschränke mich diesmal auf eines. Der Film ist einfach zu gut, um auf einzelne Dialoge heruntergebrochen zu werden.
Bukow (holt König nach einem Besäufnis am nächsten Morgen ab): “Na, dünne Muschi mit dickem Kater.”
König: “Das haben Sie jetzt nicht echt gesagt.”
Schön hier ist, dass nicht ganz rauszuhören ist, ob Bukow fragt oder lediglich feststellt. Es ist herrlich. Und? Wer hat das Buch geschrieben und Regie geführt? Natürlich Eoin Moore. An dieser Stelle empfehle ich zum vierten Mal: Kauft den Film bei Prime, gönnt euch das. Er ist es wert.

Die horizontale Geschichte: Dazu ist bereits alles gesagt. Wir sind auf der Zielgeraden der Handlung “Ehe-Krise/Trennung”. Auch König ist betroffen, denn sie wusste vom Verhältnis. Für Bukow ist auch sie eine Verräterin. Der Film lässt zum Glück viele Fragen offen und macht Lust auf mehr. Und auf die nächste horizontale Geschichte. Wobei sich das Thema “Trennung” noch hinziehen wird.


  • STURM IM KOPF, Nummer 11
Mal kurz auf Tuchfühlung miteinander: Bukow und König beim nächtlichen Einsatz.

Mann, sind die alle schlecht gelaunt. Bukow hasst alle, König ist angepisst, weil Bukow alle hasst. Thiesler ist sich keiner Schuld bewusst, schließlich hat er Vivian ja nicht gezwungen. Wenigsten ist Pöschel Pöschel, schleppt die Zeugin ab, um dann festzustellen, dass sie nicht ganz unbeteiligt woran auch immer war. Wenigstens da ist alles wie immer. Aber worum geht es eigentlich? Max Schwarz irrt durch die Stadt, er weiß nicht mehr, wer er ist, wo er war, was er getan hat. Und wird nach einem Zusammenbruch erst mal in die Psychiatrie eingeliefert. Gleichzeitig findet man auf einem Werftgelände eine Leiche. Dass beides zusammenhängt, finden die Kommissare erst raus, als sie zu Schwarz gerufen werden, der behauptet und sich sicher ist, dass er jemanden umgebracht hat. So laufen mal wieder alle Fäden behutsam, aber energisch zusammen. Und dann wird Königs Laune noch schlechter, als sie feststellt, dass sie gegen die Firma, die auch hier wieder im Spiel ist, 2007 schon mal ermittelt hat. Damals starb eine Hauptzeugin. König hat sichtlich zu kämpfen, und diese Spannung entlädt sich in einer herrlichen Szene ganz am Ende des Films. Das Ende reißt es überhaupt ein wenig raus. Nein nein, das ist kein schlechter Film, aber auch keiner, bei dem mir vor Freude der Schweiß ausbricht. Ich mag es, wenn Bukow/König auf Faber/Bönisch machen und sich in die Täter-Opfer-Rolle begeben. Kann man sicherlich nicht zu oft machen, weil es dann schlichtweg abgekupfert wäre, aber hier und da hat es seine Berechtigung. Es scheint übrigens auch im elften Film nun ein fortlaufendes Motiv zu sein, dass die wichtigen Unterhaltungen alle auf der Toilette geführt werden.

Das Tattoo könnte dann auch mal weg, oder?

Die horizontale Geschichte: Vivian teilt ihrem Sascha mit, dass er nicht mehr der ihre ist. Thiesler sagt, dass es mit Vivian vorbei ist. König will von Thiesler, dass er sich mit Bukow ausspricht, weil er nun auch sie ankackt (immerhin wusste sie von allem, vielleicht sollte SIE mal das Gespräch suchen). Vielleicht bin ich emotional doch etwas zurückgeblieben, denn manchmal verstehe ich die Stimmungsumschwünge nicht bzw. kann sie nicht nachvollziehen. Das ging mir auch bei “Dunkler Zwilling” so. Erst eine total vertraute Szene nachts im Revier, einen oder zwei Tage später Stress auf dem Uni-Vorplatz und Königs “Sie könnten überhaupt mal aufhören, so ein Arsch zu mir zu sein”. Hä? So in die Richtung geht es hier auch. Erst ist Eiszeit, dann auf einmal aus dem Nichts ein vorsichtiges Lächeln und die Bestätigung, dann lange wieder nix. Und dann die Explosion nach der Verfolgungsjagd am Ende. Das ist im Übrigens eine unglaublich gut gespielte Szene. König dreht durch, Bukow wurde gerade angefahren und rennt humpelnd der Kollegin hinterher. Eine Umarmung, dann ein Fall, weil die Schmerzen zu groß sind, der Schreck bei der Kollegin, dann eine Umarmung im Liegen. Schnitt. Huch? Mutig, finde ich, das so zu drehen. Aber extrem geil – sorry – gemacht, wenn man Schauspieler hat, die das können. Und die können. Mutig auch von Autor Florian Oeller, die beiden Kommissare zu guter Letzt zurück zu der Firma zu schicken und zu erpressen, einzig zu dem Zweck, um sie zu überführen. Und extrem gut gemacht, dass Bukow nach der geglückten Aktion zwar sagt, er hätte doch jetzt gern mal gevögelt, während König meint, sie will pennen und davonrauscht, aber Bukow dann derjenige ist, dem sofort die Augen zufallen. Schnitt. Ja, die letzten 10 bis 15 Minuten haben ungefähr das Niveau von “Familiensache”, von “..und raus bist du” oder “Dunkler Zwilling”. Passt scho’.


  • WENDEMANÖVER, Teil 1 und 2, Nummer 12 und 13

Ich weiß nicht so recht, wo ich anfangen soll. Okay, ich war die letzten Abende wirklich richtig müde. Vielleicht kann man mir das zugute halten. Aber ich hatte diesen Zweiteiler ja nun nicht zum ersten Mal gesehen, sondern faktisch zum dritten. Damals bei der Erstausstrahlung saß ich am TV. Und letzten Herbst, nachdem ich die ersten 16 Filme bei Prime gekauft hatte, habe ich sie auch wieder geschaut. Und bei allen drei Durchgängen blieb der gleiche Eindruck hängen: What the fuck? Der war diesmal noch ein wenig schlimmer, weil ich wirklich sehr sehr müde war. Um ehrlich zu sein: Ich habe es schlicht bei allen drei Versuchen nicht geschafft, der Handlung zu folgen. Worum ging es? Wer hat da mit wem? Und warum? Ständig fallen irgendwelche Namen, zu denen man aber keine Gesichter bekommt. Irgendwelche Männer setzen sich irgendwohin ab, die Treuhand wird auch ein paar Mal genannt. Irgendwas war 1994, Und der arme Jochen Drexler verliert auch noch einen Lover.

Mannomann, ich bin wirklich ein großer Fan von Eoin Moores Kunst. Und ich glaube, das konnte man an der ein oder anderen Stelle auch rauslesen. Der hat so einen Sinn für die Zwischentöne, für kleine Gesten, wenig Worte, aber wichtige Blicke. Puh, aber das hier… nun, die Regie geht ja noch. Aber das Drehbuch, heieieieiei, nee, also für mich ist das wirklich gar nichts. Und ich bin schon auch Fan von Claudia Michelsen, die für mich zu den ganz Großen in Deutschland gehört. Aber das geht alles nicht. Das ist alles total konfus. Irgendwie hat man zwanghaft versucht, eine Geschichte für zwei Teams zu schreiben und einen viel zu weiten, großen Umfang in viel zu wenig Zeit und Kontext zu pressen. Das geht für mich überhaupt nicht auf. Wer war denn nun wann und wieso und wo in Magdeburg? Ich zähle mich wirklich schon zu den Leuten, die so einen Krimi verstehen, aber hier verstehe ich gar nix. Ich habe auch über zweimal 90 Minuten kein Bild gemacht und keine Szene weil so verzückt davon mehrfach zurückgespult. Immerhin gab es drei Highlights, wo das in Betracht gekommen wäre:
1.) König beobachtet Bukow bei der Nachtwäsche
2.) Als Bukow nachts rausfindet, dass Vadder hinter der einen Garage noch eine weitere angemietet hat. Der Schnitt von oben auf das Garagengelände ist sensationell.
3.) König stellt fest, dass sie anders ist. Und dass Bukow anders anders ist.
Okay, die Szene, als Bukow elektrogeschockt wird und sein Passagier im Wagen mal eben eine Kugel in den Kopf kriegt, ist auch nicht verachtenswert. Und, na gut, wenn es noch eine fünfte sein muss. Da habe ich wirklich mal laut aufgelacht: Als Veit Bukow Sohnemanns Wagen auf den Hof des Reviers fährt. Der Wagen, der aussieht, als hätte er eine Woche in der Antarktis geparkt. Die Seitenscheibe ist auf und der tote Heiko Steinert sitzt noch immer auf seinem Platz und sieht aus wie ein Zombie. Bukow senior steigt aus, fragt Drexler, ob er hier zuständig sei, lässt den Wagen stehen und geht. Und Drexler ist baff.

Die horizontale Geschichte: Ich glaube, es gibt keine. Eine Art Verschnaufpause, bevor es weitergeht. Es braucht an der Stelle aber auch keine, weil die Charaktere inzwischen so eine Tiefe haben, so weit entwickelt sind, dass sie aus einer Eigendynamik heraus ihre Geschichte erzählen, ohne dass sie eine Geschichte dazu brauchen. Das funktioniert vermutlich auch nur in Rostock. Schade, dass man das für die Charaktere Pöschel und Thiesler in den danachfolgenden Filmen wieder ein bisschen aufgegeben hat. Ich hoffe, auch die beiden kriegen noch mal ihre Tiefen. Ich weiß ja nun, dass Pöschel in “Der Tag wird kommen” ein bisschen was Neues erlebt. Aufgelöst wurde es in dem Fall allerdings ja auch noch nicht, bleibt also zu hoffen, dass, wann immer der Film nach “Der Tag wird kommen” gedreht wird (hoffen wir mal, dass das dieses Jahr trotz Corona noch sein wird), sich das fortsetzt. Und auch für Thiesler würde ich mir mal eine Geschichte wünschen. Schickt den doch mal undercover irgendwo hin.

Fazit: Tja, also, vermutlich landet der Zweiteiler am Ende der Rangliste. Trotz großartiger Schauspieler für mich leider ein Flop. Ich habe immer leicht reden, ich schreibe ja keine Drehbücher, aber ich messe die Autoren dieses Films auch nur an ihren sonstigen Büchern. Und da weiß ich ja nun auf jeden Fall, dass sie es deutlich besser können. Und bitte bitte, keine Crossover mehr. Das wird keinem gerecht. Zu wenig screen time für alle, zu konstruiert das Notgedrungene des Zusammenarbeitenmüssens.

Highlight: Röder gibt König den Hörer und sagt, da sei ein Tschiller dran, er habe aber nicht verstanden, was der will, der würde so nuscheln.
Heilige Scheiße, geil.


  • IM SCHATTEN, Nummer 14
Gucken, mustern, gucken, mustern. Und dann irgendwann mal reden. Das dürften sie gerne 90 Minuten lang machen.

Schon die Einstiegsszene, eigentlich die ersten zehn Minuten, entschädigen für 180 Minuten “Wendemanöver”. Erst wird versucht, einen Drogenschmuggler dingfest zu machen. Das läuft dahingehend schief, dass eine Zollmitarbeiterin den Mann namens Gellert  kurzerhand erschießt, nachdem dieser ein Mädchen als Geisel genommen hat. Am Abend wird Röders Dienstjubiläum eindrucksvoll gefeiert, danach wird gesoffen. Aus dem Gruppen- wird später ein Zweier-Besäufnis zwischen Bukow und König, das damit endet, dass Bukow einen mehr als plumpen Anmachversuch startet, den die irgendwie mitleidige, aber auch angewiderte und überraschte Kollegin abwehren kann. Am nächsten Morgen liegt ein Kollege des Zolls tot unter einer Brücke. Und jetzt beginnt eigentlich erst der Film. Doch wie geschrieben: Allein die ersten zehn Minuten holen raus, was in “Wendemanöver” nicht drin war. Das ist schnell, das ist mitreißend, das ist spannend, das wirft Fragen auf, deren Antworten man sogar verstehen kann. Anders als im Vorgänger. Das macht schlichtweg Spaß und Lust auf mehr. Allerdings können die folgenden 75 bis 78 Minuten nur zeitweilig halten, was der furiose Beginn versprochen hat. Das tut der Freude allerdings keinen Abbruch, Bukow und König dabei zuzusehen, wie sie sich besoffen Trinksprüche an den Kopf werfen.

Aber: Ich komme leider direkt zur eigentlichen Schwäche des Films: Es ist leider sofort klar, dass die Kollegin vom Zoll, Jana Zander, eine ambitionierte Polizistin, eine offensichtlich alte Bekannte von Bukow, in der ganzen Sache drinhängt. Wieso? Weil Bukow sie leichtgläubig zu den Ermittlungen hinzubittet und sie einbindet. Er vertraut ihr zu 100 Prozent. Und hier liegt der Hase im Pfeffer. Ich habe den Film jetzt dreimal gesehen und er wird leider an dieser Stelle auch nicht subtiler. Das ist einfach viel zu offensichtlich. Königs Abneigung, Bukows blindes Vertrauen, Zanders Trauer und Zorn. Zu einfach. Für mich ging es also 75 Minuten nur noch darum, Bukow und König dabei zuzusehen, wie sie hinter Zanders Geheimnis kommen. Vielleicht war das auch die Idee von Autor Florian Oeller?

Für meinen Geschmack macht Oeller eine Sache sehr richtig und eine Sache nicht so ganz. Ich liebe Oeller dafür, dass er dem Ermittler-Team, allen fünf, mit dem, was er eben NICHT in die Dialoge legt, Raum gibt, sich zu entfalten. Die Charaktere gehen sozusagen nur anhand eines Gerüsts ihren eigenen Weg. Und das macht Oellers Bücher so unglaublich authentisch, so nachvollziehbar. Natürlich ist es Pöschel, der die Korruption im Amt aufdecken will – und es diesmal auch ohne verlorene Finger, Folter oder gefesselt im Kofferraum schafft. Natürlich ist es Thiesler, der an Bukows Seite bleibt und ihm hilft, einen Drogendealer zu fangen. Weil Thiesler ein loyaler Kollege ist, der den ehemaligen Freund immer noch mag, trotz aller Vorkommnisse. Und natürlich ist es Röder, der ständig bremst, aber mit Worten immer nur ein bisschen, viel mehr durch seine Präsenz. Oeller ist nach Moore für mich derjenige, der die Charaktere am besten verstanden hat. Sie brauchen bei ihm nicht viele Worte, man versteht sie auch so. Und wenn sie reden, liegt so viel Bedeutung in so wenigen Worten, dass darüber hinaus auch keine Diskussion mehr nötig ist. Als Bukow/König im Wagen sitzen und den Verdächtigen beschatten, wendet sich Bukow aus dem Nichts an die Kollegin und fragt: “Kommen wir eigentlich mal zusammen?” Eine Antwort ist an dieser Stelle gar nicht nötig. Es gibt auch keine. Oder nur in der Form, dass die Kollegen kurz darauf von Röder erfahren, dass König sich auf eine Stelle in Berlin beworben hat. Bam! Dann die kurze Sequenz am Tatort am Morgen nach dem Saufgelage und dem fehlgeschlagenen Anmachversuch. Bukow mustert sie, sie mustert ihn. Sekundenlanges Betrachten, dann: Alles gut? Joa, und selbst? Auch. Das liebe ich an Oeller sehr. Ich weiß natürlich überhaupt nicht, wie viel Buch- und Dialogarbeit im Nachgang stattfindet, wer da noch feilt und verbessert und verändert und wie viel das ist. Aber: Bei Oellers Büchern stimmt die Grundatmosphäre, die die Rostocker Kommissare ausmacht. Das ist einfach immer wieder ein Genuss.

Dann haben wir die Soll-Seite: Die Figuren außerhalb des “Rostoversums” sind mir zu plakativ. Die rehäugige, geschundene Polizistin, die um ihren Ziehvater trauert und keiner Fliege was zuleide tun kann. Ach herrje, das stinkt ja schon nach zehn Sekunden zum Himmel. Leider zu durchschaubar. Dann die trauernde, sterbenskranke Witwe, die natürlich als verhärmte, spießige Hausfrau angelegt ist. Ach, wie gern hätte ich bei diesen beiden Rollen etwas mehr Mut beim Casting gesehen. Irgendwie anders ausgelegt. Die Mafiosi sehen auch dermaßen klischeemäßig aus, dass ich bei Königs Besuch in dem Restaurant doch mal laut lachen musste. Wenn man überlegt, was Rostock charaktermäßig sonst gerne mal an schwerer Kost auffährt, bin ich hier überrascht, mit wie wenig man sich zufrieden gegeben hat. Irgendwie fehlt mir die Vielschichtigkeit. Und wenn ich an “Der Tag wird kommen” denke, den auch Oeller geschrieben hat, dann weiß ich ja, dass das definitiv besser geht. Aus all diesen Gründen habe ich übrigens eine zweitägige Pause gebraucht, bis ich den Film zu Ende gucken konnte, nachdem ich mich nach “Wendemanöver” ja schon mit den ersten zehn Minuten getröstet hatte. Ich erinnerte mich grob an die Handlung des Films und hatte nur diesen Gedanken, dieses Gefühl in mir: “Puh!” Eigentlich erstaunlich, wenn man bedenkt, dass sich der Film qualitativ doch deutlich von “Wendemanöver” abhebt.

Die horizontale Geschichte: Bukow sieht immer noch ziemlich fertig aus. Ungepflegt, unrasiert, sturzbetrunken, wohnt bei Vaddern im Club, vertreibt sich die einsamen Stunden mit einem leichten Mädchen, seine Söhne haben keine Lust auf ihn. Und dann wird Vadder auch noch krank und muss sich einer Operation unterziehen. Volles Programm also. Und dann will die Kollegin auch noch weg. Ihre Antwort auf seine Anmachversuche? Die schönste Bukow-Szene: Im dreckigen Club-Hinterzimmer auf dem Boden sitzend versucht er, Möbel für die Jungs aufzubauen. Die traurigste Bukow-Szene ganz am Ende, als er zu Zander sagt: “Drück ab, schieß dich aus deinem Scheißleben.” Well, who would have thought? Katrin König mag keine Pizza. Und wo ist eigentlich Vivian? Ich warte nun schon ewig darauf, dass man sie und Thiesler wieder zusammen sieht. Habe leider komplett vergessen, ab wann wir wieder involviert wurden. Bukow geht es ja eh schon schlecht, das wäre vermutlich nun sowieso die Krönung. Schlussakkord: Bukow versagen die Energien beim Sex, weil es ihm einfach zu schlecht geht. Er bricht das Liebesspiel, das nicht mal als Liebesspiel durchgehen würde, ab und schickt die Dame weg. Das kriegt Katrin König, die nur kurz zuvor an der Tür dem Stöhnen lauschte, nicht mehr mit. Sie ist gegangen, dabei war sie extra gekommen, um dem kaputten Kollegen in seiner Notsituation beizustehen. Und genau dafür liebe ich Rostock so sehr. Drei Antworten, aber fünf neue Fragen.

So landet “Im Schatten” sicherlich nicht im hinteren Drittel, aber auch wohl nicht in den Top 5. Dafür fehlte das gewisse Extra in der eigentlichen Krimi-Handlung. Für den Rest, das Drumherum, das Horizonale, vergebe ich sehr gerne 7 bis 8 von 10 Punkten.


  • ANGST HEILIGT DIE MITTEL, Nummer 15

Beim Sichten des Bildmaterials heute Morgen fällt mir auf: Ich habe keine Screenshots gemacht, nur GIFs. Die lassen sich hier natürlich schlecht nutzen. Da quasi jede zweite Szene dieses Film Fotomaterial geliefert hätte, wäre es allerdings auch unmöglich gewesen, eine Auswahl zu treffen. Daher verzichte ich an dieser Stelle auf Fotos. “Angst heiligt die Mittel” ist für mich ein ganz besonderer Film. Es war damals, glaube ich, meine innere Wende vom Rostocker Gerngucker zum Fan. Damals, nach Ende des Films, begann es, dass ich mich fragte, wann der nächste kommt, warum das noch so lange dauert, wieso die nur zwei im Jahr drehen und nicht vier. Der übliche Fan-Quatsch eben. Warum ist das so? Ich glaube, trotz der Saufszene in Nummer 14, dass hier für mich ganz persönlich die Grundlage gelegt wurde für die Bukow-König-Beziehung. Er will eigentlich mehr, was er im letzten Film ja andeutete, sie liebäugelt aber mit einem Weggang nach Berlin. Und schließlich fragt sie ihn in “Angst heiligt die Mittel”, ob es einen Grund gäbe für sie, nicht zu gehen. “Weiß nicht”, sagt er, und steigt aus dem Wagen und der Unterhaltung aus. Klar weiß er, aber sagen kann er es nicht. An der Stelle ist mir allerdings auch nicht klar, wieso sie nicht mal auch nur einen Zentimeter aus ihrer harten Schale rausgekrochen kommt. Zu diesem Zeitpunkt war schließlich noch gar nichts passiert. Jedenfalls habe ich seit jeher ein Fernseh-Shipper-Herz (die Nerds unter euch wissen, was das ist. Und ich shippe natürlich, wie vielleicht jeder Zweite Rostock-Fan, Bukow und König). Und dieser Film haut noch dazu auch auf allen anderen Ebenen besonders rein.

Aber in Ruhe und von vorne.. ja, das wird diesmal ein bisschen länger.

Zu allererst fällt mir auf: Das Drehbuch wurde von einer Frau geschrieben (Susanne Schneider). Das ist in der Hinsicht beachtlich, dass die Dame die erste Frau (!!) in 15 Fällen ist, die allein für ein Drehbuch verantwortlich zeichnet. Ja, Anika Wangard schreibt auch, aber nur MIT, nicht allein. Woran liegt das? Gibt es so wenige Drehbuchautorinnen? Sind die, die es gibt, zu schlecht? Ein Blick auf die Regie zeigt: In 15 Fällen (und ich nehme nix vorweg, es gilt für ALLE Rostocker Fälle) hat noch nie eine Frau Regie geführt. Woran liegt das? Gibt es so wenige Regisseurinnen? Sind die, die es gibt, zu schlecht? Ich bin wahrlich keine Verfechterin der Frauenquote. Aber das finde ich doch extrem verwunderlich und irritierend. Zumal Schneiders Drehbuch für diesen Film unfassbar gut ist. Wie oben schon mal erwähnt: Ich weiß nicht, was an diesen Büchern noch gefeilt wird, wie viel da noch geändert wird, aber die Vorlage allein (so denke ich doch, dass es zumindest die Vorlage ist) ist schon sensationell.

Zweitens: Das Casting ist unglaublich gut. Nachdem ich bei “Im Schatten” nicht so begeistert mit der Wahl war, muss ich hier sagen: passt alles wie Arsch auf Eimer. Markus John als Martin Kukulies darf sich knapp den halben Film in einem siffigen, verdreckten Ripp-Unterhemd durch Norddeutschland bewegen. Die Haare fettig, der Bart ungepflegt, der ganze Mann so versifft, dass der Gestank sich fast durch den Bildschirm drückt. Und als er am Anfang Katrin König auf widerwärtigste Art und Weise anmacht, kommt einem auch das Abendessen hoch. John ist überwältigend überzeugend in der Rolle. Auch darin glaubhaft, dass er dem armen Jungen nichts anhaben will, den er ja nun aus Versehen mitnehmen musste. Dass man den doch bitte rauslasse, sowas macht er doch nicht. Und dann, Minuten später, ist er bereit, König einfach zu vergewaltigen. Weil es sich so anbietet, weil sie aufmüpfig war, weil er sie bestrafen muss. Es ist ekelhaft, es ist dramatisch, und es ist abstoßend.

Drittens: Auch die mauschelnden, intrigierenden, hassenden, verängstigten und deshalb wahllos verurteilenden Dorfbewohner sind an Authentizität kaum zu überbieten. Da ist die Wirtin der Dorfkneipe, der alte Mann und sein Schuppen, der Lackaffe und seine Werkstatt, die leicht bedrogt wirkende Mutter mit ihrem Jungen, die alkoholkranke Gattin, die lieber den Mund hält. Alle stecken irgendwie unter eine Decke. Und irgendwie doch nicht. Diese Themen gab es ja schon öfter in Krimis, zuletzt auch in einem Magdeburger Polizeiruf namens “Mörderische Dorfgemeinschaft”. Aber keiner derer, die ich bislang gesehen habe, haben mir so gut gefallen. Es ist unglaublich unterhaltsam, Katrin König dabei zuzusehen, wie sie in der Dorfkneipe, das Licht fällt sepiaartig durch vergilbt-graue Fenster, auf eine Wand des Schweigens prallt. Sie bestellt Kamillentee und bekommt Fenchel. Und wie sich der Knoten erst löst, als König und Bukow anfangen, die Bewohner gegeneinander auszuspielen.

Worum geht es eigentlich? Martin Kukulies und Peter Buschke, beides verurteilte Sexualstraftäter, leben im Haus von Kukulies’ Mutter. Sie haben beide ihre Strafe abgesessen, sind aber in dem Dorf “natürlich” nicht willkommen. Buschke ist pädophil, Kukulies ein Frauen-Vergewaltiger. Beide haben unterschiedliche Motive, ein Umstand, auf den König immer wieder hinweist, aber der “natürlich” wegen der lauten Empörung ringsherum nicht gehört wird. Es ist auch eine Geschichte der verpassten Re-Integration verurteilter Straftäter, die verbüßt haben, was ihnen aufgebrummt wurde, aber die keine Chance erhalten, sich wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Weil das Umfeld das Böse wittert, weil der eine sicher gleich wieder Kinder entführt und der andere nachts Frauen überfällt. Es ist die Angst eines Dorfs vor der Angst. Über dem Film schwebt vor allem ganz groß und dick die Frage: “Wie gehen wir mit diesen Menschen um?” Im namenlosen Dorf aus Fiktionhausen nahe Rostock hat man sich geeinigt: gar nicht. Die beiden Männer bedeuten Unheil. Als eines Tages eine Obdachlose tot im Dorf gefunden wird, weist alles sofort auf Kukulies hin. Doch König ahnt schnell: Das ist nicht Kukulies’ Muster. Hier soll jemand für eine Tat dingfest gemacht werden, die er nicht begangen hat. Einzig aus dem Grund, ihn loszuwerden. Es ist an Absurdität kaum zu überbieten, dass ausgerechnet König am Ende Kukulies’ nächstes Opfer werden soll. Und das ausgerechnet sie diejenige ist, die darüber die Beherrschung verliert. Es ist eine allumfassend abstoßende Szene, als Kukulies versucht, sich an König zu vergehen. Bukow, fragt man sich, wo ist Bukow? Schon wieder ist Bukow nicht da, als der Kollegin was zustößt. Die Verdichtung bis zu dieser Stelle ist so unterhaltsam, so mitreißend, so intensiv. Und so brutal und ekelhaft (Pöschel wird übrigens nicht müde, das zu betonen) das alles ist: Seit diesem Film spätestens bin ich Fan. Konnte ja auch keiner ahnen, dass die beiden danach so gar nicht meinen Geschmack treffen würden. Es liegt nicht an Kukulies oder am Thema, das dem Film zugrunde liegt. Es liegt daran, wie das Rostocker Kreativenteam es ist mit irritierend großer Kontinuität und Motivation schafft, seinen roten Faden beizubehalten. Alles ist irgendwie miteinander verknüpft, alles hängt zusammen. Und wenn es ein guter Film ist, dann merken wir Zuschauer das erst relativ spät; sprich, vielleicht so nach 40 bis 45 Minuten.

Wunderbar sind auch die Nebenhandlungen: Thiesler kriegt seinen Geldbeutel von Obdachlosen geklaut, Pöschel hat irgendeine Mieze am Start, der er Kuss-Selfies schickt. Besser wird es wohl nicht. Zwischendurch wird Champagner auf Königs Karrieresprung getrunken.

Nur noch getoppt von einer weiteren Dynamik-Duo-Szene am Ende, die ich wohl bis heute nicht richtig verstehe. Bukow schafft es doch tatsächlich, der Kollegin zu sagen, sie möge bitte nicht nach Berlin gehen. “Wegen mir.” Meint er. Das ist der Grund. “Bleiben sie. Wegne mir.” Vielleicht etwas unglücklich, dass ihm das nur wenige Stunden nach der versuchten Vergewaltigung einfällt, eventuell treibt das König so auf die Palme, dass sie sich nicht mehr zurückhalten kann und ein paar Mal auf den Kollegen eindrischt, bevor sie sich über den Wochenmarkt davonmacht. Cut. Diese Szenen sind gleichermaßen unrealistisch wie authentisch. Es ist die Mischung aus einer Beziehungsebene, die man sich gerne selbst manchmal für das eigene Leben wünscht, während man gleichzeitig hofft, dass man so etwas nie erleben muss. So funktioniert Rostock.

Die horizontale Geschichte: Vaddern liegt immer noch im Koma, aber Bukow hat keine Nutten mehr am Start. Stattdessen sieht er wirklich mitgenommen aus, was sich im folgenden Film noch fortsetzen soll. Er leidet drunter, dass die Kollegin offensichtlich lieber den Absprung in Betracht zieht als den Aufsprung. Alles liegt irgendwie im Nebel, klare Worte finden beide immer noch nicht. Es kokelt, es qualmt. Riechen kann man das schon, aber noch nicht sehen.

“Angst heiligt die Mittel” ist für mich definitiv in den Top 5, eher Top 4. Ja, Top 4. Und ja, ganz am Ende kommt, versprochen, eine Liste mit allen Platzierungen.


FORTSETZUNG FOLGT

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