Schreibglück ist, beim Tippen zu lachen und zu weinen

Schreibglück ist, beim Tippen zu lachen und zu weinen

Eoin Moore hat Regie an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB) studiert. Der gebürtige Dubliner ist aber nicht nur Regisseur, sondern auch Drehbuchautor und hat die Figuren des Rostocker Polizeirufs 110 entwickelt. Alexander “Sascha” Bukow, Katrin König, Volker Thiesler, Anton Pöschel und Henning Röder stammen aus seiner Feder. Die Besonderheit in Rostock: Die Geschichte wird über weite Strecken horizontal erzählt. Eine echte Herausforderung für eine Reihe, die nur zwei Filme im Jahre produziert; eine Herausforderung auch für das Publikum und das Autorenteam. Wir haben uns mit Eoin Moore über die Arbeit als Drehbuchautor, als Regisseur, über Krimis und natürlich über den Polizeiruf 110 aus Rostock unterhalten.

Eoin, was reizt Dich am Beruf des Drehbuchautors? Wie bist Du das überhaupt geworden? 

Eoin Moore: Schon in meiner Jugend in der Schule habe ich gerne Geschichten geschrieben. Aber obwohl ich gerne gute Kinofilme gesehen habe, wollte ich erst mal Dokumentarfilmer werden. Mit Spielfilm habe ich mich erst im Regiestudium an der DFFB auseinandergesetzt. Da gab es zu meiner Zeit noch keine Drehbuchklasse und ich habe aus der Not meine eigenen Drehbücher geschrieben. Das aber sehr gerne. Ich wollte damals alles in meiner Hand haben, Buch, Regie, auch mal die Kamera und den Schnitt. Erst allmählich habe ich gelernt, Vertrauen in andere zu haben. Meine ersten vier Low-Budget Kinofilme habe ich selbst geschrieben oder mitgeschrieben. Dann kam ich zu den Fernsehkrimis und war froh, dass es Menschen gibt, die für dieses spezielle Genre die Bücher schreiben. Mit der Zeit sammelte ich aber Erfahrungen und Erkenntnisse darüber, was ein gutes Krimidrehbuch ausmacht. Und als ich gebeten wurde, den Rostocker Polizeiruf 110 zu entwickeln, war ich gerne bereit. Allerdings war es schon ein Sprung ins kalte Wasser, das erste Krimidrehbuch von Grund auf zu schreiben.

Ich schreibe fast ausschließlich zusammen mit meiner Frau, Anika Wangard. Es kann wahnsinnig intensiv sein, zu zweit eine Fantasiewelt zu schaffen. | Eoin Moore

(Foto: Adrian Moore)

Der Reiz des Drehbuchschreibens ist für mich, einen eigenen Mikrokosmos erschaffen zu können, in dem ich Geschichten erzählen kann, die mir am Herzen liegen. Ich glaube, ich hatte schon immer eine ziemlich aktive Fantasie. Filme im Kopf. Meistens lustiger Blödsinn. Dafür ist Drehbuchautor zu sein schon ein grandioser Beruf, ein Geschenk.
Es gibt natürlich Stoffe, die “Herzensprojekte” sind, Themen die mich länger und intensiver beschäftigen, wo die Figuren zu meinen Kindern oder meinen Alter Egos werden. Das sind die Projekte, die ganz oben auf der Glücksskala sind. Am anderen Ende der Skala gibt es “Aufträge”, bei denen mich das Thema vielleicht nicht so brennend interessiert. Da habe ich bestenfalls Freude daran, eine spannende Erzählstruktur mit unterhaltsamen Handlungen und Dialogen und nicht zu sehr vorhersehbaren Figuren zu schaffen. Und zwischen dem einen und dem anderen Ende der Skala gibt es zig Variationen. Manchmal ist Schreiben superspannend und befriedigend, ich lache und weine beim Tippen. Und manchmal möchte ich mit dem Kopf gegen die Wand schlagen und das Projekt hinschmeißen. So weit kam es aber noch nie, klopf auf Holz.

Seit einigen Jahren ist noch ein sehr wichtiger Bonus dazu gekommen – ich schreibe jetzt fast ausschließlich zusammen mit meiner Frau, Anika Wangard. Das ist zwar nicht immer harmonisch und nicht besonders wirtschaftlich (auch bei zwei Autoren gibt es nur ein Honorar), aber wir lieben es. Es kann wahnsinnig intensiv sein, zu zweit eine Fantasiewelt zu schaffen.

Wie sieht der Prozess des Schreibens aus? Gib uns doch mal einen Einblick. Wie lange sitzt man an einem Buch? Wie viel Recherche ist nötig, wer redet da noch mit? 

Moore: Wow… große Frage. Ich kann nur für mich/uns sprechen. Zeitlich gibt es einige Variationen – für einen Sonntagabendkrimi brauchen wir ab der ersten Idee bis zum fertigen Buch sechs bis zwölf Monate. Für meinen ersten Kinofilm habe ich nur vier Wochen geschrieben (aber dann sehr viel improvisiert), an einem anderen schreibe ich on and off seit zehn Jahren.
Aber bleiben wir für den Einblick beim Sonntagabendkrimi. Anika und ich gehen inzwischen recht systematisch vor. Irgendwann kommt eine Grundidee auf, nachdem man mehrere Gespräche geführt hat. Manchmal kommt die Idee von der Redaktion oder von ProduzentInnen-Seite, oft kommen wir mit eigenen Ideen und Anliegen an. Wir beginnen dann mit einem unbeschriebenen Whiteboard und kritzeln einfach Begriffe drauf, eine erste Mindmap. Alles, was uns zu dem Thema einfällt, was wir interessant, erzählenswert, unterhaltsam oder emotional finden. Auch Ideen für mögliche Figuren. Wir stolpern über erste “Golden Moments”, die wir auf jeden Fall in der Geschichte sehen möchten.  In dieser Zeit recherchieren wir auch Grundlagen für das jeweilige Thema und sammeln spezifischere Fragen für später.

Wir sind nicht übertrieben empfindlich mit Kritik. Man kann sehr viel über das eigene Werk lernen von denen, die es lesen. | Eoin Moore

Aus den Zutaten schmieden wir dann eine grobe Geschichtsform. Dazu hilft es sehr, wenn man ein gutes Gespür für Dramaturgie hat. So kommt man instinktiv auf mögliche Höhe- und Tiefpunkte für die Geschichte. Wir benutzen z.B. die sogenannte Sequenzdramaturgie. Das ist ein System, das den klassischen Dreiakter-Film in acht Sequenzen teilt, wobei jede Sequenz eine eigene Spannungskurve hat. Mit all den ersten Skizzen und Entwürfen schreiben wir dann ein Exposé und schicken es an Redaktion und Produktion, um ein erstes Feedback zu bekommen. Wir legen viel Wert auf einen offenen Austausch und sind nicht übertrieben empfindlich mit Kritik. Man kann sehr viel über das eigene Werk lernen von denen, die es lesen.

Wenn alle mit der Geschichte in ihren Grundzügen einverstanden sind, legen wir dann richtig los. Dann recherchieren wir viel intensiver. Das heißt oft, dass wir irgendwann mit Kripobeamten oder LKA-Ermittlern sprechen. Wir lesen viel und wir recherchieren auch gerne vor Ort bei Menschen, die bestimmte Lebens- oder Facherfahrungen haben. Wie viel Recherche notwendig ist, hängt sehr vom Thema ab. Über die Jahre haben wir aber viele kriminalistische Erkenntnisse angeeignet, in dem Bereich müssen wir nicht mehr so viel recherchieren.

Dann bauen wir meist ein sogenanntes Bildertreatment. Da sind alle Szenen des Films in Prosaform. Erst wenn dieses Dokument (ca. 40 Seiten) gereift ist, gehen wir in die Drehbuchform über. Da stehen dann Regieanweisungen und Dialoge in einem für den Dreh notwendigen Format. Das Dokument ist meist eine Seite pro Minute lang. Also 90 Seiten für den Sonntagabend. Nach der ersten Fassung erfolgen meist weitere drei oder vier Korrekturfassungen.

Im Laufe der gesamten Drehbuchentwicklung sitzen wir mit Produktion und Redaktion vielleicht fünf bis acht Mal zusammen, mal für ein paar Stunden, mal für einen ganzen Tag. Bei Kinofilmen kann es durchaus passieren, dass DrehbuchautorIn, RegisseurIn und ProduzentIn für drei Tage aufs Land ziehen, um intensiv an bestimmten Problemen im Buch zu arbeiten. Sowas kommt im Fernsehbereich sehr selten vor.

Wir sitzen gerne morgens um acht am Werk. | Eoin Moore

Da wir zu zweit arbeiten, halten Anika und ich uns an ziemlich disziplinierte Arbeitszeiten. Wir sitzen gerne morgens um acht am Werk. Wir haben das Glück auf dem Land zu leben, unser Arbeitszimmer hat einen schönen Blick in den Garten. Dieses Raumgefühl beflügelt die Fantasie. Wir arbeiten dann zwei Stunden, ohne Emails und Handy. Dann eine Stunde “Pause” für Mails, Anrufe, Hundbespaßung und Kaffee! Dann schreiben wir wieder bis zur Mittagspause, die wir dann zwei Stunden lang machen. Wir finden das wahnsinnig wichtig, um die kreative Energie nicht zu erschöpfen. In den zwei Stunden kann man im Garten arbeiten, essen, mit dem Hund eine Runde machen oder auch ein Nickerchen machen. Nachmittags sitzen wir dann wieder an der Drehbuchbaustelle, meist bis ca. 19 Uhr. So sieht unser Autorentag aus!

Wie schreibt man überhaupt auf den Punkt 90 Minuten Film?

Moore: Meine Auftraggeber würden sagen – macht er nicht! 😁 Ich tendiere leider zu Überlängen, die ich dann kurz vorm Dreh und/oder im Schneideraum auf Länge bringen muss. Mit der Zeit entwickelt man ein Gefühl für Filmzeit. Und die Seitenzahl ist ein einfacher Indikator. Wir zielen auf ca. 85 bis 92 Seiten. Das sind in der Regel dann 90 bis 98 Minuten. Wenn wir bei einer ersten Fassung bei 110 Seiten ankommen, wissen wir, was zu tun ist.

Wenn Du selbst nicht das Buch schreibst, aber irgendwie doch Headautor und Showrunner für Rostock bist: Bist Du dann an den Büchern der anderen Autoren beteiligt? Eine Linie“, gerade, was die Entwicklung der Figuren angeht, muss ja drinbleiben.

Moore: Diese Linie nennen wir die Horizontale. Also die Geschichte, die über mehrere Folgen hinweg weitererzählt wird. “Irgendwie Headautor” bringt es auf dem Punkt. Headautor ist beim ARD-Sonntagabend kein vorgesehener Posten und wird auch nicht extra honoriert. Es fing damit an, dass die Redakteurin, Dani Mussgiller, in der Reihe gerne horizontal erzählen wollte, was ich sehr begrüßt habe. Ich habe den ersten und den dritten Film gemacht und habe dafür einen Erzählbogen gebaut. Die Autoren des zweiten Films integrierten diesen Bogen in ihren Stoff. Dafür mussten wir uns natürlich immer absprechen.

In manchen Filmen wurde die Horizontale “geparkt” und nicht weitergeführt, aber es kann sein, dass die Zuschauer das nicht so deutlich wahrnehmen | Eoin Moore

An einigen wenigen Drehbüchern von anderen Autoren – vor allem in den ersten Jahren – habe ich tatsächlich mit Hand angelegt, etwa, um die Tonalität an den Rostocker Stil anzupassen oder die Horizontale besser einzubetten. In solchen konkreten Fällen wurde ich dann für die jeweilige Arbeit bezahlt und bekam im Abspann den Credit “Headautor”.  Über die ganzen Jahre wurde die Horizontale hauptsächlich von der Redakteurin Dani Mussgiller, der Produzentin Iris Kiefer und der Producerin Ilka

Förster betreut. Wir blieben – auch mit den Autoren der anderen Episoden – in regem Kontakt und trafen uns einige Male, um die Horizontale gemeinsam zu besprechen. Anika und ich haben auch mal einen Erzählbogen für die Horizontale entworfen, den wir dann als Vorschlag über die Redaktion an die anderen Autoren gereicht haben. Sie konnten dann diesen Fahrplan in ihren Stoff einbauen. Oder eben nicht. Da muss man eine gewisse Freiheit lassen, weil es eine Reihe von Einzelfilmen und keine Serie ist. In manchen Filmen wurde die Horizontale “geparkt” und nicht weitergeführt, aber es kann sein, dass die Zuschauer das nicht so deutlich wahrnehmen.

Wie sind Dir die Figuren Sascha Bukow und Katrin König eingefallen? War das ein spontaner Einfall, den es auszuarbeiten galt? Oder steckt da von Beginn mehr Arbeit als Intuition drin?

Moore: Die Rollen habe ich zwar federführend entworfen, aber mit sehr viel Input aus verschiedenen Quellen. Zunächst hat Dani Mussgiller Anneke und Charly besetzt und hatte schon einige Vorstellungen und Ideen im Kopf, als ich dazukam. Ich glaube, es war z.B. ihre Idee, dass König Fall-Entwicklerin beim LKA ist. Ich hatte mit Charly schon vorher gearbeitet und ihn für die Rolle vorgeschlagen – aber ich glaube Dani hatte ihn längst auf dem Radar. Dann kamen viele Ideen von der Produzentin und nicht zuletzt von Charly und Anneke selbst.

Mir war es wichtig, dass beide Hauptrollen dreidimensional sind, dass sie aus gleichen Teilen “gut” und “schlecht” bestehen | Eoin Moore

Mir war es wichtig, dass beide Hauptrollen dreidimensional sind, dass sie aus gleichen Teilen aus “guten” und “schlechten” Anteilen bestehen. Beide haben Stärken und Schwächen. Sie tragen Konflikte in sich. Sie haben Wünsche und Ziele, aber sie schleppen auch Gepäck aus der Vergangenheit mit. Für die Fachkompetenzen habe ich mit den Schauspielern recherchiert. So sind Anneke und ich z.B. nach Rampe zum LKA gegangen, um die Arbeit der Fallanalytiker direkt kennen zu lernen. Mit Charly und Anneke bin ich durch Rostock getourt, wir haben uns mit ihrem Revier vertraut gemacht. Wir haben Orte gefunden, an denen Bukow aufgewachsen ist oder wo König einkaufen geht. Bei der Gelegenheit haben wir dann entwickelt, wie Katrin und Sascha sich in Räumen bewegen, wie unterschiedlich sie laufen und stehen oder Menschen begegnen.

Wie weit im Voraus plant ihr die Entwicklung der Geschichte? Du hast in Wiesbaden angedeutet, dass ihr seit sechs Jahren wisst, wie es mit Bukow und König weitergehen soll. Das ist ganz schön lang.

Moore: Grobe Entwicklungen werden schon sehr langfristig besprochen. Aber die Horizontale en detail wird kurzfristiger entwickelt. Meistens ist klar, wie die Entwicklung über die nächsten drei oder vier Folgen sein soll.

ACHTUNG, SPOILER!!!! ACHTUNG, SPOILER!!! Bitte diesen Teil überspringen, wer nicht gespoilert werden möchte.

Spoiler zum nächsten Polizeiruf 110 "Der Tag wird kommen", Ausstrahlung in der ARD am 14.06. um 20:15 Uhr | ACHTUNG, Spoiler

Mit dem Ende des Films „Der Tag wird kommen“, der am 14. Juni ausgestrahlt wird, ist vermutlich ein Meilenstein erreicht? Was können wir im nächsten Film erwarten? Wie wird es weitergehen? Und wann wird überhaupt wieder gedreht… hat sich wegen Corona etwas verschoben?

Moore: Mit “Der Tag wird kommen” wurde tatsächlich ein wichtiger Meilenstein erreicht. In den zwei Filmen unmittelbar danach geht es natürlich neben den Fällen darum, wie Bukow und König in dem neuen Verhältnis zu einander sind. Da gibt es viel zu erzählen, was schon sehr lange darauf wartet, an die Oberfläche zu kommen. Details werde ich natürlich nicht verraten. Noch hat sich nichts verschoben, weil die nächsten Dreharbeiten erst für August geplant sind. Meine nächste Folge drehe ich dann in November/Dezember. Wir hoffen, dass es dabei bleibt.

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SPOILER ENDE!!! SPOILER ENDE!!! SPOILER ENDE!!

Was wünschst Du Dir für Deine Rostocker Figuren? Gerne.. für alle fünf…

Moore: Über Einzelheiten möchte ich mich wieder bedeckt halten. Aber ich wünsche mir im Allgemeinen, dass alle Figuren weiterhin aktive, dynamische Entwicklungen durchleben. Nichts soll in Stein gemeißelt sein. Bei König war es ja auch so, dass sie IMMER korrekt und sauber bleibt. Also haben wir eine Geschichte gefunden, in der sie nicht korrekt und sauber bleiben kann („Für Janina“). Das meine ich – immer wieder Sand ins Getriebe schmeißen, ab und zu auch einen fetten Findling.

In dieser Polizeiruf-Reihe wird die Mitwirkung der Schauspieler ausdrücklich erwünscht | Eoin Moore

Dürfen die Schauspieler eigentlich mitreden? Wie viel wird vor Ort noch an den Dialogen gefeilt?

Moore: In dieser Polizeiruf-Reihe wird die Mitwirkung der Schauspieler ausdrücklich erwünscht. Die erste halbwegs funktionierende Drehbuchfassung dürfen sie lesen und ihren Senf dazugeben. Ich persönlich schätze immer den Dialog mit Schauspielern sehr und gehe mit allen durch das Drehbuch durch. Bei solchen Reihen kennt niemand ihre Figuren so gut wie sie. Es werden Haltungen angepasst und Dialoge mundgerecht geschliffen. Beim Drehen kommen weitere Korrekturen und Ideen. Ich liebe es, am Set noch Kleinigkeiten zu erfinden. Mit der Truppe macht das irre Spaß.

Das Schönste am Ganzen für mich? Das ist eindeutig die Arbeit mit den Schauspielern | Eoin Moore

Was ist für Dich das Besondere am Regieführen?

Moore: Regie ist eine für mich sehr reizvolle Mischung aus verschiedenen Herausforderungen und Qualitäten. Einerseits ist es ein kreativer Beruf, bei dem man mit vielen netten und begabten Leuten bei der Schaffung einer Vision kollaborieren darf. Dann gibt es die technische Seite – man braucht einen guten Überblick über viele verschiedene Bereiche, von Kamera, Licht und Ton über Szenenbild, Maske und Kostüm bis hin zu Stunts und Spezialeffekten.  Eine große und sich stets entwickelnde Spielwiese. Darüber hinaus gehören viele logistische, organisatorische Aufgaben dazu. Täglich muss man dutzende Entscheidungen treffen, um den Drehablauf so reibungslos wie möglich zu gestalten, ohne dass es auf Kosten der Kreativität geht. Der Job ist auch sehr abwechslungsreich. Vor allem, weil ich auch Drehbücher schreibe. Nach Monaten am Schreibtisch verbringe ich ca. sechs Wochen in der Vorproduktion – das heißt die Produktionsleitung, Szenenbild, Kamera, Regieassistenz, Kostüm und Maske u.v.a. bereiten die Drehzeit vor. Das ist eine sehr anstrengende Zeit für mich, weil hunderte Entscheidungen getroffen werden müssen. Darauf folgt die Drehzeit – wir ziehen mit einem großen Zirkus von Ort zu Ort, ich habe ständig vierzig Menschen um mich herum, mindestens 14-Stunden-Arbeitstage, wenig Schlaf, Hitze, Kälte, Wind, Aufregung, Spaß, kleine Katastrophen, Stress und Freude. Zum Glück ist diese Zeit für einen Polizeiruf auf fünf Wochen begrenzt. Anschließend dann das genaue Gegenteil. Ich verschwinde für sechs Wochen in eine dunkle Kammer mit einer Person – der Cutterin (ich hatte nur selten Cutter). Dann wird das Werk zusammengeschnitten, was wieder ein völlig neuer Prozess ist. Anschließend kommen dann Dinge wie Musik (eine Lieblingsphase von mir!) Sound Design, VFX und Grafik, Tonmischung etc. Das Ganze ist also wirklich abwechslungsreich, wird selten langweilig. Aber das Schönste am Ganzen für mich? Das ist eindeutig die Arbeit mit den Schauspielern.

Woran arbeitest Du, wenn Du nicht Rostocker Polizeirufe koordinierst? Welche Projekte gibt es?  Und welchen Einfluss hat diese Corona-Auszeit auf Deine Arbeit? Falls überhaupt?

Moore: Momentan arbeiten wir hauptsächlich am nächsten Rostocker Polizeiruf. Aber Anika und ich haben auch andere Projekte in der Entwicklung. Ein paar Serienideen, Fernsehfilme und ein Kinofilm. Anika schreibt dazu noch ihren ersten Roman, darauf bin ich sehr gespannt. Die Corona-Zeit ist für uns noch keine Auszeit gewesen, da wir ohnehin im Home-Office arbeiteten. Ein paar Mal im Jahr veranstalten wir bei uns zuhause eine “Masterclass Krimi-Drehbuch”, also ein dreitägiges Seminar für DrehbuchautorInnen. Die für Mai geplante Masterclass mussten wir wegen Corona ausfallen lassen. Das ist aber im Vergleich zu den desaströsen Situationen bei vielen Kollegen in der Filmbranche ein Witz. Wir schätzen uns sehr glücklich. Wir leben zudem in einem kleinen Dorf und haben viel am Haus und im Garten zu tun. Trotz Shutdown wird es also nie langweilig.

Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg mit den nächsten Polizeirufen und allen anderen Projekten!

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